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Stanley Clarke - "Ein Akustikbassist, der E-Bass spielt!"

Dieser Mann hat aus verschiedenen Gründen Bassgeschichte geschrieben: Stanley Clarke war der erste Bassist in den Musikannalen, der als Headliner Welttourneen vor ausverkauften Häusern absolvierte. Bereits als 25-jähriger galt er an seinem Instrument als "Legende" und wird heute, neben Jaco Pastorius, als bedeutendster Bassist der Fusionära der 70er Jahre, wenn nicht gar als "bester Bassist der Welt" gehandelt.

Stanley Clarke

Gegenüber Pastorius hat Stanley Clarke natürlich einen entscheidenden Vorteil: er lebt – und zählt damit zu den "Living Legends", die nach wie vor, wie im Rahmen der Leipziger Jazztage 2008 mit "SMV" zusammen mit Victor Wooten und Marcus Miller auf, live auf der Bühne zu erleben sind. Auch Europa ist ihm nicht neu – immerhin zog Clarke (damals mit Jeff Beck) bereits 1978/79 durch hiesige Gefilde; das ist unglaubliche dreißig Jahre her! Eine solche Ikone zu interviewen, könnte einem von daher ein wenig unheimlich sein…

Für Berührungsängtste gab es dann doch keinen Grund: Letztendlich erweist sich Clarke vor seinem fulminanten Konzert in Leipzig im Interview mit Carina Prange als wohlüberlegter, sympathischer Gesprächspartner – ein wenig spröde zwar, aber keinesfalls abgehoben…

Carina: Stanley, du bist ja gleichermaßen versiert auf dem E-Bass wie auf dem Kontrabass. Über die vergangenen Jahre hast du deinen Schwerpunkt wieder mehr auf den akustischen Bass verlegt. Ist der E-Bass in deinen Augen etwas für die Kids, für die Sturm- und Drangzeit? Ist er vielleicht nicht seriös genug?

Stanley: Also, ich habe mich ja nie als einen "hundertprozentigen E-Bassisten" betrachtet! Ich bin ein Kontrabassspieler, der zufällig auch etwas E-Bass spielt. So habe ich das immer gesehen. Aber als ich anfing, Platten aufzunehmen, begab es sich, dass ich mit dem E-Bass bekannt und berühmt wurde. Wesentlich berühmter, als mit dem Kontrabass! Aber im Herzen bin ich immer ein Kontrabassspieler geblieben.

Stanley Clarke

Carina: Beide Instrumente haben ja, wie du es ausgedrückt hast, ihre "physischen Grenzen". Was für Grenzen sind das denn, die ein Instrumentalist überwinden muss?

Stanley: Das Hauptmanko des Basses ist, dass du bestimmte Dinge einfach nicht machen kannst, weil es sich nicht gut anhört. Geht akustisch nicht. Dazu gehören bestimmte Akkorde oder vielmehr Akkordtypen. Die funktionieren auf dem Kontrabass nicht. Auf dem E-Bass, ganz nebenbei, auch nicht. Aber die Hauptsache ist immer, sich nicht an den Sachen festzubeißen, die nicht gehen, sondern sich auf das zu konzentrieren, was geht.

Wenn sich also ein Bassist in den Kopf setzt, ein Virtuose auf seinem Instrument zu werden, dann muss er sich eben hinsetzen und dessen Möglichkeiten erforschen. Den Bass im funktionalen Sinn zu spielen, ich meine in einer Band als Teil der Rhythmusgruppe, das ist die eine Sache. Aber wenn man darüber hinausgehen will, dann muss man sich auf den Hosenboden setzen. Und sich was überlegen, ausknobeln, studieren, probieren – und wirklich den Möglichkeiten des Instruments auf den Grund gehen. Allen Möglichkeiten.

Wenn man das tut, dann erfährt man dabei natürlich auch mehr darüber, was nicht geht. Sagen wir's einfach mal so: Manche Sachen hören sich gut an, andere schlecht. So einfach ist das.

Carina: Eine Fangfrage in diesem Zusammenhang - ist der Bass von Natur aus eher männlich, oder eher weiblich?

Stanley: Ich würde sagen, der Kontrabass ist weiblich. Den E-Bass betrachte ich als eher männlich.

S.M.V. - "Thunder"

Carina: Man sieht in dir ja den Erfinder des Pikkolobasses. Der Gitarrenbauer Carl Thompson hat das erste Instrument dieser Gattung in deinem Auftrag für dich abgefertigt. Was hast du an deinen Bässen vermisst?

Stanley: Du meinst, warum ich auf den Gedanken eines Pikkolobasses kam? Es war weniger, dass ich etwas vermisst hatte - eher, dass ich dem Bass, wie ich ihn kannte, etwas hinzufügen wollte. Ich hatte immer das Bedürfnis, seinen Tonumfang zu erweitern. Man kann ja einen Bass in normaler Stimmung spielen, oder in Tenorstimmung – warum also nicht auch einen Pikkolobass? Mehr war da nicht. Das habe ich halt in die Tat umgesetzt. Heutzutage gibt es Leute, die stattdessen Bässe mit sechs oder noch mehr Saiten spielen. Ist auch nichts anderes, sollen sie doch… Find' ich cool.

Carina: Könntest du deinen persönlichen Traumsound auf dem Bass beschreiben? Gibt es den wirklich, oder sucht man sein Leben lang nur danach?

Stanley: Ich habe immer alles versucht, um meinen Sound zu verbessern. Eigentlich macht das jeder Musiker. Man strebt nach dem besseren Ton. Alle guten Musiker, die ich kenne, tun das. Sie reißen sich ein Bein raus, um ihren Sound zu verbessern. Sound ist alles. Sound ist das Wichtigste.

Wenn dein Sound stimmt, dann inspiriert er dich. Nein, mehr als das – wenn dein Sound stimmt, dann kannst du dich selbst inspirieren! Wirklich! Und umgekehrt, und das gilt für fast jeden Instrumentalisten, den ich kenne, wenn der Sound nicht stimmt, dann klappt's auch nicht mit dem Spielen. Dann geht gar nichts. Komisch, was? (lacht)

Carina: Eine ganze Menge deiner Spieltechniken, besonders die Slap- und Poptechnik, sind ja von Bassisten weltweit kopiert oder abgekupfert worden. War das immer in Ordnung für dich, dass man dich nachahmt, dass du Wegbereiter für andere warst? Oder kam dir das auch gelegentlich komisch vor?

Stanley: Nee, ist schon in Ordnung. Weißt du, es ist doch schmeichelhaft, wenn dich einer nachmacht. Es hat mich eigentlich nie ausgesprochen geärgert, wenn es irgendwer tut. Es ist ja nicht so, dass ich nicht selbst früher andere nachgeahmt hätte! Das liegt in der Natur des Musikers.

Wenn du jung bist, schaust du dir Sachen ab, die andere machen. Wenn du dann älter bist – und etwas Glück hattest – dann gehörst du wiederum zu den Leuten, denen man zuhört. Und dann schaut man sich bei dir Sachen ab. So läuft es im Leben eben.

Carina: Wo wir gerade bei Vorbildern sind, welche Bassisten, oder allgemeiner, welche Musiker hast du in engeren Augenschein genommen, um mit deinem Spiel weiterzukommen? Ein Name, der in diesem Zusammenhang öfter fällt, ist Larry Graham wegen seiner Slappingtechnik. Wer sind die anderen?

Stanley: Stimmt, ich stand auf Larry. Aber außerdem hörte ich auch Charles Mingus. Und Ron Carter, auf jeden Fall Ron Carter! Und dann war da noch ein weiterer großer Bassist namens Richard Davis, der sowohl im Jazz als auch in der Klassik tätig ist. Das waren Leute, deren Spiel mich total anmachte.

Stanley Clarke

Carina: Lernen wir alle eigentlich hauptsächlich durch Kopieren und durch Imitation? Und wenn das so ist, woher kommen dann die wirklichen Innovationen?

Stanley: Wenn einer etwas wirklich Neues einführt, dann geschieht das immer aus einer Verbindung von Technik und Persönlichkeit heraus. Es braucht eine Persönlichkeit, die sich nicht ins Bockshorn jagen lässt. Jemanden, der nicht davor zurückscheut, einen Schritt weiterzugehen, als möglich erscheint. Jemanden, der Klimmzüge unternimmt, um auf eine höhere Stufe zu kommen.

Vielleicht macht dieser Jemand dann etwas, was alle anderen als "abseitig" erachten, weil es nicht der Tradition der Dinge entspricht. Aber genau in diesem Punkt findet die Innovation statt! Man muss gewillt sein und sich obendrein darauf einlassen, außerhalb der gewohnten Schubladen zu agieren. Von nichts kommt nichts.

Carina: Du hast ja, und das muss schon mal deutlich gesagt werden, die Rolle des Basses als Soloinstrument revolutioniert und den Bassisten in die Position des Bandleaders gebracht. Würdest du im nachhinein sagen, dass das einfach Glück war, dass gerade du derjenige warst, der diese Schlüsselrolle spielte?

Stanley: Nein. Am Ende kommt es immer darauf an, ob man etwas drauf hat oder nicht drauf hat. Was ich drauf hatte, war komponieren. In vielen der Bands, in denen ich während meiner Anfangszeit spielte, war ich der einzige, der Noten lesen oder schreiben konnte. Oder der einzige, der eine Ahnung von Arrangements hatte, oder wie man sie einstudiert.

Ich war derjenige, der den Laden zusammenhielt, der die Musik zum Laufen brachte. Es war ganz normal, dass ich dann später, als ich begann, eigene Bands zusammenzustellen, Musik schrieb, die den Bass als mein Instrument in den Vordergrund stellte. Und mich als Bassisten. Und das hat mir echt Spaß gemacht, glaub mir!

Carina: Ist es einsam an der Spitze, wenn einen alle als den "größten lebenden Bassvirtuosen" der Welt ansehen?

Stanley: Einsam? Nein, eigentlich nicht. Im Übrigen sehe ich mich nicht als den "größten lebenden Bassvirtuosen der Welt" an. Da gibt's inzwischen nämlich viele von. Hey, okay, ich war einer der ganz Frühen von ihnen! Stimmt schon. Aber seit der Zeit hat sich der Bass so sehr weiterentwickelt, dass ein Gefühl wie "Einsamkeit an der Spitze" ganz gewiss nicht mehr auftaucht! (lacht) Es sind ja so viele Kollegen da! Und sie haben alle ein Album auf dem Markt und eine eigene Band.

Das ist heute ziemlich landläufig geworden. Genau wie die Bassmagazine. Weißt du, damals in den 70ern, da gab es sowas nicht! Nicht die Spur. Später gab es irgendwann mal das "Bass Player" Magazin. Und dann kamen ganz langsam weitere dazu, überall auf der Welt. Aber in der Zeit, als ich anfing, war da noch keine Rede von. Klar, Magazine für Gitarristen zu Hauf. Aber für Bassisten?

Stanley Clarke

Carina: Du hast ja einige Soundtracks geschrieben, sowohl für Kino- als auch für Fernsehfilme. Um dich zu zitieren: "Es war eine musikalische Erfahrung ganz anderer Art für mich, ich wurde zum besseren, zum vollkommeneren Musiker. Es hat meine Fähigkeiten total in Anspruch genommen!" Worin bestand dieses Andere, und was war die größte Herausforderung für deine Fähigkeiten als Komponist und Musiker?

Stanley: Filmmusik zu schreiben ist für mich in der Tat etwas völlig anderes, als das Schreiben für ein Album. Der Film ist, was seine Dynamik, sein emotionales Spektrum angeht, so viel dichter am wahren Leben. Betrachte das Leben als tonale Skala, in der die möglichen Gefühle die Töne darstellen – eine Tonleiter der Gefühle! Ganz oben im Diskant, in den hohen Tönen, spiegelt sich das Nirwana. In den tiefsten Tönen, im tiefsten Bassbereich, spiegeln sich Tod und Zerstörung. Der Tod, der tiefste Ton von allen… Aber dazwischen ist ungeheuer viel Platz! Wenn man für Filme komponiert, viele Filme, dann wird man eines Tages auch die Musik schreiben, die alle diese Töne verwendet.

Für eine Platte ist das Spektrum viel schmaler. Das liegt am Thema – bei einer Platte geht es gewöhnlich um Spaß. Um Party. Um Liebe. Nicht so viele Themen. Wenn du eine Platte machst, dann wird es nicht sein, um auszudrücken, wie einer die Straße runterläuft, während man auf ihn schießt! Oder andere gewalttätige Szenarien. Aber deshalb mag ich Filmmusik, weil sie mir die Chance bietet, diese ganzen Gefühle zu illustrieren, sie musikalisch umzusetzen. Und das macht das Komponieren soviel interessanter! Da stehe ich drauf.

Carina: Auf deinem Album "School Days" hast du ja bei zwei Stücken auch gesungen. Wie würdest du das aktuell sehen – ist es möglich allein mit Instrumenten, jede gewünschte Bedeutung, jedes Gefühl, in ein Stück hineinzulegen? Oder gibt es einen Punkt, an dem man sagt, jetzt brauche ich aber eine Stimme?

Stanley: Manchmal. In letzter Zeit habe ich aber nicht mehr gesungen, zumindest nicht auf einer Platte. Manchmal ist das ganz lustig, besonders, wenn man irgendeine Textidee hat, wenn man etwas über Worte sagen möchte. Wenn man die Worte einsetzen möchte, um in den Song etwas hineinzulegen. Für mich gilt: Kann ich. Kann ich aber auch lassen! Eigentlich ist mir das nicht wirklich wichtig.

Carina: Hast du Pläne oder Vorstellungen für ein Projekt, das du in den kommenden fünf Jahren verwirklichen möchtest?

Stanley: Sicher! Eine der Ideen, die mir vorschwebt, ist ein Album mit klassischer Musik für Bass, das ich aufnehmen möchte. Einfach eine kleine, schnuckelige Platte. Ich habe an Bachs Cello Suiten gearbeitet und bin dabei, sie für den Bass umzuarrangieren. Eigentlich ist es eher eine Transkription für den Bass. Das möchte ich veröffentlichen, da habe ich wirklich Lust drauf.

Carina: Letzte Frage – hast du etwas wie eine Lebensphilosophie?

Stanley: Versuche, die Dinge einfach zu halten.

Carina: Die ist aber ziemlich kompakt…

Stanley: Das stimmt! Wie gesagt, halt die Dinge einfach! (lacht)

Carina Prange

CD: SMV - "Thunder" (Dreyfus Records FDM 46050 369212)

Stanley Clarke im Internet: www.stanleyclarke.com

S.M.V. im Internet: www.smvmusic.com

Dreyfus Records im Internet: www.disquesdreyfus.com

Fotos: Frank Bongers

© jazzdimensions 2009
erschienen: 19.10.2009
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