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Jeff Cascaro - " Cascarolicious Soul"

Jeff Cascaro ist einer der wenigen in Deutschland, der Soul macht. Und das mit Erfolg. Und mit genau dem richtigen Bauchgefühl, sodass sein Erstlingswerk “Soul of a Singer“ (Herzog Records/Edel) vor zwei Jahren zu einem ganz Grossen werden ließ. Sein neuestes Album, “Mother and Brother“ (Herzog Records/Edel), ist aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Jeff Cascaro

Würde da nicht diese kleine, aber entscheidende Portion Reife, Glaubwürdigkeit und bodenständige Grobkörnigkeit mitschwingen, die den Soul als Genre überhaupt erst eine Existenzberechtigung gibt. Und, selbstredend, die fast selbstverständliche Vermischung mit Blues und sogar Jazz: Rhythm and Blues.

Der aus Bochum stammende Cascaro begann seine Karriere bereits mit 18 Jahren als Gewinner von “Jugend jazzt“. Schnell arbeitete er mit Künstlern Ute Lemper, Sasha, Joe Sample von den Crusaders, den Fantastischen Vier, Klaus Doldinger’s Passport, Götz Alsmann, den Guano Apes, Paul Kuhn oder der NDR Bigband zusammen. Eine stilistische Mixtur, welche die verschiedenen Einflüsse von Cascaros neuestem Album von Soul zu Pop zu Jazz zumindest ansatzweise erklären. Und: seit acht Jahren ist Jeff Cascaro Professor für Jazz-Gesang an der Hochschule für Musik “Franz Liszt“ in Weimar.

Doch zurück zum Soul, der “Soul of a Singer“. Sein neuestes Werk “Mother and Brother“, übrigens wieder mit Cascaros langjährigem Freund Till Brönner als Gast, beinhaltet nicht nur eine Reihe brillanter Eigenkompositionen, die Cascaro in Personalunion gleich auch konzipierte, einspielte und mit seiner intensiven, unverwechselbar erdigen Soul-Stimme veredelte. Wie schon sein Vorgängeralbum, gibt der neue Longplayer mehrere Coverversionen zum besten, die, im Original, unterschiedlicher nicht sein könnten.

Da ist zum einen die herrlich unbeschwerte, souldurchflutete Tanznummer “Love Is In The Air“, dem Welthit von John Paul Young, oder BB Kings unvergleichliches “Help The Poor“, dem Cascaro einen ganz eigenen, warmen Soul-Charakter verleiht. Oder aber “Follow You, Follow Me“ von Genesis, das Jeff Cascaro, kaum wiedererkennbar, in einen wahren Soul-Klassiker verwandelt und zeigt, dass Coverversionen bei aller Respektbekundung zum Original nicht starre, unkreative Gebilde sein müssen: Soul aus Deutschland also...

Michael Arens sprach für Jazzdimensions mit Jeff Cascaro

Michael: Die offensichtlichste und dringlichste Frage zuerst: Woher kommt deine Affinität zu Soul-Musik?

Jeff: Ich liebe Musik allgemein. Das hat immer auch den Hintergrund, dass die Liebe für Soul daher kommt, dass ich in den Siebzigern groß geworden bin. Und dass auch viel im Radio lief und man gar nicht umhin konnte – wenn man so ein bisschen zugehört hat – dass man diese Musik lieben musste.

Aber Soul hatte auch einfach so viel Gefühl. Es hat mir auch schon als Kind gefallen, wenn Leute mit Gefühlen offen umgingen, wenn etwas dieses "Schmachten" hatte... Wenn Stevie Wonders “Sir Duke“ lief, zum Beispiel, da konnte man immer hören, welche Sehnsucht darin steckt. Diese ehrliche Sehnsucht – das ist das, was mich immer begeistert hat. Und der Rhythmus natürlich!

Jeff Cascaro

Michael: Das zeigt besonders dein neues Album, “Mother and Brother“...

Jeff: Oh, man kann nicht sagen, wir machen jetzt "dieses" oder "jenes" Album. Du kannst nichts auf dem Reißbrett erstellen! Da sträuben wir uns in der Band aber alle so ein wenig dagegen. Es gibt keinen "Fahrplan", was aufgenommen wird, oder in welche Richtung das geht. Das Melodische und auch teilweise das Arrangementtechnische ändert sich auch während der Takes, die wir einspielen.

Da wird kurz geschaut, was uns noch fehlt, es werden Ideen gesammelt und dann wird das eingearbeitet. Dann hat man eine gute Grundlage, auf der ich singen kann. Ich singe ja auch immer alles live ein. Ich mache zunächst gar nichts mit Overdubbing, versuche, alles sofort mit "einzunageln", damit die Jungs mitkriegen, welche Energie das Stück hat… Und deswegen ist es mir wichtig, dass das Album kein Konzeptalbum der Richtung “wir machen jetzt mal duften Soul oder so was“ ist. Auf gar keinen Fall!

Jeff Cascaro

Michael: Du hast die meisten Songs des Albums selbst geschrieben…

Jeff: Schreiben mache ich meistens mit Ulf Kleiner zusammen, unserem Keyboarder, der eigentlich schon sehr viel bei der Produktion dabei ist. Das sind so Dinge, wo ich Ideen habe, wo ich die Sachen zu Hause vorproduziere. Dann schicken wir uns immer irgendwelche Files durch die Gegend und Christian von Kaphengst kommt eigentlich so richtig erst zur Produktion im Studio dazu. Wir produzieren das meistens vor, machen so eine Art Layout, arbeiten ein paar Wochen daran und gucken, was da vielleicht noch fehlt.

Jeff Cascaro - "Mother and Brother"

Michael: Bleiben wir ruhig bei dem Thema Christian von Kaphengst, der ja bereits dein erstes Album, “Soul of a Singer“ produziert hat.

Jeff: Der "Kapi" und ich kennen uns seit über zwanzig Jahren, sind schon sehr lange befreundet. Wir haben viele gemeinsame, musikalische Dinge zusammen gemacht, die gut waren. Auch viele Sachen, die Gebrauchsmusik waren. Beschaffungskriminelle. Es ist ein sehr freundschaftliches Verhältnis, das wir haben. Wir wissen – genau! – was der jeweilig andere kann. Und wir wissen beide auch genau, wie man miteinander umgeht: von beiderseitigem Respekt ummantelt. Sonst würde das auch gar nicht gehen!

Michael: Was ist also dieses Mal, beim neuen Album, anders – neu?

Jeff: Neu ist, dass wir jetzt etwas mehr Bläser haben. Das sind alles Typen, die wahnsinnig gut spielen. Der Frank Lauber hat das alles arrangiert. Dann spielt noch Berthold Matschat, der eigentlich ein ausgezeichneter Keyboarder ist, die Mundharmonika. Und zwar chromatische Mundharmonika.

Das "Stammpersonal" ist dabei – das wirst Du bei allen anderen auch sehen! Marvin Gaye hat immer sein "Stammpersonal" dabei gehabt – der Typ, der stets den Bass spielte, das Schlagzeug... Das waren immer dieselben Musiker. Und das ist auch wichtig! Bei Peter Lübke [Schlagzeuger, Anm. d. Red.] war es so, dass er ja ein ungeheuer erfahrener Typ ist. Der hat in seinem Leben schon mit allem gespielt, was es gibt: Jaco Pastorius, Sammy Davis Jr., Whitney Houston... Er ist ein Typ, der nicht so gerne darüber redet, aber er ist ein mit allen Wassern gewaschener, bescheidener Schlagzeuger.

Bei Flo Dauner [ebenfalls Schlagzeuger, Anm. d. Red.] ist das ähnlich, aber er ist eine andere Generation! Flo ist von seiner Art vielleicht ein bisschen progressiver, aber sie haben beide ihre absolut hochwertigen Qualitäten. Ich finde keine besseren im Moment.

Michael: Das klingt, als weißt Du sehr genau, was Du möchtest!

Jeff: Ich will die Musik immer so haben, dass alles möglich ist. Bei “The Sun Is Shining For Our Love“ beispielsweise, bin ich ins Studio gegangen und wusste noch gar nicht so richtig, was ich da singen sollte. Ich hatte den Text und hatte eine Idee, wie ich’s mache und habe es dann zwei, drei mal gesungen. Und fertig war es.

Ich würde es dabei aber nie so machen, dass alles immer gleich ist – außer bei den Refrains vielleicht! Aber es ist immer etwas anders, die Melodieführung ist immer dynamisch. Und so ist es auch richtig. Du darfst gar nicht immer das gleiche machen, da wirst du ja wahnsinnig! Dafür bin ich auch zu sehr Jazzmusiker.

Immer das Gleiche machen – ich glaube, das könnte ich gar nicht. Also wenn ich jetzt eine Vorgabe hätte, für jemanden was einzusingen, dann ja. Aber wenn ich selbst was singe und den Text habe, da schleichen sich doch immer andere Ideen ein. Und das ist auch genau richtig so.

Michael: Was begeistert, sind nicht nur die Songs von “Mother and Brother“ selbst, sondern einmal mehr deine Stimme… Obwohl Du ja gerade durch die Vermischung der Aktivitäten zum Album als Sänger, Songschreiber, Arrangeur, Musiker, usw. eher den Status einen Allroundkünstlers inne hast…

Jeff: Ich bin Sänger. Ein Musiker-Sänger. "Künstler" ist immer so eine Sache... Ich bin mit meinen Fähigkeiten sehr bescheiden. Ich bin kein Mensch, der das lancieren würde. Ich bin mir trotzdem bewusst, dass ich ein guter Sänger bin. Das weiß ich schon!

Jeff Cascaro

Michael: …mit ganz eigenem Sound und Wiedererkennungswert…

Jeff: Von den Stimmen, meinen Einflüssen, wie etwa Frank Sinatra, Nat King Cole, Ray Charles, Isaac Hayes, Al Green, Ben E. King, Sam Cooke, Wilson Pickett, Al Jarreau, David Coverdale von Deep Purple, ist keine so wie die andere! Die sind alle anders. Die haben alle einen anderen Sound. Authentisch.

Das ist das, was ich immer sein wollte. Dann geht man auf die 30 zu und überlegt, was man da eigentlich macht. Was will man eigentlich vom Singen? Will man richtig singen, oder akademisch sein? Oder will man "authentisch" sein? Man verbindet alles miteinander, dass man gut singt, aber trotzdem authentisch ist. Und ich glaube, es ist mir gelungen, das zu entwickeln, dass ich ein authentischer Sänger bin. Du wirst bei George Benson immer hören, dass er was von Donny Hathaway hat, und bei Donny Hathaway immer, dass er was von Stevie Wonder hat…

Michael: Was möchtest Du mit deinem neuen Album erreichen – was sind deine Ziele?

Jeff: Mein Ziel ist es, mit dieser Platte über Grenzen zu springen. Ich würde mich freuen, wenn ich mit dieser Musik Erfolg habe, aber auch den Erfolg so benutzen kann, dass ich auch viel live spielen kann. Und das ist gar nicht so einfach, wenn du eine Band hast, die aus ganz Deutschland kommt und du diese erst einmal zusammenbringen musst. Ich habe einfach die Hoffnung, dass ich mich mit den Verkäufen so in den Vordergrund bringe, dass manche Leute einfach nicht mehr an mir vorbeikommen!

Michael Arens

CD: Jeff Cascaro - "Mother and Brother"
(Herzog Records/Edel 426010901012 )

Jeff Cascaro im Internet: www.jeffcascaro.com

Herzog Records im Internet: www.herzogrecords.com

Fotos: Pressefotos (Thomas Schloemann)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 7.12.2008
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