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Francesco Tristano - "Komponieren bedeutet Limitieren!"

Die musikalischen Welten des 27-jährigen Francesco Tristano Schlimé begreifen zu wollen, entspricht dem Versuch, zwei Seiten einer Medaille gleichzeitig betrachten zu wollen. Da ist einerseits der klassische Musiker, in diesen Monaten wieder auf Tournee und im Jahr 2007 als "Rising Star" der European Concert Hall Organisation (ECHO) ausgezeichnet worden.

Francesco Tristano

Und da ist andererseits der unter dem Kurznamen Francesco Tristano firmierende Musiker, der sich aufmacht zu neuen Ufern, die da Jazz, Weltmusik und sogar "Techno" heißen. Und da der Pianist die elektronische Musik schlicht als Fortsetzung dessen betrachtet "was zeitgenössische Komponisten machen", wundert es wenig, dass er sein vorletztes Album provozierend "Not For Piano" nennt und sich auch auf seinem neuen Werk "Auricle Bio on" mit den repetitiven Mustern des Techno auseinandersetzt.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Francesco Tristano

Carina: In der langen Liste deiner Lehrer findet sich auch Rosalyn Tureck, die sich ja insbesondere sehr intensiv mit dem Werk von Johann Sebastian Bach auseinandergesetzt hat. Wann und in welchem Zusammenhang hattest du bei der 2003 verstorbenen großartigen Künstlerin Unterricht?

Francesco: Das war in New York, in der New York Public Library. Es muss kurz vor ihrem Tod gewesen sein, etwa 2001 oder 2002. Um Frau Tureck gab es bereits einen Mythos – bezüglich Bacheinspielungen auf dem Klavier war sie in der Tat mehr Mythos als Person! Sie trat schon seit Jahren nicht mehr auf und gab lediglich vereinzelte Unterrichtsstunden. Ich machte eine "Master Class" bei ihr und spielte für sie Bachs "Goldberg Variationen", die sie selbst ja zum ersten Mal in den 40ern oder 30ern aufgeführt hatte.

Es war auch deshalb eine sehr spannende Begegnung, weil Generationen zwischen uns liegen – und zwar viele Generationen. Frau Tureck ist eine sehr charmante Dame und sie hat ein paar ausgezeichnete Anmerkungen zu meinem Spiel gemacht. Da dies tatsächlich wenige Jahre vor ihrem Tod stattfand, bin ich so vielleicht einer der letzten Pianisten, die für sie gespielt haben.

Carina: Was hast du aus dieser Begegnung für dich persönlich mitgenommen?

Francesco: Wenn man eine Master Class wie diese macht, dann hat man nicht besonders viel Zeit, Themen zu entwickeln. Es ist dann immer das "Ambiente", das man behält. Die kleinen Randbemerkungen. Ich habe Frau Tureck eine leise Variation der Goldberg Variationen vorgespielt. Sie wollte unbedingt auf ein bestimmtes Ornament eingehen.

Sie hat eine halbe lang Stunde nur davon geredet. Und wie es sich durch die Variationen ständig verändert und entwickelt. Ich fand das sehr interessant, dass eine Frau in ihrem Alter noch über solch winzige Kleinigkeiten ganz, ganz intensiv nachdenkt und dabei eigentlich sehr idealistisch ist!

Francesco Tristano

Carina: In deinem Projekt "The New Bach Players" beschäftigst du dich mit kammermusikalischen Aspekten Bach'scher Musik. Was schätzt du an ihr besonders?

Francesco: Wenn ich wählen müsste für die ebenfalls schon "klassische" Frage, von welchem Komponisten man Musik für die sprichwörtliche einsame Insel mitnehmen würde, dann wäre es in meinem Falle: Bach. Seine Musik ist… oh je, das ist schwer zu definieren, aber Bach ist "alles", sozusagen! Es war und ist ein großer Komponist, wäre heutzutage sicher auch ein großer Jazzmusiker, vielleicht ein herausragender Technomusiker. Bachs Musik ist universell. Gleiches kann ich von Beethoven oder Mozart nur schwer sagen.

Im Hinblick auf Bach bin ich der Ansicht, dass seine Musik einen ganz abstrakten und dadurch sehr hohen Wert hat. Das Abstrakte ist es, was mich daran so interessiert – nicht die Weihnachtsoratorien oder Kantaten, die einen spezifischen liturgischen Wert besitzen. Im Vergleich zu diesen ist die rein instrumentale Bach'sche Musik vollständig abstrakt. Und er hat bestimmt Tausende von Sätzen geschrieben! Wie man so viele Melodien überhaupt erfinden und sie entwickeln kann, das ist unglaublich. Als ich klein war, wollte ich nur Bach spielen, das war immer schon mein Lieblingskomponist!

Francesco Tristano - "Auricle Bio on"

Carina: Was inspiriert dich grundsätzlich zum Komponieren? Sicher immer eine schwer zu beantwortende Frage…

Francesco: Das ist wirklich nicht einfach zu beantworten – es können ganz definierte Momente sein, ganz spezifische Inspirationen, wie das Erlebnis einer Reise, die Bekanntschaft mit einer Person, die Ansicht einer Landschaft. Aber eigentlich ist das bei mir in der Form selten der Fall. Für mich bilden eher alle Erfahrungen der Vergangenheit ein Ganzes. Es sind nicht unbedingt getrennte Erfahrungen, sondern die große Inspiration des ganzen Lebens!

Also, wenn ich eine Idee habe – das kann ein kleines rhythmisches Element sein, eine kleine Melodie – dann läuft da ein intellektueller Prozess ab. Ich denke darüber nach, wie ich das entwickeln, genauer, "limitieren" kann. Denn Komponieren bedeutet eigentlich, eine Idee einzugrenzen.

Komponieren ist zwar ein allgemeiner Begriff, aber um wirklich zu komponieren, muss ich definieren, bis wohin ich gehen will. Und bis wohin ich nicht gehen werde – denn dann wäre es schon wieder eine andere Komposition. Im Grunde bedeutet es eine ständige Substraktion von all den denkbaren Möglichkeiten, die das Klavier bietet.

Tschaikowsky sagte: "Inspiration existiert nicht!" Komponieren bedeutet nicht das Warten auf die große Inspiration durch eine Muse oder einem Gott oder was auch immer. Musik ist schlussendlich ein Handwerk, glaube ich. Komposition ist ein Handwerk. Aber natürlich kann die Ursprungsidee von einem Gefühl herrühren, das man hat, oder einer Reise – es kann alles sein, ein Buch, ein Ausstellung.

Für mich persönlich ist es eher eine Idee, die vielleicht am Klavier entspringt, wenn ich dasitze und improvisiere. Die Idee kommt und dann will ich sie weiterverarbeiten – und mit der Zeit entsteht die Komposition. Die Strukturen etwa, die kann ich nicht im voraus festlegen. Deshalb sind natürlich immer Überraschungen dabei und sich selbst zu überraschen, das ist eigentlich das Schönste. Komponieren ist also ein Prozess, bedeutet mehr oder weniger "Work in Progress".

Carina: Wenn man so viel mit klassischer Musik zu tun hat wie du, wie löst man sich da gedanklich von den alten Meistern, macht sich frei von den vielen bereits existierenden Interpretationen?

Francesco: Genau, sich freimachen, darum geht es! Die ganze klassische Bildung ist im Grunde eine sehr konservative und auch eigentlich eine sehr erdrückende Bildung. Man spielt zunächst dieselben Komponisten, dieselben Stücke wie alle anderen Pianisten – und dann geht es darum, sich davon wieder freizumachen. Das heißt, genau gesagt, es gilt die ganze Bildung aufzunehmen und zu verinnerlichen und dann sozusagen wieder loszuwerden. Das ist meine Sicht der Dinge, die ist schon etwas radikal…

Man kann mit einer klassischen Ausbildung beinahe nichts persönliches mehr machen, weil sie standardisiert ist. Das hat auch mit der Globalisierung zu tun – früher gab es in Moskau eine "russische Schule", es gab in Paris eine "französische Schule", es gab deutsche Linien in den Hochschulen in Hannover, in Frankfurt und so weiter. Das ist jetzt alles passé: die Russen sind in Amerika, die Amerikaner in Frankreich, die Deutschen sind … also haben nationale Schulen auch überhaupt keinen Sinn mehr! Diese Entwicklung ist beendet.

Somit muss man etwas Glück haben und ein paar gute Lehrer treffen, um sich von dieser ganzen "Bürde" wieder freimachen, sobald man so etwas Freies und Persönliches wie "Not For Piano" machen möchte. Aber die meisten klassischen Lehrer wollen dir doch eigentlich nur beibringen, wie du deine Finger setzen sollst. Wie du eben die großen alten Meister "meistern" sollst. Und ich bin überzeugt, man meistert sie am besten, indem man sie spielt und dann ad acta legt…

Das mag ein wenig so klingen, als ob ich gegen diese ganze klassische Ausbildung sei. Aber das stimmt nicht wirklich. Mein Parcours durch verschiedene Konservatorien hat mich im Grunde alles gelehrt – und dafür bin ich dankbar. Aber erst in dem Moment, wo ich dieser Lehre den Rücken gekehrt habe, konnte ich sehen, wieviel mir das wert war. In der Zeit, als ich in Institutionen wie der "Juilliard School" und dem Pariser Konservatorium und so weiter gewesen bin, hat es für mich immer eine Art Widerspruch bedeutet, dass ich eigentlich meine Musik machen wollte – das aber nicht ging. Ich war ja auf einem "konservativen" Konservatorium! (lacht)

Somit musste ich die toten Komponisten spielen, anstatt etwas Eigenes zu entwickeln. Das hat sich dann alles geändert, sobald das Studium abgeschlossen war. Da fing ich an, wirklich das zu machen, was ich gerne mache. Und das ist zeitgenössische Musik, Projekte wie "Not For Piano" – und natürlich noch immer Johann Sebastian Bach!

Francesco Tristano - "Not for piano"

Carina: Dir wird eine große Leichtigkeit des Spiels nachgesagt - wie erklärst du dir diese? Und wie eng sind Lebenserfahrung und musikalische Offenheit miteinander verbunden?

Francesco: Erstens, ich habe viele Stunden am Klavier gesessen. Gespielt und gespielt. Aber auch davon habe ich mich frei gemacht. Ich denke, die Musik ist nicht "die Musik", sondern sie ist alles rundherum – das ganze Leben IST die Musik! Anders ausgedrückt: die ganze Lebenserfahrung, aber nicht die Musik, macht den Musiker aus. Eine Reise machen, beispielsweise. Einfach offen zu sein, Ohren und Augen offen zu halten und zu beobachten.

Musik ist ja auch die Beobachtung der Dinge, der Welt. Die Weise, wie man etwas betrachtet und wie man etwas nicht betrachtet. Das ganze ist in höchstem Maße subjektiv – man kann denselben Gegenstand zigmal verschieden darstellen. Und das macht auch den Reichtum der Musik aus.

Alles ist relativ, es gibt nichts Absolutes! Weder in meinem "Not For Piano" noch in Bachs "Wohltemperierten Klavier". Musik ist eine Möglichkeit. Eine Interpretation ist eine Möglichkeit. Aber es gibt so viele andere Möglichkeiten. Und diese anderen Möglichkeiten, die sieht man, wenn man lebt und nicht, wenn man zehntausend Stunden am Klavier sitzt und Fingersatz übt. Natürlich geht es darum, das Gleichgewicht zu finden, eine Disziplin am Klavier. Und damit auch offen für neue Erfahrungen und neue Begegnungen zu werden.

Francesco Tristano

Carina: Du hast Luciano Berios "Wasserklavier" gespielt, eine Improvisation von dir trägt den Titel "Nach Wasser, noch Erde" – gibt es hier eine Verbindung? Inwiefern haben diese Namen für dich eine Bedeutung?

Francesco: Berios Komposition ist ein kurzes Stück von vier oder fünf Minuten. Er hat allen vier Elementen ein kleines Werk gewidmet. Es gibt entsprechend "Erdenklavier", "Wasserklavier", "Feuerklavier" und "Luftklavier". Und "Wasserklavier" ist für mich das schönste, weil die Zeit dabei stehenzubleiben scheint. Da existiert keine Zeit mehr, denn Wasser ist "zeitlos", also ewig. "Nach Wasser, noch Erde" ist sozusagen meine persönliche Reflexion zu Berios Stück.

Und wenn ich es spiele, spiele ich es normalerweise direkt nach "Wasserklavier", um mit dem Titel eine allegorische Bedeutung weiterzugehen: Wasser ist nicht ewig! Wasser ist am Verschwinden. Obwohl wir es alle wissen, scheint es uns egal – wir verschwenden es. Wasser wird knapp werden und immer knapper – und nach dem Wasser wird die Erde da sein. Und zwar eine trockene Erde, die nicht mehr viel Vegetation trägt, weil sie sie nicht ernähren kann.

Das Stück ist eine weniger optimistische Vision vom Element Wasser, es ist im Grunde das Element Wasser "ohne das Wasser", sprich, Trockenheit. Und es ist eine Improvisation, keine Komposition im eigentlichen Sinne. Es kann in viele Richtungen gehen – in welche, hängt von allem ab, vom Publikum, vom Klavier, von der Akustik, vom Saal. Und das Stück "Nach Wasser, noch Erde" ist in diesem Zusammenhang ganz frei, weil es ganz verschiedene Formen annehmen kann.

Carina Prange

CD: Francesco Tristano - "Auricle Bio on" (Infine Music IF1004)

Francesco Tristano im Internet: www.francescoschlime.com

Francesco Tristano (MySpace): www.myspace.com/francescotristano

Infine Music im Internet: www.infine-music.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2009
erschienen: 4.7.2009
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