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Wolfgang Haffner - "Im Hier und Jetzt"

Immer wieder aufs Neue zu betonen, Wolfgang Haffner sei im Jazzbereich Deutschlands bekanntester Schlagzeuger, ruft, ob der jahrelangen Konstanz, vielleicht Gähnen hervor. Vorbei kommt man an diesem Faktum jedoch nach wie vor nicht. Mit seinem Album "Round Silence" setzt Haffner im Rahmen der "NuJazz"-Reihe von ACT-Music seine Vorstellung von Musik fort, die, nach seinen Alben "Shapes" und "Acoustic Shapes", noch mehr die Stille und Entspannung in den Focus nehmen.

Wolfgang Haffner

Schlagzeugeralben bleiben sie allesamt, ohne musikalisch Zuflucht beim Spektakulären nehmen zu müssen. Auch "Round Silence" macht wieder gespannt auf die nächste Haffner-Platte, die da kommen wird und auf die Richtung, die der Künstler wohl einschlagen mag. Selbst wenn seine Zeit zunehmends knapper wird: Kürzlich trat Wolfgang Haffner wieder als Produzent in Erscheinung, führte bei der CD "Gravity" der Nachwuchsjazzer Julian & Roman Wasserfuhr die Regie – nahm aber auch gleich (und gern) die Schlagzeugstöcke in die Hand.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Wolfgang Haffner

Carina: Bei der Albumbesetzung von "Round Silence" handelt es sich ja gegenüber der Live-Formation um ein größeres Aufgebot an Musikern. Die CD ist in der Reihe "Nu Jazz" erschienen. Warum ist "Round Silence" für dich die konsequente Weiterführung der Alben "Shapes" und "Acoustic Shapes" sozusagen mit "anderen Mitteln"?

Wolfgang: Relativ einfach: "Shapes" war ja elektronisch, "Acoustic Shapes" komplett akustisch. Die aktuelle CD, "Round Silence" ist im Prinzip akustische Triomusik. Es ist alles um das Trio herum aufgebaut, weil ich eine Fortführung wollte, bei der teilweise mit akustischen Instrumenten elektronische Sachen nachgebaut werden.

Das habe ich mit manchen Drum-Grooves gemacht – programmiert ist so gut wie nichts, bei zwei Stücken ist vielleicht mal eine kleine Synthie-Figur dabei. Aber im Prinzip ist alles live gespielt. Auch von der Soundlandschaft her ist es eine Fortführung, aber es kommt um das Trio herum ein paar Gäste mit dazu, bei ein paar Stücken die Hornsection. Bei "Shapes" und auch bei "Acoustic Shapes" waren keine Gäste dabei. Das war eine feste Besetzung.

Mir ging es darum, dass ich nicht in die Verlegenheit komme, dass ein Veranstalter sagt: "Ja, tolles neues Album! Aber spielt denn diese Band auch?" Das hatten wir zwar jetzt auch ein paar Mal: "Kann der Dominic Miller, kann der Nils Landgren kommen?" Gut. Aber wichtig ist, dass man ein Album verkauft, da beißt die Maus keinen Faden ab. Mache ich ein Album mit 'ner Platte im Trio, dann kaufen es manche Leute vielleicht nicht, weil ihnen gewisse Namen fehlen. Denn das ist ja für manche Menschen auch ein Kaufanreiz.

Die Essenz der Musik behalten wir aber auch im Trio bei, wir brauchen keinen dieser einzelnen Gäste wirklich. Klar, das ist toll - Nils, Dominic - das ist super! Kim Sanders! Deren Beitrag ist das einzige, was wir live nicht reproduzieren können. Aber ob das jetzt mit Gitarre ist, oder nicht… Selbstverständlich drückt ein Dominic Miller einer Nummer seinen Stempel auf. Aber wir spielen die Nummer dann minimal anders. Und "Round Silence" funktioniert wunderbar, weil die Essenz der Songs einfach gut ist.

Und … (lacht) ich habe da auch zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen! Ich habe quasi zwei Trios – nämlich das mit Hubert Nuss und Lars Danielsson, aber auch das mit Hubert und Christian Diener …weil wir ja damals die "Jazznights"-Tour erst mit Lars gespielt haben und dann einen Großteil der Tour mit Christian. Ich hätte zwar ursprünglich gerne alles mit Lars gemacht, aber das war nicht realistisch. Eigentlich ist Christian sowieso der feste Bassist in der Band. Aber ich dachte, mache ich quasi ein "neu plus altes" Trio". Denn die Basis sind Hubert und ich.

Und dann dachte ich: okay, gut wenn man jetzt den Lars dabei hat. Dass keiner sagen kann, du machst ja immer das Gleiche! Na gut, dachte ich, nehme ich den Lars dazu. Es hat sich ergeben, dass das ein relativ guter Schachzug meinerseits war. Egal ob dann einer gesagt hätte, hey, der Christian Diener sei ja gar nicht auf dem Album drauf, oder der Lars sei ja gar nicht drauf… Da kann ich sagen, Moment mal, beide Bassisten sind dabei!

Und von daher, um zur Frage zurück zu kommen, das Album ist für mich eine Fortführung dieser ästhetischen Klanglandschaften, dieser Weite in der Musik. Aber mit ein paar neuen Farben. Das war mir sehr wichtig.

Wolfgang Haffner - "Round Silence"

Carina: Was kann denn jetzt danach kommen? Noch relaxter kann die Musik ja eher nicht werden – geht es wieder heftiger zur Sache?

Wolfgang: Das verrate ich noch nicht. Ich habe schon etliche Ideen, ich habe letztes Jahr während des Sommers sehr, sehr viel Musik geschrieben. Es war ein sehr produktiver, aber auch ein verrückter Sommer. Es gibt ja kaum einen Sommer, wo ich nicht viel unterwegs bin. Das heißt, dass ich sechs Wochen lang Festivals spiele, zwischen Skandinavien und Frankreich hin- und herreise, einen Tag Frankreich, nächsten Tag wieder Skandinavien, wie ein Blöder. Das habe ich auch schon oft gemacht! Auch letzen Sommer standen eigentlich Shows. Allerdings, durch meinen Umzug nach Ibiza musste ich auch zu einzelnen Konzerten fliegen und war immer zwei Tage unterwegs.

Von daher war ich den Sommer über viel unterwegs, saß aber jede freie Minute in Ibiza im Studio. Ich habe mir da nämlich ein Studio eingerichtet, mit fantastischem Ausblick. Und ich war komischerweise noch produktiver als ich eigentlich eh schon bin. Ich bin oft im Studio. Aber nicht etwa, weil ich das Gefühl hätte, ich müsste jetzt was Neues machen - mein Leben hat nichts mehr mit Müssen zu tun. Das ist Vergangenheit. Musik fließt im Moment anscheinend einfach so aus mir heraus, die Ideen sprühen. Nicht alles fertige Songs, aber ich habe unheimlich viele neue Ideen bekommen, vielleicht ja auch durch den Umzug.

Ich habe mir die Platte angehört, als sie fertig war und dachte, dass es eigentlich eine ziemlich runde Geschichte sei. Deswegen "Round". Und dann bemerkte ich eine große Ruhe, eine Stille in der Musik. Sie fließt. Ich fand, "Round Silence", das klingt witzig! Und außerdem war ich der Ansicht, dass bestimmt Rückfragen kommen, wie: Schlagzeuger und Silence? Das passt doch gar nicht zusammen! Und das ist wirklich oft die erste Frage in den Interviews und da kann man viel drüber erzählen. Es bewegt mich schon sehr, dieses Thema "Stille". Und da hat auch dieser Umzug damit zu tun – ich bin als Mensch ruhiger geworden.

Wolfgang Haffner

Carina: Spiegelt das Album auch in gewisser Weise deine Wohnsitzveränderung wider?

Wolfgang: Nein, das war noch nicht da. Denn "Round Silence" habe ich im Januar 2009 aufgenommen; das Schreiben geht aber zurück bis in das zweite Halbjahr 2008. Da war Ibiza noch in weiter Ferne.

Carina: Auf welche Weise verändert eine Veränderung der Lebensumgebung deiner Meinung nach die musikalische Wahrnehmung?

Wolfgang: Das kann man nicht pauschal sagen. In meinem Fall wirkt es sehr positiv, weil ich sehr, sehr gern am Meer bin. Ich war sowieso immer jede freie Sekunde irgendwo am Meer, meistens in der Gegend da unten. Von daher war es mir schon seit Jahren klar, irgendwann werde ich mal da wohnen. Dass es letztes Jahr passierte, hat sich so ergeben. Es war einfach der richtige Zeitpunkt.

Carina: Du wolltest dich nach so vielen Beteiligungen an Bands, Projekten und Tourneen anderer Bandleader – weit über als 400 Aufnahmen als Sideman gibt es wohl! – mehr auf deine eigene Musik, deine eigenen Tourneen konzentrieren. Trifft das weiterhin zu?

Wolfgang: Selbstverständlich! Ich habe letztes Jahr lediglich mit Thomas Quasthoff getourt, das Album gemacht, ein paar einzelne Konzerte mit Till Brönner… In der Band von Nils Landgren spiele ich ja nicht mehr. Ich konzentriere mich auf meine eigenen Sachen, ich habe eine Produktion mit der NDR Bigband gemacht und auch Konzerte mit meiner Musik. Und war als Gastsolist hier und da dabei. Also mir geht es jetzt in erster Linie darum, dass ich mit meiner Musik gefeatured werde. Alles andere muss hinten anstehen. Es muss für mich einen triftigen Grund geben, etwas anderes zu machen.

Wolfgang Haffner

Carina: Gibt es da auch einen Suchtfaktor, sodass man von der Bühne nicht lassen kann?

Wolfgang: Ja, natürlich ist da ein Suchtfaktor vorhanden. Die Bühne hat schon etwas extrem Verlockendes. Aber die Befriedigung liegt für mich nicht allein darin, bejubelt zu werden. Ich kann mittlerweile auch gut ohne Bühne leben. Nein, es ist deswegen verlockend, weil das der Moment ist, in dem ich meine Musik spiele. Außer natürlich gelegentlich im Studio… Ansonsten trifft sich die Band fast nur auf der Bühne, weil wir quasi nie im Proberaum sind. Wir haben einmal einen halben Tag geprobt, vorletztes Jahr, bevor wir nach Korea sind, bevor die Tour los ging. Das war alles.

Wenn du eine Platte machst und ein halbes Jahr später - da bin ich inzwischen musikalisch schon wieder ganz woanders – sagt jemand, Mensch, ich hab deine neue Platte, und erzählt, wie er die findet: Gut… oder eben: schlecht! Aber die Platte ist mir dann dummerweise schon Wurscht. (lacht) Im Konzert aber, auf der Bühne, kommt die Reaktion, das Feedback vom Publikum direkt. Das ist unbezahlbar, das ist schön. Und das macht mich zum glücklicheren Menschen, wenn ich merke, dass ich mit meiner Musik, zusammen mit Christian Diener, mit Hubert Nuss, den Leuten eine gute Zeit geben kann.

Ich brauche es jetzt nicht für mich persönlich, für mein Ego, indem ich sage: "Boa, nach dem Drumsolo haben die Leute geklatscht wie verrückt!" Natürlich, wenn sie mich alle auspfeifen würden, das gefiele mir auch nicht, da muss man ehrlich bleiben. (lacht) Aber mir geht es eben drum, die Menschen auf eine Reise mitzunehmen, aus dem Alltag rauszuholen. Wenn mir das mit meiner Band gelingt, mit meiner Musik, dann habe ich viel erreicht.

Carina: Du hast den ECHO Jazz 2010 in der Kategorie "Instrumentalist des Jahres, national" für dein Album "Round Silence" erhalten. Inwieweit bringt es dem Jazz etwas, dass es nun auch eine Extra-Preisverleihung gibt?

Wolfgang: Naja, ich meine, jede mediale Öffentlichkeit ist natürlich klasse! Wenn es eine eigene Sendung gibt… – ich weiß nicht, wieviele Leute sich das anschauen, sicher wesentlich weniger als den normalen Echo! Aber das ist doch toll, wenn da der ein oder andere auch mal auf Musik stößt, die er vielleicht sonst niemals hören würde und dadurch vielleicht auch mal auf ein Jazzkonzert geht.

Oder in einem Plattenladen auftaucht, und erklärt: "Ich habe da Till Brönner gehört!" … oder Haffner oder Landgren. Und bei sich denkt, hey, ich hol mir das mal! Also von daher kann es nie verkehrt sein, wenn der Jazz Öffentlichkeit erhält, weil er ja eh letzten Endes so ein Nischendasein fristet.

Wolfgang Haffner

Carina: "Round Silence" kreiste ja, wie der Name des Albums schon sagt, um die Stille. Wirklich still war es dennoch nicht auf dem Album. Bedeutet Stille für dich mehr als "das Nichtvorhandensein von Geräusch und Klang"?

Wolfgang: Ich habe dieses "Round Silence" nicht in diesem Sinne wörtlich genommen. Mir ging es um das Wort "Silence" als Synonym für Ruhe, Stille, Fluß. Dieses "Ahh"! Tief durchatmen, Herz rauslassen… Wobei ich die Stille liebe! Ich höre mittlerweile sehr wenig Musik. Dort am Meer, wo ich jetzt lebe, hört man oft stundenlang gar nichts. Manchmal, alle paar Stunden, fährt ein Auto vorbei. Man muss aber im richtigen Moment die Ohren spitzen, um es zu bemerken.

Ich gehe auch gerne im Wald spazieren, genieße die Naturgeräusche. Gerade wenn fast nichts zu hören ist, finde ich es superschön. Ich habe ansonsten oft Ohrenstöpsel drin, auch tagsüber, besonders wenn ich fliege, oder im Tourbus. Und immer, wenn mich irgendwas an Geräuschen nervt – und das ist relativ häufig. Und wenn ich irgendwo bin und es reden Leute zu schnell und zuviel, dann bin ich ganz schnell weg. Diese akustische Umweltverschmutzung, die geht mir gehörig auf den Senkel.

Carina: Wenn du auf Tour bist, ändert sich im Laufe der Zeit auch das Programm?

Wolfgang: Im Vergleich zu vor einem Jahr haben sich manche Sachen minimal verändert. Es geht aber eher so ums Tempo. Man hat etwa nach langer Zeit auf Tour endlich mal das "richtige" Tempo gefunden. Denn im Studio ist es eine Momentaufnahme, du sagst: "Ich hab einen Song geschrieben, lass uns mal ausprobieren… So, so, wunderbar!".

Aber wenn du ihn live spielst, merkst du, an einer Stelle wird es jeden Abend schneller oder man treibt oder hängt. Bis man sagt, lass uns das mal in einem anderen Tempo versuchen! Und plötzlich erhält das Stück insgesamt einen anderen Swing oder ein anderes Feeling.

Was sich nicht ändert, sind die Grundstimmungen, weil die ja bereits durch mich vorgegeben sind. Durch die Art von Grooves, die ich spiele - die teilweise auch in der Clubmusik zuhause sind, gepaart mit Jazz - und meine Art, das Schlagzeug anzuschlagen. Was ich ja doch im Laufe der Zeit etwas spezialisiert habe… Und durch die Weise, wie ich die Harmonien setze und wie Hubert das umsetzt. Das Gefühl und auch die Atmosphäre der Songs ändert sich grundsätzlich nicht. Gut, dass man mal sagt, lass uns das Thema mal zweimal spielen – die Form, die ändert sich vielleicht minimal. Sowas schon. Und wir stellen mal zwischendurch Reihenfolgen um. Die Grundfesten des Programms aber stehen.

Ich bin ein sehr aufmerksamer Beobachter. Und ich habe mich bei so mancher Band gewundert, warum spielt jemand fünf Balladen hintereinander? Oder drei langsame Stücke, oder drei Stücke in c-moll? Leute, macht ihr euch keine Gedanken?! Es gibt Dinge, für die ich ein Händchen habe: das ist, für ein Publikum zu spielen. Und da gehört eben auch dieses Händchen dazu, dass man ein richtiges, ein spannungsvolles Programm macht. Und ich sage den anderen beiden: Wir spielen das und das und das!

Ich mache das nicht auf die Schnelle, sondern lasse das Set über Wochen, teilweise über Monate reifen – ich hatte im September bereits die Setliste für November. Ich schaue mir das Programm immer wieder an, höre mir MP3s irgendwelcher Konzerten an, bring die in eine neue Reihenfolge und schaue, ob es mich bewegt. Beispielsweise haben wir jetzt ein anderes Opening, mit dem haben wir auf der "Electric Shapes"-Tour angefangen. "Faceless", das ist jetzt unser erstes Stück. Vorher, die letzten zwei, drei Jahre, haben wir immer mit Balladen angefangen. Aber es hat sich nicht grundsätzlich viel geändert, so ein kleines Finetuning nur…

Wolfgang Haffner

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Wolfgang: Genieße jeden Moment maximal! Ich lebe im Hier und Jetzt, kümmere mich nicht darum, was in der Vergangenheit war und auch nicht, was in der Zukunft sein könnte. Weil das Leben jetzt stattfindet! Und da lebe ich ganz eisenhart danach. Im Hier und Jetzt sein. Und das ist übrigens auch ein Grund, warum man erfolgreiche Konzerte spielt: Weil das Publikum merkt, du bist im "Hier und Jetzt". Und das ist auch für einen Partner, für Familie, für Freunde ganz wichtig, dass sie sehen, du bist einfach präsent.

Carina Prange

CD: Wolfgang Haffner - "Round Silence" (ACT Records ACT 9605-2)

Wolfgang Haffner im Internet: www.wolfganghaffner.com

ACT Records im Internet: www.actmusic.com

Fotos: Steven Haberland

© jazzdimensions 2011
erschienen: 26.4.2011
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