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Olivia Trummer - "Dichtkunst mit Humor"

Die Jazzsängerin, Pianistin, Komponistin und Texterin Olivia Trummer gilt als energiegeladenes Temperamentsbündel. So etwas muss man vermutlich auch einfach sein, wenn man eine so eigenständige wie eigenwillige Kunst nach vorne bringen will, und den persönlichen Bekanntheitsgrad erhöhen möchte.

Olivia Trummer

Mit der CD "Poesiealbum" ist es der Stuttgarter Künstlerin nun spielend gelungen, die Aufmerksamkeit auf sich zu richten – mit deutschsprachigen Texten, deren Zugang sich dem Album-Hörer nach und nach erschließt, viel Witz und unverblümter Ehrlichkeit. Die Lieder dieses Albums zeugen obendrein von Freude an der Improvisation und formidablem Entdeckergeist – aber das versteht sich bei Olivia Trummer und ihrer Band schon fast von selbst.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Olivia Trummer

Carina: Mit einem Zitat möchte ich anfangen – Hubert Nuss hat über dich geschrieben: "…ihr Jazzfeeling und ihr improvisatorisches Handwerk sind ohne Fehl und Tadel. Auf dieser substantiellen Basis kann Olivia jedes künstlerische Gebäude errichten." – Wie gut muss das Fundament sein, um deinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden?

Olivia: Das "Fundament" schließt für mich nicht nur den musikalisch-technischen Teil mit ein, sondern umfasst auch den Apekt meiner Persönlichkeit – ich muss mit mir im Reinen sein über all das, was ich tue. Insofern geht das musikalische Fundament im Idealfall Hand in Hand mit meiner persönlichen Entwicklung. Meine Ansprüche basieren tendenziell weniger auf dem Vergleich mit anderen Musikern, sondern mehr auf dem Entdecken von Charakteristischem, Originellem, das mir in Momenten der Inspiration begegnet.

Natürlich darf der technische Aspekt nicht fehlen – Übung muss sein! Da ich früh angefangen habe, mich im Tonraum der Musik zu bewegen, liegt ein großer Teil des anfänglichen Arbeitsprozesses wahrscheinlich in meiner Erinnerung versunken. Im Nachhinein kommt mir alles Erreichte ziemlich unbemüht vor. Aber es ist alles nach oben hin offen und ich genieße das Üben meistens sehr.

Olivia Trummer

Carina: Wieviel ständige Arbeit kostet es dann tatsächlich, so ein Fundament zu hegen und zu pflegen?

Olivia: Regelmässige Arbeit ist wichtig. Es tut unheimlich gut, sich eine Weile auf eine bestimmte Übung zu konzentrieren – erst dann prägt sie sich wirklich ein und "fruchtet" etwas später. Trotzdem sind die kreativsten, die wunderbaren Momente meist die, in denen ich entweder daneben greife, oder frei von vorausgegangenen Übungen spiele. Im Gegensatz zur Klassik scheint im Jazz das Üben für mich keinen direkten, sondern einen indirekten Einfluss auf mein Spiel zu haben. Die Ergebnisse kommen nicht "sofort" oder "konkret" ans Licht, ich merke nur von Zeit zu Zeit, wie ich wieder "freier" geworden bin.

Manchmal bringen mich auch persönliche Begegnungen mit einem Schlag viel weiter. Das Voranschreiten ist in dem Sinne durch Übedisziplin zwar fortwährend, aber weder vorauszuplanen noch durch einen bestimmten Übungsrhythmus genau zu dosieren.

Carina: Und gleich noch ein Zitat aus diesem Text, da steht du "hättest Lust, die Welt zu erobern", zu tun und zu lassen, was du willst. Eigener Wille, Lust, Freude – was fällt dir zu diesen Begriffen ein?

Olivia: Persönlichkeit und Musik stehen für mich, wie schon gesagt, auf derselben Stufe und bedingen sich zwangsläufig: Jeder spielt so, wie er ist. Von Kindesbeinen an hatte ich die größte Freude daran, nach eigenem Willen etwas zu kreieren und dann mit anderen zu teilen. Das "Teilen und Erobern" sollte aber nicht im "kriegerischen" Sinne verstanden sein – sich gegen andere Musiker durchsetzen –, sondern darin, dass ich mit anderen eine Begeisterung teilen möchte. Ich will die Welt sozusagen mit größter Freude erobern.

Es erscheint wie eine Luxussituation, zu tun und zu lassen was man möchte. Bei näherem Hinsehen ist es aber eine Notwendigkeit, sofern das Handeln nicht durch "schlechte" Eigenschaften genährt wird, sondern durch "gute". Das klingt vielleicht naiv oder besonders fromm, ist aber meiner Meinung nach ein weises Ziel, auf das man sich in jedem Beruf ausrichten sollte! Es setzt große Aufrichtigkeit und das Ziel der Selbsterkenntnis voraus und würde somit vielleicht viele Probleme auf der Welt wie von selbst lösen.

"It's not what you play, it's how you play it", beschreibt vielleicht das gleiche Phänomen – das habe ich in New York aufgeschnappt.

Olivia Trummer

Carina: Erzähl mal ein wenig die Entstehungsgeschichte deiner neuen CD "Poesiealbum"…

Olivia: Seit ich ein kleines Mädchen war, schreibe ich nicht nur Musik sondern auch Texte und kleine Geschichten über das was ich erlebe - allerdings selten Geschichten Eins zu Eins, sondern in Form einer Ableitung aus dem Erlebten. Das klingt hoffentlich nicht zu abstrakt - aber man erkennt wahrscheinlich auch hier mein Bemühen, etwas persönlich Erlebtes auszuweiten und auf eine höhere, eine symbolische-abstrakte, Ebene zu transportieren. (lacht)

Nun, mit zunehmendem Alter und zunehmender Reife waren mittlerweile einige gute Texte zusammengekommen, die ich auch schon in einen Liedkontext eingebunden hatte. Die Verbindung von Text mit Musik fällt mir mitunter sehr leicht, es ist fast wie Dolmetschen in zwei mir gut bekannten Sprachen. Ich fühlte das Verlangen, diese kreativen, mir sehr nahestehenden Ergebnisse in eine Form zu gießen und zu veröffentlichen.

Ich habe einige Monate vor der Aufnahme noch zwei neue Mitmusiker kennengelernt – nämlich Martin Gjakonovski und Johannes Lauer. Sofort war das Instrumentarium für mich klar und ich begann, den Liedern den letzten technischen Schliff in Bezug auf das Arrangement zu geben. Die Aufnahmen liefen sehr gut – wir hatten zuvor lediglich ein einziges Konzert mit dem Programm zu viert gegeben und ich war dementsprechend sehr gespannt – und ich fühle mich auf diesem musikalischen Weg sehr, sehr wohl.

Olivia Trummer - "Poesiealbum"

Carina: Die Texte auf "Poesiealbum" sind in Deutsch gehalten. Was ist das Besondere für dich an der deutschen Sprache?

Olivia: Jede Sprache hat ein eigenes Flair, einen eigenen Humor, einen eigenen Rhythmus und Klang. Das Deutsche kann sehr ins Detail gehen, es besitzt eine hohe potentielle Schlagfertigkeit und bietet viel Raum für feine Nuancen – zum Beispiel durch Anschlusswörter. Großer Unterschied zum Beispiel: "Auf dieser Welt sucht man stets das große Glück und Zufriedenheit lässt gerne auf sich warten" … stattdessen "doch" oder "denn". Oder Wortspiele "Meer" und "mehr", "flüssig" und "überflüssig", und Rhythmusspiele"...sucht man stets das große Glück und Zufriedenheit lässt...." – da spiegelt sich das Aufsichwartenlassen im verlängerten Metrum, mit zwei Silben "zu viel", wider.

Sicher gibt es auch ein Zusammenspiel mit der jeweiligen Melodie. Oft entsteht aus einzelnen Textstellen zusammen mit Melodie oder Rhythmus ein zusätzlicher Humor!

Carina: Ironie und Poesie, gehören diese beiden Aspekte für dich zusammen oder schließen sie sich manchmal aus?

Olivia: Ironie in Richtung Sarkasmus oder Zynismus schließt Poesie aus. Poesie muss in gewisser Weise offen und inspirierend sein, Sarkasmus und Zynismus sind beides nicht.

Meine Texte sind nie sarkastisch gemeint, auch wenn ich singe "Wir werden in einem Meer ohne Wasser untergehen" ist da erstens das inspirierende Bild des paradoxen Gleichklangs "Meer/mehr" bei "Meer ohne Wasser", zweitens wirkt die unbeschwert fröhlich-schräge Melodie einer deprimierenden Stimmung entgegen. Ja, Poesie sollte nicht handlungsunfähig machen!

Meine Lieder wollen meist dazu anregen, über etwas nachzudenken. Und bereits über das Nachdenken automatisch eine Änderung der Sichtweise, des Lebensstils, des Bewusstseins herbeiführen. Ironie enthält meist eine gute Portion Humor, der dann verhindert, dass man als Hörer die Ohren verschließen möchte, wie beispielweise vor einer Moralpredigt.

Nicht jede Poesie muss Ironie beinhalten. "Es ist windig heut" enthält keinerlei Ironie, genausowenig "Die Liebe". Bei "Requiem" und "Für ein Lächeln" findest du sie eigentlich auch nicht. Aber die Grenze von Poesie über Humor, hin zur Ironie, ist absolut fließend. Es geht nicht darum, witzig zu sein, sondern darum, wach zu machen beim Hören und Denken. Kleine, gutgemeinte Stolperfallen, sozusagen...

Olivia Trummer

Carina: Wonach suchst du Worte aus? Gehst du da heran wie ein Goldsucher, schürfst du nach Worten?

Olivia: Ehrlich gesagt, schreibe ich aber meine Texte ebenfalls in einem sehr intuitiven Gefühl. Ich suche improvisativ nach Worten und schreibe sie dann mit kompositorischem Anspruch nieder. Oft erst dann, wenn die Zeilen in meinem Kopf Sinn machen und vollständig passen. Ich analysiere und "verstehe" meine Texte manchmal erst hinterher im vollen Umfang.

Ich habe nie nach wohlklingenden Wörtern gesucht sondern gehe stets nach dem Sinn. Deshalb mögen die Texte vielleicht etwas "spröde" wirken. Aber das ist ja genau das Gegenteil von "glatt", und glatte Texte gibt es genügend. Wenn man sich, wie ich natürlich, mit den Texten beschäftigt, kommen sie einem auch ganz schnell nicht mehr "spröde" vor, glaube ich. Eine gewisse Eleganz in dem Verhältnis von Bedeutung, Sprachrhythmus und charakteristischer Anhaltspunkte ist mir durchaus wichtig.

Es wird vielleicht noch ein bisschen dauern, bis ich auch als Texterin verstanden werde, oder wirklich Aufmerksamkeit bekomme. Davon bin ich aber recht unabhängig, denn ich stehe stark hinter dem, was ich singe!

Carina: Woher nimmst du deine Ideen?

Olivia: Meine textlichen Ideen nähren sich aus inneren und äusseren Schwächen des Menschen, die ich mehr oder weniger direkt anspreche sowie dem Element der Natur. Themen sind zum Beispiel: Neid, Größenwahn, wie bei "Meer ohne Wasser", mangelnde Verbundenheit zur Natur, wie bei "Es ist windig heut", Gier, Materialismus, wie bei "500 Millionen", Anhaftung, Unaufrichtigkeit, wie bei "Die Liebe", Einsamkeit, Ruhelosigkeit, Arroganz, wie bei "Ohne Winter".

Es geht dabei nicht um Vorwürfe. Ich habe nur das Gefühl, dass eine Konfrontation mit solchen Themen, letztlich: mit sich selbst, wichtig für uns Menschen ist. Es ist die Mischung aus Selbstkritikfähigkeit und Humor, die so manchem fehlt.

Woher die musikalischen Ideen kommen, weiß ich nicht! Die sind immer plötzlich da, oder entwickeln sich stückchenweise aufgrunde meines Gespürs dafür, dass da irgendwo eine originelle Idee heranwächst!

Carina: Bitte erklär doch mal die Geschichte hinter den Liedern "Meer ohne Wasser", "Verrückt" und "Stehaufmännchen"…

Olivia: Bei "Meer ohne Wasser" stand zuerst die Melodie des Refrains und dann kam der Refraintext dazu. Die Strophen flossen erst Monate später; plötzlich war alles da. Es ging um ein Gefühl, das mir schon lange auf der Seele lag – bei allem, was Menschen sich erlauben und was über die Werbemaschinerie verbreitet wird, ist das wohl kein Wunder. Ich bin froh, endlich Worte dafür gefunden zu haben!

Ich hatte eben das mit der Doppeldeutigkeit gesagt – "verrückt" bedeutet einerseits "irre", andererseits "versetzt", beispielsweise "im Takt versetzt". Die Melodie besteht aus einer Achtel-Linie, die um ein 16tel vorgezogen wird. Da hat mich die Melodie tatsächlich zum Text inspiriert und greift eine Situation musikalisch auf, um sie dann ins Leben zu übertragen.

Mit "Stehaufmännchen" ist das Spielzeug gemeint, das man durch angespannte oder locker gelassene Gummifäden entweder aufrichten oder hängen lassen kann. Hier untermauern die Fortschreitungen der Harmonien mit ihrer Mischung aus zumeist aufsteigenden, dann absteigenden Quintfällen, und die Melodie, mit erst absteigenden dann wieder aufsteigende Sekundschritten, sowie der in gewisser Weise aufkratzende Rhythmus, symbolisch den Titel.

Carina: Deine Texte, hatte ich in einer Rezension geschrieben, erforderten "Distanz, die Draufsicht eines externen und auch ausserhalb bleibenden Beobachters". Liege ich da richtig?

Olivia: Meine Musik sucht wahrscheinlich eher nach einer Übereinkunft im Seelischen als im Emotionalen. Es geht mir nicht darum, in meiner Gefühlswelt verstanden zu werden, sondern darum, Gedanken und Gedankengänge zu formulieren und diese Gedanken zur Diskussion zu stellen. Insofern ist das mit der Distanz schon richtig, denke ich. Es ist aber eine organische Distanz, keine bewusste Einschränkung. Keine "Coolness" oder Abgehobenheit. Es ist eine im Grunde sehr dem Hörer verbundene Stimme, mit der ich "spreche". Da ist wenig Distanz, ich will kommunizieren!

Das sind alles Gedanken, die erst im Nachhinein kommen – ich denke nicht während des künstlerischen Prozesses darüber nach, sondern kann das nur aus meiner Arbeit herauslesen.

Olivia Trummer

Carina: Gibt es für den Hörer sowas wie einen "einfachen" Zugang zu deiner Musik?

Olivia: (lacht) Indem er nichts Bestimmtes erwartet, meinen Humor teilt und die Musik ernst nimmt, die ich mache! Wer mich als "naiv" abstempelt, ist meiner Ansicht nach etwas verkrampft und hat Angst vor einer gewissen spielerischen Seite in sich.

Ich komme vom Visuellen und auch vom Klang meiner Stimme eher kindlich rüber, als wie eine "reife" Frau – aber gerade das kindliche Element hat uns Erwachsenen oftmals etwas voraus. Und wer sich weigert, das ernst zu nehmen, wird in der Welt wenig ändern können!

Carina Prange

CD: Olivia Trummer - "Poesiealbum" (Neuklang NCD4061)

Olivia Trummer im Internet: www.oliviatrummer.de

Neuklang Records im Internet: www.neuklangrecords.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2012
erschienen: 5.2.2012
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