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Domenic Landolf - "Der Kern der Melodie"

Der in Basel lebende und 1969 in Bern geborene Musiker Domenic Landolf stellt auf seinem neuen Album "New Brighton" Kompositionen vor, die über einige Jahre gewachsen sind. Landolf, der auf dem Album Tenorsaxophon, Bassklarinette und Altflöte spielt, geht hier im Trio mit seinen Kollegen, dem Bassisten Patrice Moret und dem Drummer Dejan Terzic einen engen, vielschichtigen Dialog ein.

Domenic Landolf

Landolf legt großen Wert darauf, dass die Stücke, die er für sein Trio schreibt, eigentlich "einfache Tunes" sind, die somit der Gruppe "beim Spielen größere Freiheit lassen, als komplexe Kompositionen". Und so wird auch die Musik auf "New Brighton" zu einem kunstvoll verschlungenen, aber stets durchsichtigem Gewebe.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Domenic Landolf

Carina: Domenic, du spielst Saxophon, und zwar Tenor und Sopran, außerdem Bassklarinette und Altflöte. Fühlst du dich auf allen vier Instrumenten gleichermaßen zuhause, oder gibt es Präferenzen – grundsätzlicher Natur, oder solche im Zusammenhang mit einer bestimmten Musik?

Domenic: Flöte und Klarinette kamen bei mir erst relativ spät dazu, ich habe mit Saxophon angefangen. Am meisten zuhause fühle ich mich auf dem Tenor. Schwierige und schnelle Tunes spiele ich auf dem Saxophon oder der Bassklarinette, die Flöte gebrauche ich mehr als Klangfarbe. Ein Saxophontrio ist eine eher karge Besetzung, deshalb mag ich es, ab und zu einen anderen Sound reinzubringen.

Domenic Landolf

Carina: Ist es eigentlich Zufall, dass du mit deinen vier Instrumenten auch vier Timbres, nämlich Bass, Tenor, Alt und Sopran abdeckst?

Domenic: Das war mir so gar nicht bewusst, dass ich diese Doublings abdecke! Das kommt zu einem guten Teil vom Bigband-Spielen her.

Carina: Du hast bei Andy Scherrer studiert und warst schon früh mit Joe Haider auf Tour – wie haben dich beide Musiker in Bezug auf dein eigenes Spiel beeinflusst?

Domenic: Joes Bigband habe ich schon während meiner Schulzeit gespielt. Neben dem musikalischen Input war das auch eine Lebensschule. Seither bin ich immer wieder in verschiedenen Formationen von Joe dabei. Joe lässt einem immer freie Hand beim Spielen, er hört sehr aufmerksam zu und ist ein hervorragender Begleiter.

Andy Scherrer wiederum hat mir die Augen, respektive die Ohren, geöffnet für die große Bandbreite der Musik. Andy ist ein phantastischer Saxophonist, ein enorm vielseitiger Musiker der keine stilistischen Scheuklappen hat. Es ist immer ein großes Vergnügen und eine große Ehre, mit ihm spielen zu dürfen.

Carina: Außerdem hast du unter anderem mit Gunther Schuller, mit Jimmy Woode und Daniel Schläppi zusammengearbeitet. Was war jeweils das Besondere an dieser Zusammenarbeit?

Domenic: Mit Gunther Schuller spielte ich ein "Third-Stream"-Projekt – mit klassischem Orchester und Jazzband. Sehr spannende und anspruchsvolle Musik! Zum Teil graphisch notiert, was für mich eine neue Welt war.

Bei Jimmy Woode war es genau das Gegenteil – denn Jimmy wollte keine Notenständer auf der Bühne! Die Stücke, die ich nicht kannte, hat er mir vor dem Gig vorgespielt und ich musste sie noch schnell auswendig lernen.

In der Band "Voices" von Daniel Schläppi hingegen bin ich Sideman – das ist ein Quartett mit Bass, Schlagzeug und zwei Saxophonen. Diese Besetzung ohne Klavier hat mich auch für mein eigenes Trio inspiriert.

Domenic Landolf - "New Brighton"

Carina: Du hast dein eigenes Quartett geleitet und nun dein eigenes Trio. Gibt es das Quartett noch, oder ist das eine "Karteileiche"?

Domenic: Nun, im Moment jedenfalls konzentriere ich mich auf das Trio. Das Quartett "schläft" zur Zeit in der Tat. Ich habe aber Lust, es wieder mal zu reaktivieren.

Carina: Vielleicht eine Frage zur Besetzung deines Trios: Wann übernahm Dejan Terzic den Schlagzeugpart von Marcel Papaux – und inwieweit veränderte diese personelle Änderung den Sound des Trios?

Domenic: Dejan Terzic habe ich über Adrian Mears kennengelernt, in dessen Band er hin und wieder ausgeholfen hat. Als Dejan vor zwei Jahren die Schlagzeugprofessur an der "Swiss Jazz School" bekam und nach Bern zog, ergab sich für uns die Gelegenheit, öfters zusammen zu spielen.

Dejan lässt einem beim Musizieren sehr viel Raum, was mir ermöglicht hat, ganz neue Aspekte des Saxophonspiels zu realisieren. Er ist ein enorm vielseitiger und nuancenreicher Schlagzeuger, kann alle möglichen Klänge erzeugen. Und er ist ein As in Sachen ungerader Taktarten, was das Repertoire des Trios mitgeprägt hat.

Carina: Auf deinem neuen Album "New Brighton" finden sich Eigenkompositionen von dir, zwei Stücke von Patrice Moret, Bandkompositionen, sowie der Jazzklassiker "My Old Flame". Wie kam es zustande, dass ausgerechnet ein Jazzklassikers das Album beschließt, und warum gerade dieser?

Domenic: Der Produzent Jason Seizer hat uns gebeten, einen Standard aufzunehmen. Und "My Old Flame" wird nicht allzu oft gespielt, deshalb hatte ich Lust, genau das aufzunehmen. Ich kenne das Stück seit meiner Jugendzeit, von einer meiner ersten Jazz-Schallplatten, in der Version von Charlie Parker. Der Titel hat also auch irgendwie eine persönliche Bedeutung für mich.

Carina: Wie funktioniert das Komponieren im Trio? Handelt es sich um etwas wie "Instant Composing", oder habt ihr ein völlig eigenes Konzept entwickelt?

Domenic: Am Anfang steht meistens eine konkrete Komposition. Mit zunehmender Behandlung verschwinden dann aber oft die Grenzen zwischen Thema und Improvisation. Die freien Impros auf der CD gehen meistens von einem einzelnen Musiker aus und dienen als kurze Interludes, es steckt aber kein bestimmtes Konzept dahinter. Live sind das dann eher Intros, die in ein Stück führen.

Domenic Landolf

Carina: Zwischen deinem Pirouet-Debüt "Wanderlust" von 2003 und dem neuen Album "New Brighton" liegen ein paar Jährchen. Was hat sich alles seit dem Debüt musikalisch bei dir verändert? Musste die Musik reifen, oder war einfach keine Zeit für ein Album da?

Domenic: Beides! Ich war in vielen Bands als Sideman engagiert, das hat mein Engagement für eigene Projekte etwas in den Hintergrund gerückt. Ich hatte aber die Idee für ein Saxophontrio seit geraumer Zeit und habe immer wieder sporadisch Trio-Gigs gespielt und Sachen ausprobiert.

Carina: Wo siehst du den Schwerpunkt des neuen Albums inhaltlich und musikalisch?

Domenic: Der Schwerpunkt liegt eindeutig bei der Improvisation. Das geschriebene Material ist relativ einfach, wenig ist ausnotiert, viel entsteht im Moment. Die Musik ist vielseitig und reicht von kammermusikalischem Dialog über groovige Nummern bis zu klangmalerischen Stücken.

Carina: Jedenfalls, durch das Fehlen eines Harmonieinstruments tritt die Melodie stärker in den Vordergrund. Welchen Eindruck möchtest du beim Hörer hinterlassen und wie wirkt deiner Meinung nach eine Triobesetzung wie deine im Livekonzert auf den Hörer?

Domenic: Ich wünsche mir, dass sich etwas von unserer Abenteuerlust auf die Zuhörer überträgt. Dazu ist sicher ein gewisses Maß an bewusstem Hinhören erforderlich – unsere Musik funktioniert nicht als Background. Trotzdem sind keine besonderen Vorkenntnisse seitens der Zuhörer erforderlich, es ist keine schwierige Musik: Einfach "Ohren spitzen und genießen". Vom Klang her hat mein Saxophontrio eher etwas Schlichtes, Trockenes. Es tönt immer transparent und man kann daher die Stimme jedes einzelnen Instruments leicht verfolgen.

Domenic Landolf

Carina: Haben sich grundsätzlichen Vorteile herauskristallisiert, die eine Besetzung aus Blasinstrument, Bass und Schlagzeug bietet? Vielleicht "Beweglichkeit"? Oder was?

Domenic: Genau! Beweglichkeit ist ein großer Vorteil. Und zwar einerseits harmonisch – ohne Harmonieinstrument bin ich wesentlich freier in der harmonischen Gestaltung. Andererseits klanglich. Die klangliche Transparenz ist auch der Interaktion dienlich, man kann einfach im übertragenen Sinne das Steuer sehr schnell herumreißen und in eine andere Richtung gehen.

Carina: Im Pressetext zu deinem neuen Album findet sich unter anderem folgendes: Die Stimme deines Instruments spräche "mit dem Selbstbewusstsein dessen, der weiß, dass er nicht um Aufmerksamkeit buhlen muss. Man hört sie, auch wenn sie ganz bei sich bleibt…" – Siehst du dich selbst in dieser musikalisch sehr zurückgenommen dargestellten Haltung

Domenic: Wir spielen im Trio vergleichsweise leise. Ich genieße das sehr, mal nicht "schreien" zu müssen, um gehört zu werden. So sind viel mehr klangliche Nuancen möglich. Ich bin auch bestrebt, mein Spiel zu "entschlacken" und Überflüssiges wegzulassen. Um zum Wesentlichen vorzudringen, zum Kern der Melodie.

Carina Prange

CD: Domenic Landolf - "New Brighton" (Pirouet Records PIT3047)

Domenic Landolf im Internet: www.myspace.com/domeniclandolf

Pirouet Records im Internet: www.pirouetrecords.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2010
erschienen: 7.11.2010
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