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Thorsten Skringer - "Exaktheit und Mikrotime"

Die Bands "Soulkitchen", "Jazzmachine" und das Saxophon Quartett "Fünfter Mann" waren Formationen, in deren Zusammenhang ein Musikername immer wieder auftauchte: Thorsten Skringer. Der bislang in München lebende und arbeitende Saxophonist, selbst Absolvent der "Neue Jazz School München", hat seinen Wohnsitz inzwischen nach Köln verlegt und verstärkt mit seinem Saxophon den Sound der Studioband von Stefan Raabs TV Total: den "Heavytones".

Thorsten Skringer

Skringer, der sich neben der Vielzahl seiner Engagements bei zahlreichen Projekten eher als Arrangeur denn als Komponist versteht, gab auch dem Soloalbum des DePhazz-Sängers Karl Frierson letzten Schliff. Ein eigenes Album hat Skringer neben allem auch bereits veröffentlicht, ein weiteres ist angedacht.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Thorsten Skringer

Carina: Joe Haider hatte 1974 die "Neue Jazz School München e.V." gegründet – gab es eine bestimmte Ausrichtung, spezielle individuelle Lehrkonzepte dieser Schule, eine Konzentration auf bestimmtes Material, was dein Interesse an ihr erregte?

Thorsten: Es ging damals für mich darum, mehr Basics zu lernen. Schnupperstunden und Übungssessions mit improvisierter Musik hatte ich im Vorfeld bereits hinter mir. Interessante Schwerpunkte waren für mich etwa das Erfassen von Rhythmik, das Visualisieren dessen, was musikalisch passiert, um mehr Kontrolle zu erlangen.

Von Grund auf Harmonielehre zu erlernen, gehörte ebenso dazu – denn wenn ich ehrlich bin, wusste ich über all dies herzlich wenig. Und was das Arrangieren anging, so war mir damals nicht klar, was überhaupt ein "Voicing" ist.

Die Gehörbildung stellt einen weiteren wichtigen Aspekt an der Neuen Jazzschule dar. Intervalle herauszuhören ist sehr wichtig für einen Musiker. Und nach und nach stellte sich für mich heraus, dass mir der Band Workshop am meisten bringt, einfach effektiver ist als der Einzelunterricht.

Man muss dazu sagen, dass die Schule damals noch nicht so strukturiert war wie heute. Workshops und Harmonielehreunterricht waren nicht koordiniert. Somit arbeitete jeder Lehrer autark, ein Song, den man im Workshop spielte, wurde bei Harmonielehre nicht unbedingt besprochen.

Diese Strukturen innerhalb der Neuen Jazzschule haben sich sehr geändert. Nichtsdestoweniger war diese etwas chaotische Unterrichtsweise für uns Schüler prägend und wichtig: man wurde dadurch auf das Musikerleben direkt vorbereitet und begriff sehr schnell, dass man sich am Ende immer selbst helfen muss.

Thorsten Skringer

Carina: Wie kam es denn dazu, dass du erste eigene Bandprojekte aus der Taufe gehoben hast? Und was hat im Augenblick für dich höchste Aktualität?

Thorsten: Wie bestimmt bei den meisten anderen Musikern auch, verläuft das Musikerleben immer in Phasen. Da ist zunächst die "junge Revoluzzer Phase". In der weiß man, dass man jetzt alle deutschen Tugenden durchbricht, indem man nicht Arzt oder BWLer, sondern Musiker wird.

Dann kommt die nächste Phase, in der man sehr viel übt. Nach der "Übe-Phase" folgt die "Frust-Phase", in der man feststellt, dass alles nicht gleich so klappt wie gedacht. Darauf folgt die "Erste Job-Phase" - das ist der Zeitpunkt, zu dem alles nach und nach anläuft.

Der Wechsel von der "Übe-Phase" zur "Frust-Phase" fand bei mir statt, als ich so Ende Zwanzig war. Daraus schlussfolgerte ich, dass es nun Zeit ist für eine "Du musst jetzt noch mal Gasgeben-Phase". Da legst du dich nochmal total ins Zeug. Ich habe gedacht, ich müsse mein Leben umstellen, habe viel mehr live gespielt und meinen Unterrichtsjob geschmissen.

Wunderbarerweise wuchs zu der Zeit bei mir die Idee, die ganzen Skizzen aus meiner Unterrichtstätigkeit zu nehmen und zu bündeln. Meine eigene Art des Unterrichtens von Rhythmik, Groove, Methodik und Funk floss mit ein. Und nach und nach wurde der Wunsch deutlich, daraus ein richtiges Buch zu machen. Ein Buch mit CD, eine richtige Saxophonschule wollte ich rausbringen. Damit wollte ich meine Unterrichtstätigkeit mit einer Abschlussarbeit versehen und schließlich wurde daraus das "Sax Clinic"-Buch.

Thorsten Skringer

Carina: Da möchte ich nochmal nachfassen: war das zeitgleich mit dem Yamaha Sax Contest?

Thorsten: Ja, das ist richtig. Als ich so intensiv am Üben war, gab mir einer meiner Schüler einen Wink, indem er mich auf den Saxophon Contest hinwies. Gemeinsam gingen wir das an, wir wollten auf alle Fälle gewinnen! In der Zeit hatte ich unglaublich viel Energie!

Nicht nur, dass ich den Contest gewann, einen Verlag für das Buch fand ich ebenfalls. Und nebenbei lernte ich den Saxophonisten von "Tower of Power" kennen. Er besuchte mich dann kurze Zeit später, wir spielten ein gemeinsames Konzert und daraus entstand dann die CD.

Skringer - "Over The Line"

Carina: Das bedeutet, es handelt sich gar nicht um ein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne?

Thorsten: Nein, ich hatte in jener Zeit keine eigene Band, sondern habe für diesen Anlass eine Formation zusammengestellt. Die CD habe ich in diesem ganzen Zusammenhang, den ich bereits erwähnte, ebenfalls noch fertiggestellt. Ich wollte etwas Eigenes in Händen halten. Eine CD einspielen bedeutet viel Arbeit, hohe Kosten und das erst recht, wenn man kein Label hat.

Wichtig war mir, mit der CD nicht als "Saxophon-Held" dazustehen, sondern mich in einen Gesamtkontext einzubringen. So finden sich auf dem Album vier verschiedene Sänger, das geht von einem deutschen Hip Hopper bis hin zu einer schwarzen Soulsängerin. Letztendlich habe ich für dieses Album innerhalb von sechs Wochen eigene Songs und die der Mitmusiker arrangiert.

Im gleichen Zeitraum musste ich einen Club für den Auftritt organisieren, Plakate und Flyer drucken lassen und mich auch noch um Radiowerbung kümmern. Die CD erntete dann viel Respekt, insbesondere sicherlich auch aufgrund der Rahmenbedingungen. Normalerweise läuft ja so ein Kompositions- und Aufnahmeprozess über einen Zeitraum von zwei Jahren!

Carina: Nun zu deinen Saxophonschulen "Saxclinics" und "Funky Saxsolos", zu denen auch eine CD gehört – inwieweit ist es deiner Meinung nach mit Hilfe des Buches und der Play-Alongs möglich, auf persönlichen Unterricht zu verzichten?

Thorsten: Sowas ist grundsätzlich nicht möglich! Wie im Vorwort erwähnt, soll dieses Buch lediglich ein zusätzliches Werk sein, um bestimmte Details zu trainieren. Dinge, die in der bisherigen Literatur noch keine Erwähnung fanden. Aber, das ist vollkommen klar, das Buch ersetzt keinen Lehrer und auch nicht die anderen Saxophonbücher, die bereits auf dem Markt sind.

Ich bin nämlich der Meinung, dass bei Bläsern, egal ob Trompete, Posaune, Saxophon – eine allgemeine Schwäche besteht in Hinblick auf rhythmische Exaktheit und Mikrotime. Selbst bei Profis! Nicht umsonst gelten wir Bläser bei modernen Pop-, Soul- und Funk-Rhythmusgruppen gern mal als diejenigen, die immer schleppen...(lacht)

Ich habe dann zu diesem Buch die Musik der einzelnen Stück in drei verschiedenen Tempi auf CD gebracht. So kann man Phrasierung und Timing wirklich von Grund auf checken. Ich habe dieses Buch, welches eben keine reine Saxophonschule darstellt, aus dem eigenen Wissen heraus geschrieben. Und auch mit dem Risiko, dass es vielleicht im Regal liegen bleibt und es keiner haben möchte…

Thorsten Skringer - "Funky Sax Solos"

Carina: Darin ist auch zu lesen, dass "der Autor besonderen Wert auf die täglichen Warm-Ups" legt. Spielst du dich denn selber vor Konzerten regelmäßig warm und wieviel und was übst du, wenn du unterwegs bist?

Thorsten: Zugegeben, manchmal sind es natürlich der Stress oder die örtlichen Gegebenheiten, die einen am Üben hindern. Jeder Profi würde sich in die Tasche lügen, würde er etwas anderes behaupten! Aber normalerweise bereite ich mich auf Konzerte vor, vor allem dann, wenn ich mir selbst wirklich alles abverlangen muss. Um mich aufzuwärmen halte ich dann, genau wie jeder Trompeter oder Posaunist, viele lange Töne.

Vor einer CD-Einspielung oder vor einer Konzertserie habe ich auch hin und wieder Magenschmerzen und bin aufgeregt. Um da wirklich ordentlich vorbereitet zu sein, muss ich im Vorfeld, also etwa ab zwei Wochen vorher, technisch noch einmal "eine Schippe drauflegen" und konzentriert üben. Wenn ich mal drei, vier Wochen am Stück unterwegs bin, merke ich durchaus, dass ich konditionell abbaue. Allein durch die Auftritte kann ich, wenn ich parallel zu den Gigs nichts weiter tue, meine Technik nämlich nicht halten.

Inhaltlich übe ich so rudimentär und einfach wie es geht. Die bereits erwähnten marathonmäßig langen Töne - und für mich sehr geeignet sind außerdem die Joseph-Viola-Tonleiterübungen. Im Grunde trainiere ich immer noch dasselbe wie vor zehn Jahren: nämlich alle Dur-Tonleitern. Ich jage mit Metronom und Klick die Töne in allen Lagen durch und schaue, dass alles da ist.

Ich war noch nie ein großer Fan von Pattern. Macht man zuviel davon, wartet man im Live-Konzert nur darauf, sie auch einzusetzen. Das hört man und es macht sich nicht gut! Aber wenn du alle zwölf Dur-Tonleitern von jedem Grundton aus übst, und zwar über den gesamten Tonumfang: da käme ich nie im Leben drauf, dass live zu tun, wenn ich ein Solo spiele. Das ist vollkommen abwegig!

Zusammengefasst: Tonleitern, Tonleitern und noch mehr Tonleitern heißt die Devise! Das Konzept von Joseph Viola befreit einen total im Hören, du hörst dich quasi durch alle Kirchentonarten durch. So exzessiv, wie ich das betreibe, dauert es eine Viertelstunde mit den Warm-Ups und eine weitere Dreiviertelstunde, bis ich sämtliche Tonarten durchhabe. Und das reicht dann auch wirklich!

Ein ganz wichtiger Aspekt des Übens und Lernens ist, dass du beim Zuhören definitiv am meisten lernst. Leider wird das sehr wenig propagiert! Seit zwölf Jahren verteile ich an meine Schüler regelmäßig Zettel mit Titeln von CDs, die sie sich anschaffen sollten. Das können Bands sein, Sänger, Saxophonisten, kurz: gute Musik. Nur wenn man häufig und leidenschaftlich gute Musik hört, nimmt man daraus auch etwas für sich auf. Die technischen Hausaufgaben am Instrument muss man erledigt haben, aber zuhören und sich einen Reim daraus machen, das ist das A und O!

Thorsten Skringer

Carina: Du bist ja wohl bei Yamaha geblieben, nachdem du den Sax-Contest gewonnen und ein Instrument von der Firma erhalten hast? Ist es immer noch das YTS-82Z, das du spielst?

Thorsten: Es ist so, dass ich ein bisschen mit der Absicht zu diesem Contest gefahren bin, das Instrument zu verkaufen, wenn ich eines gewinnen sollte. Ich hatte es vor Ort ja bereits ausprobiert und festgestellt, dass es ein gutes Horn ist und meinen Wunsch nach einem 82Z in Silber geäußert.

Und dann kam so zwei Monate später dann das Instrument per Post bei mir an: original verpackt, nagelneu, ein silbernes "Custom 82Z". Ich schaute es mir an und es wurde sofort klar, dass man so ein Saxophon nicht einfach irgendwo in einem Musikgeschäft "verscherbeln" kann. Ich dachte so bei mir: "Spiel doch mal drauf, guck mal, wie das klingt!" Und schon war es um mich geschehen. Einen Tag später habe ich es bei einem Konzert mit der Earforce Big Band eingesetzt und seit diesem Tag spiele ich es!

Das Custom 82Z geht einfach in allen Lagen los, das ist phantastisch. Bei Bühnensituationen mit großen Lautstärken, wenn etwa die Band sehr laut klingt, habe ich ein besseres Controlling über die Ansprache. Die Intonation wird sowohl im Studio als auch live besser, selbst wenn man sich selbst mal nicht so optimal hört. Trotzdem habe ich einen Sound, so groß wie ein Haus. Und schlussendlich ist das Feedback vom Instrument viel besser als zuvor. Mit anderen Worten: ich bin rundum glücklich. Mittlenrweile spiele ich sogar das gleiche Instrument, unlackiert, als Altsaxophon.

Als von Yamaha die Anfrage an mich kam, ob ich mir vorstellen könnte, auch Clinics und Workshops zu geben, da hätte ich das Horn schon längst nicht mehr aus der Hand gegeben. Lustig, fast jeder, der es sieht, fragt mich, "Was ist denn das für ein uraltes Teil?" Und dann sag' ich, "Och, das ist mein drei Jahre altes Yamaha!" Der Eindruck entsteht bei den Leuten natürlich insbesondere, weil Silber ja sehr schnell anläuft…

Carina Prange

CD: Skringer - "Over The Line"
(Eigenproduktion)

Thorsten Skringer im Internet: www.skringer.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2009
erschienen: 14.6.2009
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