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Oliver Strauch - "Physischer und direkter…"

In der Zwischenzeit hat er zwar in Triobesetzung ein Album aufgenommen, das direkt an seine Vorliebe für New York anknüpft, und dementsprechend mit "New York Album" betitelt ist. Für seine aktuelle Tour bezieht sich der Saarbrücker Jazzschlagzeuger Oliver Strauch aber auf das vorangegangene zweite Album seiner Formation Groovin' High: "Live with Randy Brecker" und bringt eben diese Besetzung wieder auf die Bühne.

Oliver Strauch

War der Erstling von Groovin' High eine Studioproduktion, so handelte es sich bei der eben erwähnten CD um eine handfeste Liveplatte. In illustrem Lineup – als Zugpferde seien genannt Randy Brecker und August-Wilhelm Scheer – lässt Groovin' High nun wieder von sich hören. Und dass hier derartig hochkarätige Musiker nech seiner Pfeife tanzen, stellt für den Bandleader Strauch keinen Widerspruch dar...

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Oliver Strauch

Carina: Zunächst eine Frage, die dir, so oder ähnlich, bestimmt häufig gestellt wird: Es gibt nicht allzu viele Schlagzeuger, die die Geschicke einer Band leiten. Wo siehst du dich selbst in dieser Hinsicht?

Oliver: Es ist interessant, welche großen Jazz-Drummer bereits Ensembles leiteten, beginnend bei Gene Krupa, Buddy Rich und natürlich später mit den Bands von Max Roach, Art Blakey, Kenny Clarke, Tony Williams, Jack DeJohnette.

Ohne mich nur im Ansatz mit diesen Giganten messen zu dürfen, es gibt in der Jazzgeschichte immer schon diese Tradition des "Drummer-Leading". Wir Drummer können die Band vielleicht auch anders lenken, den Puls und die Dynamik auf andere Weise prägen als ein Pianist oder ein Bläser: Physischer, direkter, offensiver...

Oliver Strauch

Carina: Wie trittst du in dieser Position als Bandleader in Erscheinung?

Oliver: Bei Groovin' High sieht das so aus: die Band arbeitet demokratisch. Im Moment des gemeinsamen Musizierens übernimmt jeder einzelne die Verantwortung für die Band: rotierend, intuitiv, technisch. Das gehört zum Wesen des Jazz.

Leitungskompetenz ergibt sich ja aus den Parametern Wissen und Können – und der Fähigkeit zu spüren, wo die Qualitäten der einzelnen Persönlichkeiten in einer Band liegen. Im entscheidenden Moment die Dinge laufen zu lassen und zu vertrauen gehört für mich ganz genauso dazu. Ich sehe meine Aufgabe darin, musikalische Vorgaben, Soundvorstellungen sowie innere und äußere Strukturen anzubieten und vorzuschlagen. Und darin, dies letztlich aber auch zu entscheiden.

Carina: Es handelt sich bei der CD "Live with Randy Brecker", wie der Name sagt, um ein Livealbum. Worin unterscheidet sich ein Livemitschnitt und insbesondere dieses Album von einer Studioproduktion?

Oliver: Man kann keinen gespielten Ton ersetzen oder nachträglich "sauber machen". Es ist wirklich der Kick, mit größtmöglichem Risiko zu spielen, der den Reiz ausmacht. Man überführt einen ganzen Konzertabend in ein anderes Medium und ich glaube, dieser Prozess ist sehr poetisch und frisch.

Dieser Live-Mitschnitt kommt der Energie unserer Band sehr zugute. Ich höre das Album mit deutlich wacheren, neugierigeren Ohren als unser Studioalbum, das ja wirklich nicht schlecht ist...

Oliver Strauch's Groovin' High - "Live w/ R. Brecker"

Carina: Wie kam es dazu, dass sowohl Randy Brecker als auch August-Wilhelm Scheer feste Mitglieder deiner Band wurden? Was bringen beide soundtechnisch und von der Persönlichkeit her mit in das Bandgefüge ein?

Oliver: August-Wilhelm Scheer ist ja Initiator dieses Projekts. Durch seinen typischen expressiven Sound und natürlich auch durch seine starke Persönlichkeit trägt er viel zur Gruppendynamik bei. Seine Ideen und Ansätze sind oft überraschend und immer kreativ.

Randy Brecker ist inzwischen wirklicher Teil der Band. Er bringt live noch mal zwanzig Prozent mehr Spielfreude, Risikobereitschaft und Spirit ein. Man hört den großen Improvisator, der er wirklich ist! Das Reisen mit ihm ist äusserst angenehm. Kurzum, er fühlt sich, glaube ich, sehr wohl mit uns.

Oliver Strauch

Carina: Man kann ja inzwischen von einem deutsch-amerikanisch-französischen Bandprojekt sprechen. Liegt in dieser Internationalität auch ein besonderer Reiz für dich?

Oliver: Absolut! Die französischen Kollegen Pierre-Alain Goualch und Gautier Laurent kommen aus einer anderen Art von Musikkultur. Zum einen ist ihre Spielweise natürlich sehr tough und direkt – und trotzdem ist da diese leichte Verspieltheit, die gerade französische Pianisten oft frappierend schön kultivieren. Mit Johannes Müller am Tenorsaxophon haben wir einen überzeugenden Vertreter des expressiven Straight-Spiels in der Band, der im übrigen ein sehr kreativer Solist ist.

Carina: Wie kam die Auswahl der Stücke zustande? Gibt es eine Geschichte, wie das ein oder andere Stück ins Repertoire kam?

Oliver: Wir spielen etwa ein Jahr lang Stücke und wissen oft erst am Ende, ob wir diese im Rahmen einer Tour wirklich zum Klingen bringen können. Dann hat man, wie geschehen im Rahmen unserer letzten Tour, plötzlich die Idee, an einem Abend "Bye Bye Blackbird" zu spielen…

Und dann ist ausgerechnet diese Version der schönste Moment in elf Tagen – und jetzt Gottseidank auf CD! Mein Konzept bestand darin, die Aufnahme wie eine Suite klingen zu lassen. Das Konzertprogramm sollte auch die CD-Reihenfolge bilden. Schön, dass der Plan aufging …

Carina: Eine Eigenkomposition ist mit dabei – "Transition". Was hat dich für dieses Stück inspiriert?

Oliver: Es sollte innerhalb des Repertoires ein Stück Musik geben, das wirklich im besten Sinne überleitet und doch stark genug ist, als eigener persönlicher Charakter wahrgenommen zu werden. "Transition" ist, glaube ich, mysteriös und spannungsreich geworden. So etwas wie das "Crime-Element" in einem guten Thriller. (lacht)

Oliver Strauch

Carina: Wie sieht dein Soundideal aus – sowohl am Schlagzeug, als auch den Bandsound betreffend? Hast du es bereits erreicht oder bist du noch auf dem Weg dorthin?

Oliver: Mein Soundideal ist "im Sound sein". Ob mit Band oder alleine am Set. Das ist das Geheimnis. Man versucht, sich in den Sound einzufinden. Ich verfolge in meinem Spiel ein elegantes, dennoch intensives und oft hartes Soundideal. Wie oft ich diesem gerecht werde, können andere beurteilen.

Das Element der Überraschung ist auch wichtig, allerdings nicht auf Kosten des Gesamtklangs. Marlon Brando sagte einmal, es gäbe Schauspieler, die von außen nach innen spielen und solche, die von innen nach außen spielen. Ich möchte das letztere.

Was den Bandsound betrifft, kann ich sagen, dass die Gruppe kompakt klingt und je "leichter" wir harten Stoff spielen, desto besser klingen wir. Objektiv habe ich Dinge erreicht, die ich vor zwanzig Jahren nicht erwartet habe. Bestätigung motiviert einfach. Wenn es gelingt, Träume in die Tat umzusetzen, dann möchte man noch viel weiter damit. Insofern bin ich erst am Anfang!

Carina Prange

CD: Oliver Strauch'S Groovin' High - "Live with Randy Brecker" (JAZZ'n'ARTS Records JNA 43009)

Oliver Strauch im Internet: www.oliverstrauch.de

JAZZ'n'ARTS Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2010
erschienen: 17.11.2010
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