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Supersilent - "Die ureigene Sprache"

Die Klimaanlage bläst ordentlich im Blå. Dabei ist es in Oslo alles andere als warm in diesen Tagen und auch in dem einst angesagtesten Jazzclub der norwegischen Hauptstadt, der nach einem Besitzerwechsel nun thematisch viel breiter aufgestellt ist, sind die Temperaturen nicht wirklich hoch. Aber irgendwie passt Kühle zu Supersilent, auch wenn ihre Musik keineswegs kalt, aber auch keineswegs immer superleise ist..

Supersilent

Drei Abende hintereinander haben sich Supersilent in ihrer Heimatstadt verordnet. Es gibt schließlich das zehnjährige Bandjubiläum zu feiern. Und natürlich die Veröffentlichung der neuen CD, schlicht mit "8" betitelt. Zuvor gab es die Tonträger "1" bis "6", dann vorletztes Jahr die DVD namens "7". Bei der Durchnummerierung ihrer Platten bleiben sich Supersilent ebenso treu wie bei den schlicht einfarbig und ohne Fotos gestalteten Covern, auf denen nur ein Barcode und die nötigsten Informationen abgedruckt sind.

Drei Nächte hintereinander am selben Spielort aufzutreten ist auch für Supersilent neu und etwas Besonderes. "Das ist für uns ziemlich aufregend. Vor allem, weil wir an zwei Abenden Gäste dabei haben. Da musst du wirklich ganz fokussiert bleiben, weil du jeden Abend ein verschiedenes Element hast. Eine großartige Erfahrung", meint Keyboarder Ståle Storløkken. Und der Mann hat Recht, wie sich herausstellen wird.

Denn nachdem Supersilent den dreitägigen Konzertreigen im Quartett bestreiten und dabei schon magische Momente, aber auch einige wenige Längen produzieren, gesellt sich am zweiten Abend Trompeter Nils Petter Molvær zur Band hinzu. Geplant war ursprünglich auch noch Terje Rypdal, der einzige Musiker, der zu Supersilent zuvor schon mal als Gast gestoßen ist, doch der Gitarrist hat derzeit massive gesundheitliche Probleme. So war es Molvær alleine vorbehalten, in diesen so eigensinnigen Musikkosmos von Supersilent einzudringen, in diese unvorhersehbare Mischung aus ganz leisen, fast schon zerbrechlichen Momenten und den dann immer wieder folgenden, noisigen und krach-rockenden Ausbrüchen.

Supersilent

Das fiel Molvær spürbar nicht immer leicht. Und das ist es zugegebenermaßen auch nicht, auch wenn das Duo Bent Sæther und Hans Magnus Ryan alias Motorpsycho das am letzten Abend wesentlich organischer wirken ließen. Supersilent haben sich in den zehn Bandjahren eine unglaubliche Dichte untereinander aufgebaut, eine Musiksprache entwickelt, die es für Gäste nicht gerade einfach macht zu verstehen. Zumal, wie jetzt in Oslo zu erleben, die Band ihren Stiefel spielt und der Gast schauen muss, irgendwie seinen Zugang dazu zu finden.

Auch wenn alle vier Bandmitglieder vielseitig aktiv sind, ist ihnen Supersilent sehr wichtig. "Für mich ist diese Band mein musikalisches Zuhause. Wir arbeiten jetzt zehn Jahre gemeinsam und einige von uns machen bereits seit zwanzig Jahren zusammen Musik", bestätigt Ståle Storløkken. Auch Mastermind und Chefelektroniker Helge Sten, der zudem die Supersilent-Platten mixt und produziert, empfindet die Band als das wichtigste Projekt seines Tuns.

Bei solchen Statements ist es verwunderlich, dass über die zu erschaffende Musik nicht gesprochen wird. Man trifft sich nicht einmal zum Proben. Es werden die Konzerte gespielt und die CDs aufgenommen. Basta, aus. "Als wir in den späten 80ern noch ohne Helge Musik gemacht haben, ja, da haben wir noch geprobt", gibt Schlagzeuger Jarle Vespestad zu.

"Dann aber nicht mehr. Wir haben es einfach auf einen Level gebraucht, wo wir nicht mehr so hart daran arbeiten, unser Ding hinzubekommen. Das ist aber ein sehr strikter Prozess. Es wäre unmöglich für mich, das mit drei anderen Jungs zu machen. Es gibt zwar diese Typen, die sich spontan zur Improvisations-Sessions treffen, aber das ist für mich ein anderes Genre. Wir haben unser eigenes." Und Helge Sten fügt hinzu: "Diese ganzen Jahre über haben wir uns eine Sprache kreiert. Und darum brauchen wir auch nicht mehr zu üben. Ich meine, wenn du eine Sprache kannst, musst du sie nicht mehr üben, du sprichst sie einfach."

Supersilent

Und diese Sprache ist eine faszinierende. Vom psychedelisch entspannten, lang gedehnten Moment geht es hinein ins Chaos, das von langsam anschwellenden Elektronikklängen und stolpernden Schlagzeugbeats eingeleitet wird. Und dann bricht sie los, die ungestüme und laute Attitüde, die Schallwellen aus mitreißenden Improvisationen, die trotzdem nie aus dem Ruder zu laufen scheinen.

Die Sprache, die eigene, die hält den Laden eben zusammen. Auch CD-Aufnahmen funktionieren so. Es wird miteinander gesprochen und Helge Sten mixt aus den musikalischen Plaudereien unter der Begutachtung seiner Kollegen das finale Produkt zusammen. Das mit den schlichten CD-Covern sei übrigens eine praktische Lösung, findet Helge Sten. "Wir nehmen immer Stunden von Musik auf und dann wählen wir Teile daraus aus. Und wir haben so keine verbindende philosophische Klammer. Wenn du jeden von uns fragen würdest, was die jeweilige Musik denn aussagt, würdest du sicher alles verschiedene Antworten bekommen. Also wäre eine Betitelung unserer Stücke nur dumm und irreführend." Findet auch Jarle Vespestad und meint: "Wir geben eben nur die nötigen Informationen an, um die Platten zu einem legalen Produkt zu machen."

Supersilent haben das Glück, mit rune grammofon, das übrigens Anfang nächsten Jahres sein zehnjähriges Bestehen als unabhängiges und kreatives Plattenlabel feiern kann, eine Plattform zu haben, die ihnen als übrigens allererste Veröffentlichung des Labels alle Freiheiten lässt.

Supersilent - "8"

Seit etwa zwei Jahren spielt Arve Henriksen, das einzige Bandmitglied, das nicht beim Interview dabei ist, sondern sich stattdessen im Konzertsaal auf der Bühne tummelt und alles für den letzten der drei Abende im Blå vorbereitet, vermehrt Schlagzeug. Der Mann, der seine Trompete sonst so mannigfaltig tönen lässt und seinem Instrument ungewohnte Klänge zu entlocken weiß, der in brodelnden Passagen auch vokale Schreie ausstößt, dieser Arve Henriksen trommelt jetzt immer mehr - im Verbund mit Jarle Vespestad.

Und das bekommt der Musik von Supersilent trotz oder vielleicht gerade wegen der Unperfektheit seines Schlagzeugspiels ziemlich gut. "Mir hilft das sehr viel", gesteht der etatmäßige Drummer Jarle Vespestad. "Es gibt mir Freiheiten und danach habe ich immer gesucht, ohne es wirklich zu wissen. Er ist mein Loop, den ich immer wollte. Ich habe ihm die rudimentären Dinge des Schlagzeugspiels gezeigt und es ist für mich sehr interessant, ihn zu hören. Er ist, was er ist, und er weiß über Musik, was er weiß. Auch wenn er das Schlagzeugspielen nicht wirklich beherrscht, ist es doch sein Weg, Musik zu machen. Arve hat im Laufe der Jahre viele Instrumente gespielt, die er nicht wirklich spielen konnte. Er probiert einfach, etwas Sinnvolles zu gestalten."

Supersilent

So eine Attitüde passt prima zu einer Band, die nicht probt und ihre Musik nicht bespricht. Bei soviel angeblicher Einsilbigkeit verwundert Supersilent beim Gespräch als ausgesprochen auskunftsfreudige Truppe, die auf Nachfrage sogar schon über die Zukunft der Band philosophiert. "Wir werden nichts an unserer Musik ändern", bekräftigt Jarle Vespestad, "denn wir haben das Gefühl, dass sie noch immer frisch klingt." Die drei Abende im Blå waren dafür schon einmal ein prima Beweis.

Christoph Giese

Supersilent im Internet: www.supersilence.net

Cargo Records im Internet: www.cargo-records.de

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Supersilent - "Die Mutation der Stille" - Interview (erschienen: 5. 6. 2003)

© jazzdimensions 2007
erschienen: 1.11.2007
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