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Lorenz Hargassner - "Die Atmung macht den Ton"

Im Grunde ist der Wiener Saxophonist, der inzwischen sein neues Zuhause in der norddeutschen Großstadt Hamburg gefunden hat, ein Spätzünder: begann er doch erst im Alter von 20 Jahren damit, das Saxophon zu blasen. Ein später Einstieg kann aber ganz offensichtlich aller Widerrede zum Trotz eine steile Karriere nach sich ziehen.

Lorenz Hargassner

Inzwischen liegt ein knappes Jahrzehnt des Studierens hinter Hargassner – inklusive des Besuchs der New Yorker "New School" und des Abschlusses des neu eingerichteten Master-Studiengangs am Jazzinstitut Berlin. Zwischendurch hatte Hargassner sich auf Tour mit dem berühmten Keyboarder Adam Holzman ganz nebenbei seine Live-Sporen verdient. Nun geht der 30-jährige mit "Diversityville", den ersten Album seines eigenen Quartetts an den Start. Und blickt voller Elan und Ideen in die Zukunft…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Lorenz Hargassner

Carina: Du bist der erste Student eines neu eingerichteten Masterstudiengangs an der HfM "Hanns Eisler" und der UdK Berlin gewesen und hast im Dezember 07 dein Abschlusskonzert präsentiert. Was hast du dir von dem Studiengang versprochen und was hat sich von deinen Erwartungen erfüllt?

Lorenz: Wie mein Landsmann, der österreichische Posaunist Robert Bachner so schön gesagt hat, sind intelligente und interessante Kompositionen das Wesentliche in der Musik, und darum ging es mir.

Ich wollte lernen, gute Musik zu "entwerfen", ich war mit meinen bisherigen Methoden und den daraus folgenden Ergebnissen einfach noch nicht zufrieden. Ich hatte mich bis zu dem Zeitpunkt auch mehr mit dem Instrument auseinandergesetzt, eigentlich fast ausschließlich. Aber ich war endlich reif dazu, meine eigene Musik finden zu wollen. Und das ist dann auch in harter Arbeit gut gelungen, wie ich glaube.

Ich habe im ersten Jahr in Berlin ein komplettes Programm für Band und klassisches Streichquartett arrangiert, instrumentiert und aufgenommen und im zweiten Jahr Stücke für die typische Jazz-Besetzung Saxophon/Piano/Bass/Schlagzeug komponiert. Und die Aufnahmen von meinem Quartet sind im Februar, wie ich mich freue, unter dem Titel "Diversityville" als nächste Ausgabe der mittlerweile renommierten Reihe "Jazz thing Next Generation" erschienen.

Lorenz Hargassner

Carina: Inwiefern wird sich dieser Studienabschluss voraussichtlich (oder hoffentlich) auf deinen weiteren musikalischen Lebensweg auswirken?

Lorenz: Bei allem Studieren muss einem natürlich klar sein, dass der Abschluss als solches noch gar nichts oder zumindest sehr wenig bringt! Es gibt ja kaum Anstellungen für Jazz-Musiker, es sei denn man spielt in der NDR- oder WDR-Bigband oder wird an eine Musikhochschule als Lehrbeauftragter oder Professor berufen.

Aber ich glaube, ich habe für mich jetzt das gelernt, was mir gefehlt hat, um meinen eigenen künstlerischen Weg zu gehen. Das war wichtig, denn wie Lee Konitz in einem seiner Interviews einmal gesagt hat, "für eine neue Stimme ist immer Platz". Ich will meinen Platz in der Musikwelt und meine eigene Stimme finden und ich glaube, ich bin jetzt so weit.

Carina: Du spielst, anders als beim Projekt "pure desmond" und der erweiterten Formation mit dem Szymanowski-Quartet mit dem Lorenz Hargassner Quartet ausschließlich Eigenkompositionen – richtig? Siehst du dich generell eher als Komponist, als Instrumentalist oder als Musiker mit diversen "Funktionen" an?

Lorenz: Stimmt, beim Lorenz Hargassner Quartet stammt zum ersten Mal auch die Musik ausschließlich von mir. Ein eigenartiges Gefühl, auch erhebend, aber vor den Konzerten kommt zum normalen Auftritts-Lampenfieber jetzt auch noch ein neuer Gedanke hinzu: Wie wird das Publikum meine Kompositionen aufnehmen? Werden sie die Musik nachvollziehen können?

Als Komponist "outet" man sich bei einem Konzert noch einmal auf einem ganz anderen Level! Ich will mich in meiner musikalischen Arbeit aber eigentlich nicht nur als Instrumentalist oder Komponist sehen, sondern als Künstler, dessen Ausdrucksweise die Musik ist. Das bedeutet für mich auch, sich einer besonderen Verantwortung bewusst zu sein. Ein Musiker, der sich als Künstler versteht, muss sich eine offene Haltung bewahren, um den Auftrag in seiner Berufung nicht zu vergessen: Die Menschen, die seine Kunst wahrnehmen, mit dem zu verbinden, das wichtiger ist als alles andere.

Ich glaube, dass es die Aufgabe eines Künstlers ist, "durchlässig" zu werden, sozusagen transzendent. In den besten Momenten eines Musikers ist man es nicht selbst, der spielt oder schreibt. Sondern etwas spielt oder schreibt mit oder durch einen, und genau danach suchen alle, die sich für Kunst oder Musik interessieren. Es geht darum, das Unsagbare auszudrücken. Dafür braucht es eine Wachheit und Klarheit, die man nicht nur durch das Arbeiten an Musik findet. Sondern indem man seine Sinne auf "Empfang" schaltet.

Lorenz Hargassner Quartett - "Diversityville"

Carina: Man sagt, das Saxophon sei dem Klang der menschlichen Stimme am ähnlichsten. Du hast selbst im Chor gesungen – inwieweit siehst du da Parallelen und Überschneidungen?

Lorenz: Das wird aber zu vielen Instrumenten gesagt, dass sie der Stimme am ähnlichsten seien, z.B. auch von der Violine. Aber du hast schon recht, und ich sehe auch Parallelen. Zum einen ist natürlich jedes Blasinstrument besonders lebendig, weil man es eben mit seinem Atem spielt. Dadurch kann der Ton eine ganz eigene Seele bekommen. Aber nur, wenn man sich mit Atmung mindestens genau so viel beschäftigt, wie ein guter Sänger. Und das will schon was heißen!

Ich glaube, der Ton macht die Musik und die Atmung macht den Ton. Die Stimmbänder schwingen ja mit dem Rohrblatt mit beim Spielen. Deswegen kann man vom Saxophonspielen ja auch heiser werden! Aber es gibt auch noch mehr, das wie beim Singen ist - ohne eine klare Tonvorstellung wird man nie gut intonieren können, glaube ich.

Wie ein Sänger muss man den Ton so konkret wie möglich vor sich haben, bevor man ihn spielt. Nur so wird man ihn auf Anhieb treffen. Ich habe während meines Studiums bei Frank Gratkowski einmal ein ganzes Semester nur an Intonation und Tonvorstellung gearbeitet.

Carina: Kannst du dir vorstellen, bei Konzerten auch zwischendurch mal den einen oder anderen Song zu singen und so von der Instrumentalmusik zu einer Musik mit Worten überzugehen?

Lorenz: Natürlich! Mit pure desmond habe ich ja einige Tracks aufgenommen, bei denen ich singe. Beim Masterkonzert habe ich dann auch ein Stück zum besten gegeben; das Publikum nimmt so etwas immer sehr dankbar an – was mir vor allem jedes Mal auffällt, ist, wie die Aufmerksamkeit sich beinahe verdoppelt, sobald man singt. Nie hören einem die Menschen so gebannt zu, wie wenn man singt.

Deswegen ist das auch so aufregend und dann auf der Bühne so schwer, den richtigen Ton zu treffen, entspannt zu bleiben. Die Erfahrung vom Saxophon hat mir dabei aber sicherlich geholfen. Und weil du sagst "mit Worten": Gerade der Text von vielen Jazz-Standards macht diese Stücke so besonders charmant oder witzig, manchmal gar traurig. Ich finde es sehr wichtig, diese Texte zu kennen und lerne sie eigentlich immer auswendig.

Beim Spielen der Themen stelle ich mir vor, dass ich den Text mit dem Saxophon mitspiele. Meiner Erfahrung nach lassen sich diese Melodien so viel besser treffen. Aber nochmal zurück zum Singen: Obwohl ich gerne singe, bin ich kein Sänger. Ich bin Saxophonist und könnte auch gar keinen ganzen Abend mit meiner Stimme interessant sein. Das Singen wird für mich als immer nur eine Art "Extra" bleiben.

Lorenz Hargassner

Carina: Du spielst ja auch Klavier und setzt das Klavier als Kompositionsinstrument ein. Davon abgesehen gehören Querflöte und Klarinette zu deinen "Nebeninstrumenten". Bist du im Grunde ein verkappter Multiinstrumentalist?

Lorenz: Naja, das würde ich nicht sagen. Wenn, dann eher ein verkappter Pianist. Ich bin von meiner Veranlagung sehr für das Piano begabt, von meinen langen Fingern her zum Beispiel. Früher habe ich sogar gedacht, sie seien zu lang, um ein guter Techniker zu werden - bis ich einmal Vincent Herring habe spielen sehen, der genauso lange oder sogar längere Finger hat und dabei sehr virtuos ist.

Und mittlerweile habe ich bereits viele Vorteile entdeckt, die man mit solchen "Pianistenhänden", wie ich sie habe, beim Saxophon hat. Aber ich liebe das Klavier einfach, weil ich mich gerne mit Akkorden auseinandersetze, und das Saxophon ist eben mehr ein lineares, melodisches Instrument. Meine harmonische Seite kann ich dann am Klavier ausleben – obwohl ich alles, was ich dort entdecke, auch gleich am Saxophon umsetze.

Das habe ich von Peter Weniger gelernt, der da schon seine eigene Herangehensweise entwickelt hat. Außerdem übe ich gerne Tonleitern am Klavier – wenn man das mit einem ordentlichen Anschlag und "in time" tut, ist das eine ansatzschonende Art, seine Finger und das Timing zu trainieren…! Querflöte und Klarinette spiele ich nur soweit, wie ich Zeit dazu finde.

Ich habe aber zu beiden Instrumenten eine persönliche Beziehung – die Klarinette war ja mein erstes Blasinstrument, obwohl ich eigentlich Saxophon lernen wollte. Aber dadurch habe ich meine ersten Schritte halt auf ihr gemacht, und gerade der klassische Klarinettenton hat schon etwas sehr Schönes.

Die Querflöte gehört zu meinen letzten Entdeckungen und ich bin ein großer Fan von diesem Instrument – dieser silbrige "Elfenklang", den man ihr entlocken kann, verzaubert mich einfach. Ich finde es faszinierend, Töne auf so einem Instrument zu machen, ganz ohne Rohrblatt. Besonders die Tiefe finde ich toll, das ist ein Klang, der entführt mich in andere Welten, da gehe ich richtig drauf ab.

Carina: Ein Blick zurück: du hast erst mit 20 Jahren angefangen, Saxophon zu spielen. Die Outreach-Workshops in ihrem Anfangsstadium waren für dich ein Einstieg in die Welt des Saxophonspielens. Was war deiner Meinung nach in den folgenden Jahren besonders prägend für deinen eigenen Stil?

Lorenz: Vor allem das Entdecken meiner eigenen Vorlieben, würde ich sagen. Es war wichtig, viel auszuprobieren und festzustellen, welche Musik und welche Musiker mich wirklich berühren. Außerdem natürlich, sich irgendwann zu trauen, von seinen Vorbildern zu lösen!

Das ist vielleicht das schwerste, nach dem vielen Studieren von Stilen und verschiedenen Sounds sich wieder darauf zu konzentrieren, wie ich selbst klinge. Was das Persönliche am eigenen Spiel ist, das man anfangs eher zu vermeiden versucht, weil es einem nicht "stilecht" oder "jazzy" genug erscheint! Was natürlich völliger Blödsinn ist…

Es hat aber bei mir einige Zeit gedauert, zu verstehen, dass man gar nicht anders spielen kann, als man ist. Ich glaube, beim eigenen Stil geht es nur darum, den Mut zu haben, dazu, wie man ist, zu stehen. Das ist schon schwer genug.

Lorenz Hargassner

Carina: Du hast später das "Kenny Garrett Project" geleitet und die bereits erwähnte "pure desmond"-Band gegründet. Was hebt in deinen Augen diese beiden Musiker von den anderen Jazzgrößen ab, was zeichnet sie aus? Wieso haben sie Vorbildcharakter?

Lorenz: Für mich war der Sound immer das wichtigste am Saxophon, das Spannendste, das Entscheidende. Und sowohl Paul Desmond als auch Kenny Garrett haben einen ganz eigenen Sound, den man nach wenigen Noten sofort erkennt. Außerdem haben beide ein spannendes rhythmisches Konzept; auch Paul Desmond ist ein Experte für "Micro-Timing", natürlich auf einem ganz anderen energetischen Level als wiederum Kenny Garrett!

Kenny groovt auch, wenn man die Band weglässt. Der Attack, das Anspielen der Noten und die Phrasierung, wie sie zusammenhängen - ich habe Kenny Garrett mal erlebt, als er nicht so gut in Form war, aber ein Auftritt von ihm mit dem McCoy Tyner Trio in New York hat mich total umgehauen!

Und bei Paul Desmond fasziniert mich außerdem der Umgang mit Dynamik, dieses Aus-Sich-Herausgehen und wieder In-Sich-Zurück-Gehen in jeder Phrase. Dabei die Eleganz der Linien, das ist schon einzigartig. Beide zeichnet vor allem aus, dass sie es geschafft haben, auf dem Alto einen angenehmen Klang zu entwickeln.

Das Alto ist, was das betrifft, viel schwieriger als das Tenor. Leider kann die Lage dieses Instruments sehr unangenehm wirken – wer eine Zeit lang viel unterrichtet hat, wie ich, weiß, wovon ich spreche... "Was ist schlimmer als ein Altsaxophon? – Zwei Altsaxophone!" (lacht).

Aber genau deswegen hat es mich sehr geehrt, als Peter Weniger nach meinem Masterkonzert zu mir meinte, das sei seit langem das erste Mal gewesen, dass ihn ein Alto-Sound über einen ganzen Abend nicht genervt habe…

Carina: Du hast deine Hausarbeit zu Desmonds Solo in "Theme From Black Orpheus" geschrieben. Was hat dich an diesem Solo fasziniert?

Lorenz: Die Arbeit hatte den Titel "Vom Meister der Sequenz". Und auch das ist Paul Desmond, wie ich finde. Eine Sequenz ist, vereinfacht gesagt, die Wiederholung eines Motivs auf einer anderen Tonstufe. Wie er in diesem Solo, das wie durchkomponiert wirkt und dennoch eindeutig improvisiert ist, mit theoretisch ganz "einfachen Mitteln" ein komplexes und dennoch nachvollziehbares, organisches rundes Ganzes schafft, ist unglaublich!

Ich habe das Solo eingehend analysiert und kenne es mittlerweile so gut, dass ich es fast nicht schaffe, über dieses Stück etwas anderes zu spielen, als er, so perfekt ist es. Das muss ihm erst einmal einer nachmachen! Es wirkt so einfach, aber so zu improvisieren wie die alten Cool-Spieler kann heute wohl keiner mehr.

Mit "pure desmond" versuche ich, dieser filigranen Musik gerecht zu werden und sie mit Arrangements zeitgemäßer Musik auch ins 21. Jahrhundert zu übertragen. Und in unseren besten Momenten kommen wir in die Nähe der großartigen Musik von Paul und seinem kongenialen Partner, Jim Hall, an der Gitarre. Wenn auch natürlich auf unsere Art und dabei beeinflusst von unserer Zeit.

Lorenz Hargassner

Carina: Du hast in deiner umfangreichen englischsprachigen Bio erwähnt, dass deine professionelle Karriere begann, als du Adam Holzman 2001 auf seiner Tournee mit seiner "Brave New World"-Band begleitet hast. Wieviel lernt ein junger Musiker vom Tourleben, vom live auf der Bühne stehen?

Lorenz: Es ist genau wie der Trompeter Christian Scott sagt – dass das Tourleben einfach den Bezug zum "richtigen Leben" in der Musik herstellt! Bei aller Liebe zur Pädagogik und all dem, was ich an den Schulen, die ich besucht habe, gelernt habe – die Erfahrung, wie es ist, mit gestandenen Musikern auf einer Bühne zu sein und sich behaupten zu müssen (und zu können), war wichtiger. Das kann eine Schule einfach nicht leisten.

Vielleicht ist das so, wie wenn man Schwimmen lernt – mit den ganzen Schwimmhilfen und einem Lehrer ist es irgendwie machbar, von einer Seite des Beckens zur anderen zu kommen. Aber wenn man einfach ins Wasser gestoßen wird, gilt es erstmal, sich irgendwie über Wasser zu halten. Dabei erfährt man erst, dass es funktioniert. Dass man das kann. Und kann dadurch erst das Selbstvertrauen entwickeln, das man braucht, um eigene Wege zu gehen.

Carina Prange

CD: Lorenz Hargassner Quartet - "Diversityville"
(Double Moon DMCHR 71066)

Lorenz Hargassner im Internet: www.lorenzhargassner.com

Double Moon Records im Internet: www.doublemoon.de

Fotos: Anja Mohr

Mehr bei Jazzdimensions:
Lorenz Hargassner Quartet - "Diversityville" - Review (erschienen: 11.2.2008)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 7.11.2008
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