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Heiner Stadler - "Kein Teil einer Bewegung"

Komponist, Musikproduzent, aber auch Labelgründer und Jazzpianist. Wenn man das Tätigkeitsfeld des Künstlers Heiner Stadler beschreiben möchte, gibt es eine große Bandbreite. Stadler, Jahrgang 1942, ging bereits 1965 von Hamburg aus in die USA, nach New York...

Heiner Stadler (späte 60er Jahre)

Seine Vielseitigkeit, die sich auch im breitgefächerten Repertoire seiner Plattenfirma "Labor Records" widerspiegelt, hat einen tieferen Grund: "Das ist einfach mein Interesse", weiß Heiner Stadler diesen Umstand zu begründen, "und die Angst, mich bei Ausrichtung auf nur einen Bereich langweilen zu müssen!"

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Heiner Stadler

Carina Prange: Machen wir zunächst einen Blick ganz weit zurück. Wie kam es, dass Sie 1965 nach New York gezogen sind? Das war ja nicht gerade selbstverständlich zu der Zeit…

Heiner Stadler: Die Erfahrungen des Jazz hatten mich Ende der 50er Jahre dermaßen geformt, dass sich der Wunsch, nach New York, ins Zentrum des Geschehens zu ziehen, eigentlich ganz natürlich ergab.

Mein ganzes Denken und Fühlen hatten sich dabei über die Jahre soweit radikalisiert, dass ich das, was ich als wichtig und entscheidend empfand, nur in kompromissloser Weise verfolgen wollte, wozu auch der Entschluss gehörte, den Jazz, ohne Abstriche, an Ort und Stelle erleben zu können.

H. Stadler (1973, m. Reggie Workman)

Carina Prange: Sie arbeiten als Musikproduzent – wie haben Sie sich die notwendigen Fertigkeiten hierfür angeeignet?

Heiner Stadler: Anfangs war das Produzieren meiner eigenen Musik Notwendigkeit, ob mit oder ohne Erfahrung war dabei nicht wichtig. Die Hauptsache war, diese neue Aufgabe irgendwie zu lösen und sich die Fertigkeiten beim "machen" anzueignen. Dazu gehörte auch die Gründung meiner eigenen Plattenfirma "Labor Records".

Die Erfahrungen, die ich sammeln konnte, waren auch der Anlass, sich schon in diesem Frühstadium intensiver mit traditionellem Blues, meiner anderen Liebe, zu befassen. Mit Kent Cooper, einem Schriftsteller und Bluesexperten, begann ich, unter dem Banner "Blue Labor", Blues Platten zu produzieren und aufzulegen. Auch hier wurde ohne jede Vorschulung gearbeitet, das Vertrauen auf das eigene Wissen war dabei Leitfaden.

Diese Kernerfahrung, dieses sich Einfühlenkönnen auf Musik, die mich neugierig machte – egal dabei welcher Stilrichtung –, setzte sich fort bzw. weitete sich aus in den kommenden Jahren. Immer geleitet von dem Wunsch, das Bestmögliche unter den gegebenen Umständen realisieren zu können.

Das reichte von J.S. Bach zu John Lee Hooker, von John Cage zur Musik vom Balkan und allem Möglichen dazwischen. Schlüssel bei allem war das Bedürfnis, Erlebnisse und Erfahrungen umsetzen zu können mit Hilfe des Mediums Schallplatte. An Formen anderer Art war ich wenig interessiert.

H. Stadler (bei Probe, Anfang 70er)

Carina Prange: Würden Sie sich persönlich als Jazzpianisten bezeichnen? Einer, der eben zusätzlich auch in anderen Bereichen der Musikwelt tätig ist?

Heiner Stadler: Jazzpianist im "traditionellen Sinne" war ich nie. Mein Anliegen war primär, mit Hilfe des Klaviers eine Atmosphäre in meinen Stücken zu gewährleisten, die sich ausschließlich an die jeweiligen Kompositionen hielt.

Besonders das Motivische, das "Thema", das bekanntlich einen besonderen Stellenwert im Jazz einnimmt, lag mir am Herzen und sollte als Art Leitmotiv, roter Faden, Baustein die Stücke durchziehen. Geleitet von der Idee, Bezugspunkte zu schaffen in einem Umfeld der Freiheit und schwer zu bändigenden Vielfalt an Möglichkeiten, die, zumindest für mein Empfinden, oftmals ins Uferlose führte.

Heiner Stadler - "Brains On Fire"

Carina Prange: Wie kam es, dass Sie für so unterschiedliche Musiker wie Albert King oder das Harlem Spiritual Ensemble Konzerte organisiert haben?

Heiner Stadler: Das Konzert mit King nebst John Lee Hooker, Louisiana Red und Peg Leg Sam war Teil eines Programms, das wir parallel zu unserem Plattengeschäft begonnen hatten. Lightnin' Hopkins, John Lee Hooker (solo), Koko Taylor, Sonny Terry & Brownie McGhee zusammen mit Pete Seeger und Arlo Guthrie ("Tribute to Leadbelly") und eben King, Red und Peg Leg waren unter den Künstlern, die wir herausstellten.

Reklame zu machen für die Platten der Musiker, die für uns aufgenommen hatten, war ein Gedanke. Der andere war, Musiker, die weniger bekannt waren, mit Berühmtheiten wie Albert King auftreten zu lassen, um damit den Bekanntheitsgrad dieser Musiker – wie beispielsweise Louisiana Red – weiter zu fördern.

Später begann ich, auch für andere Firmen als Produzent zu arbeiten, "Tomato Records" war eine, "Arcadia Records" kam danach. Arcadias Eigner, ein Koreaner, vertrat das Harlem Spiritual Ensemble bereits als Konzertagent. Daraus ergab sich der Entschluss, mit dem Ensemble Platten aufzunehmen.

Dies wurde mir angetragen mit der Folge, dass ich begann, auch Konzerte mit der Gruppe zu organisieren. Spiritual, Blues, Jazz – es mag unterschiedlich klingen, ist aber in der Substanz ganz ähnlich und bedarf keiner großen Umstellung, sich jeweils auf Spezielles einzustellen!

Carina Prange: Wann haben Sie ihr eigenes Label "Labor Records" gegründet und was gab seinerzeit den Anlass dafür?

Heiner Stadler: "Labor Records" wurde 1973 gegründet, ursprünglich mit dem Ziel, meine eigene Musik bekannt machen zu können. Ich veröffentlichte vier Platten in eigener Sache, und zwar "Brains on Fire", Band 1 und 2, "Ecstasy", und "Jazz Alchemy". Andere Aufnahmen folgten, darunter, Mitte der siebziger Jahre, Musik von John Cage.

"Sonatas and Interludes for prepared piano" war die erste. Diese Platte kam allerdings nicht bei "Labor" heraus sondern wurde der Firma "Tomato Records" in Lizenz überlassen. Als "Tomato" dann Pleite ging, landeten die Aufnahmen bei "Wergo" in Mainz und sind dort immer noch im Katalog.

"Labor" blieb während all dieser Jahre aktiv, bis heute. Ob mit eigenen Veröffentlichungen oder Produktionen, die in Lizenz vergeben wurden. Ein Beispiel: Das gesamte Klavierwerk von J.S. Bach mit dem brasilianischen Pianisten João Carlos Martins.

Carina Prange: Sie haben unter anderem die Pianistin Grete Sultan und den Bluesharp-Spieler Peg Leg Sam für Ihr Label entdeckt. Wie lief das? Anders gefragt, wie entdeckt und hält man einem Künstler auf seinem Label?

Heiner Stadler: Grete Sultan lernte ich Ende der siebziger Jahre kennen, nachdem ich begonnen hatte, für die Firma "Tomato Records" zu arbeiten. Bei "Labor" war das Konzept für genreübergreifende Musik als Ansatz schon zu erkennen – Jazz, Blues, Cage –, wurde aber als Idee in großem Umfang bei "Tomato" zum Grundprinzip. Was dann auch entscheidend die Richtungen anderer Firmen beeinflusste, "Nonesuch" beispielsweise!

Mit "Tomato" wurde der Plan entwickelt, das Gesamtwerk von John Cage einspielen zu lassen, zu einer Zeit, als Cage mit Aufnahmen, also fixierten Realisierungen seiner Werke, wenig am Hut hatte. Das änderte sich aber nach Gesprächen mit ihm, wozu dann auch das Projekt gehörte, Cages "Etudes Australes" mit Grete Sultan einspielen zu lassen.

Über dieses Projekt begann meiner lange Freundschaft mit Frau Sultan, die über viele Jahre bis zu ihrem Tod andauerte. Viele Besuche bei ihr folgten, wobei ich eines Tages das Privatarchiv ihrer Konzertmitschnitte entdeckte. Mein Vorschlag dann, dieses Material auf Platte zu veröffentlichen, kam ganz spontan und wurde von Frau Sultan sofort akzeptiert. Das Resultat: Die auf "Labor" erschienenen "Sultan/Legacy 1&2" Platten.

Peg Leg Sam lernte ich früher kennen, nachdem mein Bluespartner Kent Cooper ihn auf Empfehlung im Staate South Carolina aufgestöbert hatte. Wir holten ihn darauf nach New York und machten mit ihm und Louisiana Red unvergessliche – und für mich unvergleichliche – Aufnahmen, die dann erstmalig bei "Blue Labor" unter dem Titel "Going Train Blues" auf LP veröffentlicht wurden.

Heiner Stadler (2000)

Carina Prange: Ein genreübergreifendes Label ließ sich wahrscheinlich damals wie heute schwer vermarkten. Wie hält man das durch? Worin lag Ihre Motivation?

Heiner Stadler: Mein Interesse. Und die Angst, mich bei Ausrichtung auf nur einen Bereich langweilen zu müssen! Die Vermarktung war in der Tat immer ein großes Problem, besonders der Bereich Klassik wurde bei den Vertrieben immer hübsch von allen anderen abgetrennt; ebenso gab es nur begrenzte Möglichkeiten, für Blues und neuen Jazz entsprechende Vertriebe zu finden.

Dazu kam, dass sich nur sehr wenige ein übergreifendes Verkaufskonzept vorstellen konnten! Das änderte sich erst, als "Tomato Records" auf den Plan trat und mit einer geschickten Strategie alles unter einem Dach zusammenfassen konnte.

Der Trick: Nicht nur Jazz, Blues und "Country", sondern auch populäre Musik zu veröffentlichen, die es den Vertrieben schmackhaft machen sollte, das Gesamtprogramm der Firma zu übernehmen; man ging davon aus – und es bewahrheitete sich dann auch –, dass man damit genügend verdienen konnte, um sich gegen etwaige Risiken weniger akzeptierter Musikstile wappnen zu können.

Dieses Konzept lief anfangs sehr gut, wurde dann aber schnell "verwirtschaftet" und endete mit dem Bankrott von "Tomato". Trotz dieses positiven Beginns blieben die Versuche, daran anzuknüpfen nur begrenzt erfolgreich. Insofern hat sich im Prinzip wenig geändert.

Carina Prange: Sie haben Jazzstücke komponiert und sind als Arrangeur klassischer Jazzstücke in Erscheinung getreten. Wie wuchsen Sie da rein und was war in erster Linie ihr musikalisches Anliegen?

Heiner Stadler: Hauptinspiration war der BeBop und was daraus folgte. Der Bereich Jazzkomposition in den fünfziger und sechziger Jahren – George Russell, Charles Mingus, Sun Ra – war eine andere Quelle. Mein Anliegen, von Anfang an: Etwas ähnlich Neues zu schaffen, basierend auf ganz bestimmen Grundelementen des Jazz, wie z.B. Melodik, Rhythmik, Phrasierung.

Das Bearbeiten von Stücken aus der Bebop-Zeit war ein Weg, diesen Gedanken zu verfolgen; das Komponieren meiner eigenen Stücke verfolgte in der Grundauffassung dieselben Ziele. Nur dass dabei der Bereich Bebop überschritten wurde, bei der Suche nach neuen melodischen und formalen Konstruktionen.

Carina Prange: "Brains on Fire" ist ein Album aus dem Jahre 1973. Wie kam es jetzt zu einer Wiederauflage als Doppel-CD, im Jahr 2012?

Heiner Stadler: Es war an der Zeit, die für mich so wichtige Periode von damals im Rahmen der Neuauflage noch einmal umfassend dokumentieren zu können.

Damit kann ich diesen Teil meiner Jahre hier noch einmal neu beleben und endgültig abschließen. Die Tatsache, dass "Labor" seit einiger Zeit hier in den USA von "Naxos" vertrieben wird, hilft dabei.

Carina Prange: Wie würden Sie den roten Faden beschreiben, der sich durch beide Alben zieht?

Heiner Stadler: Schwer in Worte zu fassen. Vornehmlich wohl die Mischung aus Temperament und die Art, wie sich dieses Temperament ausdrücken und vermitteln will. Ein "roter Faden" ist sicherlich die Art von Intervallik und Struktur, die allen Stücken unterliegt und getrieben wird von einer spezifisch dem Jazz innewohnenden Energie. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

H. Stadler (2. v.l. bei Prod. in Albanien)

Carina Prange: Irgendwie birgt die Musik der Alben ein Geheimnis. Wie würden Sie dieses beschreiben?

Heiner Stadler: Ob man es als "Geheimnis" bezeichnen kann, weiß ich nicht. Aber was vielleicht so einiges erklärt, ist meine Grundüberzeugung, mich ausschließlich gemäß eigener Kriterien sehen zu wollen und jeden Versuch von Nachahmung zu vermeiden. Wie genau dieser Gedanke meine Stücke zusammenhält, kann ich aber nicht erklären; etwas Unerklärliches bleibt. Auch für mich.

Carina Prange: Sie werden als Teil der "international avant-garde jazz movement" bezeichnet. Sehen Sie sich dort und wie beschreiben Sie diese Szene in der Gegenwart und der Vergangenheit?

Heiner Stadler: Ich sehe mich nicht als Teil einer Bewegung. Ich machte – zumindest in meinen Augen – immer meinen "eigenen Kram" mit wenig Parallelen zu dem, was andere trieben. Allerdings konnte man damals noch allgemein von "Avantgarde" reden, was heutzutage, im Zeitalter der sogenannten Post-Moderne, kaum noch der Fall ist.

Das Interesse an "neuem Jazz", so wie er damals definiert wurde, ist verblasst. Es dominiert das weitaus mehr Freundliche, Akzeptable; Musik, die unter diesen Sammelbegriffen nicht einzuordnen ist, wird kaum noch beachtet.

Es gibt über 6000 Radiosender in den USA. Man kann jedoch praktisch an einer Hand abzählen, wer noch neuen Jazz spielt. Also wenig Resonanz – die Avantgarde von früher gibt es in dieser Ausführung nicht mehr.

Carina Prange: Und welche Rolle nähmen Sie in ihr ein?

Heiner Stadler: Howard Mandel hat diese Frage in seinen Texten zu meinem Parker/Monk-Tribute und den beiden "Brains" Platten gut beschrieben. Solange meine Rolle als neu und originell gesehen wird, bin ich's zufrieden. Es war immer mein Ehrgeiz, nicht eingeordnet werden zu können.

Insofern sehe ich meinen Anteil positiv, und mein Eckchen im Jazzgeschehen gesichert. Dennoch ist es sehr frustrierend, dass mir bisher nicht mehr Gelegenheit geboten wurde, meine anderen Stücke einspielen zu können! Es würde das, was oben gesagt wird, nicht ändern. Es würde im Gegenteil das, was mir immer vorschwebte, untermauern und in einen noch fundierteren Zusammenhang setzen.

Carina Prange: Wie erklären Sie sich, dass Sie in Deutschland eher zu den "vergessenen Künstlern" gehören?

Heiner Stadler: Von "vergessen" kann schwerlich die Rede sein! Soweit ich es beurteilen kann, "existierte" ich in Deutschland kaum – weder als Komponist noch Arrangeur. Die große Ausnahme: Wolfgang Kunert, vormals Redakteur beim NDR und Nachfolger von Michael Naura.

Herr Kunert ließ zwei meiner Stücke für Orchester von der NDR Band einspielen mit den besten Solisten dabei. Die Anforderungen an die Musiker waren erheblich, mit dem Resultat, dass danach nichts mehr lief.

Neue Anfragen meinerseits wurden negativ beantwortet, obwohl Herr Kunert weiterhin, bis zu seiner Pensionierung, sein Interesse bekundete. Ansonsten aber? Nichts. Ich vermute, dass Jazzkomposition der Art, wie ich sie verfolge, in Deutschland entweder nicht wahrgenommen oder einfach ignoriert wird.

Carina Prange: Haben Sie so etwas wie eine musikalische Philosophie oder Vision?

Heiner Stadler: Originalität steht oben an! Etwas ganz ausschließlich Eigenes finden, ohne irgendwelche Gruppenzugehörigkeit, war dabei immer Schlüssel. Thelonious Monk ist ein gutes Beispiel dafür, oder mein anderes Idol, Edgard Varèse, deren Musiken ganz außerhalb der Hauptströmungen liefen und deren Methoden man kaum mit irgendwelchen Analysen beikommen konnte.

Carina Prange: Und haben Sie so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Heiner Stadler: Das folgende Zitat umschreibt meine Einstellung zur Kunst recht gut und könnte auch, übertragen, allgemein für meine Einstellung zum Leben gelten:

"Vanguard art must be synonymous with rejected art—not because advanced art desires to fail but for the deeper reason that only art officially cast aside can arouse in the spectator authentic feelings uncoerced by vested authority." Harold Rosenberg

Carina Prange

CD: Heiner Stadler - "Brains On Fire" (Labor Records LAB 7069)

Heiner Stadler im Internet: www.laborrecords.com

Labor Records im Internet: www.laborrecords.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2012
erschienen: 20.4.2012
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