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Lorenz Hargassner - "Musik bewegt…"

Der österreichische Saxophonist Lorenz Hargassner, der seit einigen Jahre in Hamburg lebt, legt dieser Tage sein zweites Album unter eigenem Namen vor. Nach "Diversityville" lautet der vielsagende Titel "Vitality". Und so klingt die Musik dann auch, sehr lebendig, agil, passend zur Jahreszeit, dem Frühling, wo alles grünt, blüht und wächst.

Lorenz Hargassner

Hargassner ist ein Geschichtenerzähler. Ohne Worte, rein instrumental tut er dies – und immer energiegelanden…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Lorenz Hargassner

Carina: Nach "Diversityville" folgt nun dein Album "Vitality" nach. Wieder eine bunte Mischung Musik. Wie hat sich dein musikalisches Konzept für das neue Album gegenüber der Vorgänger-CD geändert?

Lorenz: Mir ist es wichtig, das ein Album einen Bogen hat, eine Geschichte erzählt, dass es einen roten Faden gibt. Gleichzeitig ist mir immer noch Abwechslung und Vielfalt wichtig – eine reine Balladenplatte finde ich nicht so interessant, genauso wie wenn ständig Vollgas gegeben wird.

Auch auf "Vitality" gibt es modernen Jazz zu hören, wie er mir eben einfällt – meine eigene Musik, in der sich mein Geschmack, mein künstlerischer Ausdruck und die Inhalte, die ich vermitteln will wieder finden.

Lorenz Hargassner

Carina: Es handelt sich ja wohl um eine Live-CD... Inwieweit spürt man deiner Meinung nach die "Vibes" des Publikums durch die Musik hindurch? Und worin liegen deiner Meinung nach die Vorteile eines Livealbums gegenüber einer Studioproduktion?

Lorenz: Nein, "Vitality" ist kein Live-Album, auch wenn das Foto auf der alten Demo-Version das vermuten lässt – das stammt von unserem Auftritt beim "Jazz Open" Hamburg 2009.

Carina: Jedenfalls ist "Vitality" ja ein ganz "großer" Begriff. Vitalität und Lebenskraft, wie erklärst du dir, dass gerade eure Musik eben tatsächlich sehr danach klingt? Welchen Anteil hast du selbst daran, welchen die Band?

Lorenz: Ich glaube, dass ich ein sehr optimistischer, nach vorne denkender Mensch bin, der eine gewisse Begeisterungsfähigkeit hat und ausstrahlt. Es fällt mir auch leicht, andere Menschen für etwas zu begeistern und ich glaube, das geschieht auch bei unseren Konzerten. Mir macht es einfach Spaß, aus Freude am Leben Musik zu machen und ich möchte, dass die Musik das Leben bejaht und positive Vibes verströmt. Gerade der Modern Jazz bietet ja die Möglichkeit, vitale Kraft zu verströmen und das ist es auch, was mich selbst daran fasziniert.

Dazu kommt, dass das Thema "Vitalität" für mich im privaten auch einen neuen Aspekt bekommen hat – in der Zeit seit meiner letzten Platte bin ich zweimal Vater geworden und das hat meine Sicht auf das Leben deutlich verändert. Diese Lebensenergie, die sich in kleinen Menschen kristallisiert kann enorm ansteckend und erhebend sein.

Seit Jahren inspiriert mich dieses Zitat der legendären New Yorker Tänzerin und Choreographin Martha Graham, die im ersten Satz von eben dieser "Vitality" spricht, die in jedem von uns steckt und ihrer Meinung nach der Ursprung unserer Kreativität ist. Nicht zuletzt aufgrund dieser Gedanken wollte ich das neue Album so nennen.

Lorenz Hargassner - "Vitality"

Carina: Dein Entschluss, in erster Linie Altsaxofon zu spielen, inwieweit hat das ganz neue Möglichkeiten gegeben, ein offenes Terrain eröffnet? Spürst du, wenn du Tenor spielst, im Vergleich die "Tradition und das Jazzerbe" sozusagen auf deinen Schultern lasten?

Lorenz: Tenor spiele ich eigentlich fast nie in einem künstlerischen Kontext, den ich selbst wähle. Dabei beginne ich, dieses Instrument mehr und mehr zu verstehen und überlege schon, mir ein anständiges Horn anzuschaffen. Mich würde ein altes Buescher Aristokrat interessieren. Ich bin ein großer Fan der Vintage-Saxofone, nur beim Zubehör vertraue ich auf die neuesten Entwicklungen der Industrie. Vor allem die neuen Vandoren Mundstücke der Linie "V16" finde ich wunderbar gelungen, ebenso wie deren "Optimum"-Ligatur.

Das Alto ist wohl irgendwie mein Schicksal – manchmal habe ich das Gefühl, nicht ich habe mir dieses Instrument ausgesucht, sondern es sich mich. Ich habe in den Jahren meines Lernens immer vor allem auf einen guten Sound gesetzt, was sich sehr bezahlt gemacht hat. Der Ton macht eben die Musik – und ich glaube, mit einem interessanten Ton klingt jede Musik gleich interessanter.

Das gilt für hochwertige Aufnahmequalität übrigens genauso. Deswegen haben wir bei dieser Produktion darauf geachtet, eine besonders hochauflösende Klangqualität herzustellen, was uns, wie ich finde, ganz gut gelungen ist.

Ich liebe einfach die Eleganz eines weichen, warmen, sanglichen Altsaxofon-Tons – ebenso wie die Möglichkeit, offensive, energetische Linien spielen zu können, die genausogut von einer E-Gitarre stammen könnten. Zwischen Maceo Parker und Johnny Hodges liegt das ganze Universum des Altsaxofons, und Anthony Braxton bringt es in die dritte Dimension.

Carina: Das Stück "Peter's Blues" ist Peter Weniger gewidmet, von dem du viel gelernt hast. Was würde dir als erstes einfallen? Der Titel könnte auch anders verstanden werden – spielt er vielleicht auch ein wenig darauf an, dass Peter hier in Berlin ab und zu den Blues gekriegt haben mag?

Lorenz: (lacht) Ich glaube nicht, dass Peter irgendwann mal "den Blues" hat! Dafür ist er nicht der Typ. Ich habe ihn immer als sehr positiven Menschen erlebt.

Von ihm habe ich vor allen Dingen gelernt, wie man über Changes spielt. Dazu gehört ein gutes Verständnis für Harmonien, eine Übersetzung in Melodien und eine Technik, es zu üben. Peter hat eine sehr effiziente Arbeitstechnik entwickelt, von der man viel mitnehmen kann, wenn man sich ein solches Spiel aneignen will.

Natürlich haben wir auch viel über Sologestaltung und -entwicklung gesprochen, aber damit hatte ich mich auch schon vorher beschäftigt. Ich bin mit ihm vor allem beim Spielen über Akkorde ins Detail gegangen. Weil er das richtig gut kann und ich da besser werden wollte.

Lorenz Hargassner

Carina: Zu den beiden Songtiteln "Repeated Behaviour" und Sisyphos" gibt es jeweils eine erklärende Geschichte. Kann die Musik eines Stückes wie "Repeated Behaviour" dem Hörer etwas an Selbsterkenntnis bieten? Ist es die Aufgabe von Musik, einen Spiegel vorzuhalten?

Lorenz: Erst einmal kann – und soll! – Musik eine Atmosphäre erschaffen. Im Fall von "Repeated Behaviour" ist das eine Atmosphäre, die vielleicht so nachdenklich und reflexiv machen kann, wie ich war, als ich das Stück geschrieben habe.

Meine Zeit in New York war sehr viel von Nachdenken und Reflektieren geprägt. Dass Musik "einen Spiegel vorhalten" kann, glaube ich nicht – dafür ist das eine viel zu direkt emotionale Kommunikationsform, die ja weniger über den Intellekt als über das Herz und den Bauch funktioniert. Dann spricht sie mich jedenfalls an.

Carina: Wie fühlte sich der Song "Sisyphos" an? Gesungen hat ihn ja Hanna Jursch, die auch den Text beisteuerte. Gesprochen hast du ihn. Muss man sich mit einer Story identifizieren, wenn man sie live oder auf CD bringen will?

Lorenz: Der Song "Sisyphos" hat eine besondere Entstehungsgeschichte. Im Detail ist sie zu privat, um sie hier zu erzählen. Jedenfalls hat während der Entstehung dieses Stücks für mich ein Trennungsprozess begonnen, der zu einer neuen Beziehung geführt hat. Ausgangspunkt dafür war der Text von Hanna, der mir einfach im richtigen Moment das richtige gesagt hat.

Dadurch ergaben sich dann meine Gedanken, die in dieser seltsamen lyrischen Form – die man nicht wirklich "Rap" nennen kann – ihren Ausdruck fanden. Das war einfach eine organische Sache. Ich habe drüber nicht nachgedacht oder es geplant. Solche Stücke finde ich immer am besten.

Wenn ein Song einen sehr persönlichen Bezug hat, kann das schwierig sein. Nicht jeder will auch gar so nah ran an den Künstler, wenn er seine Musik hört. Aber ich glaube, dass sich auch andere Menschen in meinen Gedanken zu diesem Thema wiederfinden können und habe aus diesem Grund entschieden, den Song mit auf die Platte zu nehmen. Leicht habe ich mir diese Entscheidung aber nicht gemacht.

Lorenz Hargassner

Carina: Werden wir in dieser Richtung, also mit "spoken word" und Gesang, in Zukunft noch mehr hören? Geht es irgendwann vielleicht Richtung Rap?

Lorenz: Das glaube ich nicht, weil ich dafür doch zu gerne Saxofon spiele! (lacht) Aber eine Verbindung zwischen Text und Musik finde ich schon gut. "Jazz und Lyrik" war ja schon vor Jahrzehnten eine beliebte Kombination. Rap ist heutzutage halt ein Stilmittel, das gleich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene suggeriert. Und damit hängt eine gewisse Lifestyle-Aussage zusammen, die mich nicht besonders interessiert. Mir ist eher die grundsätzliche Aussage wichtig. Es könnte aber sein, dass ich aus diesem Grund nochmal so etwas mache.

Carina: Im Info heißt es in deinen Worten, um auf deine Definition von "Vitality" zurückzukommen: "Musik ist für mich der direkteste Weg, mit dem, das wichtiger ist als alles andere, in Kontakt zu treten. Das ist meine Definition von Spiritualität!" – Sind Künstler bzw. Musiker ohnehin eher verbunden mit spirituellen Dingen als andere Menschen?

Lorenz: Ich habe viele Künstler kennen gelernt, die sehr spirituelle Menschen sind. Und die ihre Spiritualität als zumindest eine wichtige Quelle ihrer Kreativität sehen. Für mich ist das auch so. Ich weiß nicht, ob man das pauschal für alle Künstler oder Musiker sagen kann. Ich kann nur sagen, dass es für mich wichtig ist.

Carina: Ist Spiritualität für jeden Menschen individuell etwas Unterschiedliches? Und ist sie immer positiv?

Lorenz: Wahrscheinlich stellt sich unter diesem Wort jeder etwas anderes vor. Dass jeder spürt, dass "da draußen etwas ist", glaube ich allerdings schon. Und das meine ich, wenn ich von Spiritualität spreche. Das hat nichts mit grünen Männchen, einem vollbärtigen lieben Gott oder irgendwelchen esoterischen Spielchen zu tun.

Sondern eben damit, dass, wie ich glaube, jeder spürt, wenn er einen Moment der Ruhe hat, dass es etwas gibt, "das wichtiger ist als alles andere". Einen solchen Zustand herzustellen ist doch ein erstrebenswertes Ziel, findest Du nicht?

Lorenz Hargassner

Carina: Ist es also deiner Ansicht nach möglich, Menschen, die scheinbar keinen Zugang zu ihrer Spiritualität haben, den Weg dorthin durch Musik zu eröffnen oder wiederzugeben? Ist das vielleicht die oft beschriebene "healing force" der Musik?

Lorenz: Musik kann einfach ordnen. Genauso, wie sie gedankliche Unordnung machen kann. Die "Goldberg-Variationen" von Bach gehören eher in die erste Kategorie, "Out to Lunch" von Eric Dolphy vielleicht in die zweite. Je nachdem, was einem gerade lieber ist, wird man die passende Musik für den Moment wählen.

Ich glaube schon, dass Kunst oder Musik enormes in einem Menschen bewegen kann. Aber dann liegt das eher an der Art der Rezeption – also bei Musik am Hörer oder Konzertbesucher, der eben in einer bestimmten Stimmung oder Einstellung an die Sache rangeht. Wirklich verändern kann man sich nur selbst!

Carina Prange

CD: Lorenz Hargassner - "Vitality" (Unit Records UTR 4268)

Lorenz Hargassner im Internet: www.lorenzhargassner.com

Unit Records im Internet: www.unitrecords.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2011
erschienen: 7.3.2011
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