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Stefan Rusconi - "Das Leben spürbar, erlebbar, machen"

Achtung, die Schweizer kommen! Dass die Zeit für Klaviertrios nicht nur da ist, sondern gar kein Ende nehmen will, scheint offensichtlich. Nachdem die Ikone Esbjörn Svensson tödlich verunglückte, folgen nordische Bands in diesem Segment nach – wie etwa das Trio von Helge Lien oder das von Tord Gustavsen. Und aus den USA melden sich aus der jungen Generation, unter vielen anderen, Jean-Michel Pilc und The Bad Plus regelmäßig mit neuen Alben zurück.

Stefan Rusconi (Lena M. Thuering)

Zwar setzen Stefan Rusconi und sein Trio, aus dem schneebegipfelten Herzen Europas, scheinbar ähnliche Akzente wie die Vorgenannten: Auch sie sind in der Pop- und Rockmusik ihrer Generation verwurzelt, ebenso, wie sie sich ihren persönlichen Zugang zur Jazztradition bahnten. Darüber hinaus aber gelingt "Rusconi" seit ihrer Gründung im Jahr 2001 stets ein besonderer Brückenschlag – hin zu einem Individualsound, der etwas von Klassik einfließen lässt, oder auch von Film- und Theatermusik: Stefan Rusconi kann auf das neue Album seiner Band, mit Fabian Gisler am Bass und Claudio Strüby an den Drums, zu Recht stolz sein.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Stefan Rusconi

Carina: Stefan, du hast u.a. mit einigen Theaterprojekten musikalisch zusammengearbeitet. Was hast du von dieser Zusammenarbeit für die Dramaturgie der Musik deines Trios gelernt? Gibt es da Querverbindungen in der Herangehensweise an Komposition und Sound?

Stefan: Das Erzählen einer Geschichte, die musikalische Umsetzung von Bildern und Stimmungen sind in meiner Musik zentrale Themen. Gelingt diese Erzählung, dann geht das für mich Hand in Hand mit einem intensiven Erlebnis. Wer gute Geschichten mit all ihren Facetten wie Leidenschaft, Ideengehalt, Tempo, Witz und Dynamik erzählen kann, macht Leben spürbar …, erlebbar! Diese Momente suche ich in der Musik.

Rusconi Trio (Jo Jankowski)

Carina: Um aus der Vielzahl deiner Lehrer und Masterclass-Dozenten drei herauszugreifen: Was hast du speziell von Ethan Iverson (p), Jean-Michel Pilc (p) und Kurt Rosenwinkel (g) über den Umgang mit Klang und Technik, Arrangement und die künstlerische Umsetzung inspirierender Ideen gelernt?

Stefan: Bei Kurt Rosenwinkel fasziniert mich die unglaubliche Intensität des von ihm erzeugten musikalischen Moments. Jeder Ton ist absolut bewusst gesetzt. Manchmal bekomme ich das Gefühl, seine Gitarre – sprich, die Musik – spielt mit ihm. Und nicht umgekehrt! Zusätzlich haben mich lange seine Kompositionsideen in den Bann gezogen. Rosenwinkel versteht es ausgezeichnet, verschiedene Stile und Richtungen wie die Jazztradition, Rock, Blues, freie Improvisation, Weltmusik etc. zu verschmelzen. Sein musikalischer Horizont ist beeindruckend groß – ein moderner Musiker.

Bei Ethan Iverson inspiriert mich vor allem seine improvisatorische Herangehensweise – ich spreche hier von Projekten mit Chris Cheek oder Bill McHenry und nicht explizit von the Bad Plus! Seine zum Teil sperrigen aber auch ausufernden Soli versuchen immer die Essenz des gespielten Songs zu treffen. Ein moderner Thelonious Monk vielleicht...

Jean-Michel Pilc hat mich während meiner Zeit in New York – das war im Winter 2004 – auf ein paar pianistische Lücken aufmerksam gemacht, die ich noch immer zu füllen versuche… Musikalisch kenne ich ihn nur von den Konzerten im "Fat Cat", das ist ein Club in Manhattan, die neben rhythmischer und harmonischer Virtuosität immer auch von viel Witz und Spielfreude zeugen. Neben der Beherrschung des Instruments ist sicherlich die Verbundenheit zur amerikanischen Musiktradition eine Gemeinsamkeit dieser beiden, ansonsten sehr verschiedenen, Musiker.

Carina: Stichwort Authentizität: Wie definierst du diesen Begriff für dich und dein Trio? Und welche Rolle spielt Authentizität deiner Meinung nach heutzutage in der Musikbranche generell?

Stefan: Mir ist wichtig, dass künstlerische Aussagen aus der vermittelnden Person selbst stammen. Ich möchte mich in meiner Musik und in dem Trio so zeigen, wie ich bin. So, wie wir sind! Natürlich sind wir nicht gefeit gegen äußere Einflüsse… die sollen und wollen wir auch gar nicht ausschließen. Aber mir geht es dabei mehr um die Echtheit und Glaubwürdigkeit unserer Darbietung. Das braucht Zeit und Mut, fühlt sich bei Gelingen jedoch großartig an; auch für die Konzertbesucher! Natürlich kann auch eine gelungene Inszenierung authentisch sein. Doch dafür braucht es enormes Können. Und einiges mehr an Substanz, als ich es in vielen "Musik-Medien"-Ereignissen unserer Zeit sehe.

Rusconi - "One Up Down Left Right"

Carina: Du komponierst sämtliche Stücke für das Trio selbst. Wie ist deine Vorgehensweise – schreibst du die Kompositionen sozusagen deinen Mitmusikern auf den Leib? Oder entstehen die Stücke mit Hilfe eines "Grundgerüstes" eher im Zusammenspiel von euch Dreien? Erzähl mal…

Stefan: Die von mir in die Proben gebrachten Stücke variieren zwischen "fast ausgereift" und "musikalischer Skizze". Das heißt, dass sich zum Teil durchaus vieles erst in intensiver Probenarbeit zu dritt konkretisiert. Der Klang und die Spielweise von Fabian und Claudio sind beim Schreiben der Stücke natürlich immer präsent. Unsere Soundkultur und Konzeption, die sich über die letzten Jahre entwickelt haben, lassen mich sicher auch nicht völlig unberührt.

Manchmal bekomme ich fast Angst, dass ich mich bereits jetzt einer, "unserer", zugegebenermaßen sehr kurzen, Tradition, verbunden fühle. Dann höre ich mir Musik unterschiedlichster Stile an und frage mich, was berührt, was inspiriert mich an den jeweiligen Stücken? Diese Erkenntnisse versuche ich dann wiederum in unsere Musik einfließen zu lassen, um neue Welten zu öffnen.

Carina: Es finden sich in eurer Musik eindeutig Einflüsse der Musik, mit der eure Generation aufgewachsen ist. Wieweit fühlst du dich als Musiker unserer Zeit den gegenwärtigen Strömungen verpflichtet? Und wieviel sollte, im Gegensatz dazu, der Aufrechterhaltung der Jazztradition geschuldet sein?

Stefan: Unsere musikalische Sozialisation fand anders statt, als noch vor 60 Jahren. Damals war Jazz und Jazzverwandtes sehr populär. Ich hingegen habe im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren mit meinen Freunden ausschließlich Rock, Jungle und Trip-Hop gehört. Für Jazz brauchte es starke Impulse von außen: Mein zweiter Klavierlehrer, meine Eltern, ein Workshop an der Musikschule … da kam ich mit Jazz in Kontakt. Doch es war keine "gelebte" Jugendkultur!

Dennoch wurde ich infiziert – nicht tödlich, doch nachhaltig! Jazz wurde immer wichtiger und bald war klar, dass ich mich über ein Studium darin vertiefen wollte. Die Affinität zur populäreren Musikkultur blieb jedoch erhalten. Nun versuche ich, diese unterschiedlichen Welten zu verschmelzen. Auch die Klassik gehört dazu. Für die Aufrechterhaltung der ein oder anderen Tradition sollen ruhig andere zuständig sein! (lacht) Die Fortführung und die Weiterentwicklung diverser Traditionen fasziniert mich mehr.

Stefan Rusconi (Jo Jankowski)

Carina: Die klassische Besetzung eines Jazztrios bzw. Klaviertrios…Welche Chancen und Möglichkeiten, aber auch welche Einschränkungen, ergeben sich deiner Meinung nach aus diesem Format?

Stefan: Die drei Instrumente, also Piano, Bass und Drums, lassen einen nahezu jede musikalische Idee umsetzen. Melodie, Harmonik, Bass und Rhythmus sind ja Grundpfeiler der Musik. Man kann sich natürlich auch bewusst wieder von diesen Gegebenheiten verabschieden. Muss man aber nicht… Diese Freiheit haben wir!

Zudem sind drei Musiker in der improvisierten Musik gerade noch überschaubar. Bei einem mehr wird es bereits um ein Vielfaches komplizierter. Auch eine gewisse Lautstärke kann in diesem Kontext nicht überschritten werden. Außer man verstärkt die Band extrem. Doch dann entfernen wir uns vom akustischen Sound unserer Instrumente, der uns zentral erscheint… Gut, dies empfinde ich vielleicht manchmal als Einschränkung.

Carina: Ihr seid eine "Working Band", die diesen Namen auch tatsächlich verdient. Ist eine kontinuierlich gleichbleibende Besetzung etwas, das wieder "modern" ist – was würdest du sagen?

Stefan: Eine "Working Band" zu haben, war mein Bubentraum! Okay, ein Deal bei einem Major Label sicherlich auch… Nun sind beide Träume Wirklichkeit geworden. Doch nur, weil auch Fabian und Claudio sehr viel Zeit in diese Band investieren. Dies ist auch mit einiger Risikobereitschaft verbunden. Momentan läuft es gut.

Aber Probearbeiten, Videodrehtage, Fotoshootings, Diskussionen, Sperrzeiten, sind alles nicht sehr lukrative Beschäftigungen. Dennoch, für uns bleibt es ein Glücksfall. Die Band wird zunehmend homogener, fortwährend komplexere musikalische Ideen werden intuitiver und schneller wahrgenommen. Immer wieder werden musikalische Ideen und Ansichten intensiv diskutiert: Ein ständiger Prozess, der nur bei kontinuierlichem Arbeiten möglich ist.

Ob das wieder modern ist? Als Idee vielleicht schon. Doch die Strukturen in unserer Musikbranche sind lose und finanziell relativ unsicher… viele Musiker müssen sich in zahlreichen Projekten ihr Geld "zusammenverdienen". Und da bleibt oftmals wenig Zeit für eine Working Band.

Rusconi Trio (Lena M. Thuering)

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Stefan: Ich versuche immer, neue Grenzen zu überschreiten und aufs Ganze zu gehen. Dies ist nicht zerstörerisch gemeint, sondern kreativ fordernd. Meine Ansprüche sind dabei allerdings manchmal etwas zu hoch gesteckt. Dabei soll aber auch Offenheit für Spontanes, Neues und Unbekanntes Platz haben. Auch möchte ich eine kindlich, neugierig verspielte Herangehensweise an das Leben nicht verlieren.

Carina Prange

CD: Rusconi - "One Up Down Left Right" (Sony Music 88697392102)

Rusconi im Internet: www.rusconi-music.com

Sony Music im Internet: www.sonybmg.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2009
erschienen: 12.11.2009
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