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Franz Hackl - "Die Balance muss stimmen"

Gleichzeitig Trompeter von Weltrang, Organisator des internationalen "Outreach Academy und Festival", obendrein auch noch Instrumentenbauer – der abwechselnd in New York und im österreichischen Schwaz lebende Tiroler scheint ein enormes Arbeitspensum zu absolvieren. Und das tut er auch nach 17 Jahren Arbeit für "sein" Festival in Schwaz mit Leichtigkeit und ungebrochenem Feuereifer.

Franz Hackl

Denn Franz Hackl, der das Trompetenspiel bei seinem Vater Franz Hackl sen., aber auch später in den USA bei Lew Solow und Ed Treutel erlernte, hat so etwas wie eine Mission – wenn er auch definitiv kein Missionar sein will. Der Musiker versteht sich vielmehr als Impulsgeber und sieht in diesem Sinne auch sein jährliches "Outreach"-Event.

Hackl mag Festivals aus Selbstzweck nicht, keine "Importschlager" will er auf die Bühne stellen, sondern Musiker, die viel wissen und ebensoviel geben können. Einen Anstoß geben möchte er damit einerseits für ungewöhnliche Projekte, andererseits aber dafür, dass die jungen Menschen die Chance erhalten, direkt in seiner Heimat von den Stars zu lernen. Und ganz nebenbei baut Hackl, das ein oder andere Instrument in der väterlichen Werkstatt und ist somit auch noch "sein eigener Endorser".

Carina Prange sparch für Jazzdimensions mit Franz Hackl

Carina: Ein Blick zurück: Outreach Festival und Academy gehen ja bereits ins 17. Jahr – wie kam die Idee zustande, woran hast du gemerkt, dass ein Bedarf dafür da war zu Beginn?

Franz: Der Anstoß dazu ist in meiner eigenen Biographie begründet. In Schwaz, wo ich aufgewachsen bin, gab es die "Eremitage", ein kleines Café mit 50 Sitzplätzen. Dort habe ich Chick Corea, Pat Metheny und so manchen anderen Musiker dieses Levels gehört, als ich etwa 18 Jahre alt war. Organisiert wurde das von Thomas Stöwsand von "Saudades"-Tourneen. Immer, wenn die Künstler einen Off-Tag hatten, ließ Stöwsand sie in Schwaz auftreten. Mir hat das als jungem Menschen sehr imponiert.

Aber ich habe mir damals gesagt, die Leute herzubringen nach Österreich, ist die eine Sache. Es wäre aber doch wunderbar, wenn man dann auch im kleinen Rahmen von den Musikern lernen könnte. Etwas von ihnen erfahren könnte, indem man mit ihnen redet.

Ich bin letztlich nach New York gegangen und habe selbst Kontakte geknüpft. Und habe schließlich nach dieser Idee das Festival und die Academy aufgebaut! Ich hatte mir aber ursprünglich eben gedacht, es wäre so schön, wenn junge Menschen die Möglichkeit des Lernens von den Stars auf verschiedenen Ebenen direkt im eigenen Land hätten – dann, dachte ich, wäre so viel gewonnen! So ist das alles entstanden.

Daraus entwickelte sich bei mir die Idee, folgendes zu kombinieren: Man macht einerseits ein Festival – aber ein Festival, wo man nicht Bands aus dem Katalog engagiert! Sondern stattdessen sagt, ich habe da eine Idee… Wie würde das wohl klingen, wenn dieser Musiker hier beispielsweise mit jenem dort spielt?

Darin besteht der eigentliche "Outreach" – die Academy und das Festival absolut gleichberechtigt zu machen. Sonst läuft nämlich meistens entweder das eine oder das andere eher nebenher.

Aber dass man dabei mit so einem Vorschlag nicht diktatorisch wird, sondern die Leute fragt und herausfindet, was sie interessiert. Dadurch lehnen sich die Musiker beim Festival musikalisch so weit aus dem Fenster, wie sie es normalerweise nie täten. Und gleichzeitig kombiniert man das mit einer "Academy". Denn letztlich kann man gewisse Sachen nur auf der Bühne lernen und gewisse andere Sachen eben nur im Klassenzimmer. Da muss die Balance stimmen!

Ich hatte im Nachhinein das Gefühl, dass ich unbeschreibliches Glück hatte mit meiner "Sondersituation" in jungen Jahren. Mit siebzehn habe ich meine Matura gemacht, und gleichzeitig die Lehre als Instrumentenbauer. Und ich habe Philosophie und Musikwissenschaften studiert. Und konnte dann drei Jahre in Wien an der Jazzabteilung des Konservatoriums lernen und anschließend nach New York gehen – diese Chance hatte kaum einer!

Franz Hackl

Carina: Wie gelingt es dir und auch deinen Kollegen, die jungen und älteren Leute zu begeistern – für's Lernen und für die Musik im allgemeinen?

Franz: Das ist das geringste Problem! Das ist sicher jedem schon so gegangen; es gibt so etwas wie "einschneidende Erlebnisse": Wenn dich wirklich etwas total berührt, was jemand auf der Bühne macht und du bekommst eine Gänsehaut, das ist der beste Ansporn. Drum ist mir die Kombination aus Festival und Lernen wichtig. Und darin besteht der eigentliche "Outreach" – diese Academy und das Festival absolut gleichberechtigt zu machen.

Sonst läuft nämlich meistens entweder das eine oder das andere eher nebenher. Da richtet man eine Academy, oder einen Workshop aus und macht halt ein öffentliches Konzert dazu. Oder der eigentliche Event ist das Festival und wer von den Künstlern halt gerade Zeit hat und es einbauen kann, der unterrichtet halt eine Meisterklasse.

In jedem Fall aber inspiriert es, wenn man jemanden auf der Bühne sieht. Das bedeutet ja was. Natürlich wünscht man sich dann, bei dieser Person auch Privatunterricht nehmen zu können. Und da kommen wir wieder zurück auf meine Grundidee!

Bei diesen Stöwsand-Konzerten war ich nämlich immer gern etwas lästig… also ich habe mich beispielsweise absichtlich als Freiwilliger gemeldet, um einen Musiker, wie zum Beispiel Kenny Wheeler, zum Bahnhof zu bringen! Und ich habe dadurch regelmäßig meine "Privatstunden" gehabt, ob mit Tiger Okoshi oder mit Randy Brecker – natürlich bekommt man da seine Tipps!

Franz Hackl

Die größte Privatstunde ist ja, wenn man mit so jemandem einmal unter vier Augen reden kann. Und das habe ich mit Outreach auf eine offizielle Ebene gehoben. Gerade für die Leute, die möglicherweise zu schüchtern sind, oder nicht diesen Zugang haben und sich nicht fragen trauen, für die ist eben diese offizielle Möglichkeit.

Und gleichzeitig, wenn auch, wie ich vorher gesagt habe, ohne missionarischen Trieb, bevorzuge ich solche Events, bei denen ich etwas abwegig scheinende Aspekte kombiniere. Wo ich beispielsweise Blasmusik mit Jazzsolisten zusammenbringe oder wo zu DJ-Sachen improvisiert wird.

Damit erreicht man möglicherweise auch Leute, die sagen, Jazz und improvisierte Musik interessiere sie nicht. Aber wenn so jemand gerne in die Disko geht, in den Club und ihn interessiert House, oder was auch immer meinetwegen sogar Techno – und auf einmal improvisiert dann jemand drüber, dann denkt er vielleicht: Ach so? Das ist ja gar nicht so übel! Und fängt anschließend an, sich mit einem Instrument zu beschäftigen oder setzt den Computer als Instrument ein. Und Ähnliches gelingt einem mit der Blasmusik. Ich verbinde gerne solche Sachen, wo man nicht sofort offensichtliche Parallelen sieht. Ohne irgendwie mit der Brechstange zu operieren, oder mit dem Zaunpfahl zu winken!

Ich bevorzuge solche Events, bei denen ich etwas abwegig scheinende Aspekte kombiniere, ohne irgendwie mit der Brechstange zu operieren!

Aber wenn man diese Musiker in solchen ungewöhnlichen Settings in der Wirklichkeit vor die Ohren gesetzt bekommt, dann inspiriert das genug Leute. Und noch aus einem anderen Grund haben wir keine Probleme, Leute zu motivieren – weil wir mit der Musik auch auf andere Plätze gehen. Ich sage immer, das ist am einfachsten und generiert auch am ehesten neue Sachen.

Immerhin heißt "to reach out" ja, hinausreichen, Leute hereinbringen, aber auch übertreffen. Für mich ist es relativ uninteressant - obwohl ich es durchaus auch gerne mache! – Jazz in einem Jazzclub zu spielen oder Klassik in einem Konzertsaal. Weil man da genau das erwartet, was dann passiert. Alles wird viel interessanter, wenn man sich mit der Musik in ein Umfeld begibt, das nicht von vorneherein darauf positiv gestimmt ist oder von Haus aus interessiert. Aber man hat dann für genau dieses Umfeld ein Projekt zusammengebracht, das die Leute eben überzeugt. Und ich glaube, dadurch macht man viel auf.

Franz Hackl

Carina: Wie bist du zur Trompete gekommen? Dein Vater Franz Hackl sen. soll eine nicht unwesentliche Rolle dabei gespielt haben…

Franz: Der Grund, warum ich Trompeter geworden bin, ist zu hundert Prozent mein Vater. Der war ein großartiger Trompetensolist. Jetzt kommt er nicht mehr so viel zum Üben – aber er war wirklich großartig; namhafte Komponisten haben für ihn eigene Werke geschrieben! Er war Solist für Militärmusik und im symphonischen Blasorchester, er hat Paganini-Transkriptionen gespielt.

Und er bekam Angebote, als Leadtrompeter und in ähnlichen Positionen zu spielen; Mitte der 50er Jahre hatte er die hohe C-Oktave drauf, also das C4! Er konnte Kadenzen spielen, bei denen er mit dem dreigestrichenen F anfing – sehr virtuos! Mein Vater war es, der eigentlich in Österreich – zumindest für Blasmusik und symphonische Blasmusik – wirklich das virtuose Trompetenspiel etabliert hat, unter dem Dirigenten Prof. Siegfried Sommer. Und natürlich inspiriert einen das. Er war mir immer absolut nahe.

Wenn man dann als vier bis fünfjähriges Kind, wo man so langsam anfängt, Sachen zu realisieren, seinen Vater als gefeierten Solisten auf der Bühne sieht, das gibt natürlich einen enormen Ansporn. Dazu kam natürlich die Situation bei uns zu Hause. Unten im Haus ist das Geschäft und die Werkstatt. Und im Stock drüber wohnen wir. Und wenn du natürlich so aufwächst… dass permanent jemand irgendwo reinbläst, dass du deinen Vater mehrere Stunden üben hörst, dass du in die Werkstatt gehst und da siehst, wie er Rohre biegt … Also, das war für mich klar, dass ich Trompeter werden wollte.

Er wollte das zwar am Anfang verhindern, aber natürlich im Positiven. Er wollte gerne, dass ich etwas mit Musik zu tun habe, aber er hat mich nie irgendwo hineingezwängt. Es wurde also erstmal die Blockflöte, denn eigentlich wollte er vermeiden, dass der Sohn genau dasselbe macht, womit sein Vater bekannt ist. Weil das oft einen falschen Erwartungsdruck gibt – und dem wollte er mich nicht aussetzen.

Also, das war für mich klar, dass ich Trompeter werden wollte. Ich habe mich auf der Blockflöte absichtlicherweise dämlich benommen und schließlich lenkte der Vater ein...

Also habe ich mich auf der Blockflöte absichtlicherweise dämlich benommen, bis der Musiklehrer sagte, dass es keinen Sinn habe. Ich hatte mich drei Jahre gesträubt; so lange hat es gedauert, bis sie mich rausgeschmissen haben. Und schließlich lenkte der Vater ein, o.k., bevor ich gar nichts mit Musik mache, soll es seinetwegen eben doch die Trompete sein.

Mit acht Jahren habe ich dann angefangen, regelmäßig Trompete zu üben und bin zunächst immer in den Fußstapfen meines Vater gefolgt… Das ist in Tirol wunderbar – die Blechblasszene! Wir haben 270 Gemeinden und in denen haben wir dreihundert Blasmusikapellen, die im Durchschnitt 50 Mitglieder haben. Es gibt eine enorm große Tradition. Ob das jetzt Klassik ist oder Jazz, jeder ist da mit Blasmusik in Berührung gekommen.

Bereits mit elf Jahren habe ich angefangen, solo zu spielen. Mit vierzehn Jahren wurde ich Solotrompeter bei der Original Tiroler Kaiserjägermusik, wo mein Vater vorher ebenfalls Solotrompeter gewesen ist. Mit der Band sind wir überall in Kanada und den Vereinigten Staaten auf Tournee gegangen. Das war für mich der entscheidende Schritt – bis ich angefangen habe, Jazz zu hören, folgte ich bläserisch den Fußstapfen meines Vaters. Das war für mein Handwerk sehr gesund und gut. Und auch für die Nerven und die Bühnenroutine – wenn du nämlich schon mit elf Jahren solo spielst und so weiter, das ist einfach eine gute Vorbereitung.

Und dann lief es für mich, wie ich anfangs erzählt habe. Mit siebzehn Jahren ging ich dann regelmäßig in die Eremitage und kam dann durch Saudades Tours, durch Thomas Stöwsand, in Kontakt zu diesen großartigen Musikern. Und auch der Pächter von der Eremitage, Leo Schändel, hat seinen Anteil daran. Der hat mich nämlich als Gymnasiast, da hast du ja auch nicht so viel Geld, immer bei den Konzerten gratis zuhören lassen. Also, das war alles ziemlich optimal.

Franz Hackl

Carina: Du spielst eigentlich nur Instrumente aus der eigenen Werkstatt, oder?

Franz: (lacht) Ich hab' nur immer die eigenen! Ich bin mit einem Endorsement-Deal auf die Welt gekommen. Wir probieren immer mal was aus, es ist immer eine "lebendige" Trompte. Und später geht das dann in Serie, als "zivile" Variante.

Beispielsweise meine Bb-Trompete – der Kupfertrichter ist elektrolytisch geformt, also nahtlos – ein ganz neues Verfahren. Der Typ wird von mir bevorzugt, weil er so flexibel ist. Ich spiele auf meinem Exemplar ein extrem weites Mundrohr mit einem sehr dicken Schallbecher. Fast 1 Millimeter dick, was gut funktioniert, aber viel Üben erfordert! Die Verschraubung des Mundstücks vermeidet den Übergang, den man sonst zwischen Mundstück und Schallstück hat.

Carina: Auf der Bühne ist bei dir aber außer Blech auch noch einiges an Elektronik zu sehen...

Franz: Ja, ich verwende da ein Kaoss Pad KP3, das Adrenalinn III von Roger Linn und dann steht da immer ein MacBook Pro 17". Das setze ich mit der mit "Ableton Live 8"-Software für Live-Sampling und -editing ein. Zugegeben, außer dass ich ein Komponist für Orchesterwerke bin, bin ich auch ein ziemlicher Technikfreak!

Carina Prange

Franz Hackl im Internet: www.hacklmusic.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2010
erschienen: 10.5.2010
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