Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / portraits / 2010
Solveig Slettahjell - "Worüber sich zu schreiben lohnt"

Es sind die kleinen, oft winzigen und sehr alltäglichen Dinge, aus denen die Sängerin und Songschreiberin großartige Lieder spinnt. Und auf dem neuen Album "Tarpan Season" kommen ein paar Emily Dickinson-Gedichte hinzu, die Slettahjell und ihr Slow Motion Orchestra musikalisch und eigenwillig schön umsetzt.

Solveig Slettahjell

Die Musik des Albums basiert auf einem Kompositionsauftrag, den die Künstlerin im Auftrag für das Vossa Jazz Festival 2009 geschrieben hatte. Musik zwischen Jazz und Pop - und auf alle Fälle ganz anders als erwartet.

Carina Prange sprach mit Solveig Slettahjell in Berlin.

Carina: Wie wichtig ist dir es, dass sich deine Musik im Kontext einer permanenten Band abspielt?

Solveig: Oh, ziemlich wichtig, glaube ich! Wir können so die Musik schneller auf den Punkt bringen. Es ist nicht nötig, lange zu debattieren und zu erklären. Wir erkennen schnell, was wir tun oder lassen sollten. Obendrein, wenn man so lange zusammenarbeitet, dann entwickelt sich einfach eine Freundschaft. Wir mögen uns auch gegenseitig. Darüber freue ich mich immer.

Carina: Dein neues Album "Tarpan Season" würde, so erzählst du, die "Großen Themen des Lebens auf möglichst einfache Weise" behandeln. Welche großen Lebensthemen meinst du?

Solveig: Nun, das sind beispielsweise Liebe und Verlust, Elternschaft und Einsamkeit, Leben und Tod, Aufwachsen, Schwimmen gehen, Atmen, Essen, Lesen, Spielen… (lacht) Alles einzeln betrachtet sehr einfache Dinge, aber eben so universell wie grundlegend für jedermann, wie ich denke.

Solveig Slettahjell

Carina: Wenn deine Mitmusiker Songs beisteuern, schreiben sie dann auch jeweils den Text?

Solveig: Ja, meistens. Es gab im Vorfeld ein paar Stücke, wo ich die Texte vorgegeben habe – beispielsweise die Dickinson-Gedichte oder etwas von Dorothy Parker. Ansonsten stammen auf diesem Album die Texte, wo die Kompositionen nicht von mir selbst sind, tatsächlich jeweils von Per Oddvar Johannsen, dem Schlagzeuger und vom Trompeter Sjur Miljeteig.

Carina: Auf der CD aber auch sind mehr Stücke von dir, als je zuvor. Bist du jetzt sozusagen unter die Singer-Songwriter gegangen?

Solveig: Nein, ich sehe mich in allererster Linie als Sängerin. Immer schon. Das ist meine Grundfertigkeit, mein Fundament. Abgesehen davon bin ich Bandleaderin.

Carina: Und natürlich als Interpretin, weil du auch Stücke anderer Komponisten singst…

Solveig: Ja, natürlich. Unter den besten aller Songs wählen und sie singen zu dürfen, betrachte ich als Segen. Stücke wie die von Cole Porter, von Rogers und Hammerstein oder von Leonard Cohen… Unter diesem Aspekt war das Schreiben eigener Songs immer eine Herausforderung, weil es ja schon so viele gute Songs gibt. Warum also eigentlich eigene schreiben? Ich wollte ja im Grunde nur singen! (lacht)

Aber ich habe ja geschrieben. Und über die Jahre kam da immer das ein oder andere Stück dabei heraus, das ich gut genug fand, um es in mein Repertoire aufzunehmen und auf CD zu bringen. Dass ich für das aktuelle Album so viel Eigenes beigetragen habe, liegt daran, dass ich für ein Jazzfestival in Norwegen im April diesen Jahres einen Kompositionsauftrag angenommen hatte.

Solveig Slettahjell

Carina: Das hört sich nach einem bewussten Sprung ins kalte Wasser an.

Solveig: Ja, ich hatte das zugesagt, obwohl ich hätte wissen müssen, dass es mich in die Bredouille bringt. Dass ich dafür hart würde arbeiten müssen – und so kam es dann auch. Aber ich war neugierig, wie es denn so wäre und ob ich in der Lage sei, Material zu schreiben, das mir auch selbst gefällt. Vielleicht auch, um auszuloten, ob das ein mögliches neues Standbein sein könnte…

Und die Arbeit war fürchterlich. Nicht immer, aber zuweilen. Weil es sich herausstellte, dass ich einiges von dem, was ich produzierte, tatsächlich nicht leiden konnte! Aber es musste aus mir heraus, damit auch die guten Stücke heraus konnten. Schreiben ist ein Prozess und es muss ein fortwährender Prozess sein. Man muss die schlechten Stücke in Kauf nehmen, wenn man die guten will! Sehr ärgerlich! (lacht) Aber ich musste mich ohne Gnade durchkämpfen. Als der Kompositionsauftrag dann erfüllt war, blieb ein Bodensatz von zwölf bis fünfzehn Stücken übrig, die ich wirklich mochte.

Und das war noch nicht alles… In der Woche vor dem Festival, als wir mit den Proben begannen, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass im Programm eine Lücke sei. Dass ich dafür ein weiteres Stück bräuchte. Also … schrieb ich eins! Dass so etwas ginge, dass ich dazu in der Lage sei, das war neu für mich. Ich schrieb sonst nur, wenn ich inspiriert was, nicht wenn ich einen Bedarf sah. Das fühlte sich wirklich an, wie ein verlässliches neues Standbein. In Zukunft, das weiß ich, werde ich mehr komponieren.

Solveig Slettahjell - "Tarpan Season"

Carina: Im ersten Song – einer von denen, die du selbst geschrieben hast – singst du die Zeile "…so I guess that ever-changing rhythm of life is the core of it all!" Was willst du damit ausdrücken?

Solveig: Das Lied, der gesamte Text, entstand aus einer Frustration heraus. Es ist das erste Stück, das ich, während dieser Periode, von der ich eben erzählt habe, überhaupt geschafft habe, fertigzustellen. Ich hatte so viel schlechtes Zeug, schlimme Musik und grauenhafte Texte, geschrieben, dass ich es schier nicht fassen konnte! Und der Frust, der bei mir dadurch aufkam, der manifestierte sich in diesem Stück. Durch so eine Phase gehe ich aber regelmäßig wenn ich ein neues Album aufnehme und dafür Stücke schreibe.

Da sind einmal die kleinen Sachen am Rande – welchen Akkord soll ich für die Melodie an dieser Stelle nehmen, soll ich einen oder aber zwei Akkorde in diesem oder jenem Takt verwenden? – dieser ganz konkrete Kleinkram. Dazu kommt das große Ganze, wie die Frage, worüber ich eigentlich schreiben soll, was sich lohnt – und warum. Oder ob überhaupt…

Und was ist das, worüber ich dann beschließe, zu schreiben. Was ist das Leben, beispielsweise? Das sind die ganzen Unmöglichkeiten, mit denen man sich dann konfrontiert sieht. Was ist Kunst und was ist Musik – wo stehe ich in diesem Zusammenhang? Und warum sollte mir jemand zuhören wollen? Aus diesem Wust heraus sucht man dann nach Inspiration und hofft auf eine schöne Melodie oder eine gelungene Textzeile.

In diesem Song ziehe ich im Grunde das Fazit, dass es für mich am Einfachsten ist, über die Dinge zu schreiben, die mir am nächsten sind. Meine Familie, mein Sohn, meine Eltern, mein Bruder, mein Spaziergang im Park – oder wie ich am Morgen das Frühstück mache. Und der Frust darüber, warum ich daraus einen Song machen sollte? Warum darüber – und nicht beispielsweise über den Konflikt in Palästina. Und dieses Gefühl eines Mangels, das ich verspüre ist es, wovon der Refrain handelt.

Solveig Slettahjell

Carina: Was mich mal interessieren würde - außer dir gibt es ja noch andere ausgezeichnete Sängerinnen in Norwegen, namentlich Silje Nergaard, Kristin Asbjørnsen und noch einige. Steht ihr im Wettbewerb miteinander oder seid ihr Verbündete – oder gar Freundinnen? Wo grenzt ihr euch voneinander ab?

Solveig: Ich bin der Meinung, dass wir vor allen Dingen Verbündete sind. Unser Verhältnis ist gut. Und andere Sänger und Sängerinnen zu treffen bedeutet für mich in den meisten Fällen eine Inspiration. Auch, weil man andere Leute trifft, die im gleichen Bereich arbeiten… Viele gibt es ja nicht. Aber mit denen über die Chancen und Risiken unserer Arbeit zu sprechen, das tut gut.

Ohnehin bin ich nicht so veranlagt, dass ich sonderlich auf Konkurrenz aus wäre. Das liegt mir einfach fern. Meistens denke ich, dass das im Grunde ein Segen ist! Gelegentlich denke ich auch das Gegenteil, aber im Grunde beschäftige ich mich selten damit.

Carina: Für "Domestic Songs" hast du mit dem Trompeter Sjur Miljeteig eng zusammengearbeitet. Gestaltet sich die Arbeit mit nur einem Partner anders, als mit einer Band? Und wo liegt die Stärke der Kombination Stimme/Trompete?

Solveig: Mit Sjur arbeite ich, wie du vielleicht weißt, bereits seit vielen Jahren. Ich bin dicht dran an seiner Art, die Trompete zu spielen. Was er macht, ist wie die Weiterführung von dem was ich beim Singen mache – und andersrum genauso. Das macht unsere Basis aus. Auf der schreiben wir Songs, produzieren und machen Aufnahmen.

Sehr eng war die Zusammenarbeit bei den beiden letzten Alben, bei "Domestic Songs" und dem aktuellen "Tarpan Seasons". Die Verbindung zwischen uns ist auf quasi unbewusster Ebene, dabei eher praktischer Natur und nicht im mindesten mystisch, magisch oder so. Einfach eine Zusammenarbeit. Gleichzeitig ist es eine Basis für eine gute Freundschaft!

Solveig Slettahjell

Carina: Dann gab es da noch das Weihnachtsalbum "Natt i Bethlehem", das, wie der Titel verrät, in Bethlehem aufgenommen wurde. Was sind die Hintergründe des Projekts und wie war es für dich, an diesem einzigartigen Ort Aufnahmen zu machen?

Solveig: Das war in der Tat etwas ganz Besonderes. Wir mussten ja tagtäglich am Abend die Grenze zwischen Israel und Palästina überqueren, um die Aufnahmen zu machen! Und da standen diese jungen, kaum 18-jährigen Mädchen mit riesigen Maschinenpistolen. Es war erschütternd, zu erleben, unter welchen belastenden Umständen man dort lebt – vor allem die Palästinenser. Das war die eine Seite. Und dann sind da Dinge wie die Geburtskirche in Bethlehem, in der Jesus geboren wurde – ganz außerordentlich.

Ich war immer in der Kirche und bin mit einem ausgeprägten christlichen Hintergrund seitens meiner Eltern, Großeltern und Tanten und Verwandten erzogen worden. Das war ein wichtiger Teil meiner Kindheit. Dementsprechend war es etwas Besonderes, dort meine Weihnachtslieder singen zu dürfen. Das machte mich glücklich.

Und es hatte einen Zauber, weil es dunkel und still war – die Touristen waren alle weg und das gab uns die Gelegenheit, dort aufzunehmen. Ein Privileg! Da war ein Mönch, der uns allabendlich einließ. In dieser Atmosphäre die Weihnachtslieder und Hymnen meiner Kindheit zu singen, das bedeutete mir viel. Meine allererste Aufnahme mit Weihnachtsliedern! Wo Weihnachten doch mein Lieblingsfest ist…

Carina Prange

CD: Solveig Slettahjell - "Tarpan Season" (Emarcy/Universal)

Solveig Slettahjell im Internet: www.solveigslettahjell.no

Fotos: Pressefotos (Andreas Froeland)

© jazzdimensions 2010
erschienen: 23.2.2010
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: