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Tigran Hamasayan - "Du, das Klavier und der Raum..."

Der armenische Pianist Tigran Hamasayan legt im Alter von 23 Jahren mit "A Fable" bereits sein viertes Album vor. Vor ein paar Jahren wanderten seine Eltern mit ihm und seiner Schwester in die USA aus, um den zwei künstlerisch begabten Kindern eine Karriere zu ermöglichen. Fern der Heimat, klassisch ausgebildet und bereits stark im Jazz verhaftet, besinnt sich Hamasayan nun auf seine armenischen Wurzeln.

Tigran Hamasayan

In einem schmerzvollen, intensiven Prozess erschließt er sich die Melodien, Klänge und die Poesie der Heimat seiner ersten Lebensjahre. So finden zum einen Gedichte etwa des Armeniers Hovhannes Tumanyan Eingang in seine musikalische Welt. Zum anderen aber verändert die Perspektive der Volksmusik mit ihren archaischen Skalen und Stimmungen grundlegend Hamasayans Herangehensweise ans Improvisieren, ans Musikmachen, kehren sie ins "fabelhafte". Womit wir wieder beim Titel seiner aktuellen CD angelangt wären…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Tigran Hamasayan

Carina: "A Fable" ist bereits dein viertes Album und das erste auf einem Major-Label. Mit 23 bereits vier Alben aufgenommen zu haben, ist außerordentlich. Wie kam es dazu?

Tigran: Nun, ich habe einfach früh angefangen! Mein erstes Album nahm ich mit siebzehn auf. Ich komponiere viel und begann auch sehr früh auf dem Klavier. Da war ich drei. Seit der Zeit komponiere ich auch.

Carina: Würdest du sagen, dass du in einer musikalischen Umgebung aufgewachsen bist? Wie wichtig ist so etwas für einen Musiker?

Tigran: Oh, das ist sogar von ganz grundlegender Bedeutung! Wirklich elementar... Wenn, während man aufwächst, immer Musik da ist, von Kind an, dann gewöhnt man sich an die Musik. Man gewöhnt sich auch daran, unterschiedliche Musik zu hören.

Ich bin beispielsweise außerordentlich froh darüber, dass ich als Kind Rockmusik gehört habe. In diese Musik habe ich mich verliebt, aber das habe ich erst später begriffen. So mit vierzehn, fünfzehn, begann ich die Rockklassiker wieder hervorzukramen. Und dabei tauchte ich um so tiefer in die Rockmusik ein.

Tigran Hamasayan

Carina: Da hast gerade erwähnt, dass du mit drei Jahren auf dem Klavier angefangen hast. Erinnerst du dich an deine ersten Lehrer?

Tigran: Meine allerersten "Lehrer" waren die Schallplatten, die ich hörte. In erster Linie Klassiker der Rockgeschichte. Das habe ich meinem Vater zu verdanken, der ein großer Fan dieser Musikrichtung war. Ich liebte diese Musik.

Mein Onkel hingegen war ein Jazzfan. Irgendwann begann ich dann auch, Jazz zu hören. Allerdings eher Funkjazz – Herbie Hancock beispielsweise –, siebziger Jahre Jazzrock. Eher nichts Traditionelles.

Carina: Dein Vater spielte sicher auch Klavier?

Tigran: Nur ein bisschen und natürlich nicht beruflich. Meine Mutter war allerdings auf der Musikschule gewesen – mein Vater im Übrigen auch, etwa fünf, sechs Jahre! Aber beide waren sie keine Berufsmusiker.

Carina: Wann hattest du deinen ersten "richtigen" Unterricht?

Tigran: Meinen ersten Lehrer für klassische Musik bekam ich, da war ich fünf. Mit sechs kam ich dann auf die Musikschule und habe für gut elf Jahre Klassik studiert. Als ich elf wurde, bekam ich meinen ersten Lehrer für Jazz. In der Zeit wurde mir klar, worum sich der Jazz eigentlich dreht. Ich gab auch meine ersten Konzerte in jener Zeit.

Der Name meines Lehrers war Vahag Hayrapetyan, er ist ein großartiger Pianist! Er brachte mich zum Bebop. Hayrapetyan war in New York gewesen und hatte bei Barry Harris Unterricht gehabt. Nachdem er nach Armenien zurückkehrte, gab er Privatunterricht und "Masterclasses". Ich blieb bei ihm acht Monate, dann ging ich wieder meine eigenen Wege.

Carina: Was faszinierte dich am Jazz?

Tigran: Das Improvisieren, würde ich sagen! Von Anfang an, solange ich mich zurückerinnere, hatte ich eine Leidenschaft für die Improvisation. Ich improvisierte, ohne zu wissen, dass das, was ich da tat, improvisieren war. Vielleicht zog es mich ja deshalb so zum Jazz hin. Weil es im Jazz im Kern ja genau darum geht.

Carina: Gibt es Vorbilder im Jazz? Kannst du ein paar Namen nennen?

Tigran: Selbstverständlich Herbie Hancock! Er war der erste meiner bewussten Jazzeinflüsse. Danach kamen Thelonious Monk, Bud Powell, Charlie Parker, Coleman Hawkins, Art Tatum

Tigran Hamasayan

Carina: Gibt es in Armenien eigentlich viele Pianisten?

Tigran: (lacht) Es gib sogar massenhaft Pianisten! Weniger im Jazz angesiedelt, allerdings. Der Jazz nämlich war während der Sowjetzeit eine sehr kontroverse Musik. Deshalb entwickelte er sich nur wenig.

Es gab zwar durchaus Jazz in der UdSSR, aber Armenien war in der Hinsicht nicht gerade ein idealer Nährboden. Kaum etwas drang dorthin vor, jede Art von Information floss nur sehr spärlich. Also geschah dort alles erst viel später.

Wenn du aber klassische Musik betrachtest, da sieht das ganz anders aus. Jede Schule könnte dir da Virtuosen präsentieren, gleich tonnenweise! (lacht) In dieser Beziehung ist Armenien wirklich gut.

Carina: Ist es eine ausgemachte Sache für armenische Pianisten, in die USA zu gehen?

Tigran: Naja... Jeder sucht sich eben seinen Weg im Leben! In Armenien ist es schwer, eine Karriere auf die Beine zu stellen. Als ich Jugendlicher war – ich war sechzehn und lebte noch bei meinen Eltern –, da zog meine ganze Familie mit mir nach Los Angeles um. Mein Vater, meine Mutter, meine kleine Schwester. Sie ist fünf Jahre jünger als ich und Malerin – "bildende Künstlerin", sollte ich vielleicht besser sagen. Meine Eltern glaubten, dass wir beide in den USA bessere Chancen haben würden.

Carina: Mit elf Jahren standst du das erste Mal auf einer Bühne. Kannst du die Bezeichnung "Wunderkind" leiden?

Tigran: Mir geht es darum, dass man meiner Musik zuhört und Gefallen daran findet, was ich mache. Ich selbst als Person sollte dabei keine Rolle spielen. Oder die Tatsache, dass ich früh angefangen habe! Musik macht man für Menschen. Und ob man damit als Fünfjähriger oder mit zwanzig anfängt, sollte egal sein.

Carina: Aber gewisse Auswirkungen hatte der frühe Start doch sicher. Hat man dich mit dem Fußball auf der Straße gesehen oder hast du den ganzen Tag geübt?

Tigran: Klar habe ich Fußball gespielt! (lacht) Ich war doch ein ganz normaler Junge... So sehr ich auch Musik liebte, ich wollte als Kind doch auch immer draußen sein und spielen. Es gab natürlich auch Phasen, wo ich lieber Musik machte. Das nenne ich meine "besessenen Phasen". Beispielsweise als ich Bebop lernte, da hatte ich so eine Phase – ein, zwei Monate übte ich wirklich den ganzen Tag.

Tigran Hamasayan - "A Fable"

Carina: Du holst dir viel Inspiration aus der armenischen Volksmusik. Stimmt das?

Tigran: Ja, das ist richtig. Die armenische Volksmusik ist für mich eine Quelle der Inspiration. Aber genauso die klassische indische Musik und der skandinavische Folk. Ebenso die Volksmusik anderer Länder. Die meisten meiner Kompositionen allerdings wurzeln in der armenischen Folklore.

Carina: Was genau, welche Aspekte des Folk sind es, die dich anziehen?

Tigran: Nachdem ich mich mit vom Bebop zu lösen hatte und begonnen hatte, dessen strikte Regeln, seine harmonischen und melodischen Gesetze, zu durchbrechen, fing ich an zu überlegen, was für ein Vokabular ich statt dessen verwenden könnte. Der Jazz baut ja ziemlich auf der Klassik auf – Dur und Moll und den Kirchentonleitern.

Als ich mit vierzehn die armenische Volksmusik entdeckte – vielmehr sollte ich sagen: "wiederentdeckte"! – wurde mir klar, was ich da vernachlässigt, ja geradezu ignoriert hatte. Meine Herkunft, mein musikalisches Erbe! Also begann ich, mich in die armenische Folklore zu vertiefen und einzuarbeiten.

Ein langer Weg. Und er wird bis an mein Lebensende dauern, da bin ich überzeugt. Mit der Zeit wurde die Volksmusik zu meinem Ausdrucksmedium. Der Jazz war nur noch Mittel zum Zweck, nämlich zu improvisieren. Nur, dass mein Jazz jetzt auf der armenischen Musik aufbaut! Auf deren Modi und Skalen...

Gleichzeitig aber wurde meine Art zu komponieren immer "klassischer". Alles wird aufnotiert, alles ist festgelegt. Natürlich nicht die improvisierten Teile, aber die Melodien und die durchkomponierten Abschnitte. Die bauen wiederum auf der armenischen Musik auf. Was die Harmonien angeht, da steckt natürlich auch viel Europäisches drin, aber aus einer Folk-Perspektive betrachtet – beispielsweise, indem die Harmonien den armenischen Modi folgen.

Carina: Spielt Armenien oder die Erinnerung daran auch sonst in deinen Kompositionen ein Rolle? Die Landschaft, Farben, der Duft der Pflanzen? Hast du das vor Augen, wenn du schreibst?

Tigran: Bei einigen Stücken sicher. Es kommt auf den Song an. Wenn ich beispielsweise ein überliefertes Lied arrangiere, das die Frauen beim Buttermachen sangen, dann kommen solche Erinnerungen hoch. Das Lied besitzt einfach diese Stimmung. Oder wenn es bei einem Stück thematisch um die Natur geht.

Carina: Du bist jetzt sozusagen zu gleichen Teilen im Jazz, in der Klassik und im Rock beheimatet. Wo siehst du dich selbst dabei eigentlich?

Tigran: Sogar die Marketingleute haben es schwer mit mir! Ich verstehe ja, dass sie mich in eine Kiste packen wollen. Seit ich angefangen habe, den Folk zu assimilieren, ist das noch schwerer geworden. Beim Rock ging es wohl noch irgendwie! (lacht)

Ich mag es aber nicht, wenn Musik in Kategorien gesteckt wird. Stile existieren als Bezeichnungen, aber die Musik existiert neben und über den Stilen, nicht darin! Stile sind nur Namen, die sich jemand ausgedacht hat. Musiker denken nicht in "Stilen".

Tigran Hamasayan

Carina: Nimmst du eigentlich ein leeres Blatt Papier zur Hand, wenn du anfängst zu komponieren? Oder muss da erst eine Idee da sein, eine Melodie?

Tigran: Ganz verschieden. Meistens habe ich Ideen, wenn ich nicht in der Nähe eines Klaviers bin. Ich nehme das dann irgendwie auf, singe die Melodie oder den Rhythmus. Wenn ich dann am Klavier sitze kommt der Prozess des Ausarbeitens.

An anderen Tagen sitze ich wiederum am Klavier und will eigentlich üben. Und dann merke ich, dass ich in der Stimmung bin, etwas zu komponieren. Meist kommt dann wirklich etwas dabei heraus. Manchmal spiele ich auch ein konkretes Stück, drifte dann plötzlich ab und es kommt mir ein Einfall. Und daraus erwächst dann ein neuer Song.

Carina: Eine gute Gelegenheit, mal nach ein paar deiner Stücke zu fragen. Für "Longing" hast du einen Text von Hovhannes Tumanyan vertont. Wovon handelt das Lied?

Tigran: Es ist ein Lied über das Heimweh. Tumayan war sehr häufig im Ausland, in verschiedenen Ländern und reiste hin und her. Es waren damals harte Zeiten zuhause. In Armenien ist Tumayan ein Held, gewissermaßen einer der berühmtesten Dichter und Autoren. In der Kultur der armenischen Folklore ist er überaus präsent, er ging in die Dörfer um Erzählungen zu sammeln, Geschichten, Legenden.

Und was er schrieb, das meiste zumindest, baut alles darauf auf. Es sind eine Vielzahl historischer Erzählungen, aber auch kurzer Gedichte. Für dieses spezielle Stück habe ich zwei Werke zusammengefasst, die eigentlich nicht zusammengehören. Sie sind aber zur gleichen Zeit entstanden und behandeln dasselbe Thema. Sogar das Reimschema ist ähnlich. Also kombinierte ich das und schrieb Musik dazu.

Carina: Fiel es dir dann leicht, auch zu singen?

Tigran: Ich muss zugeben, das war anfangs schon eine Herausforderung! Obwohl ich, das muss ich hier mal kurz einschieben, früher viel gesungen hatte. Es ist zwar richtig, ich bin Pianist. Aber vor dem Stimmbruch war ich auch Sänger. Davon gibt es sogar Aufnahmen, mit einer Bigband…

Mit dem Stimmbruch verabschiedete sich meine Stimme leider weitestgehend. Es ist noch nicht lange her, dass ich wieder mit Singen angefangen habe. Ich muss hart daran arbeiten, aber es macht Spaß! Jetzt singe ich wieder viel beim Komponieren.

Tigran Hamasayan

Carina: Und du arbeitest inzwischen solo. Wie empfindest du das, verglichen mit dem Spiel in einer Band?

Tigran: Anstrengend! Weil das Solospiel technisch anspruchsvoller ist, aber gleichzeitig auch lohnend. Weil man ungeheure Freiheiten dabei hat, wenn man alleine spielt. Genau in diesen Freiheiten liegt aber die Herausforderung, weil man auch ausschließlich auf die eigenen Einfälle angewiesen ist. Es ist ja sonst niemand da!

Wohingegen in einer Band viele Ideen von den Mitmusikern kommen – man braucht nicht alles selbst beizusteuern. Darum geht es ja auch in einer Jazzband: dass man aufeinander aufbaut. Spielt man solo, baut man auf sich allein. Gleichzeitig kann man beim Improvisieren tun was man will. Das ist das Spannende: du bist allein mit dir, dem Klavier und dem Raum in dem du spielst. Allein mit dem Klang…

Carina Prange

CD: Tigran Hamasayan - "A Fable" (Verve/Universal 0602527606866)

Tigran Hamasayan im Internet: www.tigranhamasyan.com

Universal Music im Internet: www.jazzecho.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2012
erschienen: 5.2.2012
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