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Kristjan Randalu - "Der Prozess des bewussten Ausschließens…"

Der Pianist Kristjan Randalu erregte im Jahr 2007 öffentliches Aufsehen, als er – für viele überraschend – im Flug den renommierten Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg gewann. Der in Estland geborene Musiker, der einen Teil seiner Kindheit in Deutschland verbrachte, lebt heute abwechselnd in New York und Süddeutschland...

Kristjan Randalu

Randalus Stärke ist es, Motive estnischer Volkslieder ebenso in seine musikalischen Konzepte mit einfließen zu lassen, wie Experimentelles: daraus entsteht eine Musik, die Individualität, Einfallsreichtum und Identität gleichermaßen verkörpert. Im Duo mit Bodek Janke kann man Kristjan Randalu nun auf seinem neuen, bei Jazz 'n' Arts erschienenen Album "live" hören.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Kristjan Randalu

Carina: Eine kurze Frage zu einem anderen Projekt vorweg: Du wirst in Kürze auch wieder mit Siiri Sisask & Jälg auftreten. Was für eine Musik kann man da erwarten?

Kristjan: Es ist eine sphärische, teilweise sehr energische Musik. Siiri Sisask setzt in diesem Kontext ihre Stimme sehr unterschiedlich ein – beeinflusst durch mongolischen Obertongesang, durch samischen "Joik", durch den Jazz. Es sind – außer ein paar estnischen Volksliedern – ausschliesslich ihre eigenen Lieder, die ich bearbeitet habe. Das ursprüngliche Material war eher Pop/Rock-orientiert; dadurch ist sie in Estland bekannt geworden.

Die Lieder in ihrer aktuellen Fassung haben mit dem Ausgangspunkt wenig zu tun. Sie sind quasi zerlegt und dann neu aufgebaut worden. Ein maßgebender Faktor für den Klang der Band ist Carsten Netz, der seine Instrumente, Saxophon, Klarinetteund Flöte, live elektronisch verarbeitet und dadurch Klangflächen erzeugt.

Kristjan Randalu

Carina: Bist du da eher in der Funktion eines Sideman, oder seid ihr alle gleichberechtigte Partner?

Kristjan: Auf der Bühne steht Siiri im Vordergrund, instrumental sind wir gleichberechtigt und jeder hat seinen Raum, um sich solistisch zu entfalten. Gut, hinter der Bühne übernehme ich hin und wieder die Funktion eines "musikalischen Leiters".

Carina: Du hast im letzten Jahr den Jazzpreis des Landes Baden- Württemberg gewonnen. Hat das dein musikalisches Arbeiten verändert? Und was hat es dir ermöglicht? Ist so etwas in erster Linie eine Bestätigung, oder erhöht es den Druck auf einen Künstler?

Kristjan: Eine Auszeichnung ist immer eine Bestätigung des bisherigen Schaffens und dadurch auch ein Motivator. Meine musikalische Herangehensweise hat es in diesem Fall nicht direkt beeinflusst. Eine konkrete Folge war jedoch das damalige Preisträgerkonzert, woraus letztendlich die CD "live" zusammen mit Bodek Janke entstand. Einerseits wächst mit Auszeichnungen der Druck, andererseits verliert man eine unnötige Ehrfurcht vor Dingen, die vielleicht mal weit entfernt schienen.

Grupa Janke Randalu - "live"

Carina: Deine Eltern sind beide klassische Pianisten. Hast du deshalb – du spielst ja seit deinem sechsten Lebensjahr das Piano – unter einem besonderen Leistungsdruck gestanden, oder war das stets inspirierend?

Kristjan: Ich habe gleich zu Beginn in Tallinn eine spezielle Musikschule besucht, hatte intensiv Instrumentalunterricht. Der Leistungsdruck war auf jeden Fall da. Aber in so jungen Jahren hinterfragt man die Situation nicht zu sehr...

Das kam paar Jahre später und ich wollte dann ernsthaft das Instrument wechseln – wollte Schlagzeug spielen! Kurz darauf sind wir aber ausgewandert. Und in Deutschland habe ich (so hat man mir erzählt!) gefragt, wie es jetzt mit den Klavierstunden aussieht. (lacht)

Carina: Du hast dich während des Studiums neben der Klassik auch dem Jazz gewidmet und dich mehr und mehr in diese Richtung und zur Weltmusik hin orientiert. Kann man das auch als Ablösungsprozess von der klassischen Musik deiner Kindheit verstehen?

Kristjan: Die Beschäftigung mit dem Jazz entstand nach und nach aus den ersten Versuchen mit eigenen Kompositionen und Bands. Irgendwie passte damals das virtuose klassische Repertoire nicht mit dem zusammen, was ich eigentlich selber musikalisch umsetzen wollte. Im nachhinein kann man das wohl quasi als eine Rebellion und einen Ablösungsprozess betrachten; aber ich bin trotzdem der Musik treu geblieben.

Carina: Dein Werdegang scheint nicht gerade der typische Weg für einen jungen Mann aus Estland zu sein: Als Stationen erst Estland, anschließend Deutschland, dann London, New York… Wie hat sich das über die Jahre entwickelt, als du von Ort zu Ort, von Land zu Land gezogen bist? Wird man dabei automatisch offener und internationaler?

Kristjan: Der plötzliche Heimatswechsel in der Kindheit war bestimmt prägend und hat die späteren Ortswechsel erleichtert. Ich glaube, dass man eine gewisse Ehrfurcht und damit verbunden auch eine gewisse Zurückhaltung entwickelt, wenn man öfter mit neuen Situationen konfrontiert wird. Man lernt zu beobachten und muss sich dann entsprechend zurechtfinden, weil: der Schein kann trügen.

Carina: Inwiefern hat das Kennenlernen verschiedenartiger Lebenswelten auch deine Musik beeinflusst?

Kristjan: Ich sehe meine bisherige musikalische Entwicklung als einen Prozess des "bewussten Ausschließens". Dadurch musste ich natürlich klären, was den Kern meiner Musik ausmacht. Unterschiedliche Umgebungen können diesen Prozess beschleunigen, da man mit immer mehr neuer Information konfrontiert wird.

Das ist der bewusste Teil – unbewusst nimmt man natürlich überall etwas auf und filtert es dann hoffentlich später.

Kristjan Randalu

Carina: Deine estnischen Wurzeln spielen immer eine Rolle. So finden sich auf der aktuellen CD auch Volkslieder in neuem Gewand. Was bedeutet Estland für dich in kultureller und persönlicher Hinsicht?

Kristjan: Gerade die Abwesenheit aus Estland hat mich dazu gebracht, mir über meine eigenen kulturellen Wurzeln Gedanken zu machen. Die Distanz war hilfreich. Vielleicht auch die Tatsache, dass man gerade das will, was man nicht hat. Wer weiss, wäre ich in Estland geblieben, würde ich heute vielleicht Boogie-Woogie spielen... – weil dies für mich dann fremd und exotisch wäre! (lacht)

Gerade in Deutschland scheint mir im Zusammenhang mit Kultur das Fremde, Exotische sehr wichtig zu sein. Alles was "anders" ist, ist erstmal "besser", weil es eben nicht typisch "von hier" ist. Um diese Exotenrolle zu erfüllen, brauchte ich nur ich selber zu sein – der "estnische Pianist".

Carina: Was vermisst du heute, wenn du woanders lebst?

Kristjan: Alle Orte haben ihre Vor- und Nachteile, die man auch schätzen lernen muss. Ich muss mich in New York nicht darüber ärgern, dass es hektisch, laut und anstrengend ist. Gleichzeitig brauche ich mich in Estland am Meer nicht zu wundern, dass wenig los ist! (lacht) Es ist auch gut so.

Carina: Du hast unter anderem auch bei Daniel Schnyder Unterricht gehabt. Er steht insbesondere für den Standpunkt, Jazz und Klassik bildeten eine Schnittmenge und stellten nicht getrennte Welten dar. Was hat dir Schnyder für deine musikalische Orientierung vermittelt?

Kristjan: Ich habe Daniel zunächst auf einem Festival in Deutschland kennengelernt, wo wir seine Musik aufgeführt haben. Später habe ich ihn dann in New York getroffen. Ausser einigen konkreten musikalischen Ideen des "Cross-Over" habe ich etwas darüber gelernt, was es bedeutet, heutzutage ein freischaffender kreativer Musiker zu sein.

Kristjan Randalu

Carina: Wenn du über deine eigene genreübergreifende Musik und deine Herangehensweise an sie nachdenkst: Meinst du, dass Klassik und Jazz, Weltmusik und anderes, sich wirklich immer gegenseitig befruchten? Muss man für einen klaren Stil nicht sorgfältig auswählen?

Kristjan: Wie bereits vorhin erwähnt, war für mich ein Ausschlussprinzip immer sehr wichtig. Ein unzensierter Eklektizismus hat mich nie gereizt. Ich bin davon überzeugt, dass sich verschiedene Musikarten gegenseitig befruchten.

Ob man aber sich selber zwangsläufig einem Stil zuordnen muss – das glaube ich nicht. Ich habe mir früher mehr Gedanken darüber gemacht, wie man etwas bezeichnen soll, damit die Musik auch möglichst genau beschrieben und vermittelt wird. Mittlerweile spielt das eine unbedeutende Rolle. Ich bezeichne meine Musik als "Jazz", da sie im klassischen CD-Regal eher fehlplatziert wäre. Wer sich dann tatsächlich für den Inhalt interessiert, wird vielleicht auch etwas mehr darin entdecken.

Carina: Wenn du klassische Musik spielst, improvisierst du auch?

Kristjan: Ich habe zu ein paar Klavierkonzerten von Mozart eigene Kadenzen geschrieben – weil es keine von Mozart gab! Das fällt dann aber wohl eher in die Sparte "Komposition". Im Jazz-Sinne improvisiere ich in der klassischen Musik nicht – ich halte mich an den "Urtext".

Wenn ich aber klassische Themen als Grundlage für Bearbeitungen nehme, dann sieht es anders aus.

Carina: Bodek Janke und du, ihr kennt euch aus Studienzeiten und er ist auch Mitglied in deinem Quartett. Was macht deiner Meinung nach die Besonderheit eurer Zusammenarbeit im kleinen Duokontext aus?

Kristjan: Ich kenne Bodek seit meinem elften Lebensjahr und seitdem machen wir auch zusammen Musik – die langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit ist die Grundlage für ein grundsätzliches musikalisches Verständnis und gegenseitiges Vertrauen. Wir spielen auch in anderen Formationen zusammen, mit anderen Musikern, aber das Duo ist die kompromissloseste Umsetzung unserer Musik.

Carina: Trittst du nach wie vor mit dem Kristjan Randalu Quartett auf?

Kristjan: Das Quartett ist ein Schwerpunkt in meiner aktuellen Musik. Die Klangmöglichkeiten und -kombinationen mit Stephan Braun am Cello sind sehr vielseitig und erstmal ungewöhnlich. Wir haben im letzten Jahr einige Auftritte in Deutschland und Spanien gespielt. Die nächste Tour ist im Herbst 2008 geplant.

Carina: Du lebst derzeit in Karlsruhe und New York. Inwiefern beeinflusst das Leben in New York deine Musik und was macht den Reiz der Stadt für dich aus?

Kristjan: Das Leben in New York kann manchmal wie ein Abhärtungsprozess sein. Man kann sich in jeder Hinsicht Extremsituationen aussetzen. Danach nimmt man vieles gelassener und das tut auch der eigenen Musik gut.

Das musikalische Angebot ist überwältigend und dadurch ergeben sich auch viele Austauschmöglichkeiten mit anderen Musikern. Es ist ein Treffpunkt, quasi eine Zentrale!

Carina Prange

CD: Grupa Janke Randalu - "live" (Jazz 'n' Arts Records JnA 3708)

Kristjan Randalu im Internet: www.randalu.com

Jazz 'n' Arts Records im Internet: www.jazznarts.com

Fotos: Abe Nowitz (Pressefotos)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 30.1.2008
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