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Christoph Stiefel - "Erlebbare Isorhythmen"

Der Schweizer Pianist Christoph Stiefel setzt mit dem neuen Album "Fortuna's Smile" seinen musikalisches Weg, der auf dem Prinzip der isorhythmischen Überlagerung von Klangschichten basiert, noch radikaler fort. Gemeinsam mit Thomas Lähns am Bass und Marcel Papaux an den Drums entwirft Stiefel eine ganz eigene Klangsprache und baut dabei auf ein Konzept, das nicht allzu vielen Musikern vertraut sein dürfte und auch seinen Hörern außergewöhnliche Eindrücke bietet.

Christoph Stiefel (Foto: A. Tanner)

Langsam aber sicher erschafft Christoph Stiefel sich und seinem "Inner Language Trio" damit eine eigene exquisite Nische, einen selbstentworfenen Klangraum, den ihm und seiner Band so schnell keiner streitig machen wird.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Christoph Stiefel

Carina: Ein Blick zurück: Du hast nach sechs Semestern Jura dein Studium abgebrochen und dich ganz der Musik gewidmet. Was gab den Ausschlag dafür, was war der Anlass für diese durchaus folgenreiche Entscheidung?

Christoph: Den Ausschlag gab damals die Anfrage, als Keyboarder mit dem Schweizer Harfenisten Andreas Vollenweider auf Weltournee zu gehen. Dieses Angebot wollte ich mir nicht entgehen lassen! Daraufhin war ich dann für fünf Jahre als ständiges Mitglied der Band in Europa, USA, Kanada, Japan und Australien unterwegs und durfte in den größten und schönsten Konzertsälen der Welt spielen. In der Carnegie Hall, der Radio City Music Hall…

Als ich nach fünf Jahren aus der Band ausstieg, um mich meiner eigenen Musik zuzuwenden, war es klar, dass ich das Jurastudium nicht abschliessen und mich weiterhin voll der Musik widmen würde...

Christoph Stiefel (Foto: A. Tanner)

Carina: Du verfolgst mit deinem "Inner Language Trio" seit längerem ein ganz spezielles musikalisches Konzept. Was vor allem macht das Neue daran aus?

Christoph: Unsere Musik besteht vor allem aus zwei Hauptelementen. Einerseits die Kompositionen – meist isorhythmisch konzipiert, daher oft komplex und schwer zu spielen. Auf der anderen Seite werden diese komplexen Vorgaben möglichst frei und intuitiv gespielt. Daraus entsteht ein eigener Triosound zwischen, ich nenne es mal, "Präzision und Entfesselung".

Die Musik ist auf diese Weise gleichzeitig abstrakt und sinnlich. Vor allem Musiker hören natürlich diese Komplexität darin, andere Hörer erleben die Stücke jedoch teilweise ganz anders, eher von einer intuitiven, sinnlichen Seite her. Sie spüren vor allem die Energie, die Grooves und den Spirit in der Band.

Carina: Was ist das Entscheidende für die Chemie in deinem Trio?

Christoph: Eben dieser Kontrast. Man könnte auch dazu sagen, der "Kontrapunkt" zwischen Disziplin und Freiheit. Auch zwischen den wirbeligen Grooves und den ganz ruhigen, innigen Momenten. Um das alles gemeinsam souverän und organisch umsetzen zu können, braucht es sehr gute – und vor allem die richtigen – Musiker.

Auch die musikalische und persönliche Chemie muss stimmen. Jeder kann da seine Stärken mit einbringen, aber es muss auch jeder bereit sein, viel Arbeit und viele Proben in die Band zu investieren. Anders lässt sich dieses Konzept nicht umsetzen.

Ch. Stiefels Inner Language Trio - "Fortuna´s Smile"

Carina: Diese "Kompositionstechnik der Isorhythmie" – erkläre doch bitte mal für Laien, was darunter zu verstehen ist!

Christoph: Gern. Die Grundidee des isorhythmischen Konzept besteht darin, mittels Wiederholung rhythmischer Sequenzen, die über mehrere Takte hinweg einen Grundrhythmus überlagern, eine interessante Struktur zu erzeugen. So hat man mehrere parallele Ebenen, denen man gleichzeitig nachhören und -spielen kann. Bereits im Spätmittelalter fanden die Komponisten der so genannten "Ars Nova" heraus, welch faszinierende Spannung entsteht, wenn zwar rhythmische Modelle wiederholt werden, nicht aber die dazu gehörige Melodik!

Der Effekt ist der einer Gleichzeitigkeit von Wiederholung und Erneuerung. Man erzeugt eine Mehrschichtigkeit, die ich immer aufs Neue inspirierend finde. Auch als Ausgangsmaterial für die Improvisationen. Die größte Herausforderung besteht für mich jedoch darin, aus einer interessanten rhythmischen Struktur ein wirklich tolles Stück zu machen – und dieses dann auch noch überzeugend spielen zu können! Dies erfordert fast bei jedem neu komponierten Isorhythmus eine Entwicklung über eine längere Zeit.

Carina: Seit September 2008 ist – anders als auf der Debüt-CD "Christoph Stiefel Inner Language Trio" – Thomas Lähns anstelle von Pat Moret mit dabei. Wie veränderte dies das Triokonzept und die Livekonzerte?

Christoph: Mit Thomas am Bass können wir von der Energie her noch weiter gehen als früher. Vor allem, weil ihm diese hoch energetische Art zu spielen liegt und ebenso viel Spaß macht wie Marcel [Papaux, Schlagzeuger] und mir. Thomas schafft es ohne Weiteres, sowohl in den Improvisationen mit uns mitzugehen, als auch beim Fundament, dem Groove, zu bleiben. Je nachdem, was der Moment verlangt. Man muss ja diese Isorhythmen nicht nur spielen können, sondern fähig sein, mit ihnen zu spielen. Dann gemeinsam zu improvisieren und trotzdem nicht "rauszufliegen" aus der rhythmischen Struktur, das ist wirklich schwer. Wenn es gelingt, ist die Musik dafür aber um so spannender, bezüglich Kommunikation und Interaktion in der Band…

Das " Inner Language Trio"

Carina: Kommt ihr als Band auf der aktuellen CD "Fortuna's Smile", die ausschließlich Eigenkompositionen von dir enthält, deiner "eigenen musikalischen Sprache" sozusagen näher?

Christoph: Ja, ich denke schon, dass wir näher an einer "eigenen musikalischen Sprache" sind, als wenn wir, wie auf dem Vorgänger "Inner Language", auch freie Improvisationen oder adaptierte Jazz-Standards auf die CD genommen hätten. Ein eigenes, klares musikalisches Konzept entwickeln, heißt ja vor allem, ganz viel weglassen, was nicht essentiell ist für die gewollte musikalische Aussage.

Natürlich spielen wir alle auch gerne Standards oder freie Impros. Aber wir müssen ja niemandem beweisen, dass wir das können! Es gab beispielsweise eine Komposition von mir, bei der wir es nicht schafften, zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Die haben wir dann auf der CD weggelassen.

Wir werden zudem ja bei all unseren Konzerten vom Publikum darin bekräftigt, auf unserem speziellen Weg weiterzugehen. Das isorhythmische Konzept, wie ich es in meiner Musik anwende, bietet ja enorm viel Spielraum. So sind so völlig verschieden klingende Kompositionen wie "Eclipse", "Olympus Mons" oder "Tiscope Kaleidome" (alles Titel aus der neuen CD) mit diesem Konzept enstanden.

Dies zeigt mir persönlich, dass dies für mich und das Trio keine Einschränkung bedeutet, sondern vielmehr eine äusserst interessante Möglichkeit, Musik zu schreiben und zu spielen. Und zwar Musik, die alles beinhaltet, was uns wichtig ist im Jazz. Und die trotzdem nicht klingt wie vieles anderes, was man im Jazz "normalerweise" hört!

Carina: Die "klare musikalische Vision", sagtest du, sind dir wichtiger als – ich nenne es mal – Demokratie in einer Band. Was ist denn die musikalische Vision hinter der neuen Platte?

Christoph: Grundsätzlich: Noch mehr auf das Konzept der Isorhythmen fokussieren. Darin jedoch für alle Beteiligten mehr Abwechslung und möglichst viel musikalischen Freiraum schaffen. Bei den neuen Kompositionen habe ich sehr darauf geachtet, die für mich immer wieder aufs neue unglaublich spannende Welt der isorhythmischen Überlagerungen für den Hörer möglichst erlebbar zu machen. Ein anderes wichtiges Ziel war uns auch, unsere starke Liveenergie, die wir in den vielen Konzerten aufgebaut haben, auf die CD zu bannen. Und dies ist uns unserer Meinung nach auch gelungen…

Bei den neuen Isorhythmen habe ich zudem bewusst versucht, dem Bass mehr Freiheit zu geben. Er sollte nicht mehr so häufig, wie bisher, ein vom Klavier im Bassbereich gespieltes Ostinato doppeln müssen. Jetzt hat er mehr eigenständige Basslinien, von denen er ausgehen kann. Dafür spielt das Klavier mehrstimmig – wie beispielsweise beim Stück "Fortuna's Smile" – verschiedene rhythmische Stimmen gleichzeitig. Dadurch sind die Kompositionen zwar teilweise für mich noch schwerer zu spielen, meine Mitmusiker haben dafür aber mehr Freiheit. In den Improvisationen haben wir dann teilweise auf jegliche isorhythmischen Strukturen verzichtet, um im gemeinsamen Interplay möglichst viel Freiheit zu behalten.

Christoph Stiefel (Foto: A. Tanner)

Carina: Ist bereits eine weitere CD in Planung?

Christoph: Ja, wir sind an der Planung und Vorbereitung einer neuen Studio-CD, die im Laufe dieses Jahres erscheinen soll. Das übernächste Album könnte dann durchaus "live" sein...

Carina: Für die Jahre 2008 bis 2010 seid ihr von der schweizerischen Kulturstiftung "Pro Helvetia" für die "Prioritäre Jazzförderung" ausgewählt worden. Wie kommt man da hin?

Christoph: Man kann sich bewerben! Um aber überhaupt für dieses Förderprogramm in Frage zu kommen, muss eine Band jedoch bestimmte Kriterien erfüllen. Beispielsweise muss sie Tourneen im Ausland machen, international vertriebene Tonträger vorweisen, über ein Repertoire mit Eigenkompositionen verfügen… Die "Prioritäre Jazzförderung" läuft dann jeweils für drei Jahre, dann darf man sie wieder neu beantragen.

Carina: An der Musikhochschule Luzern unterrichtest du den dort angebotenen Studiengang für Keyboard in der Abteilung Jazz. Was versuchst du, jungen Keyboardern für ihre musikalische Karriere mit auf den Weg zu geben?

Christoph: Ein solides Handwerk sowohl bezüglich dem technischen Verständnis sowie den verschiedenen Aspekten des Keyboard-Spiels. Ganz wichtig ist auch die Förderung einer eigenen Soundsprache und der Umsetzung der eigenen Kreativität – da liegt meiner Meinung nach auch die vielleicht größte Stärke des Keyboards, und der elektronischen Musik allgemein...

Christoph Stiefel

Carina: Und wie gestaltest du einen Studiengang, den es bisher so noch gar nicht gab?

Christoph: Ich kann jetzt hier nicht den ganzen Lehrplan beschreiben... aber ich habe diesen zusammen mit dem Rektor aufgrund meiner 20-jährigen Erfahrung als Keyboarder in verschiedensten Stilen sinngemäss zusammengestellt. Und die Lernerfolge der Studenten waren diesbezüglich bisher alle gut...

Carina: Du bist auch als Solopianist unterwegs und hast 2005 ein Soloalbum eingespielt. Was sind die Vorteile gegenüber einer Triobesetzung bzw. was für einer Art von Projekten näherst du dich lieber solo?

Christoph: Solo kann ich natürlich die Musik bis ins letzte Detail selbst gestalten – was bei bestimmten Kompositionen sehr interessant sein kann. Ich spiele auch solo vor allem isorhythmische Eigenkompositionen, gelegentlich auch einen auf meine Art speziell adaptierten Jazz-Standard. Bei dieser polyphonen Art zu spielen, bin ich solo pianistisch höchst gefordert. Ähnlich wie bei den Fugen von Bach, muss ich jede Stimme herausarbeiten. Und jede Unsicherheit oder unklare Artikulation kann vom Hörer wahrgenommen werden! Nicht nur in rhythmischer sondern auch in klanglicher Hinsicht.

Gerade in der Improvisation mit Isorhythmen ist die Herausforderung sehr groß. Das macht aber auch unglaublichen Spaß! Ganz spezielle Klänge, beispielsweise mit präpariertem Klavier, setze ich grundsätzlich lieber solo um, da diese meist leisen Nuancen mit Bass und Schlagzeug doch eher untergehen. Ein solcherart konzipiertes Stück verlöre dann an Reiz.

Ich habe einige meiner letzten Solo-Konzerte mitgeschnitten und denke momentan über eine "Live" CD nach: "Isorhythms for Solo Piano"… Die muss aber wohl noch etwas warten. Zuerst ist die neue Trio-CD dran!

Carina Prange

CD: Christoph Stiefel Inner Language Trio - "Fortuna´s Smile"
(Neuklang NCD 4045)

Christoph Stiefel im Internet: www.christophstiefel.ch

Thomas Lähns im Internet: www.laehns.com

Marcel Papaux im Internet: www.marcelpapaux.com

Neuklang Records im Internet: www.neuklangrecords.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2010
erschienen: 14.3.2010
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