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Henning Wolter
- "Im Sprint zur nächsten Etappe…"

Ein hohes Tempo an den Tag zu legen und schwungvoll an die Dinge heranzugehen, das trifft bei Henning Wolter zu – sowohl im Radsport als auch in der Musik. Mit "Le Grand Spectacle" legt der Pianist und Komponist ein Konzeptalbum vor, das voller Emotionalität die "Tour de France" zum Thema hat. Und hier spricht der Fachmann höchstpersönlich – ist doch Wolter selbst bei "Le Tour" als Fahrer dabeigewesen.

Henning Wolter

Ihn einen musikalischen Schwerarbeiter zu nennen – oder sollte man, in Anlehnung an der Radsport, "Ausreißer" sagen? – wird der intensiven Tätigkeit des Kölners ziemlich gerecht: für die CD "Illusion" arbeitete er mit der Sängerin Andrea Kaiser, mit Plan X verband er Rap mit Pianojazz. Auch als Filmmusikschreiber verbuchte Wolter, der fünf Jahre in den Niederlanden verbrachte, mehr als einmal Erfolge. Seine aktuelle CD "Le Grand Spectacle" wurde, dementsprechend bildreich, quasi ein "Road Movie" für die Ohren – und ist auch ansonsten musikalisch bemerkenswert...

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Henning Wolter

Carina: Du hast dich für einige Jahre dem Schreiben von Filmmusik zugewandt. Wie kam es dazu? Wenn du zurückschaust, welches wäre dein Favorit unter den von dir geschriebenen Filmmusiken?

Henning: Ich war schon als Jugendlicher von dem Genre Filmmusik begeistert und wollte das einfach unbedingt mal ausprobieren. Vor ungefähr sechs Jahren habe ich speziell für die Akquise bei Filmproduktionsfirmen ein Demo aufgenommen. Daraufhin habe ich meinen ersten Auftrag für die Vertonung eines Industriefilms bekommen.

Mein persönlicher Favorit meiner Filmmusiken ist die Produktion zu "Die Helden von Eisenheim" – ein Film von dem zweimaligem Grimmepreisträger Werner Kubny und Per Schnell, in Zusammenarbeit mit dem WDR. Meine Aufgabe war es, Musik für Akkordeon zu schreiben, die an "Die fabelhafte Welt der Amelie" erinnert und zugleich aber auch zu einer typischen Ruhrpott-Familie passt. Das war eine echte Herausforderung, die sehr viel Spaß gemacht hat.

Henning Wolter

Carina: Für die neue CD bist du erneut mit deinem Trio ins Studio gegangen. Zwischendurch gab es Ausflüge ins Quartettformat und, mit Andrea Kaiser, in den Vocaljazz … Inwieweit verändert sich deiner Meinung nach die Wahrnehmung des Hörers, sobald Gesang und Text die Musik ergänzen? Treten die Instrumente in den Hintergrund?

Henning: Normalerweise ist es so: Wenn Texte bzw. Gesang mit ins Spiel kommen, wird die Musik für den Zuhörer meistens verständlicher und greifbarer. Dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit des Publikums natürlich mehr auf den Gesang als auf die Instrumentalisten.

Viele Sänger oder Sängerinnen fordern zudem noch von den Instrumentalisten ein, sich lediglich auf eine Begleitfunktion zu beschränken und bewusst in den Hintergrund zu treten. Wir haben versucht, diese klassische Rollenverteilung zu ignorieren und jedes Instrument als gleichwertig zu behandeln – Gesang eingeschlossen.

Carina: Tut es einer Besetzung gut, wenn sie zwischendurch ruht und alle sich anderen Dingen widmen können – bzw. müssen?

Henning: Auf jeden Fall! So bleibt die Band frisch und man geht sich nicht auf die Nerven. Außerdem finde ich es immer wieder spannend, wie und wohin sich meine Mitmusiker nach einer kleinen Bandruhephase weiterentwickelt haben.

Henning Wolter Trio - "Le Grand Spectacle"

Carina: Welche Auswirkungen hat die ansonsten kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Bassisten Lucien Matheeuwsen und dem Schlagzeuger Marcel van Cleef auf deine Kompositionen für das Trio?

Henning: Marcel, Lucien und ich spielen nun schon seit über fünfzehn Jahren zusammen! In dieser Zeit haben wir ein sehr ausgeprägtes musikalisches Gespür füreinander entwickeln können. Wenn ich den beiden meine neuen Stücke vorstelle, dann sind diese selten komplett durchkomponiert und ausarrangiert.

Ich liefere also nur das Rohmaterial, die Ideen, und beschreibe, in welche Richtung die Komposition gehen soll. Details und Arrangement erarbeiten wir dann gemeinsam. Hier hilft dann unsere langjährige Zusammenarbeit: Jeder versteht sofort, was der andere will. So können wir sehr schnell und effektiv arbeiten.

Carina: Gibt es in diesem Trio, das ja von der Besetzung ein "normales Pianotrio" ist, eine feste Rollenverteilung, also die "übliche"? Oder versucht ihr eine Neudefinition des Begriffs?

Henning: (lacht) Nein, wir haben nicht den Anspruch, eine Neudefinition für das Trioformat zu entwickeln! Wichtig ist, was für die Musik, für die jeweilige Komposition am besten ist. Danach richten wir uns. Rollenverteilungen sind uns in dieser Triobesetzung gleichgültig. Darum kümmern wir uns nicht.

Carina: Du warst fünf Jahre in den Niederlanden, wo du auch deine beiden Mitmusiker kennengelernt hast. Was hast du von dort für dich mitgenommen an Erinnerungen?

Henning: Neben dem Unterricht an der Hochschule bei Rob van den Broek und Robert Jan Vermeulen in Arnheim, hatte ich ein paar Privatstunden bei Bert van den Brink in Utrecht genommen. Bert ist blind, hat aber ein so trainiertes Gehör, dass es alles, was ich ihm vorgespielt habe, sofort nachspielen und sehr gute Vorschläge für Verbesserungen machen konnte. Er war so präsent und hatte eine dermaßen beeindruckende Auffassungsgabe, dass ich jedes Mal vergaß, dass er blind ist!

Eines Tages bat er mich darum, ihn nach dem Unterricht zur Bushaltestelle zu begleiten. An der Haltestelle, die sehr groß und unübersichtlich war, verabschiedete ich mich von ihm. Erst zu Hause fiel mir auf, dass ich ihn dort ja ganz allein habe stehen lassen, ohne zu fragen, ob er noch meine Hilfe benötigte. Ich hatte sein Handicap mal wieder ganz vergessen!

Also rief ich bei ihm an, um mich nach ihm zu erkundigen. Ich war beruhigt, als er sich meldete und sich amüsierte, weil ich mir Sorgen gemacht habe. Ja, und auch wenn ich nur wenige Stunden Unterricht bei Bert hatte, hat er mich doch in meinem Spiel wesentlich geprägt.

Henning Wolter

Carina: Kommen wir mal zur aktuellen CD. Deren Vorgängeralbum hieß "Illusion" und ließ allein schon vom Titel her Raum zur freien Assoziation. "Le Grand Spectacle" hingegen ist, wie sich im Titel widerspiegelt, ein thematisch umrissenes Konzeptalbum. Ist so etwas kompositorisch einfacher oder schwerer lösbar?

Henning: Bisher hatte ich mich ja immer gesträubt, ein Konzeptalbum aufzunehmen, da so etwas viele Gefahren in sich birgt. Ein Konzept kann eingrenzen oder dazu verführen, beim Komponieren zu akademisch zu denken. Im schlimmsten Fall kann das Konzept sogar über die Musik an sich gestellt werden.

Dann bekommt man diesen intellektuellen, philosophischen Überbau. Das finde ich fürchterlich. Die Musik tritt in den Hintergrund und verliert an Aussagekraft, Lebendigkeit und Energie. Deswegen war ich anfangs auch etwas skeptisch. Ich wollte unter keinen Umständen in diese Konzept-Falle tappen!

Um dem zu entgehen, habe ich versucht, mich in die Gefühlslage der Fahrer hineinzuversetzen und habe mir dazu kleine Geschichten oder Bilder ausgedacht und probiert, dies in Musik umzusetzen. Und das für jedes einzelne Stück. So war ich stets auf der emotionalen Ebene und rutschte nicht auf diese intellektuelle Schiene. Da der Radsport so reich an Geschichten und Gefühlen ist, sprudelte die ganze Band vor lauter Ideen. Von daher war es für mich kompositorisch einfacher mit diesem Konzept zu arbeiten, als ohne.

Carina: Dass du selbst Radrennen fährst, ist natürlich ein konkreter Bezug zum Thema – aber wie entstand die Idee, genau das als Motto für ein ganzes Album zu nehmen?

Henning: Ich bin ein absoluter "Tour de France"-Fan. Deshalb hat mich das Thema an sich gereizt. Als vor ein paar Jahren die Doping-Diskussionen kein Ende nahmen, kam ich auf die Idee, für meinen Bassisten ein Stück zu schreiben, dass technisch so schwer ist, dass man es quasi nicht "ungedopt" spielen kann. Es bekam den Titel "EPO". Lucien, mein Bassist, beherrscht es aber zum Glück auch ohne verbotene Substanzen!

Als wir ein paar Wochen später auf der Rückreise von einem Konzert im Band-Bus saßen und uns über die Produktion einer neuen CD unterhielten, ist uns aufgefallen, dass einige Stücke unserer zwei letzten Trio-CDs Frankreich zum Thema hatten. Weiterhin gibt es viele französische Texte auf unserer Projekt-CD "Plan-X". Das in Zusammenhang mit "EPO" brachte uns dann auf die Tour de France.

Carina: Bist du gefühlsmäßig voll drin im Radsport, wenn du jetzt diese Musik auf die Bühne bringst?

Henning: Ja! Die Stücke erzählen ja Geschichten von der Tour de France oder beschreiben die Landschaften Frankreichs. Dann kommen ja auch live die besagten O-Töne hinzu. Da fühlte man sich dann automatisch in die Tour hineinversetzt. Das ist auch sehr wichtig. Schließlich wollen wir ja das Publikum mit auf diese Reise nehmen...

Carina: Hat Musikmachen für dich viel mit Körperlichkeit, mit Spüren und Fühlen zu tun? Gibt es möglicherweise Querverbindungen zum ebenfalls sehr physisch ausgeübten Radsport?

Henning: Zunächst – was ich anstrebe ist, nicht intellektuell, nicht akademisch zu spielen! Mir sind Verständlichkeit und der Bezug zum Menschen und seinen Gefühlen wichtig. Und sicher, Musik hat sehr viel mit Körperlichkeit zu tun. Deshalb gibt es für mich auch Verbindungen zum Radsport: So ist man nach langen Konzerten nicht nur vom Kopf her, sondern auch körperlich erschöpft.

Ebenso beansprucht ein Radrennen nicht nur die Physis, sondern auch die Konzentration der Fahrer. Für eine gute Spieltechnik ist eine gute Motorik und der Spaß an Bewegung ausschlaggebend. Im Sport ist das natürlich einer der wichtigsten Aspekte. Was das Fühlen betrifft: Jedes Instrument fühlt sich beim Spielen anders an, genau wie sich jedes Rad, jeder Straßenbelag anders anfühlt. Dazu kommen das Lampenfieber und die Euphorie und die Glücksgefühle nach einem schönen Konzert oder nach einem guten Rennen. Das kann schon süchtig machen, sowohl bei der Musik als auch beim Sport.

Henning Wolter

Carina: Siehst du das Fahrradfahren allgemein als Möglichkeit, den Kopf freizubekommen oder dabei gar musikalische Ideen zu entwickeln?

Beim Radfahren geht es mir um das körperliche Erleben, den Spaß an Geschwindigkeit, das Entdecken der Umgebung. Dadurch bekomme ich den Kopf frei, um wieder neue Ideen zu bekommen. Die entwickele ich dann aber am Klavier und nicht auf dem Rad.

Carina: Hast du als Musiker, insbesondere als Pianist, nicht Angst, dir deine Hände bei einem Unfall zu verletzen?

Henning: Sowie man auf dem Rad Angst bekommt, verkrampft man und fährt unsicher. Dann wird es gefährlich! Das ist aber in erster Linie reine Kopfsache. Es gibt natürlich solche Tage, an denen die Angst mitfährt. Aber da mache ich mir dann keinen Stress und fahre nur eine kleine Trainingsrunde.

Carina: Leistungssport hat ja allgemein mit dem Erreichen und Überschreiten von Grenzen zu tun. Gilt das nur für den Sport oder auch für die Musik und die Kreativität generell?

Henning: Sicher ist Grenzüberschreitung auch in der Musik – oder besser: in der Kunst allgemein – ein wichtiges Thema. Nur durch das Überschreiten von Grenzen kann man seinen eigenen Weg, seine Stimme finden. Ansonsten käme man nicht darüber hinaus, lediglich Vorbilder nachzuahmen.

Carina: Ist dieser Drang möglicherweise ein Grund dafür, dass der Griff nach Stimulanzien näher liegt?

Henning: Beim Radsport ist es vielleicht nicht so sehr der persönliche Drang zur Grenzüberschreitung, sondern eher der Druck von außen und die Versagensangst, die die Sportler zum Doping führt. Es wird ja mittlerweile als selbstverständlich angesehen, dass Sportler stets mit neuen Höchstleistungen aufwarten müssen.

Irgendwann stößt der Körper an seine Grenzen und dann liegt der Griff zu unerlaubten Mitteln nahe. Gegen Doping, finde ich, muss auf jeden Fall mehr unternommen werden. Aber ich sehe dopende Fahrer nicht so sehr als Täter, sondern eher als Opfer eines unerbittlichen Systems an: Ihre Gesundheit ist es schließlich, die gefährdet wird.

Als Jazzmusiker hat man diesen Druck nicht. Man benötigt in der Musik zum Überschreiten von Grenzen auch keine Chemie. Das würde eher schaden als nützen. Wer das trotzdem macht, ist selbst schuld.

Carina: Im Promotext ist, wenn es um dein Klavierspiel geht, an einer Stelle von "perkussivem Piano" die Rede. Was wäre denn dein bevorzugtes Adjektiv?

Henning: Ich versuche, Gefühle in ihrer ganzen Bandbreite in Musik zu übersetzen und das schließt unter anderem sowohl sensible als auch aggressive Gefühle mit ein. Eine Gewichtung habe ich dabei nicht, zumindest keine gewollte. Ich habe in dem Sinne also auch kein bevorzugtes Adjektiv, um meine Spielweise zu beschreiben.

Henning Wolter

Carina: Jetzt mal eine Frage zur Maxi-Single "Plan X"... Dem Sänger und Rapper Yann Yondo geht es sehr um die Themen "Selbstvertrauen" und "Eigenbestimmung des Lebens". Wieweit sind dir selbst politische, soziale oder sozialkritische Aspekte wichtig – in der Musik und im Leben?

Henning: In erster Linie geht es mir bei meiner Musik um die Umsetzung von Gefühlen in Musik. Von daher spielen die von dir genannten Aspekte in meiner Musik – abgesehen von "Plan X" – keine Rolle. Privat sind mir diese Dinge allerdings sehr wichtig. Ich bin politisch sehr interessiert und verfolge genau das Tagesgeschehen.

Da ich in Köln seit vielen Jahren in einem Stadtteil lebe, den man als sozialen Brennpunkt bezeichnen kann, werde ich jeden Tag mit den aktuellen Themen konfrontiert, wie Hartz IV, Armut, Gewalt, Integration. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich diesen gesellschaftspolitischen Aspekten hier gar nicht entziehen!

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Henning: Ja. Keine halben Sachen!

Carina Prange

CD: Henning Wolter Trio - "Le Grand Spectacle" (Bos Rec 221-08)

Henning Wolter im Internet: www.henningwolter.de

Bos Records im Internet: www.bosrecords.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2008
erschienen: 6.7.2008
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