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Jochen Rückert - "Ein Kölner in New York"

Lange hatte der Schlagzeuger Jochen Rückert gezögert, bis er sich endlich an das Schreiben eigener Kompositionen heranwagte und sich an den Gedanken eines Albums unter seinem Namen gewöhnte. Nun legt der gerade nach zehn Lebensjahren in Brooklyn nach Manhattan gezogene Musiker mit "Somewhere Meeting Nobody" sein Debüt vor.

Jochen Rückert

Lange Nächte hat er sich dafür mit Kopfhörern bewaffnet ans Klavier seiner Wohnung gesetzt und komponiert. Das Team, mit dem Rückert seine Eigenkompositionen und u.a. Herbie Hancocks "The Sorcerer" eigenwillig und druckvoll umsetzt, besteht aus bekannten Namen der New Yorker Szene: Mark Turner, Brad Shepik und Matt Penman.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Jochen Rückert

Carina: Seit 1998 bist du in New York. Was ließ dich dort eine neue Heimat finden? Was ist für dich musikalisch und vom Spirit das, was dich in New York am meisten inspiriert?

Jochen: Außer den ganz offensichtlichen Nachteilen von New York – die Stadt liegt in "Amerika", es riecht tatsächlich nach Pisse in der U-Bahn, im Winter hat es minus 20 Grad, im Sommer immer 35 Grad, Frühling existiert nicht –, gab es für mich folgende Gründe zu bleiben: Es wird nicht auf Deutsch oder Französisch gehiphopt; es wird großzügig eingeschenkt; die Frauen rasieren sich die Beine; Ananas wird einem nicht ins Curry geschummelt, und es leben und spielen mit riesigem Abstand die meisten Jazzmusiker dort.

Jochen Rückert

Carina: Wenn man mehr als zwölf Jahre in New York lebt, kann man dann da wieder weg? Und geht einem der Dauerstresspegel auf die Nerven?

Jochen: Ich kann mir im Moment persönlich nicht vorstellen, woanders zu wohnen, solange ich Musik spiele. Außer, sagen wir, ich reiße mir aus Versehen im Aufzug den Arm ab, oder so. Dann würde ich nach Südspanien oder Hawaii ziehen, wo das Wetter nicht so krass ist, wie an der US-Ostküste. Und überhaupt: Welcher Dauerstress? Eigentlich finde ich, dass es hier recht friedlich ist.

Carina: Du spielst Jazz, aber auch Punkrock, Rockmusik und elektronische Musik...

Jochen: Im Moment spiele ich eigentlich nur in Jazzbands. Die Rocksachen sind alle im Sande verlaufen, elektronische Musik programmiere ich immer noch wie besessen. Allerdings ist die Musik ist so komplex, dass ich sie noch nicht live umgesetzt habe.

Carina: Ansonsten, befruchten sich diese verschiedenen Musikrichtungen gegenseitig?

Jochen: Ja, schon. In einigen der Rockbands, in denen ich gespielt habe, waren auch Jazzmusiker, wie Seamus Blake bei Moosejaww und Kris Bauman bei Worldclass Bass. Insofern waren diese etwas von Jazzharmonie beeinflusst. Andersrum vielleicht nicht so sehr.

Jochen Rückert - "Somewhere Meeting Nobody"

Carina: Kannst oder willst du dich nicht auf ein Genre festlegen? Wenn du es aber müsstest, welches wäre das?

Jochen: Ich könnte mich schon auf "nur Jazz" festlegen. Kein Problem. Die anderen Sachen sind zwar interessant, aber logischerweise liegt mir Jazz am meisten am Herzen.

Carina: Du hast mit sechs Jahren angefangen, Schlagzeug zu spielen. Das ist relativ früh.

Jochen: Ja, relativ.

Carina: Haben deine Eltern auch Musik gemacht? Dein Bruder ist ja Pianist. Eine musikalische Familie...

Jochen: Mein Vater spielt Klavier und Orgel in der Kirche, meine Mutter nichts. Mein Vater hatte ein paar ECM-Platten und mein Bruder eine gute Jazz-Plattensammlung, an der ich mich bedienen durfte.

Carina: War für dich tatsächlich von Anfang an klar, dass das Schlagzeug "dein" Instrument ist?

Jochen: Ja.

Carina: Du spielst Bass bei der Band "Worldclass Bass", wie kam es dazu und was fasziniert dich am Bassspielen?

Jochen: Worldclass Bass war Altsaxofonist Kris Baumans Band. Wir kannten uns schon lange. Er hatte Probleme, einen Bassisten zu finden, der seinem Stil entsprach und auch die etwas komplizierteren Stücke verstand. Er hatte dann immer so komische Typen mit Ziegenbart und Nickelbrille, die eigentlich besser in Dave Mathews Band passen würden.

Da dachte ich mir, so geht's nicht weiter und habe dann einen Bass geliehen und das Spielen gelernt. Ich kann außer den Stücken von Kris eigentlich nichts anderes auf einem Bass. Fasziniert hat mich am Bassspielen hauptsächtlich das Gewicht von Kris Bassverstärker.

Carina: Du bist im Bereich Programming, Remixing und als Produzent für andere Musiker tätig. Wie hat sich das entwickelt?

Jochen: Also, angefangen zu programmieren habe ich vor zirka sieben Jahren, nachdem mir Markus Schmickler das Album "Find Candace" von Venetian Snares vorgespielt hatte. Das war der Anstoß. Dann war ich unglaublich viel unterwegs und das Programmieren war und ist ein super Zeitvertreib.

So ähnlich kam es auch zu meinem Buch "Read the Rueckert", das bei Ibooks erhältlich ist. Ein paar Leuten gefiel das, was ich programmiert habe. Dann kamen die Anfragen für Remixes und Produktion. Ich bin gerade dabei, die neue Platte von Drew Gress zu mischen. Mal schauen, was dabei rauskommt.

Carina: Bis auf wenige Unterrichtsstunden hast du dir fast alles selbst beigebracht, nicht?

Jochen: Ja, mehr oder weniger. Als Kind hatte ich Unterricht bei Gabor Antal, dann kurz bei Uwe Ecker, dann bei Kuetti & Keithy an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, dann ein paar Stunden in NYC .

JR, B.Sheppik, M.Penman, M.Turner

Carina: Lernen kann man durch Sehen, Hören, Fühlen... Was ist deine Herangehensweise?

Jochen: Hm. Das ist lang her, dass ich mir darüber Gedanken gemacht habe. Ich würde eher sagen: Lernen durch Sehen, Hören, Üben... üben... üben... üben... üben... üben... Auch eine gute Portion "nachmachen" war dabei! Etwas, wovor sich die Europäer oft scheuen.

Carina: Du machst programmierte Musik unter dem Pseudonym Wolff Parkinson White, was der Name einer Krankheit ist, die du hast...

Jochen: Ich bin mit dem Herzfehler "Wolff Parkinson White Syndrom" geboren. Die Sache wurde mit einer Ablation 1995 behoben. Die Krankheit war, sag ich mal: "prägend". Insofern lag es nahe, sie als Pseudonym fuer meine elektronischen Sachen zu benutzen. Ich benutze ein Pseudonym, damit diese Musik nicht mit meinen Jazzsachen verwechselt wird.

Carina: Die Verpackung für deine Veröffentlichung als Wolff Parkinson White war aus Klettband gemacht und du hast darüber gesagt, du würdest hoffen, "sie fasst sich genauso unbequem an, wie der Inhalt sich anhört." Muss Musik unbequem sein?

Jochen: (lacht) Der Stil der Musik ist etwas gewöhnungsbedürftig. Ich lege es drauf an, dass man beim Zuhören eigentlich überhaupt nicht weiß, was los ist, vor allem rhythmisch. Neuerdings programmiere ich das meiste in Vierteltönen oder anderen mikrotonalen Verschiebungen, damit es noch verwirrender wird. Deshalb unbequem bzw. unangenehm.

Carina: "Somewhere Meeting Nobody" ist der Titel deines neuen Albums. Erzähl mal die Geschichte dazu.

Jochen: Erst kam das Stück "Somewhere Meeting Nobody", benannt nach dem Gefühl , das ich manchmal auf Tour bekomme: Man fliegt irgendwo hin, spielt Musik, und selbst wenn es gut geht und man eine Verbindung zum Publikum herstellt, fühlt man sich so, als würde man niemand Neues mehr treffen.

Oft weiß ich gar nicht mehr, wo ich genau bin! Hotelzimmer sehen komischerweise auf der ganzen Welt gleich aus. Da kommt der Titel des Stücks her. Die anderen Titel waren nicht so geeignet als Albumtitel, deshalb heißt die CD jetzt "Somewhere Meeting Nobody".

Dooferweise höre ich jetzt immer so den Unterton in der Presse: Oh, der Jochen. So einsam in New York. Ach, der Arme. Schon so lange da und immer noch ganz alleine. Das ist natürlich falsch und ich distanziere mich davon!

Jochen Rückert

Carina: Auf dem Album finden sich bis auf zwei Stücke alles Eigenkompositionen von dir. Wie hat sich das Komponieren für ein ganzes Album angefühlt?

Jochen: Ach, es war am Ende halb so wild, wie ich mir vorgestellt hatte und ging schneller als erwartet. Sobald ich mich damit angefreundet hatte, dass irgendwie alles gleichzeitig zu kurz, zu lang, zu einfach, zu kompliziert, zu schwul und zu homophob sein kann, flutschte es ein bisschen mehr.

Leicht peinlich für mich war, meine Anfängerstücke einem Genie wie Mark Turner auf den Notenständer zu legen... Das versteht sich von selbst. (lacht)

Carina: Und wenn du die Musik jetzt, einige Zeit später, hörst, wie geht es dir damit? Ist das ungewohnt?

Jochen: Ich musste mir die Platte ja zigtausendmal zur Auswahl der Takes und beim Hin und Her von Mischen, Mastering anhören. Das heißt, ich lasse sie noch ein bisschen ruhen, bis ich sie mir nochmal anhöre. Ich schreibe ja auch schon Stücke für die nächste Platte ... Interessant ist, dass ab und zu in anderen Bands ein Stück von der Platte gespielt wird. Absoluter Favourit scheint "Bridge and Front" zu sein – das erste Stück, das ich für dieses Projekt geschrieben hatte.

Carina: Warum ist gerade Herbie Hancocks "The Sorcerer" mit auf das Album gekommen? Was verbindest du mit dem Stück und mit Herbie Hancock?

Jochen: Nun ja. Man muss ja auch mal Farbe bekennen und ein gutes Stück aufnehmen! Für mich und viele Kollegen sind die Platten vom zweiten Miles Davis Quintett und ihren einzelnen Mitgliedern in den 60er Jahren Klangideal in allen Hinsichten.

Jochen Rückert

Carina: Und Martin Gores "To Have and to hold", was ist dein Bezug zu diesem Stück?

Jochen: Ich bin gar kein großer Fan der Musik der 80er oder von Depeche Mode. Das Stück fiel mir auf, als ich es bei einem Deftones-Konzert als Cover hörte.

Ich wollte ein Stück haben, wo Mark mal einfach nur über C-Moll spielt ... nur C-Moll! Das ist heutzutage fast unmöglich, selber sowas zu schreiben. Da muss die Popmusik dann herhalten.

Carina Prange

CD: Jochen Rückert - "Somewhere Meeting Nobody" (Pirouet Records PIT 3055 )

Jochen Rückert im Internet: www.wolffparkinsonwhite.com

Pirouet Records im Internet: www.pirouet.com

Fotos: Pressefotos (Konstantin Kern)

© jazzdimensions 2011
erschienen: 15.8.2011
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