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Hubert Nuss - "Die Spektralfarben der Musik"

Der Pianist Hubert Nuss ist vieles: Hauptfachdozent für Jazzklavier an der UdK in Berlin, begleitender Musiker u.a. im Wolfgang Haffner Trio, aber ebensooft zu hören in seiner eigenen Besetzung auf Tour und CD. Die große Liebe des vielseitig engagierten und interessierten Kölners gilt der Musik in all ihren Facetten. Und nicht nur der Musik, auch die bildenden Künste, sprich, die Malerei und das Zeichnen gehören dazu.

Hubert Nuss

Auf seinem neuesten Album "The Book of Colours" fließen sie mit ein, die Bilder der Künstler, die er bewundert – so finden sich einige Hommagen an seine persönlichen "Lieblinge" aus der Kunst. Stark beeinflusst wurde Nuss von Messiaen, der ebenfalls Klänge mit Farben assoziierte. "The Book of Colours" nun zeigt die Fähigkeit des Hubert Nuss, Musik tatsächlich "zu malen": je nachdem mit sanftem Pinselstrich oder mit druckvoller geschwungener Linie. Nuss und seine Triopartner Goldsby und Riley tragen die Farbtöne des gemeinsamen musikalischen Werkes vorsichtig und doch treffsicher auf. Daraus entsteht ein farbenprächtiges, nuancenreiches Gesamtbild…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Hubert Nuss

Carina: Über dein Album "The Underwater Poet" schrieb ich 2002 im Onlinemagazin Jazzdimensions u.a.: ".Eine sehr bilderreiche Sprache zwischen Jazz und klassischer Musik zeichnet die Arbeit des Trios mit John Goldsby und John Riley aus." Was hat sich deiner Meinung nach an dem musikalischen Ansatz von 2002 bis 2010 verändert?

Hubert: Nichts Grundlegendes. Ich versuche immer noch, eine Musik zu machen, die ich selbst gerne hören möchte. Ein bisschen verfolge ich dabei eine schon früh relativ klare Vision, in deren Richtung ich mich kontinuierlich bewege, ohne vielleicht ihre Vollendung jemals erreichen zu können.

Hubert Nuss

Carina: Auch das neue Album wurde mit Goldsby und Riley eingespielt. Wie wichtig ist deiner Meinung nach eine langjährige gleichbleibende Besetzung? Inwiefern läßt sie den Sound "wachsen"?

Hubert: Sie ist sehr wichtig, aber es ist auch nicht alles. Noch wichtiger ist für mich die künstlerische und handwerkliche Qualität des Spiels eines jeden einzelnen Bandmitglieds. Dann kann man ohne zu proben auf die Bühne oder ins Studio gehen und die Musik entsteht.

Obwohl wir seit 1997 im Trio gespielt und aufgenommen haben, sind wir keine "working band" im strengen Sinne. Bei uns hat einfach von Anfang alles gepasst, deshalb komme ich immer wieder gerne auf John Goldsby und John Riley zurück. Es ist für mich eine Ehre und Freude, mit so einer Rhythmusgruppe spielen zu dürfen.

Carina: Das Farb-Diagramm, welches das Cover schmückt, ist ja. siehe Booklet, Teil deiner "Notenwelt" für die neue CD. Erklär mal, wie gerade dieses "Farbpuzzle" entstanden ist, wie es sich entwickelt hat.

Hubert: Das Diagramm ist ein Werk des hervorragenden Grafikers und Fotografen Konstantin Kern, der die meisten PIROUET-Cover entworfen hat. Zum Fototermin hatte ich mein persönliches "Book of Colours" mitgenommen, in dem ich meine musikalischen Ideen zu den Farbmodi und zu speziellen Akkordvoicings sammle.

Darin befindet sich ein von mir kolorierter Kreis, der den Quintenzirkel und seine symmetrischen Unterteilungen zeigt. Wir haben uns über meine Vorstellungen von Farbassoziationen unterhalten. Das hat dann wiederum Konstantin dazu inspiriert, das Cover neu zu entwerfen, und das Ergebnis ist dieser wunderschöne abstrakte Farbkristall.

Hubert Nuss - "The Book of Colours"

Carina: Beispielsweise der Schweizer, als "Musicalist" bezeichnete, Künstler, Charles Blanc-Gatti, hat auch an einem "Color-Music"-Congress teilgenommen. Wie sehr hast du dich im Vorfeld mit seiner Kunst beschäftigt und wie kam es, dass du ihm ein ganzes Stück auf deinem Album gewidmet hast?

Hubert: Charles Blanc-Gatti war einer der Lieblingsmaler von Olivier Messiaen. Ich habe lange recherchiert, aber nur wenige Abdrucke seiner Arbeiten gesehen, die mich sofort tief berührt haben. Das ihm gewidmete Stück ist eine Improvisation über sein Gemälde "Orgue", das eine farbige Kirchenorgel darstellt, deren Klang durch farbige Kreise visualisiert wird.

Carina: Farben, Formen und Töne, Klänge – wo siehst du Querverbindungen? Wie sehr sind sie Teil unserer Wahrnehmung, was bedeuten sie deiner Meinung nach für das Verständnis von dem, wie wir die Welt sehen und wahrnehmen?

Hubert: Ich denke, es ist ein Spiegel unserer Wahrnehmung. Genau so wie sich Bilder von den Grenzen unserer Wahrnehmung, zum Beispiel Fotographien vom Makro- und vom Mikrokosmos, verblüffend gleichen, können von Wahrnehmungen verschiedener Sinnesorgane hervorgerufene Emotionen zu einem einzigen Sinneseindruck verschmelzen: ein im Kerzenlicht schimmernder Kristall klingt wie eine konkrete Akkordkomplexion.

Hubert Nuss

Carina: Es klingt so, wenn man das "Drumherum" betrachtet, als wenn der Ansatz für dein neues Album eher ein "intellektueller" ist, der Farbspektren und Musik zu vereinen sucht. Die Musik klingt aber eher entspannt und auch mal verspielt. Wie erklärst du in diesem Zusammenhang deine Intention für das Album?

Hubert: Farben und Musik haben für mich eine rein poetische Analogie, wissenschaftlich ist da nichts zu holen. Aber diese bildhafte Verbindung genieße ich in vollen Zügen: leuchtende Edelsteine, schillernde Buntglasfenster, magische Regenbogen, bunte Sternenhaufen...das hat nichts Intellektuelles, das ist Emotion pur!

Carina: Einer deiner Kompositionen auf "The Book of Colours" trägt den Titel "The Water of Life" – was bewog dich zu dem Titel dieser 14. Komposition?

Hubert: Titel sind bei mir oft auch Codierungen von spezifischen Inspirationen, die zu der Musik geführt haben. Deshalb sei dazu auch nicht mehr gesagt – ...sonst bräuchte man ja nicht die Musik sprechen lassen! Hier ist der Fall aber relativ klar: ein Bild von fallendem Wasser, das gleißendes Sonnenlicht in vielfarbige Regenbogen aufbrechen lässt.

Carina: Du bist ein vielgefragter Sideman, bist gerade mit Wolfgang Haffner auf Tour gewesen (in Berlin und Ingolstadt stand ich im Publikum). Welche deiner Qualitäten als Musiker macht dich so gefragt, was denkst du?

Hubert: Da solltest Du andere fragen! Ich sehe mich als Lernenden, versuche mich jedes Mal weiter zu entwickeln. Es gibt so viel gute Musik, an der ich mich selbst erproben kann, an der ich lernen kann für meine eigene Vision. Deshalb versuche ich, mein Bestes zu geben. Manchmal gelingt das sogar! (lacht) Mit einem Meister wie Wolfgang Haffner aber über mehrere Jahre unterwegs sein zu dürfen, ist ein besonderes Geschenk.

Hubert Nuss

Carina: Du bist seit 1999 als Dozent an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln tätig. Die Studiengänge für junge Musiker sind ja inzwischen sehr komplex und es wird sehr viel technisches Fachwissen vermittelt. Was kann man denn jungen Musikern noch mit auf den Weg geben, damit sie ihren eigenen musikalischen Weg entdecken und gehen können?

Hubert: Ich arbeite mit den Studenten auf verschiedenen Ebenen und versuche mit ihnen sämtliche Aspekte ihres Spiels zu durchleuchten. Dabei sind grundlegende körperliche und psychische Vorgänge entscheidend, die einen in die Lage versetzen, sich in jeder Kunstform frei ausdrücken zu können. Solides Handwerk ist und bleibt die Basis, auf der man die mannigfaltigsten stilistischen Gebäude errichten kann. Je mehr Musik man kennt, desto mehr kommt man in die Lage, in Musik sprechen zu lernen, sich musikalisch und künstlerisch zu entfalten. Wenn man das richtig macht, ist die Individualität der Aussage eine zwangsläufige Folge.

Salvador Dali wird das Zitat zugesprochen: "Versuche nicht krampfhaft modern zu sein! Es ist das einzige, was du sowieso nicht vermeiden kannst." Leicht abgewandelt könnte man sagen: "Versuche nicht krampfhaft Du selbst zu sein!"…

Carina Prange

CD: Hubert Nuss - "The Book of Colours" (Pirouet Records PIT3051)

Pirouet Records im Internet: www.pirouet.com

Fotos: Pressefotos (Konstantin Kern)

© jazzdimensions 2011
erschienen: 20.2.2011
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