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Iiro Rantala - "Von Helden und Historien"

Der finnische Komponist und Pianist Iiro Rantala und sein "Trio Töykeat" hatten über fast zwei Jahrzehnte zeitgenössische Jazzgeschichte geschrieben. Dann schien es plötzlich Zeit für etwas Neues – Rantala machte sich frei, arbeitete und tourte von nun an mit neuer Formation unter eigenem Namen, bekannte sich sowohl zu seiner Lust am Beatboxing wie zu seinen in der Klassik verankerten Wurzeln.

Iiro Rantala

Als Querdenker und fundierter Kenner der Jazzgeschichte kann Rantala sich erlauben, auf der Bühne auch mal Witze zu reißen – einen seiner quirligen, funkensprühenden Auftritte vergisst man sein Lebtag nicht. Auf dem neuen Album, "My History Of Jazz", gräbt Rantala für uns, zusammen mit Lars Danielsson am Bass und Morten Lund am Schlagzeug, die Wurzeln seiner Jazzmusik aus – und, für manche unerwartet, trägt ein besonders dicker, altehrwürdiger Wurzelstrang den Namen Johann Sebastian Bach

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Iiro Rantala

Carina: Iiro, deine neue CD heißt "My History of Jazz" und enthält viele Kompositionen Bachs, kombiniert mit Eigenkompositionen von dir. Wie kam das, dass Bachs Musik, wie du in den Linernotes verrätst, in "dein Leben trat, als du gerade sechs Jahre" alt warst?

Iiro: Als ich etwa sechs Jahre alt war, brachte meine Mutter mich zum Vorsingen zum Knabenchor "Cantore minores" in Helsinki. Ich war anschließend sechs Jahre lang Chormitglied, sang Bachs Johannes-Passion, seine Matthäus-Passion, die h-Moll-Messe und das Weihnachtsoratorium. Wir sind mit diesem Chor richtiggehend um die Welt getourt! Auch in Deutschland sind wir gewesen. Das war schon eine tolle Zeit, damals…

Iiro Rantala

Carina: Du hast klassisches Klavier studiert. Kann man es so verstehen, dass die Klassik als dein Fundament die Basis für deine diversen Jazz-Experimente bildet?

Iiro: Ja, ich denke wie ein klassischer Musiker. Aber da ich improvisierte Soli spiele, nenne ich es "Jazz". Mein klassischer Hintergrund lässt mich mehr über die Komposition nachdenken. Ich will gute Stücke spielen, gute Melodien. Nicht einfach "Riffs".

Ich verlasse mich auf die Komposition, weniger auf die Soli als solche. Gute Soli sind wie eine Dreingabe, die ich aber gerne mitnehme, wenn es sich ergibt...

Iiro Rantala - "My History Of Jazz"

Carina: Führt vom sehr erfolgreichen Trio Töykeat eine gerade Linie zum Rantala New Trio und von dort zum Soloprojekt, zum neuen Album? War es unvermeidlich oder alles Zufall?

Iiro: (lacht) Ach, mein Leben ist voll von Zufällen! Trio Töykeät war natürlich schon für die Ewigkeit gedacht, aber eines Tages beschloss ich, dass es nun "reicht". Wir hatten zu diesem Zeitpunkt etwa achtzehn Jahre non stop zusammengespielt; es war gut.

Das New Trio habe ich gegründet, weil so fasziniert vom Beatboxing war. Diese Faszination dauerte etwa zwei Jahre an. Danach wusste ich nicht recht, was für eine Band ich machen wollte, sodass ich schließlich auf den Gedanken eines Soloalbums verfiel. Aber inzwischen weiß ich schon, was meine kommende Band sein wird.

Iiro Rantala

Carina: Typisch für deine Konzerte ist die überbordende Energie und der Esprit, den du verströmst – sowohl in der Musik selbst als auch in deinen Zwischenansagen. Da zeigst du auch immer eine Menge Humor, was ja in der "ernsthaften" Musikausübung ein wenig verpönt sein mag. Was ist da dran?

Iiro: Du hast Recht – in der "ernsten" Musik ist Humor eine riskante Sache. Ich rate meinen Schülern immer, dass sie sich davor zu hüten hätten – wie vor Herpes! Es ist halt unglücklicherweise so, dass Teile des Publikums immer denken, dass ein Künstler, der humorvoll agiert entweder sich oder seine Musik nicht ernst nimmt – oder, noch schlimmer, dass er sein Publikum nicht ernst nimmt.

Das ist, unter uns, natürlich völlig falsch! In Wirklichkeit gehört es zu den schwierigsten Sachen überhaupt, sein Publikum zum Schmunzeln zu bringen – da muss man als Performer schon ziemlich gut sein. Ich bewundere Komiker wie Harpo Marx, Viktor Borge oder Dudley Moore in dieser Hinsicht ebenso, wie ich Herbie, Chick und Keith als Tastenkünstler bewundere. Sie sind allesamt Größen auf ihrem Gebiet.

Aber in "Lost Heros"-Konzerten spielt der Humor keine so große Rolle. Das hängt immer mit dem Repertoire zusammen – hier handelt es sich um eine Hommage an bereits verstorbene Persönlichkeiten. Das eignet sich nicht für Späßchen.

Iiro Rantala

Carina: Stimmt, mit "Lost Heroes" hast du den prägenden Musikern, die dir auf deinem Weg begegnet sind, ein Denkmal gesetzt – nun widmest du dich deinem Haupteinfluss, Johann Sebastian Bach. Wie relevant ist ein solcher Blick in die Vergangenheit für deine Gegenwart?

Iiro: Bach ist ja nur ein einzelner Aspekt des neuen Albums. Die Idee dahinter ist, alle Stile und Epochen des Jazz einzubeziehen, die mir wichtig sind. Aber um die Frage zu beantworten: Bach ist die perfekte Musik! Ich muss ihn jeden Tag spielen, sogar zu Hause. Ich bin süchtig nach Bach, ich brauche mein tägliches Quantum von seiner Musik. Bachs Musik ist heute so relevant wie je. Sie ist für die Ewigkeit.

Iiro Rantala - "Lost Heroes"

Carina: Viele Leute bezeichnen das Klavier als ein Instrument, das "keine Grenzen kenne". Bei Licht betrachtet beschränkt es den Musiker aber auf eine chromatische, temperierte Tonskala. Blasinstrumente und auch Saiteninstrumente können Töne ziehen, verschleifen oder auch Mikroskalen spielen. Macht dich das nicht manchmal neidisch?

Iiro: (lacht) Ja, manchmal schon! Andererseits, wenn ich jemand auf der Geige höre, ist es mir üblicherweise lieber, wenn er "in Tune" spielt… Hier kann ich mal einflechten, dass meine andere Band, das Iiro Rantala String Trio mit Adam Baldych an der Geige und Asja Valcic am Cello demnächst auf Tour gehen wird! Ich habe einige Stücke speziell für diese Besetzung geschrieben.

Iiro Rantala

Carina: Als Klavierspieler hältst du dich ja absichtlich fern von technischen Tamtam und verwendest im Studio auch keine der üblischen digitalen Schnittsoftware. Klassischer Flügelklang, "direkte Musik" sozusagen, organisch und echt. Ist das für dich der einzig wahre Weg zur Authentizität oder hat das auch etwas mit Lebenseinstellung zu tun?

Iiro: Ich mag den reinen Klavierklang eben am liebsten. Die Herausforderung, hier das Optimum zu erreichen, genügt mir schon – der Sound muss Schönheit haben und Unmittelbarkeit besitzen. Keith Jarret und Egberto Gismonti erreichen diese Art von Klang. Ihrem Sound will ich nicht imitieren, aber ich möchte eine vergleichbare Schönheit in meinen eigenen Sound entwickeln. Darauf ziele ich ab. Immer schon...

Carina: Hast du auch so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Iiro: Klar. Ausruhen kannst du dich, wenn du tot bist!

Carina Prange

CD: Iiro Rantala - "My History Of Jazz" (Act Music ACT 9531-2)

Iiro Rantala im Internet: www.iirorantala.fi

Act Music im Internet: www.actmusic.com

Fotos: Pressefotos (1, 3, 4: Lutz Voigtländer; 2, 5: Steven Haberland)

© jazzdimensions 2012
erschienen: 18.11.2012
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