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Al Di Meola - "Sehr lebendige Legende"

"Der beste Job für einen Gitarristen auf dem ganzen Planeten": bereits der Beginn von Al Di Meolas internationaler Karriere in Chick Coreas Projekt "Return to forever" startete in rasantem Tempo. Über die Jahre konnte Al Di Meola seinen Ruf als Gitarrenlegende und "schnellster Gitarrist" noch weiter ausbauen und festigen. Letzten Herbst erschien sein Album "Flesh on Flesh", das sich am ehesten dem "Contemporary Jazz" zuordnen läßt. Für diese meist eher softe, genreübergreifende Platte hat sich Al Di Meola die Baßlegende Anthony Jackson und den derzeit in aller Munde befindlichen Pianisten Gonzalo Rubalcaba mit ins Boot geholt.

Al Di Meola

Außerdem, zur Veröffentlichung in den USA, wird es in Kürze ein stilistisch völlig anders gelagertes, poporientiertes Album geben. Als reines Vocalalbum konzipiert, aber geprägt durch Di Meolas, wie er es bezeichnet, "gitarristischem Fingerabdruck" und getragen von seinen Kompositionen, werden die Stücke von verschiedenen Gastsängern interpretiert. Der Gitarrist gehört offensichtlich nicht zu denjenigen, die mit den Jahren irgendwann ruhiger - oder langsamer - werden...

Carina Prange sprach mit Al Di Meola in München im Hotel "Bayrischer Hof".

Carina: Du wurdest vom US-Magazin "Stereo Review"als "Chick Corea der Gitarre" bezeichnet - wie fühlst du dich bei diesem Statement?

Al: Chick Corea war immer ein echtes Vorbild für mich, seine Fertigkeit im Komponieren, sein Spiel, seine Artikulation, sein Gefühl für Rhythmus waren unvergleichlich. Eben auf dieser rhythmischen Ebene bestand zwischen uns ein Gleichklang, wegen dem wir wahrscheinlich überhaupt anfingen zusammenzuarbeiten.

Ja, er war ein Idol, einer der wirklich wichtigen Leute - mit ihm auf meinem eigenen Instrument verglichen zu werden, ist ein wundervolles Kompliment. - Was soll ich sagen? Toll, wenn Leute einige dieser Qualitäten in meinem Spiel hören!

Al Di Meola - "Flesh on Flesh"

Carina: Dir wird eine besondere Spielweise - der "Al Di Meola-Stil" - nachgesagt. Was war notwendig, um diesen Stil so einzigartig zu entwickeln?

Al: Ich habe mich mit all jenen Stilrichtungen beschäftigt, an denen ich Spaß hatte. Die, mit denen ich mich verbunden fühlte, die ich gerne hörte. Ich habe sozusagen viele verschiedene musikalische Phasen durchlaufen, aber glücklicherweise hatte ich sehr früh schon begonnen, die ganzen verzwickten Feinheiten der Jazztheorie zu lernen - mein Lehrer war Jazzgitarrist.

Noch als Teenager sog ich Latin-Music in mich auf - und zwar alle möglichen Arten von Latin, insbesondere Salsa - und alle Rhythmen, die damit verbunden waren. Während der folgenden Zeit interessierten mich Bands wie die Beatles und die Rolling Stones, eben die ganze "British Invasion". Meine Begeisterung für Rockmusik war also da, aber mein eigentliches Training spielte sich im Jazzbereich ab.

Und genau das bildete einen perfekten Hintergrund und die geeignete Grundlage für mich, als ich mich Chick Corea Mitte der frühen 70er anschloß.

Carina: Wieviel übst du heutzutage noch täglich? Hast du unterschiedliche Routinen je nachdem ob du auf die Bühne oder ins Studio gehst?

Al: Nun, eigentlich stellt der Großteil der Musik, die ich spiele - jeder Abschnitt jedes einzelnen Stücks - für sich gesehen bereits eine Herausforderung dar. Vieles, von dem was ich spiele ist "schwierig". Im Sinne des Wortes "übe" ich allerdings nur diejenigen Passagen wirklich, die besonders schwer zu meistern und durchzuführen sind. Die Musik an sich ist und bleibt eine Übung solange sie einen fordert.

Ich fände gerne häufiger die Zeit, das zu machen, was die Jazzmusiker als "shedding" bezeichnen: einfach jammen, unterschiedliche Sachen ausprobieren, ich liebe das! Ich komme auch immer wieder gern nach München, weil es hier einen großartigen Musikladen gibt, der eine ungeheure Menge Notenmaterial vorrätig hat - verschiedene klassische Komponisten, Jazz, was du willst - der beste Laden der Welt! Ich habe nicht viel freie Zeit - aber wenn, verwende ich sie gern dafür, um zu üben - weit ab von allem.

Al Di Meola

Carina: Unter den Aspekten, für die dein Spiel berühmt ist, stehen Schnelligkeit und Technik an erster Stelle - wie wichtig sind sie gegenüber Feeling oder Persönlichkeit des Spielers?

Das sind alles wichtige Elemente, ausnahmslos alle sind sie wichtig. Fällt eines davon weg, so fehlt es! Einen Spieler, der keine so gute Technik besitzt - aber etwas hat, von dem er denkt, das es "Gefühl" sei -, den hörst du manchmal sagen: "... aber das Feeling ist wichtiger!" - Klar sagt man das so leicht dahin, wenn man die Technik eben nicht hat, mein Freund: Aber - wenn du spielen willst, was du im Kopf hörst, was auch immer es ist, dann kriegst du besser deine Technik auf die Reihe. Weil die Musik einfach aus all dem besteht!


Feeling, Technik, Geschwindigkeit,
es ist, verdammt noch mal, alles davon wichtig!

Manchmal "hört" man eine Melodie, sehr schön, langsam und lyrisch - aber manchmal auch eine Phrase von hoher rhythmischer oder technischer Komplexität, was als Ausdruck genauso wichtig ist. Wir würden keine klassische Musik haben und keinen Flamenco, wenn es nicht irgendwelche virtuosen Techniken gäbe, die vom Interpreten oder Komponisten "gehört" wurden. Es sind immer die Typen, die an "schlechter Technik" leiden, die etwas sagen wie, ooch, das Feeling ist doch viel wichtiger... - Es ist, verdammt noch mal, alles wichtig!

Carina: Du bist in den unterschiedlichsten Genres zwischen Acoustic Jazz, Latin und Fusion zu Hause, hast selbst einen Musikstil entwickelt, der viel später auch "New Age" genannt wurde. Warst du immer offen für neue musikalische Experimente?

Al: Sicher -, und zwar, wenn ich für mich eine Verbindung herstellen kann - so wie es etwa beim Tango der Fall war. Astor Piazollas Musik beispielsweise zog mich geradezu magisch an - das war "Liebe auf den ersten Ton", sozusagen.

Ich bin vollkommen offen für jede Art von Musik: in erster Linie für ethnische, weil ich denke, daß man dort noch etwas finden kannst, was interessanter ist und sich von dem unterscheidet, was man direkt vor der Haustür findet. Und natürlich habe ich inzwischen so ziemlich alles, was vor meiner eigenen Haustür zu finden ist, schon gehört...

Al Di Meola - "Heart of the Immigrants"

Carina: Das Album "Heart of the Immigrants": nur ein Titel unter anderen - oder eine persönliche Botschaft?

Al: Ich denke, daß es einer der besten Titel von all meinen Platten ist, wenn nicht sogar der beste. Musik und Titel passen einfach zusammen: "Das Herz der Immigranten". Das ganze amerikanische Volk besteht schließlich aus Einwanderern - sie haben das Land geformt, aus dem ich komme. Ihre Geschichte ist davon ein Teil - nimm Argentinien, die Musik von Piazolla: Auf diese Weise ist sozusagen ein Stück von Argentinien in den Vereinigten Staaten enthalten.

Deutschland und Italien, Polen - hier finden wir die verschiedensten europäischen Hintergründe von Leuten, die in die USA immigriert sind. Die ihr Leben, ihre Freunde, ihre Familien für eine bessere, eine neue Chance hinter sich gelassen haben. Zu jener Zeit hat das eine Menge Mut erfordert, ein "starkes Herz" - das Leben war schlechter als heute, härter.

Carina: Auf "Orange and Blue" hattest du seinerzeit George Dalaras und Noa als Vokalisten eingeladen - kannst du dir vorstellen ein komplettes Album mit Gesang aufzunehmen?

Al: Zufällig mache ich genau das gerade - meine höchsteigene Platte. Aber ich singe nicht selbst - davon lasse ich lieber die Finger! - stattdessen habe ich für jedem Track Gastsänger eingeladen. Es wird wie ein enormer Stilwandel wirken - weit weg von dem, wofür ich bekannt bin. Die CD "Flesh on Flesh" allerdings, die hier in Deutschland gerade erschienen ist, bewegt sich in dem Bereich, den man sonst von mir gewohnt ist: künstlerisch sehr anspruchsvoll zwischen elektrisch und akustisch.

Das ist die eine Platte. Die andere dagegen ist wie gesagt ein Vocalalbum: sie ist cool, weil sie so anders ist - wenn du sie hörst, würdest du nicht von vornherein denken, daß ich das bin. Da ist zwar mein gitarristischer "Fingerabdruck", ich habe die Musik geschrieben - wenn auch nicht die Lyrics -, aber es ist mein Sinn für Pop, der beim Schreiben voll zum Tragen kommt. Heraus kommt ein vollkommen anderer Sound - total spannend für mich, weil sich die Möglichkeit bietet, daß ein "großes" Publikum erreicht werden kann - genau wie Santana mit der gewissen Platte ein "großes" Publikum erreicht hat. Jedes Stück ist eine potentielle Hit-Single - und das in höchst musikalischer Hinsicht. Warten wir also einfach mal ab ...

Al Di Meola

Carina: Astor Piazzolla war ein guter Freund von dir und du spielst bis heute seine Kompositionen. Wieviel Einfluß hatte eure Freundschaft auf dein Interesse an seiner Musik und seinen Kompositionen?

Al: Am Anfang war es wirklich nur die Freundschaft, auf der sein Einfluß beruhte. Seine Musik hatte ich tatsächlich zunächst gar nicht gehört, ich freundete mich zuerst mit ihm an. Er war mir sofort vertraut, erinnerte mich an meine Verwandten: er hatte etwas von dieser Wärme, diesem typischen "New-York-Area" Italienertum. Ich denke, er wiederum mochte mich meines Hintergrundes wegen sehr.

Als wir uns 1985 trafen, war er mit meiner Person viel vertrauter als ich mit ihm. Ich wußte nichts weiter, bis er mir kurz danach ein Musikstück zusandte, genau genommen die "Tango Suite". Er legte eine kleine Notiz bei, daß es ihn sehr freuen würde, es mich eines Tages spielen zu hören. Bis zu dem Moment, wo ich diese Musik tatsächlich spielte, waren wir bei sechs oder sieben Gelegenheiten zusammengekommen - zu Shows, die er gespielt hat. Immer war ich extrem stark berührt von seiner Musik und seiner Herzenswärme.


Astor Piazzolla hat uns ein gewaltiges Erbe hinterlassen!

Wir hatten Pläne, zusammen zu spielen und aufzunehmen - unglücklicherweise hat sein vorzeitiger Tod das vereitelt. Aber er hat uns ein gewaltiges Erbe hinterlassen, uns allen. Ich bin froh, daß ich einer der Ersten in Nordamerika bin, die seine Musik etwas "anders" interpretiert haben - im Gegensatz zur üblicherweise gepflegten "klassischen" Herangehensweise. Was im Grunde nur heißt: die Leute spielen die Musik einfach wie es geschrieben steht. Aber wir haben etwas wirklich davon Abweichendes gemacht - in rhythmischer Hinsicht. Und ich glaube, daß Piazolla es so lieber gesehen hätte - ganz bestimmt sogar.

Carina Prange

Al Di Meola im Internet: www.aldimeola.com

CD: Al Di Meola - "Flash on Flesh" (Inakustik)

Fotos: Frank Bongers / Jazzdimensions

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© jazzdimensions2003
erschienen: 1.1.2003
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