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Claus Boesser-Ferrari - "Gitarristisches Dasein zwischen den Stühlen"

Geboren 1952 in Belheim/Pfalz, startete Claus Boesser-Ferrari seine Karriere zunächst als Rockmusiker, um dann klassische Gitarre zu studieren. 1980 erhielt er den 1. Preis der Deutschen Phono-Akademie. Als Solist hat er Nord- und Südamerika, Asien, Afrika und viele Länder Europas bereist und hat Musik für Film und Theater geschrieben.

Claus Boesser-Ferrari

Ein Meister der Reduktion und Dekonstruktion ist Claus Boesser-Ferrari ein Grenzgänger, der sich bewusst einer stilistischen Einordnung entzieht. Zu seinen musikalischen Partnern zählen die Gitarristen Ralph Towner, Marc Ducret, Hans Reffert, Fred Frith und Marc Ribot, Bassist Jonas Hellborg und die Sängerin Jutta Glaser.

Herbert Federsel sprach für Jazzdimensions mit Claus Boesser-Ferrari

Herbert: Wie hat das alles angefangen mit der Gitarre?

Claus: Da gab es einmal einen Amerikaner, der in meiner Straße wohnte. Er spielte E-Gitarre und stellte den Verstärker immer aufs Fensterbrett, um das ganze Viertel zu beschallen. Alle hassten ihn dafür. Das hat mich beeindruckt. Außerdem hat die Mutter meines Schulfreundes eine (Sinta-)Gitarre gespielt und ihn und mich auch etwas unterrichtet.

Ich spielte zuerst Rockgitarre über das Radio meiner Oma. Als ich Tom Paxton im Beat-Club sah, war ich von der akustischen Steelstring Gitarre so beeindruckt, dass ich das auch spielen wollte. Da man in Deutschland Fingerpicking nicht kannte, bin ich jedes Jahr nach England gegangen, um bei John Renbourn und Bert Jansch an Workshops teilzunehmen.

Später habe ich klassischen Gitarrenunterricht am Konservatorium für Musik in Speyer genommen. Herausgekommen ist ein gitarristisches Dasein zwischen den Stühlen – ich bin ein musikalischer Bastard. 1980 hatte ich mit meiner damaligen Band einen Major-Deal und war u.a. mit Joan Baez oder Flairck auf Tournee. Heute spiele ich lieber mit Marc Ribot.

Claus Boesser-Ferrari

Herbert: In deinem neuesten Projekt arbeitest du mit der Sängerin Jutta Glaser. Wie kam es zu der Zusammenarbeit.

Claus: Jutta ist weniger eine klassische Sängerin. Sie produziert eigentlich eher Stimm-Skulpturen und verkehrt stilistisch in allen möglichen räumlichen und zeitlichen Epochen, wie ich auch. Sie hat mich angerufen, wir haben zusammen probiert, und ich fand, dass wir einen perfekten Klangkörper zusammen ergeben. Unsere Konzerte haben starken Abenteuercharakter. Genau dass, was mich interessiert.

Herbert: Das Programm auf eurer aktuellen CD "Ajoi" ist weit gespannt. Es reicht von Originals über Peter Green, "Mongo" Santamaria, Milton Nascimento und Jim Pepper, hin bis zu Fred Frith.

Claus: Wir haben aber auch einen estnischen Ritualsong, ein deutsches Volkslied oder auch Lyrik von William Blake bearbeitet! Die Auswahl des Materials gehorcht keinem Konzept. Das Lustprinzip war hier vorherrschend. Fred Frith, für mich einer der größten lebenden Musiker, sagt, dass es nicht darauf ankomme, was man spiele, sondern wie man es spiele. Mit Jutta kann ich spontan Klangskulturen zu Begriffen wie "rund" oder "eckig" kreieren, aber auch einfach ein altes Kirchenlied spielen und singen.

Jutta Glaser/Claus Boesser-Ferrari - "Ajoi"

Herbert: Für das Schauspiel Hamburg hast du 2007 die Musik zu Kleists "Michael Kohlhaas" geschrieben. Aber auch am Theater am Neumarkt, Zürich und am Nationaltheater Mannheim sind deine Kompositionen zu hören. Was interessiert dich an Theatermusik besonders?

Claus: Ich bin zunächst sehr stark an Sprache interessiert. Es fasziniert mich, wenn Regisseure mit Schauspielern über eine Stunde an einem Satz feilen, bis dieser im Raum steht. Es interessiert mich, wie dramaturgische Bögen entstehen, wie man etwas erzählt. Hier habe ich viel für meine Musik mitgenommen.

Ich habe ja an der Berliner Schaubühne auch mit Barbara Frey gearbeitet, die selbst Schlagzeugerin ist oder mit Crescentia Dünsser und Otto Kukla, die eine große musikalische Leidenschaft haben. Ich muss innerhalb eines sehr anfälligen und filigranen Geflechts funktionieren, was mich auf eine sehr gute Art fordert. Würde ich nur Solo-Konzerte geben, würde ich verblöden.

Herbert: Was meinst du mit "anfälligem und filigranem Geflecht"?

Claus: Zum Beispiel bei der Kohlhaas-Inszenierung in Hamburg muss ich meine Musik in ein Gebilde aus Sprache, Choreografie, Film, Licht und Stage-Design einbauen. Dazu muss ich mit zwei lebenden Pferden korrespondieren.

Diese Produktion funktioniert nur, wenn ca. 30 Personen perfekt, sprich sensibel, zusammenarbeiten und verschiedene Ebenen subtil ineinander verzahnt werden. Wenn die Pferde nach meinen ersten Tönen anfangen zu kacken, bin ich entspannt, weil ich weiß, dass sie es (laut Pferdetrainer) auch sind.

Herbert: Am bekanntesten bist du als Gitarren-Solist, der über eine riesige Soundpalette verfügt. Welche Instrumente und Zubehör verwendest du?

Claus: Ich benutzte eine Reihe guter Akustikgitarren (sechssaitig, zwölfsaitig, achtsaitig) von A & M, Knut Welsch, Armin Dreyer, James Goodall, Resonatorgitarren von Amistar, sowie elektroakustische Spezialanfertigungen von Rolf Spuler und Knut Welsch. Spuler baute mir seine Sub-Bass-Pickups in fast jede meiner Gitarren ein. Das macht meinen Sound sehr markant. Ansonsten benutze ich Schertler- und Shadow-Pickups.

Meine Effect-Pedale sind so gebräuchlich und alt, dass sie eigentlich ins technische Museum gehören. Ich benutze ein Boss ME 5 (Delay, Distortion), einen giftgrünen Bodentreter von Line 6 und ein FX 500 von Yamaha. Aber ich hoffe, dass meine Soundpalette vor allem auch aus den Fingern kommt.

Herbert: Entscheidend in deinem Spiel sind Groove und Rhythmus.

Claus: Als ich vor langen Jahren in Süd- und Zentralamerika auf Tour war, hatte dies mein Leben verändert. Ich war angefixt von dieser unglaublichen rhythmischen Intelligenz. Das hatte ein Geheimnis.

Sologitarristen sind ja sehr anfällig, Groove etwas zu vernachlässigen. Das finde ich inakzeptabel. Ich fordere von jeder Musik, dass sie groovt. Ich war gerade jetzt in Indien auf Tournee und bin aufs Neue sehr angeregt. Wir sind da in unserem Kulturkreis, was Rhythmik angeht, nicht gerade toll aufgestellt und können da noch ne Menge abschauen.

Claus Boesser-Ferrari

Herbert: Wie nur wenige Musiker nutzt du die Gitarre als Percussionsinstrument.

Claus: Ich transportiere Percussion-Patterns auf die Gitarre. Das hat nichts mit ausgestelltem Geklopfe zu tun. Ich habe großen Respekt vor diesen Kulturen, aus denen ich diese Muster beziehe und versuche, meine Musik damit anzureichern. Aber ich versuche nicht, kubanisch oder brasilianisch zu spielen. Das wäre vermessen.

Herbert: Akzeptierst du eigentlich den Begriff Fingerstylegitarrist für dich?

Claus: Nein! Der Begriff zeigt das Dilemma der ganzen Szene. Hier wird eine Technik als Musikart bezeichnet. Damit werden Methode und Inhalt gleichgesetzt. Das ist lächerlich. Aber gleichzeitig demaskiert sich diese Szene über den Begriff "Fingerstyle". Der Subtext lautet: Die rechte Hand muss laufen, die linke trifft möglichst viele Terzen. Nochmals: Hier wird auf sportliche Art eine Methode gefeiert – der Inhalt, das Erzählte bleiben oft banal.

Wenn ich Musik höre und sehe, interessiert mich nicht, wie lange dafür geübt wurde. Mit dieser Haltung mache ich mich natürlich zum Nestbeschmutzer der Szene. Aber das halte ich aus. Und ich nehme auch viele wunderbare Gitarristen aus, die diese Technik nicht vor sich hertragen.

Herbert: Und trotzdem hast du, wenn man so sagen darf, dem Fingerstyle neue Türen geöffnet.

Claus: Ich bin für einige der böse Bub, der die Hasenstalltür aufgerissen hat. Aber es gibt 'ne Menge Leute, die sich im Stall wohlfühlen und nicht heraus wollen! Die hassen mich dafür, dass es jetzt ein bisschen zieht. Aber gerade die Gitarre scheint geeignet, einen gewissen sportlichen Fetischismus zu zelebrieren. Das würde aber bedeuten, dass jeder, der fleißig übt, ein guter Musiker werden könnte.

Claus Boesser-Ferrari

Herbert: Immer wieder brichst du eingefahrene Hörerwartungen auf. Du konfrontierst dein Publikum mit Freier Improvisation, die sich zwischen Free Jazz, Noise und Neuer Musik bewegt. Etwa im Duo mit Hans Reffert oder auch mit Marc Ribot. Das Unerwartete als Programm? Die Lust am Risiko?

Claus: Ich möchte vor allem Gegenwart herstellen. Und das geht nur über Risiko, Nicht-Wissen und Reagieren.

Herbert: Ornette Coleman sprach von "playing without memory"...

Claus: Dem ist nichts hinzuzufügen. Hier kommt natürlich ein infantiler Farbton ins Spiel, ohne den die gesamte Kunst nicht denkbar wäre. Außerdem halte ich eine gewisse "Verwilderung" als Katapult für den künstlerischen Ausdruck für sehr bereichernd.

Herbert: Seit einigen Jahren arbeitest du regelmäßig mit dem New Yorker Marc Ribot.

Claus: Ich habe mich vor 2005 zum ersten Mal mit Marc in John Zorns Studio in Brooklyn getroffen. Wir haben fast nichts geredet und acht Stunden gespielt. Jamie Saft hat aufgenommen. Einiges ist auf "Wandertag" zu hören. Mittlerweile treffen wir uns mit gewisser Regelmäßigkeit. Zuletzt haben wir ein intermediales Projekt mit einem Film des Malers Jochen Schambeck aufgeführt. Es ist ein Privileg, über alles reden zu können, es aber nicht zu müssen. Wir reden nie über das, was wir spielen.

Claus Boesser-Ferrari feat. Marc Ribot - "Wandertag"

Herbert: Was ist das Fordernde am Spiel mit Marc Ribot?

Claus: Ich halte ihn für unbestechlich. Er hat einen klaren Blick auf diese zugemüllte Welt und reflektiert sie kompromisslos in seiner Musik. Ich bin ja nun anfälliger für Kitsch als er. Wenn ich zu nett werde, schüttet er mir etwas Gülle in die Suppe. Wobei "Gülle" allein für mich auch nur die halbe Wahrheit wäre. Also sind wir ein perfektes, weil sich in Unterschieden ergänzendes Paar – laut einer Journalistin von "Jazzthetik".

Herbert: Auf "Wandertag" (Acoustic Music Records) spielt ihr auch einige Stücke von Hanns Eisler. Warum Eisler?

Claus: Eisler hat in seiner Musik die Nähe von Kitsch, Banalität und suggestiver Raffinesse vorgeführt. Und er ist Teil meiner musikalischen Sozialisation – wie Jim Morisson, Bach, Albert Mangelsdorff oder Wencke Myhre.

Herbert: Zusammen mit Marc und dem Maler Jochen Schambeck hast du das Projekt "Oil on troubled water" entwickelt.

Claus: Ja, ich bin immer auf der Suche nach Kollaborationsmöglichkeiten mit anderen Ausdrucksformen. Malerei ist mir genau so wichtig wie Musik. Und ich wusste, dass das mit Marc sehr leicht gehen wird. Jochen hat einen Film zusammengestellt, den ich sehr inspirierend fand. Die Herausforderung war, eben gerade nicht illustrierend, sondern eher eigenständig und als Antithese zu reagieren. Ribot muss man so etwas nicht erklären.

Claus Boesser-Ferrari

Herbert: Abschließend möchte ich noch den Festivalmacher Claus Boesser-Ferrari ansprechen. In Mannheim bist du für "Global Strings" verantwortlich. 2008 waren u.a. Fred Frith und Marc Ducret mit dabei.

Claus: Ja, am 3.4. und 4.4. waren wir mit Ducret + Trio und Frith + Ensemble am Start. Das "Machen" hält sich ansonsten in Grenzen. Das erledigt die Crew der Alten Feuerwache um Egbert Rühl. Aber ich darf das Programm zusammenstellen. Ich finde es klasse, meine "Lieblinge" bei diesem Festival präsentieren zu dürfen.

Etwas besonderes sind unsere speziellen Projekte, die wir für Global Strings schaffen. Wir haben Musik-Lyrik-Performances mit Texten von Gertrude Stein und James Joyce kreiert, wir haben Scotts Südpol-Tagebuch als intermediales Spektakel mit Musik, Geräusch, Sprache und Filmen auf die Bühne gebracht. Und es wird uns noch einiges einfallen.

Herbert Federsel

CD: Claus Boesser-Ferrari - "Treats For The Nightwalker"
(Enja ENJ-9437 2)

Claus Boesser-Ferrari im Internet: www.boesser-ferrari.de

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Pressefotos (Dank an Berliner Festspiele)

Mehr bei Jazzdimensions:
Claus Boesser-Ferrari Unit - "Treats For The Nightwalker" - Review (erschienen: 20.1.2004)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 17.5.2008
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