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Edda Magnason - "Ohne Gefühl ist Perfektion gar nichts"

Die schwedische Songwriterin Edda Magnason macht bereits mit ihrem zweiten Album mächtig Eindruck und heimst Lobeshymnen ein. Für "Goods" schrieb sie nicht nur die Musik selbst, sondern gestaltete auch das Cover, für das sie sämtliche Grafiken selbst entwarf.

Edda Magnason

Mit ihren sehr eigenwilligen Stücken schrammt Edda Magnason immer hart am Pop vorbei, und verleugnet nicht ihre sehr breit gefächerten Einflüsse wie Björk, Supertramp oder Frank Zappa und – last, not least – auch die schwedische Folkmusik.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Edda Magnason

Carina: Dein aktuelles Album "Goods" erschien bei Adrian Recordings – eine, wie es heißt, seit deinem Debütalbum "Edda Magnason" geplante Zusammenarbeit. Wie kamt ihr zusammen?

Edda: (lacht) Das "Zusammenkommen" war nicht das Problem, weil Magnus Bjerkert, der Labelchef, und ich uns sowieso ständig über den Weg laufen. Wir leben nämlich in derselben Stadt und er kennt mich und meine Musik schon lange.

Carina: Was fandst du interessant an seinem Label? Gibt es etwas wie ein Labelimage, eine Leitlinie, oder so ähnlich?

Edda: Es ist ein junges Label und Magnus ist ein Pragmatiker. Grundsätzlich stehe ich auf die kreative Freiheit, die du bei Indie-Labeln immer findest: Ach du kannst Grafik? Wie wär's, möchtest du nicht dein Cover selbst gestalten? So etwa… Gleichzeitig arbeitet man bodenständig und voll des Willens, das beste Label der Welt zu sein. Das gefällt mir.

Edda Magnason

Carina: Dein Erstlingswerk, um das mal von vorn aufzurollen, erschien ja auf Caprice Records?

Edda: Nun, ursprünglich stand im Raum, dass ich es auf Adrian veröffentlichen könnte. Aber dann kam dieses landesweit agierende Jazz- und Klassiklabel mit nicht unbeträchtlichem Ruf daher; so ein wandelndes Statussymbol… Ich muss zugeben, dass ich davon geblendet war und natürlich draufhüpfte.

Glaub mir, dadurch habe ich sehr viel dazugelernt! Sie vereinbarten dann eine Aufnahmesession in einem Konzertsaal mit einem Flügel, der mindestens eine Million kostete (schätzte ich). Alles wirkte bierernst! Ich war so nervös, dass ich keinen graden Ton herausbrachte. Schweigen wir davon.

Die Sache mit dem "tollen Label" war eine lehrreiche Erfahrung. Seitdem sind mir schicke Studios mit wichtigen Leuten drin sowas von egal. Es kommt ganz allein auf die Einstellung an, mit der man an die Dinge herangeht, weiß ich jetzt.

Edda Magnason - "Goods"

Carina: Gibt es grundsätzlich Unterschiede zwischen deinem Debüt und "Goods"?

Edda: Einen wichtigen Unterschied macht es, dass ich jetzt viel mehr Erfahrung habe, als damals. Und das Umfeld der Aufnahme war auch ein völlig anderes. Das Studio von Christoffer Lundquist ist in einer Scheune irgendwo auf dem Land, genauer in Skåne in Südschweden. Viel Holz umgibt dich da, es ist einfach gemütlich und heimelig. Außerdem hat er da Massen uralter Instrumente rumliegen.

Für Christoffer ist das Studio wie ein Teil seines Körpers, so selbstverständlich geht er mit der Technik um. Manchmal habe ich gar nicht mitbekommen, dass die Aufnahme lief, so beiläufig machte er das. Total spielerisch – und alles analog!

Wir haben zum Abmischen keine zwei Tage gebraucht. Wir arbeiteten einfach nach Gefühl und schalteten jeden bewussten Gedanken ab. Wenn das Feeling zu fehlen schien, legte Christoffer entweder eine Pause ein oder machte ganz radikal Schluss für den Tag.

Carina: Christoffer Lundquist hat nicht nur den Ton gemacht, sondern bei den Aufnahmen auch den Bass gespielt, die Gitarre und Percussion. Und er hat gemeinsam mit dir die Produzentenrolle übernommen. Wie würdest du seinen Beitrag insgesamt umreißen?

Edda: Christoffer war mein Toningenieur und mein "Spielkamerad". Und er war unschätzbar wertvoll als das "frische Ohr" bei der Sache.

Edda Magnason

Carina: Erwiesen sich eure Doppelrollen als Produzent und Musiker immer als gute Sache, weil ihr deshalb eine "Innensicht" auf die Produktion hattet?

Edda: Ich finde, schon. Wenn man die Sache zu sehr von außen angeht, dann verschwindet das Herzblut. Du denkst zu viel darüber nach, wie andere Leute die Musik auffassen, ob sie sie mögen würden. Ich finde, man muss drin sein im Prozess.

Carina: Ihr hättet eine "gemeinsame Wellenlänge" – etwa das waren die Worte, mit denen du die Zusammenarbeit mit Christoffer charakterisiert hast. Beschreibt das auch schon die Magie, die vielleicht noch darin steckte?

Edda: Ich war ja gut vorbereitet, als ich im Studio auftauchte, wollte aber nicht alles bis ins letzte planen. Ich hatte absichtlich Spielraum gelassen, betreffend der Sounds und Arrangements. Ich wollte im Studio wirklich kreativ sein, nicht bei den Aufnahmen lediglich einer Blaupause folgen.

Das mit der "Wellenlänge" hört sich etwas abstrakt an. Es war eher ein gemeinsames Tempo beim Erfassen der Dinge, ein Flow. Das ist wichtiger als man vielleicht denkt. Es geht darum, im gleichen Moment spontan sein zu können, um eine bestimmte Frische zu erhalten.

Carina: Nochmals zur ersten und zur zweiten Platte – auf welcher musikalischen Ebene unterscheiden sie sich?

Edda: Einige Stücke, die sich auf "Goods" befinden, waren ursprünglich für das Debüt geschrieben worden, passten dann aber doch nicht. Trotzdem liegt der Unterschied zwischen den Alben eher in meiner persönlichen Entwicklung begründet, als in einer musikalischen. Der Ausdruck ist im Grunde nicht sehr viel anders. Vielleicht verwende ich andere Stimmungen und Farben, aber Herz und Seele, um das mal so auszudrücken, sind dieselben.

Carina: Macht vielleicht bereits die Komplexität der Arrangements den Unterschied?

Edda: Wir haben natürlich ausgiebiger an den Stücken gearbeitet. Trotzdem empfinde ich "Goods" als weniger ernsthaft. Vielleicht, weil ich mich früher niemals getraut hätte, einen Song wie "Handsome" auf einer Platte zu veröffentlichen, ein simpel gestricktes Lied, in dem Zeilen vorkommen wie "Komm, tanz mit mir, bis der Morgen kommt!". Das stammt eindeutig aus einer "Mir-doch-wurscht-was-ihr-denkt"-Periode! Der Song wird übrigens auch als Single veröffentlicht!

Carina: Weil deine Musik so frisch und unbeschwert klingt, frage ich mal direkt, ob du dich als humorvollen Menschen betrachtest…

Edda: Wenn ich mich selbst zu ernst nehmen würde, sollte ich besser den Mund halten, finde ich! Zumindest nicht aufschreiben, was ich denke. Es muss immer ein Gleichgewicht da sein, zwischen dem absolut Kindlichen, der vielleicht sogar "kindischen" Freiheit, und dem Erwachsenen in dir. Dem, der erklärt, der gerade rückt und der den nach außen "respektablen" Teil von dir darstellt.

Edda Magnason

Carina: Deine Songs würden – das steht, glaube ich, so im Pressetext – eine "andere Wirklichkeit" erschaffen. Wie macht man das? Und hast du ein Rezept dafür?

Edda: (lacht) Haha, keine Ahnung! Ich glaube, jegliche kulturelle Schöpfung erzeugt ihre eigene Realität. Es stellt sich nur die Frage, ob die dir dann gefällt oder nicht!

Carina: Als Singer-Songwriter, findet man sich da automatisch in der Position wieder, dass man den Lauf der Welt kommentiert? Wird man zum Botschafter in eigener Sache?

Edda: Ich glaube nicht, dass ein Singer-Songwriter unbedingt zu allem eine Meinung haben muss und die wiedergeben sollte. Eine solche Pflicht besteht nicht. Ein Künstler ist kein Nachrichtensprecher! Dinge kann man entweder erzählen, was gut ist. Oder man kann sie vorleben, was manchmal besser ist. Wir brauchen eine Art von Oasen, um die Energie zu tanken, uns mit der Realität des Lebens auseinanderzusetzen. Das ist das Schöne an Musik und Kunst. Du kannst einerseits damit die Alarmglocken läuten, aber auch den Menschen einfach nur Freude schenken.

Carina: Seit wann spielst du eigentlich Klavier? Hattest du Unterricht?

Edda: Das meiste habe ich mir selbst beigebracht. Ich hatte allerdings Klavierunterricht während meiner Schulzeit und hatte viele gute Lehrer, die versucht haben, mir Noten beizubringen und all das… (lacht) Aber ich wollte eigentlich immer nur Songs schreiben.

Carina: Du hast das Cover und die meisten Illustrationen im Booklet gezeichnet, während ihr im Studio wart. Hast du sozusagen "zur Musik" gezeichnet? Haben die Bilder vielleicht umgekehrt auch die Musik beeinflusst?

Edda: Zeichnen ist für mich wie Meditation. Ich bedeutet viel weniger Energieaufwand. Eine Verbindung zwischen der Musik und den Bildern gibt es – ganz klar auch deshalb, weil beides von mir ist! Die Covergrafik zu "Goods" habe ich parallel zu den Aufnahmen gezeichnet, abends oder an freien Tagen.

Ein paar Motive hatte ich schon, wie die Idee zu "Falling Asleep To A Kitchen Conversation" und die aufgeklappte Frau. In diesem Stil wollte ich auch den Rest der Grafiken auch machen. Als wir "One Man Show" aufgenommen hatten, bei dem wir eine Tap-Dance-Orgie in Cowboystiefeln veranstaltet hatten, fiel mir eine Illustration mit einem mexikanischen Flamenco-Tänzer ein, die ich mal gemacht hatte. Die passte prima.

So arbeite ich halt… Einen Plan oder ein System gibt es nicht. An Pläne würde ich mich eh nicht halten, also mache ich besser alles nach Gefühl. Egal ob es um Musik geht, oder um Grafik.

Carina: Warum ist das Kamel auf dem Frontcover gelandet?

Edda: Naja, das erste Album war in Blau gehalten und wirkte sehr "nordisch" mit dieser Strickjacke und so. Ich wollte eine "südlichere" Stimmung, gewissermaßen.

Carina: Und die Silhouette der "aufgeklappten Frau", ist das ein Selbstportrait?

Edda: Ja, wenn du genau hinschaust, erkennst du mich sogar.

Edda Magnason

Carina: Hat es dir immer schon Spaß gemacht, zu zeichnen und zu illustrieren? Möchtest du einfach eine "komplette Arbeit" abliefern, wo Musik und Verpackung aus einer Hand sind?

Edda: Grundsätzlich stehe ich auf alles Handwerkliche. Zeichnen, aber auch Nähen oder Verzieren. Besonders, wenn es darum geht, aus nichts etwas zu machen. Diese absolute Konzentration, wenn sich alles um die Fertigstellung eines Puppenkleids dreht, oder um das Bild, das man gerade malt…

Carina: Musikalischer Perfektionismus – wie stehst du dazu eigentlich?

Edda: Manchmal muss man "perfektionistisch" an die Dinge herangehen, um eine gewünschte Aussage zu treffen. Nimm die "Mona Lisa", das ist ein perfektes Kunstwerk. Aber sie lächelt nicht so, weil sie so perfekt ist! Ohne Gefühl wäre Perfektion gar nichts.

Es ist nicht so, dass ich das Perfekte scheue. "Perfekt" kann etwas gerade dann sein, wenn der "richtige falsche Ton zur rechten Zeit" gespielt wird. Perfektionismus ist demnach nichts als der "Wille, die Dinge zu vollenden". Oder liege ich da so falsch?

Carina: Hast du Vorstellungen davon, wie du das Album auf der Bühne präsentieren wirst? Was für eine Besetzung wirst du haben?

Edda: Ich habe jetzt 'ne richtige Rockband. Mit Schlagzeug, Bass, Keyboards und Gitarre. Und das kommt mir mächtig exotisch vor!

Carina Prange

CD: Edda Magnason - "Goods" (Adrian Recordings arcd 127)

Edda Magnason im Internet: www.eddamagnason.com

Adrian Recordings im Internet: www.adrianrecordings.com

Fotos: Pressefotos (Peter Westrup)

© jazzdimensions 2011
erschienen: 25.11.2011
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