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Thomas Siffling - "Den Jazz wieder zeitgemäß machen!"

Auf Reisen ist er ständig. Nur ist es oft schwer zu sagen, in welcher Funktion Thomas Siffling gerade mal wieder unterwegs ist – füllt er doch in Personalunion die Jobs als Musiker und Bandleader aus, als Labelchef, Produzent, Leiter der "SAP-BIGBAND" und gelegentlich auch als Veranstalter. Er selbst sagt es mit klaren Zahlen: "zu 70% bin ich Musiker, zu 30% Geschäftsmann". Sifflings Vorliebe für schnelle Autos, so wird gefrotzelt, mag bei einem derart dichten Terminkalender gelegentlich von Nutzen sein.

Thomas Siffling

Zu Hause in Mannheim betreibt Siffling gemeinsam mit seinem Musikerkollegen Olaf Schönborn die Label "Jazz'n'Arts Records" und "Rodenstein Records". Der Trompeter, dessen Trio mit dem Album "Kitchen Music" die Verbindung von Lifestyle und Jazzmusik feierte, bestätigt, dass harte Arbeit einen Ausgleich benötigt. Der erforderlichen Disziplin beim Job stehen Stunden im Fitness-Studio gegenüber, Entspannung in komfortablen Automobilen und Kochen mit Freunden.

Das fortwährende Verfeinern seiner Spieltechnik am Instrument zahlt sich für Siffling bereits merkbar aus. Die Fachwelt bescheinigt ihm einen eigenen unverwechselbarer Trompetenton und auch der Laie hört den Unterschied. Siffling selbst findet klare, beschreibende Worte dafür: "Von der Struktur her ist es eher ein softes Spiel, ein relativ weicher Ansatz. Und vom Sound her eher rund." Denn klanglich, erklärt er, möchte er vom typischen Jazz etwas mehr wegkommen. Offenbar klappt das – der Erfolg jedenfalls scheint ihm Recht zu geben.

Im Interview vor Ort in Mannheim sprachen Carina Prange und Thomas Siffling über Kochrezepte, das Faible für Elektronik, Motivationsarbeit und vieles mehr…

Carina: Woher kam die Idee, "Kitchen Music" als Konzeptalbum mit der Verbindung von Kochrezepten und Jazzmusik zu schaffen?

Thomas: Die Idee eines Konzeptalbums entstand im Studio von Pit Baumgartner, als ich ein paar Sachen für die neue "De-Phazz"-Platte einspielte. Pit und ich haben ja schon öfter zusammengearbeitet. Anschließend jedenfalls saßen wir beim Kaffee und redeten über das neue Album, das ich mit meinem Trio demnächst aufnehmen wollte.

"Thomas," beschwor Pit mich damals, "kein Mensch interessiert sich für `ne Jazzplatte! Du musst ein Konzept drumherum stricken." Daran hatte ich erstmal ganz schön zu knabbern. Ich fragte mich, ob es wirklich so sei, dass eine reine Jazzplatte fast niemanden mehr interessiere. Ob man wirklich eine Story "drumherum stricken" müsse. Dann dachte ich mir, Pit ist ja erfolgreich genug – er wird es schon wissen! Und dann grübelte ich, was passen würde – zu mir, zu der Musik…

Thomas Siffling

Carina: Und so kam dir deine eigene Küche in den Sinn…

Thomas: Die letztendliche Verbindung mit "Kochen und Küche" war eine relativ spontane Idee. Wir hatten einen Tag später Gäste hier bei uns. Für mich ist es der schönste Moment, wenn Leute zum Essen kommen, wenn ich in der Küche rumwerkle, das Essen vorbereite und dabei gute Musik höre, schon mal den Wein aufmache und ein bisschen dran nippe… Das ist die Entspannung! Und ich dachte so bei mir, da fehlt jetzt eine schöne Musik dazu…

Ich habe das Tags darauf in der Firma mit Olaf und Stefanie, unserer neuen Produktassistentin, diskutiert. So kam die Idee, spontan bei einigen Meisterköchen anzufragen, ob sie nicht Rezepte beisteuern würden. Dass die Resonanz so positiv ausfallen würde, quasi alle sofort zusagten, ja ganz begeistert waren, damit konnte niemand rechnen!

Carina: Im Infotext ist so schön zu lesen, es handle sich hier um musikalisches "Slowfood" statt "Fastfood". Wird "Slowfood" in der Musik und im Leben immer wichtiger, um in unseren schnellebigen Zeiten "mal runterzukommen"?

Thomas: Ja und Nein. Es ist einerseits schon wichtig, dass man sich bei gewissen Sachen einfach Zeit nimmt. Wenn man kocht, sollte man sich die Zeit nehmen, es in Ruhe vorzubereiten. Jedenfalls, sobald es darum geht, etwas richtig schönes zu kochen. Allein dadurch, dass es zeitintensiver ist, kommt man ein bisschen runter.

Andererseits ist die Zeit heutzutage sowieso sehr schnellebig. Wenn ich so bei mir gucke, ich bin ja jemand, der im normalen Leben überhaupt keine Geduld hat! Alles ist durchs Internet und vieles andere schneller geworden. Um so wichtiger ist es, dass man sich zwischendurch mal Zeit nimmt. So wie ich es beim Sport oder beim Kochen mache. Oder Sonntags zwei, drei Stunden spazieren gehen. Das ist wichtig, um wieder auf Normalmaß zu kommen…

Thomas Siffling Trio - "Kitchen Music"

Carina: Apropos "Normalmaß" - welche Anforderungen an dich stellt im Vergleich zu deinen anderen Tätigkeiten die Rolle als Bigbandleader der "SAP BIGBAND"?

Thomas: Die "SAP BIGBAND" ist mittlerweile eine sehr gute Amateur-Bigband geworden und spielt ein sehr, sehr gutes Programm. Eigentlich nur professionelle Stücke; Kompositionen und Arrangements, wie sie normalerweise Profi-Bigbands spielen. Natürlich in dem Range, in dem wir sie spielen können! Motivation ist der wichtigste Punkt, in dem es bei der Bigband-Arbeit geht.

Wie motiviere ich Leute, die den Tag über bereits acht oder zehn Stunden erarbeitet haben, dann noch mal zu zwei oder zweieinhalb Stunden Bigband-Probe? Wie schaffe ich es, sie so für Bigband-Musik zu interessieren, dass sie sich mal privat eine Count-Basie-Platte kaufen? Und eben nicht nur, wie das in vielen Musikvereinen ist, mittwochs in die Probe zu gehen, anschließend noch ein Bier zusammen zu trinken – und danach ist es aber wieder gut!

Wie schaffe ich es, dass sie unter der Woche mal ihr Instrument in die Hand nehmen und üben? Kurz, der Motivationsfaktor ist das Entscheidende. Es bleibt natürlich eine Amateur-Bigband, das heißt, es sind einfach gewisse Grenzen gesetzt. Damit muss man leben lernen.

Aber wir sind alle sehr zielstrebig und erfolgsorientiert, wir geben uns alle viel Mühe. Wir haben jetzt drei CDs eingespielt – ich habe eingeführt, dass wir alle zwei Jahre eine Platte machen, um zu dokumentieren "Das haben wir gemacht". Das motiviert dann auch wieder! Wir machen einmal im Jahr innerhalb der SAP ein großes Mitarbeiterkonzert. Und jedes Jahr wird ein neues Programm erarbeitet.

Mir war immer wichtig, dass die Musiker ein großes "Bandbook" bekommen, dass sie vieles mal gehört haben. Sicher ist da viel dabei, was vielen nicht gefällt, aber man hat es einfach mal gespielt. Und wir haben von einem Miles-Davis-Programm über Count-Basie-Musik, Funk und Soul schon ziemlich viel ausprobiert. Man merkt den Fortschritt, die Jungs werden stetig besser!

Carina: Dein Jazztrio scheint, verglichen damit, gleichzeitig eine Spielwiese für etwas zu sein, was ich als deine "elektronische Ader" bezeichnen möchte. Wie hast du die entdeckt und wie äußert sie sich?

Thomas: Inspiriert hat mich natürlich unter anderem Miles Davis. Der hat sowieso alles schon gemacht! Miles und auch Leute wie Erik Truffaz und Nils-Petter Molvaer. Oder auch Dave Douglas – die haben mich sehr inspiriert und ebenfalls bereits Elektronik eingebunden.

Nun, irgendwann wollte ich wissen, was passiert, wenn ich etwa eine Trompete mit Gitarreneffekten kopple. Und das Spannende ist: du bekommst plötzlich eine ganz andere Klangvielfalt. Du musst dich auf deinem Instrument wieder neu definieren, weil du mit diesen elektronischen Geräten anders spielen musst. Weil gewisse Sachen damit gar nicht funktionieren. Für mich ist das auch deswegen aufregend, weil es noch wie ein Fass ohne Boden erscheint. Es kommt immer etwas Neues hinzu. Und, klar, auf Konzerten geht mal was schief – aber es macht auch wahnsinnig viel Spaß.

Thomas Siffling

Carina: Warum eignet sich die Triokonstellation hierfür so gut?

Thomas: Dadurch, dass es lediglich ein Trio ist und außerdem kein Harmonieinstrument dabei ist, existieren da natürlich gewisse Freiheiten. Einmal in musikalischer Hinsicht. Und es ist so, dass ich beim Schreiben relativ wenig vorgebe. Weil wir schon so lange zusammen spielen, versuche ich insbesondere, die Kreativität der Kollegen anzufeuern. Dadurch entsteht auch eine gewisse Spannung, die Stücke klingen, je nach Stimmung, jedesmal etwas anders. Beispielsweise "Entspannung im Dampfbad" ist auf dem Album wirklich entspannt; es kann aber durchaus sein, dass das gleiche Stück bei Konzerten richtig losgeht.

Carina: Übst du viel mit der Elektronik?

Thomas: Erst wenn ich die leidigen Konditionsübungen, die man als Trompeter so machen muss, hinter mir habe… Dann stecke ich das Mikrofon ein und freue mich wie ein kleines Kind, wenn ich ein Hallgerät dranhabe, oder irgendwas in der Richtung, und bin plötzlich total kreativ! Es ist eben ein ganz neues Klangbild, das für mich noch nicht so ausgereizt ist. Ich muss noch lernen, mit der Elektronik vom Jazz noch einen Schritt weiter weg zu gehen und nicht "zu jazzig" zu spielen. Natürlich kommt dann meine sehr klassische Ausbildung durch – Hardbop, Bebop. Man kann aber, siehe Nils-Petter Molvaer, mit wenigen kurzen Phrasen, die nicht so abgedroschen sind, oft viel mehr ausdrücken.

Carina: Für dein neues Album hättest du unter anderem einen "70er Jahre Wah Wah Trompetensound" eingesetzt oder mit Delay gespielt…

Thomas: Ja, das ist eine meiner absoluten Lieblingskombinationen – das "Mini Q-Tron" von Electro Harmonix in Verbindung mit einem elektronischen Delay! Das Q-Tron ist ein Auto-Wah aus den 70er Jahren, ein sogenannter "Envelope Follower". Den bedient man nicht mit Pedal, der macht das automatisch; da gibt es verschiedene Filterstufen.

Auch live benutze ich diese Kombination am häufigsten – allerdings ändert sich das von Auftritt zu Auftritt immer wieder. Es ist aber nicht so, dass ich sagen kann, bei dem und dem Stück spiele ich immer die und die Effekte. Dadurch, dass die Stücke für die Mitmusiker relativ offen konzipiert sind, entwickeln sie sich immer wieder anders. Es gibt Stücke, die ich sonst nie mit Effekten spiele, bei denen ich sie dann plötzlich anwende – und andersherum genauso. Oder ich nehme andere Effekte.

Carina: Was steht in der Hinsicht auf deinem Einkaufszettel?

Thomas: Ehrlich gesagt bestelle ich mir oft irgendwelche neuen Sachen, probiere sie aus, gucke, ob sie funktionieren. Und wenn sie nicht funktionieren, schicke ich sie wieder zurück.

Mein ganz neues Spielzeug ist die "Loop Station" von Boss. Das Arbeiten damit ist spannend, weil man sich selbst samplen kann und dann dazuspielen. Ich mache das beim Üben relativ viel – sehr inspirierend! Für die Tour und das Livespiel werden wir das jetzt proben. Ich denke, der nächste Schritt wird sein, dass man gewisse Sachen entweder schon vorfertigt oder tatsächlich auf der Bühne live einspielt. Mich hat dazu Bugge Wesseltoft inspiriert, der hier bei "Enjoy Jazz" einen Workshop gemacht hat. Er sagte beispielsweise, er nähme überhaupt nichts Vorgefertigtes! Er spielt alles bei seinen Konzerten im jeweiligen Moment live in seine Loop Station ein. Und das ist ein sehr interessanter Aspekt! Er sagt auch ganz klar, dass sich alles immer ändert, allein weil die Stimmung immer anders ist. Und das macht es für uns spannend, aber auch für das Publikum!

Mein zweitliebstes Spielzeug, das ich auch gern einsetze, ist ein Octaver, mit dem man ein oder zwei Oktaven unter die Originalstimme legen kann. Den Reiz machen aber im Grunde die Kombinationsmöglichkeiten aus. Passt das zusammen? Was passiert wenn ich den Verzerrer mit anschalte? Dann gibt es ja bei jedem Teil noch so unglaublich viele Untereinstellungen… Aber das ist bestimmt die Zukunft: Man versucht mit Loops, mit vorgefertigten oder neu eingespielten, das Klangbild zu erweitern.

Thomas Siffling

Carina: Okay, die Zukunft… Wo geht es demnächst hin? Oder, anders gesagt, wenn die Elektronik die Antwort ist, wie lautet die Frage dazu?

Thomas: Die Elektronik deshalb, weil es mir ein großes Anliegen ist, den Jazz wieder "zeitgemäß" zu machen. Meiner Meinung nach wird man heutzutage als Jazzmusiker in einer relativ engstirnig-puristischen Richtung ausgebildet. Der Jazz hat sich in eine Ecke manövriert, in der er vor allem das junge Publikum nicht mehr erreicht. Man macht ja Musik, damit sie Leute hören und nicht, um eine gewisse intellektuelle Befriedigung daraus zu ziehen.

Meine unbedeutende subjektive Meinung … (lacht) … ist, dass man wieder dahin zurückfinden muss, Musik fürs Publikum zu machen. Dahin kommt man, denke ich, eher, indem man zeitgemäß ist – und Elektronik spielt in diesem Zusammenhang die Schlüsselrolle. Wenn wir live spielen, binden wir bei vielen Konzerten DJs mit ein, die mit uns spielen. Um ein neues Publikum zu erreichen und eine Musik zu machen, die jemanden gefallen kann, der von Jazz keine Ahnung hat. Wir Jazzer müssen wieder da hinkommen, dass wir eben nicht mehr vor leeren Häusern spielen und uns damit zufrieden geben.

Wir versuchen im Trio einen relativ neuen Weg im deutschen Jazz zu gehen – klingt jetzt vielleicht etwas hochtrabend… Aber auf Auslandskonzerten haben wir oft festgestellt, dass wenig Interesse am deutschen Jazz besteht. Und das ist schade, da gibt es so viele gute Leute! Ich denke, wenn man es geschafft hat, sich wieder neu im Land zu positionieren, findet man vielleicht im Ausland auch wieder mehr Gehör.

Carina Prange

CD: Thomas Siffling Trio - "Kitchen Music"
(Jazz'n'Arts-Records 3407 )

Thomas Siffling im Internet: www.thomassiffling.com

Jazz 'n' Arts Records im Internet: www.jazznarts.de

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Thomas Siffling & Public Sound Office - "Human Impressions" - Review (erschienen: 11.11.2005)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 20.3.2008
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