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Alexandra Lehmler - "Auf den Punkt gebracht"

Die Mannheimer Saxophonistin Alexandra Lehmler spielt mit ihrer Band einen anspruchsvollen und gleichzeitig sehr gut hörbaren Jazz. "No Blah Blah" lautet der Titel ihres neuen Albums – keine Mogelpackung, der Titel ist Programm: Hier wird die Musik im Sinne des Wortes "auf den Punkt gebracht".

Alexandra Lehmler

Als Frontfrau führt Lehmler ihre Band souverän und mit Humor und Tiefgang in ein spannendes, eigenwilliges balkan- und latinbeeinflusstes Terrain.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Alexandra Lehmler

Carina: Fangen wir mal ganz von vorne an... Wie bist du überhaupt zum Saxophon gekommen?

Alexandra: Ich habe angefangen Saxophon zu spielen, als ich dreizehn Jahre alt war. Als ich mir das Instrument ausgesucht habe, war ich acht und gerade fertig mit so einem musikalischen Früherziehungskurs. Ich sollte mir ein Instrument aussuchen, das ich lernen mochte.

Mein erstes Wunschinstrument war das Klavier. Dieser Wunsch stieß in meiner Familie aber nicht auf besonders viel Gegenliebe. Schließlich hatte mein Opa einige Jahre zuvor erst das Klavier meines Cousins "recycelt" – nämlich als Brennholz!

Meine Eltern zeigten mir eine Schallplatte mit einem großen, glänzenden, goldenen Saxophon auf dem Cover: Pete Tex – "Golden Saxophon Hits". Daraufhin habe ich mich sofort in das Instrument verliebt – ist ja eigentlich klar bei einer Achtjährigen, die sowas Glänzendes sieht!

Carina: Du spielst Sopran, Bariton und Alt – als wie unterschiedlich empfindest den Charakter jedes dieser Instrumente?

Alexandra: Jedes der drei hat seine eigenen Vorzüge. Das Altsaxophon war mein erstes Saxophon, quasi meine Basis. Mich reizt das Alt, weil es so vielseitig ist. Man kann es ständig neu entdecken. Mir ist der Sound unglaublich wichtig und ich möchte gerne möglichst "warm" klingen. Das ist auf dem Alt eine besondere Herausforderung.

Auf dem Sopran spiele ich sehr gerne Melodien. In den letzten Jahren habe ich die meisten Stücke fürs Sopran geschrieben, weil mir das leichter fiel. Da "springen" mich die Melodien einfach so an, es ist ein sehr lyrisches Instrument.

Das Bariton liebe ich, weil es so brachial sein kann. Aber noch mehr reizt mich, das Gegenteil aus diesem "Monstrum" rauszuholen: Ich spiele es am allerliebsten superleise in der hohen Lage! Und im nächsten Moment vielleicht wieder laut und tief…

Alexandra Lehmler

Carina: Hast du auch schonmal mit dem Spiel der Klarinette geliebäugelt?

Alexandra: Ja, klar! Mit acht Jahren durfte ich dann ja doch nicht sofort Saxophon lernen... Die üblichen schlauen Ratgeber sagten meinen Eltern, man müsse "vor dem Saxophon unbedingt Klarinette" lernen. Das stimmt natürlich überhaupt nicht!

Aber letztendlich war es wahrscheinlich gut, denn so kam ich zu einem tollen Lehrer, der damals eigentlich noch Jazzsaxophon an der Musikhochschule in Köln studierte. Nach fünf Jahren Klarinette hat er dann gesagt: So, jetzt reicht es. Jetzt fangen wir mit dem Saxophon an! Dadurch war meine Motivation dann zum richtigen Zeitpunkt sehr groß und ich habe mich unglaublich auf dieses Instrument gefreut.

Die Klarinette kommt heute auch noch hin und wieder zum Einsatz. Auf meiner letzten Platte spiele ich Bassklarinette. Und wenn ich im Theater spiele – wie am Theater Heidelberg bei "Elektra" oder am Nationaltheater Mannheim bei "Avenue Q" – brauche ich das gute Stück auch immer wieder.

Alexandra Lehmler

Carina: Sprechen wir mal über dein aktuelles Album. Willst du dich mit dem Titel "No Blah Blah" bewusst vom Jazz-Einheitsbrei distanzieren, vielleicht auch den Hörer ein wenig provozieren? Und wie kam der Titel ursprünglich zustande? Gab es Debatten darüber?

Alexandra: Ich hatte zuerst ein Bild im Kopf, wie das Cover aussehen könnte, wobei der Titel dazu damals schon "No Blah Blah" lauten sollte. Der Titel ist geblieben, nur das Cover wurde dann doch anders, als ich es mir zuerst vorgestellt hatte.

Natürlich gab es Debatten darüber. Es war klar, dass der Titel polarisieren würde. Aber das ist ja auch okay so! Letztlich konnten mich auch die Skeptiker nicht von "No Blah Blah" abhalten, da ich von Anfang an überzeugt davon war, dass das genau der richtige Titel für diese Platte zu diesem Zeitpunkt ist.

Alexandra Lehmler - "No Blah Blah"

Carina: Es ist ja ein Titel, der Aufmerksamkeit einfordert. Obendrein bist du vorn auf dem Cover im roten Handwerker-Overall abgebildet…

Alexandra: Das knalllige Outfit unterstreicht den Titel der Platte und, ja klar, sie soll auffallen! Sie soll sagen: Hallo, ich bin da! Hört mir zu! Die Musik auf "No Blah Blah" ist geprägt von einer Art Aufbruchstimmung. Ich habe bei der Planung und Durchführung der Aufnahmen alles auf eine Karte gesetzt – und letztendlich klappte alles.

Aber das war nicht ganz selbstverständlich. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich denke, man hört es der Musik an. Der Hörer kann vielleicht nicht sagen, was es ist, aber es ist da.

Carina: Das Foto im Innencover zeigt dich wieder ganz schüchtern-mädchenhaft im grünen Kleidchen...

Alexandra: Sind wir nicht alle irgendwie ein bisschen "Jeckyll und Hyde"? Spaß beiseite, ich habe versucht, auf das Cover zu bringen, was ein bisschen zeigt, wie ich bin.

Nein, ich laufe natürlich zu Hause nicht in diesem Overall rum! Ich habe als Kind aber schon immer mehr mit Jungs gespielt und fand "Rumschrauben" und Motorräder toll. Trotz alledem bin ich eine Frau. Ich möchte einfach so sein dürfen, wie ich bin. Ohne Wenn und Aber.

Carina: Sind beide diese Extreme "gleichermaßen du", oder ist beides Teil einer Fassade, die man als Musiker "sozusagen" braucht?

Alexandra: Ich bin mir sicher, dass man eine "Fassade" eigentlich nicht braucht. Hinter jeder Fassade versteckt man das Interessante. Selbst Dinge oder Menschen, die auf den ersten Blick langweilig erscheinen, haben mit Sicherheit irgendetwas Einzigartiges, was es gilt, aus ihnen herauszukitzeln. Musik ist ja etwas sehr Ehrliches. Ich glaube, wenn man authentische, beseelte Musik macht, dann entsteht dabei eine Art von Energie, die sofort überspringt! Hierbei ist eine Fassade nur hinderlich.

Carina: Einige der Songtitel fallen ebenfalls auf: "Liegt alles noch vor uns", "Supergau", "Nach der Rodung" – wie sind sie entstanden?

Alexandra: "Liegt alles noch vor uns" ist die musikalische Fortführung des Titels "Let's leave it all behind" unserer letzten CD "Die Welt von unten gesehen". Es entstand auf einer Reise – genauer, auf dem Hinweg – worauf sich der Titel bezieht. Man kann ihn aber auch in Hinblick auf das Gesamtprojekt der CD-Produktion betrachten, die ja eben zu diesem Zeitpunkt auch noch komplett vor uns lag.

"Supergau" datiert sich auf das Wochenende der Fukushima-Katastrophe. In jenen Tagen hatten wir den "Neuen Deutschen Jazzpreis" in Mannheim, den ich zusammen mit meinen Kollegen von der IG Jazz veranstalte. Ich war sehr inspiriert von der tollen Musik, die ich am Vorabend gehört hatte, so dass ich mich gleich ans Klavier gesetzt habe und ein paar Ideen hatte. Dann kam die Nachricht aus Japan, die mich sehr erschütterte. Das Stück skizziert meine innere Zerrissenheit an diesem Tag.

"Nach der Rodung" schrieb ich nach der Gewalteskalation im Stuttgarter Schlossgarten, quasi als Widmung für Wutbürger, Parkschützer, Idealisten und Weltverbesserer. Gleichzeitig ist es die wehmütige, desillusionierte und resignierte Erkenntnis, dass auch solch bemerkenswertes Aufbegehren der Anständigen wenig zu bewegen vermag!

Alexandra Lehmler

Carina: Mit solchen Titeln erhalten die Songs ja auf jeden Fall auch eine politische oder gesellschaftliche Komponente, obwohl es sich um Instrumentalmusik handelt. Absicht?

Alexandra: Klar ist das Absicht, obwohl ich mich nicht als unglaublich politische Person sehe. Aber Jazz ist auch eine politische Musik – und eben nicht nur "Blah Blah"! Es ist schön, die Zuhörer durch Musik aus dem Alltag zu holen und das Leben durch die Musik vielleicht sogar ein kleines bisschen schöner zu machen. Manchmal ist es aber auch spannend, einen Soundtrack zur knallharten Lebensrealität zu haben.

Carina: Ändert so ein Titel die Rezeption und das Verständnis der Musik beim Hörer? Sprich, ist es legitim, den Hörer über den Titel sozusagen "zu lenken"?

Alexandra: Wenn der Zuhörer den Hintergrund eines Stücks kennt, dann findet er möglicherweise manchmal leichter Zugang dazu. Ich möchte nicht zuviel lenken, deswegen erzähle ich im Konzert nicht zu jedem Stück eine Geschichte. Es ist sehr schön, wenn dem Publikum beim Hören ganz eigene Bilder einfallen.

Im Idealfall "fährt jeder seinen eigenen Film". Ich denke, es ist durchaus legitim zu lenken, wenn man das möchte. Immerhin geht es ja um die eigene Musik!

Carina: Die Platte scheint mir ein Bandalbum zu sein. Komponieren tust aber entweder du allein oder du gemeinsam mit dem Bassisten Matthias Debus. Wie sehr siehst du dich hier als federführend, als Leaderin deines Trios?

Alexandra: Live bin seit etwa sieben Jahren mit einem Quintett unterwegs und wir sind definitiv eine Band, die fest zusammengewachsen ist. Auch wenn es den ein oder anderen Wechsel gab – es war immer homogen und eine logische Entwicklung, die passiert ist.

Wir haben Jahre lang viele Höhen und Tiefen zusammen durchgemacht und ich glaube, gerade im letzten Jahr ist uns allen bewusst geworden, dass das was Besonderes ist, was wir da haben und machen. Und seitdem funktioniert das noch besser im Zusammenspiel und macht noch mehr Spaß.

Ich sehe mich als diejenige, die alles initiiert. Ich leite an, ohne zu bestimmen. Jeder soll seinen Freiraum haben. Aber trotzdem möchte ich gerne die Musik umsetzen können, die ich schreibe. Ich finde, wenn jeder das Beste von sich zur Musik dazu gibt, dann wird es eine absolut einzigartige Mischung. Und so versuchen wir es zu machen.

Ganz nüchtern betrachtet, bin ich die Saxophonistin der Band, Frontfrau, Managerin, Booking-Agentin, Busfahrerin, Promoterin, Webdesignerin, Sekretärin und "Mädchen für Alles"…

Alexandra Lehmler

Carina: Als Musikerin mit eigenem Kopf und eigenen Ideen, womit kämpft man da am meisten? Mit den eigenen Ansprüchen? Mit der Konkurrenz?

Alexandra: Konkurrenzdenken ist etwas total Destruktives, und ich versuche mich nicht damit zu belasten. Am allerschwersten ist der Kampf mit sich selbst! Ich kämpfe ihn gerne. Ich weiß von keinem Musiker, der das nicht kennt, die Frage, ob das alles Sinn macht. Die Unsicherheit, der Verzicht auf so viele Annehmlichkeiten, die alle anderen um einen herum zu haben scheinen… Zum Glück komme ich immer zu dem Schluss, ja, das ist es wert!

Carina Prange

CD: Alexandra Lehmler - "No Blah Blah" (JAZZ'n'ARTS JnA 5712)

Alexandra Lehmler im Internet: www.alexandralehmler.de

JAZZ'n'ARTS Records im Internet: www.jazznarts.de

Fotos: Pressefotos (Frank Schindelbeck: 1, 3, 5; Thommy Mardo: 2, 4)

© jazzdimensions 2012
erschienen: 22.6.2012
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