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SAP Big Band - "2007 ist das Jahr des Funk!"

Kontinuität ist für ein solches Projekt Trumpf: Seit dem Jahr 2000 hat die SAP BIG BAND in dem Mannheimer Trompeter, Musiker und Komponisten Thomas Siffling einen festen musikalischen Leiter. In anderer Weise wiederum versucht man sich stets an Neuland – jedes Jahr schlägt die Band eine neue musikalische Richtung ein. So wird das Jahr 2007 im Zeichen von Filmmusik und 70er-Jahre-Funk stehen: James-Brown-Nummern sind ebenso angedacht wie Songs aus dem Leinwandklassiker "Shaft", kurz: ein groove-orientiertes Programm.

SAP Big Band

Immer zum Jahresende präsentiert die Band das Ergebnis ihrer Arbeit auch ihren Kollegen von SAP beim jährlichen Mitarbeiterkonzert. Obwohl die Band inzwischen häufig auf Konzerten und Festivals zu hören ist, sieht man sich, wie auch die Musiker selbst betonen, noch immer als Amateurband. Jegliches Engagement für die Musik fällt also in den Freizeitbereich, wobei man sich der SAP als Firma selbstverständlich durchaus verpflichtet fühlt. Sicherlich zum gegenseitigem Nutzen: die, trotz Amateurstatus, nach außen getragene Professionalität der SAP BIG BAND sorgt für ein gutes Image.

Carina Prange sprach in Mannheim mit Dr. Ralf Hübel (tp), Hendrik Achenbach (tp) und Harald Spreng (ts) stellvertretend für die SAP BIG BAND.

Carina: Gleich eine provokante Frage am Anfang - wie sieht es denn mit der Disziplin innerhalb dieses großen musikalischen Apparates aus?

Hendrik Achenbach: Da sind wir gleich bei einer der Kernfragen! Disziplin heißt ja auch einfache Dinge, wie beispielsweise Probenbeginn mittwochs um sieben. Es ist nicht jeden Mittwoch so, dass alle Punkt 19 Uhr dastehen und das Instrument fertig haben. Das mag in einer Amateur-Bigband anders sein, als in einer Profiband. Es ist eben kein berufliches Meeting, sondern ein Feierabendtermin. Disziplin ist, denke ich, bei uns in der Band ein Dauerthema. Das verläuft in einer Wellenbewegung. Da hat Thomas Siffling es gut drauf, im richtigen Ton die richtigen Worte zu sagen. Dann wird es mal wieder besser - und irgendwann lässt es wieder nach.

Abgesehen von der Pünktlichkeit verlaufen die Proben aber recht diszipliniert, ohne jedoch besonders streng zu sein. Das liegt auch daran, wie Thomas das macht. Wenn einer von den Sätzen, seien es die Saxophone, Posaunen oder Trompeten, eine Stelle völlig versiebt, dann sagt er: "Männer, das war phantastisch! Kann ich das noch mal hören?" … in seinem üblichen Stil halt. Er lässt halt nicht den Oberlehrer raushängen und so ergibt sich die notwendige Disziplin von selbst.

SAP Big Band

Carina: Ralf, du bist Gründungsmitglied. Wie kam es 1996 überhaupt dazu, dass die SAP BIG BAND aus der Taufe gehoben wurde?

Dr. Ralf Hübel: Nun, ich habe eine Bigband gesucht. Und offensichtlich gab es auch andere, die das Gleiche getan haben. Wir hatten damals ein internes Mailsystem mit einem Bereich, der als schwarzes Brett fungierte. Und dort hatte Edda Seitz, die bis heute nach wie vor dabei ist und damals, das war 1996, gerade angefangen hatte bei der SAP, eine Mail gepostet: "Ich suche eine Bigband, gibt es hier eine Bigband?". Und da kamen gleich mehrere Antworten.

Also haben wir beschlossen, o.k., treffen wir uns nächste Woche in der Kantine und reden darüber. Relativ kurz entschlossen waren gleich zehn, fünfzehn Leute da. Tja, und dann ging es los. Ein großer Teil der Leute, die damals dabei waren, ist auch heute noch in der Band. Das hat natürlich auch mit der beruflichen Stabilität zu tun, dass die Leute in der Firma geblieben sind – und das ist wirklich beachtlich. Es gab danach eine Einschwingphase von etwa einem Jahr bis eine gute Besetzung da war.

Harald Spreng: Was mir auffiel, als Externer, ist, dass es bei SAP unheimlich viele Musiker gibt. Zu mir hat mal einer gesagt, es seien inzwischen so viele Musiker, dass man mittlerweile eine zweite Bigband gründen könnte. Die sind wirklich sehr musikalisch, die SAP-Mitarbeiter!

Dr. R. Hübel: Da kann ich mal einfügen, dass es neben uns bei der SAP noch andere musikalische Gruppierungen gibt. Es existiert sogar ein solches Portfolio an Orchestern, dass man bei einer Aufzählung immer jemanden vergisst. Unsere Bigband erhält ständig Anfragen, aber wir können ja nicht beliebig viele Leute aufnehmen. Als Band hat man ein natürliches Limit nach oben, was die Zahl der Leute betrifft. Eine Regel aber, dass man nicht mitspielen könnte, wenn man nicht bei der SAP ist, so eine Regel gab es nie und wird es auch nie geben!

SAP Big Band

Carina: Wer war vor Thomas Siffling künstlerischer Leiter? Habt ihr das alles selbst gemacht?

Dr. R. Hübel: Martin Waibel (Bassposaune), auch Gründungsmitglied und heute noch dabei, hat am Anfang die musikalische Lead übernommen.

H. Achenbach: Vier Jahre lang.

Dr. R. Hübel: Martin spielt auch in diversen Gruppierungen mit, etwa in Wiesloch im Stadtorchester. Er hatte sich in Richtung Bigband orientiert und Workshops bei Peter Herbolzheimer gemacht, sich in die Richtung weitergebildet.

Carina: Und wie kamt ihr schließlich auf Thomas Siffling?

H. Spreng: Michael Gössler, unser damaliger Lead-Altsaxophonist, schlug ihn vor. Er würde gut zur Band passen und uns nochmal einen Schub nach vorne bringen. Und dann hat er ihn angesprochen, ob er bei uns vorstellig werden könnte. Wir haben auch den Posaunisten Paul Schütt in die engere Wahl gezogen – und jeder hat eine Probestunde abgehalten.

H. Achenbach: Dazu gehört die Vorgeschichte, dass es eine Umfrage in der Band gab, wohin wir uns entwickeln wollen, was geändert werden soll. Einer der Punkte, die sich herauskristallisierten, war der Wunsch, sich in musikalischer Hinsicht etwas mehr zu professionalisieren. Dass man etwa lernt, wie ein Swingstück stilecht klingt und ein Latinstück wie Latin. Wir merkten schnell, dass man dahin nur kommen kann, wenn uns ein Profimusiker unterstützt. Darauf folgte dieser Auswahlprozess, den Harald geschildert hat.

H. Spreng: Für uns war gar nicht klar, dass man ein vorgegebenes Stück einfach aufbrechen kann, auch teilweise einfach umgestalten. Plötzlich dauerte ein Stück nicht zwei oder drei Minuten, es war – je nachdem, wie viele Solisten da waren – sechs oder sieben Minuten lang. Das war der Input von Thomas, der sagte: "Wir machen das Stück offen, nehmen hier einen anderen Solisten, lassen hier was weg und springen dann da rein …" Wollte einer ein Solo spielen, konnte er es einfach. Es ist Thomas' Devise, dass jeder spielen soll!

Dr. R. Hübel: Der ganze Soloaspekt war vorher gar nicht so herausgearbeitet, das gab es gar nicht! Was ja die Bigband ausmacht, das präzise Spiel im Satz, ist das eine, die Improvisationen das andere. Dieses ganze Improvisationselement war vorher nur rudimentär vorhanden.

SAP Big Band

Carina: Wie versucht Thomas Siffling euch denn musikalisch zu fordern?

H. Spreng: Einfach selbst mal zu spielen war für viele neu. Ich habe vorher noch nie soliert, Ralf und Hendrik auch nicht. Wir haben dann einfach mal über einen Blues improvisiert. Thomas sagte: "Spiel die und die Töne. Jetzt fängst du an zu spielen und hörst wie das klingt." Das war plötzlich Jazz! Improvisierter Jazz. Das war ein Aha-Effekt.

Dr. R. Hübel: Thomas wird da auch nicht müde, jeden zu fordern! Harald, dir nimmt er immer die Noten weg. Du schreibst immer noch gerne alles hin. Und es muss jeder mal ran! Ich habe mich bis jetzt noch erfolgreich drücken können, aber irgendwann ist das auch mal vorbei. Und er ermutigt jeden, wirklich zu spielen, wobei jeder selbstverständlich auf einem anderen spieltechnischen Level ist. Das Schöne ist ja, dass man sich in einem stetigen Lernprozess befindet. Thomas bringt immer wieder neue Sachen ein, auch er macht ja immer andere Musik und entwickelt sich weiter.

H. Achenbach: Er ist da auch erstaunlich risikofreudig, muss ich sagen… (alle lachen) Wir hatten letztes Jahr einen Gig in Tübingen und ich hatte länger kein Solo gespielt. Und in der Generalprobe hatte ich mich doch in einem Anfall von Wahnsinn für drei Soli freiwillig gemeldet! In der Generalprobe habe ich die auch gemacht und es war irgendwie o.k. – Aber ich war immer noch unsicher. Weil, bei einem Gig davor war es auch schon mal daneben gegangen. Passiert ja auch, dass ein Solo mal nicht so toll ist!

Also habe ich Thomas in Tübingen, kurz bevor es losging, angesprochen: "Hör mal zu, angenommen, ein Solo geht in der Generalprobe völlig in die Hose – du lässt einen trotzdem nach vorne gehen und das spielen?" Er hat entgegnet, ja, selbstverständlich! Er selbst habe sich in seinem Leben so oft für seine Soli geschämt, das sei die beste Schule für uns! (lacht)

Und da war ich natürlich super drauf, dann da solo zu spielen. Es war durchaus ein Rahmen, wo es nicht angebracht war, richtig schlecht zu spielen. Aber Thomas ist da so selbstbewusst, dass er das Risiko eingeht. Das schlägt dann auch wieder auf einen zurück, dass man wirklich da vorne hingeht und es macht. Er verunsichert einen nie.

Dr. R. Hübel: Für uns ist ein sehr wichtiger Aspekt in der Zusammenarbeit mit Thomas, dass wir an das Know how rankommen. Also, ich war vorher tatsächlich vollkommener Jazzlaie! Jetzt kann man sich Informationen holen, kommt mit der Mannheimer Jazzszene in Berührung. Ich sage relativ schnell einen Gig zu, wenn er für uns interessant ist. Ist dann jemand nicht da, holen wir uns Ersatz. Ganz einfach, es wird gespielt. Punkt. Es wird geliefert, das ist die Devise!

Carina: Zu eurem letzten Album: Wer hatte die Idee mit dem Boxring, dem Titel, dem Vergleich zwischen Boxkämpfern und Musikern?

H. Achenbach: Traditionell kommt das aus der Rhythmusgruppe. Die haben gewissermaßen das Patent darauf. Sobald die CD langsam Form annimmt, tun die sich zusammen und kaspern irgendwas aus. Dann kommt irgendwann zwar ein Vorschlag, der im größeren Kreis nochmal diskutiert wird, aber die Initiative kommt von dort. Unser Pianist ist gleichzeitig unser Layouter und Grafiker, hat also das Booklet gestaltet.

Dr. R. Hübel: Die Bigband bestand zehn Jahre und das Album sollte eines mit Count-Basie-Nummern sein. So kam irgendwie "Count To Ten" auf. Und daher das Boxen, so ist die Idee entstanden. Ich glaube, Frank, der Pianist, war letztendlich Ideengeber. Passende Fotos zu finden war nicht so einfach. Das Coverbild mussten wir dazukaufen, es ist ja ein Profi-Foto. Jens, unser Gitarrist, schrieb die Linernotes. Es ist immer wieder schön, dass wir in der Band sehr viele Leute mit sehr vielen Talenten haben. Deswegen funktioniert die Band auch so gut!

SAP Big Band - " Count to Ten"

Carina: Habt ihr bei Auftritten Lampenfieber? Denn so oft tretet ihr ja auch nicht auf!

H. Spreng: Eigentlich schon.

H. Achenbach: Ja, ich auch!

Dr. R. Hübel: Also, ich mittlerweile nicht mehr. Ich muss ja auch kein Solo spielen!

H. Achenbach: Siehste!!

Dr. R. Hübel: Ich habe ja viel mit der Organisation zu tun, Hendrik auch. Und ich schreibe mir die Finger wund mit Mails. Und dann reicht mir das, dann bin ich froh, wenn alle da sind und alles geklappt hat mit der Orga. Daher ziehe ich mich gerne in den Satz zurück. Aber ich werde mal versuchen, 2007 solistisch wieder voranzukommen.

H. Achenbach: Wenn das im Druck erschienen ist, werden wir es an die Wand hängen!

Dr. R. Hübel: Ich will versuchen, eventuell…

H. Achenbach: Ich erinnere dich daran. (lacht)

H. Spreng: Bei manchem Auftritt merke ich, ehrlich gesagt, schon noch die Anspannung bei mir.

H. Achenbach: Ich glaube, dass es so ist wie du sagst. Wenn man selber ein Solo vor sich hat, ist die Anspannung deutlich erhöht. Wenn ich weiß, im zweiten Set muss ich solo spielen, bin ich bis dahin einfach angespannt. Und spiele auch vorsichtiger und spare mir die Kraft – weil ich halt ein Amateur bin. Und weiß, ich muss mit den Kräften haushalten. Wenn das Solostück vorbei ist, kann ich noch ein bisschen mehr Gas geben. Habe ich kein Solo, wie beim letzten Mitarbeiterkonzert im November, bin ich relativ cool, muss ich sagen.

H. Spreng: Es ist halt schon so, wenn du im Satz bist und bist nicht Lead-Altist oder Lead-Trompeter, dass du dich immer an die erste Stimme dranhängst.

Dr. R. Hübel: Ja, moment! Ich bin schon konzentriert und absolut ernsthaft hundertprozentig bei der Sache. Aber ich bin nicht nervös in dem Moment.

H. Achenbach: Die Frage war aber die nach Lampenfieber…

Dr. R. Hübel: Nee, mittlerweile… Wir haben ja beim ZDF gespielt und im Radio…

H. Spreng: Aber Lampenfieber und Anspannung sind immer noch da…

H. Achenbach: Im positiven Sinne!

Dr. R. Hübel: Mein Blutdruck ist vorher viel höher. Einfach weil ich immer denke, was kann jetzt noch schiefgehen. Ab dem Moment, wo wir auf der Bühne stehen, kann ich ja nichts mehr machen, von der Organisation her. Das erklärt das bei mir, dass ich da meistens schon…

H. Achenbach: … du hast die Aufregung schon hinter dir!

Dr. R. Hübel: Ich habe meine vierhundert Mails geschrieben für das Jahreskonzert. Alles ist da, Bier ist kalt … so ungefähr. Deswegen bin ich dann ein bisschen relaxter. Oder wenn ich meine Ansprache gehalten habe, das hat dann für mich in dem Moment einen anderen Fokus.

SAP Big Band

Carina: Da passt jetzt eine Frage zur Organisation der Bigband: Ralf Hübel ist Erster Vorstand, Torsten Heckert Zweiter Vorstand, Hendrik Achenbach der Schriftführer und Jürgen Hagmann der Kassenwart. Das hört sich doch eher nach einem Verein an?

Dr. R. Hübel: Wir sind eine Band. Aber was das organisatorische Rückgrat betrifft, da sind wir in Walldorf als Verein eingetragen. Und haben damit auch einen Vorstand. Und das ist auch gut so, dass es dann immer Leute gibt, die sich verpflichtet fühlen – und verpflichtet sind –, die Amtsgeschäfte wahrzunehmen. Es muss sich jemand darum kümmern, dass es eine Außendarstellung gibt. Dass Gigs rankommen, dass die Proben organisiert werden, dass die Sachen vorangetrieben werden… Ideen bringt jeder ein. Aber Ideen umzusetzen kostet mehr Aufwand als eine Idee einfach nur an die Tafel zu schreiben. Das merkt man immer wieder!

H. Achenbach: Das ist halt, weil es eine Freizeitgeschichte ist. Feierabendarbeit. Ich setze mich oft nachts noch hin und schicke ein paar Mails an die Band raus. Von Ralf bekomme ich dann meist direkt eine Antwort, weil er noch bei sich zuhause sitzt und für die Band aktiv ist. Der Zeitaufwand ist schon nicht zu unterschätzen!

Dr. R. Hübel: Was man nicht vergessen darf, ist, dass wir nicht nur gute Musik machen wollen, sondern natürlich auch die SAP nach außen vertreten. Wir tragen den Namen, wir dürfen ihn tragen und das bedeutet auch eine Verpflichtung, Professionalität abzuliefern. Natürlich mit den gegebenen Randbedingungen. - Eine tolle Sache ist, dass wir mit August-Wilhelm Scheer und Werner Seifert schon zusammen Konzerte gespielt und CDs aufgenommen haben. Da gibt es jetzt schon eine langjährige Beziehung zu den beiden. Das macht immer wieder Spaß und es ist eine sehr schöne Bereicherung unserer musikalischen Arbeit!

Carina Prange

CD: SAP Big Band - "Count To Ten" (Rodenstein Records Rod30)

SAP Big Band im Internet: www.sap-bigband.de

Rodenstein Records im Internet: www.rodensteinrecords.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2007
erschienen: 5.10.2007
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