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Inga Lühning - "Der fehlende Filter"

Lühning ist die Band von Inga Lühning, bekannt geworden als Sängerin des Projekts Re:jazz. Als Lühning stellt sie zusammen mit Gitarrist Mario Mammone, Bassist Helmuth Fass und Christian Thomé am Schlagzeug dem klassischen Jazz eine "eigenen Mischung aus Jazz, Pop, Indie, Elektronik, Bossa Nova und Trip Hop" mit deutschen Texten entgegen.

Inga Lühning

Dieses musikalisch eigenwillige Konzept bildet ein Alleinstellungsmerkmal, das die Formation von den ganzen anderen Bands absetzt, die sich auf dem einen oder anderen der genannten Gebiete breitmachen. Aber bekanntlich macht es ja die Mischung. Und die ist im Falle von Lühning einfach richtig gut…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit der Sängerin und Bandleaderin Inga Lühning

Carina: Die neue CD "Entfernung" ist seit ein paar Tagen auf dem Markt. Wie kam das Album denn bis jetzt an, wie ist die bisherige Resonanz?

Inga: Was mich sehr freut – und was auch die Hauptsache für mich selber ist! – ich selbst höre die CD gern. Und meine Freunde und mir wichtige Kollegen geben mir positives Feedback!

Es ist schön, da was geschaffen zu haben, auf dass man selber stolz ist und von den entscheidenden Leuten guten Zuspruch bekommt. Bei allen Tücken und Hindernissen, die es bei der Fertigstellung gegeben hat. Viele fänden die Mischung wohl etwas befremdlich. Ich selber habe manchmal den Eindruck, wir sind da unserer Zeit etwas voraus. Ohne anmaßend klingen zu wollen.

Wir durchbrechen da einfach Grenzen. Viele Hörer verbinden aber mit Wahrung der Grenzen eine gewisse Authentizität oder Stilsicherheit. Ich empfinde das oft eher anders. Ich mag Pioniere – Musiker, die sich auf Experimente einlassen – die aber nicht immer zwangsläufig gelingen müssen. Experimente zu wagen, finde ich wichtig! Ohne Experimente findet keine Entwicklung statt.

Inga Lühning

Carina: Welche Rückschlüsse ziehst du generell aus Radio- oder Youtube-Mitschnitten? Überlegst du dir, was du an Bühnenpräsenz und Ansagen verbessern kannst, veränderst du deine Performance?

Inga: Auf jeden Fall beeinflusst es mich, mir Mitschnitte anzuhören oder auch anzuschauen! Allerdings habe ich auch das Gefühl, ich habe da in der letzten Zeit ziemlich viel dazu gelernt. Und das Wichtigste ist wohl, auf der Bühne, in dem Moment nicht zuviel mit dem Gedanken beschäftigt zu sein, wie ich gerade wirke. Das hemmt und behindert. Für mich ist es wichtig, den Mut zu haben, einfach ich selbst zu sein.

Wenn mir das gelingt, gefalle ich mir meistens am besten. Prägend war da mit Sicherheit auch die Zeit bei den Fantas. Die Lust an der Selbstdarstellung, gelegentliches "Posen" auf der Bühne, eben diesen Raum da oben auch auszufüllen – und trotzdem natürlich zu bleiben, sich nicht zum Affen zu machen. Oder wenn, dann bitte ganz bewusst! Mit nötigen Portion Selbstironie. Das beherrschen "die 4" souverän.

Beeindruckend! Und für mich eine große Hilfe. Ich war früher eher schüchtern auf der Bühne, habe mich bei Ansagen verhaspelt und mich tendenziell unwohl gefühlt. Inzwischen genieße ich es, auf der Bühne zu stehen und bin mir selber gegenüber gnädiger, wenn sich auf der Aufzeichnung irgendwas dann doch als nicht so gelungen erweist.

Carina: Wie kam es dazu, dass du deutschsprachige Texte singst, obwohl du ja in den USA und in den Niederlanden studiert hast und Englisch in diesem Kontext sicher sehr präsent war?

Inga: Ich bin seinerzeit mit meinen englischen Texten zu einer englischen "native speaker" Songwriterin gegangen. Und die meinte zu mir, dass ich in einer mir fremden Sprache inhaltlich nie so den Nagel auf den Kopf treffen würde, wie in meiner eigenen. Dass ich's doch mal auf deutsch versuchen sollte!

Ich will daraus für mich selber kein Dogma machen. Gerade eben habe ich wieder einen englischen Text für die Band Re:jazz geschrieben, in der ich auch singe. Mit meinen englischen Texten besitze ich nicht den Anspruch, hochtrabende Literatur zu schaffen – diese Sprache wird nun mal auf der ganzen Welt verstanden, sie hat für mich so etwas wie "Esperanto Status". Und sie rollt anders beim Singen, Phrasieren und funktioniert deshalb oft einfach besser als Deutsch.

Lühning - "Entfernung"

Carina: Was ist das Faszinierende an der deutschen Sprache?

Inga: Der "Filter" fällt weg! Ich werde unmittelbar verstanden. Und lustige Sachen gefragt: Journalisten wollen wissen, ob meine Texte "autobiographisch" seien. Hätte ich genau die gleichen Inhalte auf Englisch geschrieben, würde vermutlich kein Hahn danach krähen...

Dieser fehlende Filter ist auf der Bühne für mich ein Erlebnis. Ich mochte es schon immer, wenn ich meine Zuhörer mit meiner, mit unserer Musik erreichen und berühren kann. Ich habe den Eindruck, das ist durch die deutschen Texte leichter geworden.

Carina: Hat Sprache auch immer mit "Heimatgefühl" oder "sich-heimisch-fühlen" zu tun?

Inga: Schwierig. Einerseits ja, ich muss keine Vokabeln mehr nachschlagen. Andererseits, meine ersten Textversuche fand ich alle furchtbar: zu schlageresk, zu platt, zu offensichtlich. Der fehlende Filter hat eben auch seine schwierige Seite.

Ich wollte keine Texte machen wie Laith Al Deen oder Xavier Naidoo. Subtil, ein bisschen versponnen, sollte es sein. Da musste ich erstmal ein bisschen forschen… Was gibt's denn da an deutschsprachiger Musik, die mir gefällt... Das war eine ziemlich neue Welt für mich, das Wort "Heimatgefühl" kann ich damit so gar nicht verbinden.

Carina: Wie gehst du ans Schreiben von Texten heran? Hältst du ganze Textzeilen fest, die dir etwa unter der Dusche einfallen oder wie kann man sich das vorstellen?

Inga: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es Bücher, oder andere Songs - oder eine Begebenheit. Ich erzähle nichts Neues, wenn ich behaupte, dass kreativ sein oft am besten funktioniert, wenn man eine gewisse Reibung zwischen sich und der Außenwelt spürt. Wenn einen irgendwas oder irgendwer ärgert, nervt, stresst, traurig macht oder anrührt.

Und dann lasse ich meine Gedanken schweifen, versuche Bilder als Metapher zu finden, die das ausdrücken, was ich gerade fühle. Das hat was Spielerisches an sich. Dazu ist es wichtig, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Und da ist dann der Weg in die fingierte Geschichte oder die fingierte Fortsetzung einer Situation nicht mehr weit; die Grenzen verlaufen fließend.

Carina: Beispielsweise die Texte zu "Entfernung" und "Vampirismus" – gibt es einen Anlass, aufgrund dessen die Lieder entstanden sind?

Inga: Ja, gibt es. Ich möchte das aber hier gar nicht ausbreiten – es wäre mir zu persönlich! Und ich denke, so ist es auch schöner. So kann jeder Hörer seine eigene Geschichte in meinen Texten wiedererkennen.

Ganz kurz: In "Entfernung" geht's ums Vermissen. Aber das muss ich dann nicht zwangsläufig immer in allen Schattierungen selber erfahren haben! Als phantasievoller Mensch, der ich wohl bin, kann man sich eben auch ganz gut in bestimmte Gemütszustände hineinsteigern.

In "Vampirismus" beispielsweise habe ich meine Phantasie wohl am extremsten ausschweifen lassen. Bin einem Gefühl, das sicher viele Menschen kennen, nämlich Eifersucht, einfach in Bildern gefolgt und habe daraus diese Geschichte gesponnen.

Inga Lühning

Carina: Du warst Teil des Projektes Re:jazz. Seid ihr noch in Kontakt und existiert das Projekt noch? Inwieweit wurden hier auch Weichen für deine weitere Karriere unter eigenem Namen gestellt?

Inga: Re:jazz gibt es noch und ich gehöre weiterhin dazu. Ende Mai haben wir gerade eine neue CD aufgenommen, werden im Herbst ein wenig touren und wohl im Februar 2009 noch einmal in Japan unterwegs sein. Da sind wir im April 2007 schon einmal gewesen.

Ob Re:jazz meiner Karriere so wahnsinnig nutzt, da bin ich skeptisch. Die Band heißt ja Re:jazz – eben ohne den Zusatz "feat. Inga Lühning" oder so ähnlich. Und nur eingefleischte Fans wissen, wie die Re:jazz-Sängerin mit Namen heißt.

Aber eine schöne Sache gibts, die wäre ohne Re:jazz sicher so nicht ins Rollen gekommen. Es gibt interessanterweise sehr viele Re:jazz-Fans in Japan. Deshalb kam der japanische Vertrieb auf die Idee, dass es sich lohnen könnte, auch Lühning in Japan anzubieten.

Daher gibt es unsere neue Platte "Entfernung" nun ebenfalls in Japan zu kaufen. Ich habe ein paar englische Erläuterungen zu den Texten geschrieben, damit die Japaner wenigstens im Ansatz wissen, worum es in den Stücken geht.

Carina: Wann hast du dich dafür entschieden, Lühning zum Kernprojekt deiner Tätigkeiten zu ernennen? Liegt es dir besonders am Herzen?

Inga: Lühning gibt es schon sehr lange, länger als alle anderen Projekte, bei denen ich dabei bin. Ich habe diese Band eigentlich viel zu lang stiefmütterlich behandelt. Wir vier Bandmiglieder sind sehr verschieden. So verschieden, dass es mir manchmal zu anstrengend war, mir diese Diskussionen zu liefern, beispielsweise mit unserem Schlagzeuger Christian Thomé, der immer ein wenig Sorge hat, unsere Musik könne zu banal klingen. (lacht)

Den ästhetischen Grundgedanken der Band, sich mit mit zeitgenössischen musikalischen Einflüssen auseinanderzusetzen und einen eigenen Sound irgendwo zwischen Jazz und Pop zu kreieren, den fand ich immer reizvoll. Als besondere Herausforderung kam nun das Songwriting hinzu. Das Grundgerüst eines Stückes, Akkorde, Text, Melodie und auch erste Arrangementideen habe immer ich in den Proberaum geschleppt. Nun steckt in dieser Musik viel von mir. Es ist einfach mein persönlichstes und deshalb auch automatisch mein mir wichtigstes Projekt.

Carina: Bei Lühning bist du nicht nur Namensgeberin und Sängerin, sondern auch Bandleaderin – wie wichtig sind die anderen Musiker der Band und welches Gewicht hat ihre Meinung?

Inga: In die "Bandleaderin" bin ich in den letzten zwei Jahren hineingewachsen, weil ich die Diskussionen leid war. Ich hab mich einfach öfter durchgesetzt. Mein musikalisches Interesse hat sich auch etwas gewandelt. Ich finde, Musik muss nicht zwangsläufig mit Raffinessen im Arrangement wie beispielsweise ungeraden Takten gespickt sein, um interessant zu sein. Christian ist da etwas "nerdiger", der spielt mit uns einen 15/16 Groove und fühlt sich trotzdem noch unterfordert.

Es hat ein wenig gedauert, bis ich genug Selbstbewusstsein hatte, zu checken: Kompliziert ist nicht gleich gut, sondern tatsächlich reine Geschmacksache. Und eben nicht immer mein Geschmack. Unterstützt wurde ich darin von Helmuth Fass, dem Bassisten von Lühning, und Lars Bartkuhn, unserm Produzenten.

Beide haben eine Vorliebe für Musik, die einen Puls hat, die groovt, die nachvollziehbar bleibt und trotzdem nicht langweilig ist. Die Meinung beider ist mir wichtig und trotzdem höre ich auch im Gespräch mit den beiden immer ganz entschieden auf mein eigenes Bauchgefühl.

Inga Lühning

Carina: Im Promotext für eure neue CD heißt es so schön "Im musikalischen Dreiländereck zwischen Jazz, Pop und Elektronik bewegen sich Lühning auf ganz neuen Pfaden." Wie würdest du denn mit deinen eigenen Worten beschreiben, in welchen Grenzgebieten ihr euch musikalisch bewegt? Und auf welchen Pfaden?

Inga: Ich finde das eigentlich sehr treffend beschrieben. Ich habe das Gefühl, wir betreten da neues Terrain, diese Stilistiken auf diese Art und Weise zu mischen. Welche Pfade das sind? Tja, wenn wir die schon benennen könnten, wären sie nicht neu....

Carina: Benötigt der Hörer musikalische Einordnungen und Abgrenzungen, um sich zu orientieren? Und vielleicht auch der Musiker?

Inga: Ich wünsche mir eigentlich, dass der Hörer unserer Musik keine Schubladen braucht, sondern genauso wie ich weitestgehend aufgeschlossen ist und Spaß hat an genreübergreifender Musik. Künstler wie beispielsweise Gonzales, Matthew Herbert oder Dani Siciliano experimentieren in ihren eigenen Kosmen und spielen dabei mit den verschiedensten Sounds und Stilistiken. Genau das, Fusion im wortwörtlichen Sinne, finde ich spannend!

Ich möchte mich nicht mit diesen Größen vergleichen. Aber die Freiheit, eben nicht entscheiden zu müssen, wo ein Stück, das gerade entsteht, stilistisch hingehört, oder einem Stück etwas ungewöhnliches, genrefremdes hinzuzufügen, finde ich erstrebenswert. Dadurch bleibt meiner Meinung nach die Musik länger interessant, gerade weil das Ohr sie eben nicht so einfach einordnen kann. Ich höre das Stück "Entfernung" immer noch gern.

Wir hätten es auch einfach als einen akustischen Bossa aufnehmen können, ohne die Effekte von Lars. Es hätte auch dann funktioniert. Ich habe den Song sogar schon mit einem klassischen Jazzquartett gespielt. Aber dann wäre es eben nur ein Bossa mit deutschem Text gewesen. Durch die ungewöhnlichen Effekte, durch Xaver Fischers Sounds live auf der Bühne, bekommt das Stück einfach nochmal eine andere Ebene, die mir sehr gefällt.

Carina: Was ist deiner Meinung nach das Spezielle und Eigene an euerer Musik?

Inga: Eben diese sehr eigene Mischung. Jazz, Pop, Indie, Elektro, Bossa Nova, Trip Hop, mit deutschen Texten… klingt wie ein Gemischtwarenladen! Aber dann wiederum auf unserer Platte auch wieder sehr homogen, wie ich finde. Die Liebe zum Detail, die Lars Bartkuhn beim Produzieren allen Stücken hat zukommen lassen, die elegischen Momente.

Klassischen Swing-Vocaljazz, wie er wunderbar auf Aufnahmen von vor 60 Jahren zu hören ist, heute noch als ernstzunehmende Kunstform zu reproduzieren, finde ich zu plakativ. Und genauso langweilig, wie das meiste, was ich an Mainstream Popmusik im Radio höre!

Carina Prange

CD: Lühning - "Entfernung" (Herzog Records 901010 HER)

Lühning im Internet: www.luhning.de

Herzog Records im Internet: www.herzogrecords.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2008
erschienen: 12.10.2008
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