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Mark Murphy - "Breathe right, and you´ll sing tight!"

Den Jazzsänger Mark Murphy als "lebende Legende" zu bezeichnen, trifft den Kern der Sache, auch wenn Murphy selbst bei dieser Formulierung geringfügig zurückschreckt. Dabei wäre weniger Bescheidenheit in seinem Falle durchaus angebracht: Der heute 73-jährige hat eine bewegte musikalische Karriere hinter sich und ist der wohl bekannteste – viele sagen, der wichtigste – männliche Vertreter weißer Hautfarbe im Jazz-Vocal-Bereich.

Mark Murphy

Zudem ist er, im hohen Alter, mit seiner letzten CD "Once to every heart" beim Major Universal gelandet und zeigt sich auch auf dem aktuellen Nachfolgealbum "Love Is What Stays" gesangstechnisch auf der Höhe seines Könnens.

Als treibende Kraft und Produzent hinter beiden Alben fungiert der deutsche Trompeter Till Brönner, der auch selbst mitwirkt: Brönner und Murphy umkreisen einander mit intensiven Call-and-Response-Dialogen zwischen Trompete und Stimme. Mark Murphy war von Anfang an dabei; er ist einer der letzten Vertreter jener Garde begnadeter Sänger, die, was Wissen um die Geschichte des Jazz, als auch eigene Lebenserfahrung betrifft, quasi als wandelndes Lexikon gelten könnten…

Carina Prange sprach in Berlin mit Mark Murphy

Carina: Mark, wenn es um die Beschreibung deines Stimmpotentials geht, bezieht man sich gerne auf deine großartige Intonation, deinen großen Tonumfang und dein unglaubliches Rhythmusgefühl…

Mark: Also, um ehrlich zu sein, ich war nicht immer so gut wie gerade zurzeit! Ich habe zwischendurch sogar wegen Stimmproblemen pausiert – in den Sechzigern habe ich in der Öffentlichkeit praktisch gar nicht mehr gesungen: wegen des Zigarettenrauchs. Nicht, weil ich selbst geraucht hätte, sondern das Qualmen der Leute in den Clubs wurde mir zuviel! Erst in den Siebzigern habe ich dann wieder, ab und zu, gesungen – wenn auch nicht regelmäßig. Mir fiel aber auf, dass immer, wenn ich zwischendurch in den USA war [Mark Murphy lebte in jener Zeit in London, d. Red.], meine Stimme wiederkam.

Es stellte sich heraus, dass es mehr dahinter steckte als nur der Zigarettenrauch – ich litt de facto an Austrockung! Ein alter, deutschstämmiger Arzt – er war bereits weit über die Neunzig – sah mir in den Hals und sagte schlicht und einfach: "Herr Murphy, Sie sind sozusagen am Verdursten!" Er verschrieb mir ein Präparat namens "Musenex" – so heißt das Medikament heute; damals gab es das nur auf Rezept. Und dies und noch ein weiteres Mittel, auf das ich in England gestoßen bin, brachten meine Stimme zurück.

Mark Murphy

Carina: Wie ist es möglich, ein solches Talent über so viele Jahre nicht nur zu erhalten sondern auch als reifer Künstler zu kultivieren? Du hast ja auch selbst Gesang unterrichtet…

Mark: Es stimmt, momentan sehe ich mich, was den Gesang betrifft, in Höchstform – besser als je zuvor. Wieso, darüber bin ich mir gar nicht so sehr im klaren, aber jedenfalls, ich war nie glücklicher, als in meinem augenblicklichen Seelenzustand. Nicht, dass es mir finanziell gerade besser ginge… – Unterrichtet habe ich früher sehr viel, darunter zehn Jahre lang immer wieder in Österreich: in Graz.

Wenn ich so zurückblicke, das war eine seltsame Zeit … es kam mir vor, als saugten die Schüler meine ganze Energie auf – für mich selbst blieb nichts übrig! Den anderen Lehrern schien das weniger auszumachen. Als Konsequenz habe ich aber schließlich aufgehört, dort zu unterrichten.

Zurück in New York … hey, eigentlich hatte ich mir ausgemalt, hier und da entspannt zu dozieren, tolle Sänger aufzuspüren… – aber da war nichts! Gut, gelegentlich gab ich ein paar anregende Stunden. Aber auf sonderliches Interesse stieß ich nicht. Wegen der vielen Jazz-Schulen dort, dachte ich, müssten da doch haufenweise Musiker sein!? Warum keiner zu mir wollte, weiß ich nicht. Am Ende habe ich beschlossen, es bleiben zu lassen.

Ich glaube, der eigenen Arbeit wieder mehr Energie zu widmen, hat mir auch die folgenden Jahre meine Kraft und Vitalität erhalten. Und das einzig Gute am Unterrichten ist ja, dass es mich selbst immer wieder an die weisen Worte erinnert, die ich den Schülern mitgebe: die Stimme nicht so quetschen, aus dem Bauch heraus singen, beispielsweise…

Das, glaube ich, sind ein paar Gründe dafür, warum´s mir heute gesangstechnisch so gut geht. Als wir mit den Aufnahmen zur CD begonnen haben, war ich vergleichsweise nicht so in Form. Du kannst hier und da hören, wo ich einen angesteuerten hohen Ton nicht packe, merke … oops, geht nicht! … und umgehend eine Oktave nach unten springe. Einige dieser gelungenen, cool klingenden Improvisationen waren solche Glücksfälle; eigentlich spontane Notbehelfe! (lacht) Oh, jetzt hab ich wohl was ausgeplaudert…

Mark Murphy

Carina: Ein Musiker zu sein, insbesondere ein Jazzsänger – beinhaltet das eine bestimmte Lebensweise, vielleicht sogar eine spezielle Sicht auf das Leben?

Mark: Na sicher doch: Der Jazzgesang ist schließlich die wohl unpopulärste Art von Gesangsarbeit überhaupt! (lacht) Weil er, ich muss das mal so sagen, nicht das dumpfe Volk anspricht – sondern, wie der Jazz im Allgemeinen, eher die Intelligenzia. Von diesem, ohnehin kleinen, Publikum steht wiederum ein noch kleinerer Teil auch auf Jazzgesang.

In dem Licht betrachtet, kann ich sehr, sehr froh sein, dass Till Brönner angefangen hat, sich für mich zu interessieren. Es war jedesmal ein tolles Gefühl, wenn ich in sein Studio kam; alle haben mich wie einen König behandelt! Man kann sich gar nicht vorstellen, wie entspannend das wirkt … von daher war ich mental während der Aufnahmen zum Album in Bestform, wenn auch nicht stimmlich gesehen.

Mark Murphy - "Love Is What Stays"

Carina: Hast du nicht vom Gesang her auch einen neuen Ansatz verfolgt?

Mark: Ich singe hier und da ein bisschen anders als sonst. Wenn es der Sache dient, dann mache ich das halt. Einiges, was da zu hören ist, habe ich dem Gesang der [Marlene] Dietrich oder auch bei Hildegard Knef abgelauscht. Mein Prinzip ist, nimm was du hast und dann füge etwas Neues hinzu. Das ist es auch, was ich meinen Schülern predige, wenn mich denn einer fragt: Lass uns mal dem, was du jetzt tust, ein paar Dinge hinzufügen!

Also … einige Gesangspädagogen wollen ja immer erstmal alles (schlägt auf den Tisch) einreißen, was den Schüler ausmacht! Das ist mir zu dramatisch, sowas will ich nicht. Ich möchte lieber die vorhandenen Fähigkeiten des Schülers um neue Aspekte erweitern. Seinen … ja, seinen Horizont, seine Vorstellungskraft erweitern.

Carina: "Once to every Heart" ist ja eine Kooperation zwischen dir, Till Brönner und einer Band von "Young Lions". Inwieweit fühlst du dich mit Brönner verbunden – seid ihr Brüder im Geiste, was die Herangehensweise an Musik und musikalische Vorlieben betrifft?

Mark: Ja, auf gewisse Weise ist das genau so - man kann hören, wie gut wir aufeinander eingestimmt sind, was wir für einen reichen musikalischen Dialog führen. Till hat ja diesen speziellen, fantastisch weichen Sound auf der Trompete. Und auch wenn er mal lauter wird, sitzt das so dermaßen exakt auf dem Ton, dass wir im Zusammenklang Obertöne erhalten.

Echt, eine solche Nähe zwischen Sänger und Instrumentalist habe ich seit John Coltrane und Johnny Hartman nicht mehr gehört! Und die zwei, das war wirklich eine Art göttlicher Fügung … Ich hoffe, wir machen ähnlich Eindruck!

Mark Murphy

Carina: Derzeit stehen viele Jazzsänger – sowohl weibliche als auch männliche – im Rampenlicht. Was denkst du über dieses Revival des Jazzgesangs? Es geht ja einher mit der Tatsache, dass die meisten dieser Künstler wie Popmusiker vermarktet werden …

Mark: Für mich ist das erstmal eine feine Sache, weil ich in vielen von deren Rezensionen namentlich genannt werde: Mein Name spricht sich rum. Gerade habe ich im April in Australien Coachings gemacht, für zwei Leute und ihre jeweiligen neuen CDs: eine Sängerin namens Nichaud Fitzgibbon aus Melbourne und Greg Meyer, ein Sänger aus Adelaide.

Greg habe ich beigebracht, wie man wirklich "in tune" singt und dabei entspannter phrasiert. Und Nichaud, denke ich, konnte ich ein paar Ideen auf den Weg geben, wie sie von dem Image "noch ´ne Sängerin mit Trio" wegkommt: Das Ding ist ja einfach schon zu Tode geritten! Auf ihr fertiges Album "Deep In The Night" bin ich echt gespannt. Sie hat sich dafür viel Zeit genommen.

Auch Greg ist beinahe soweit – er hat mir die meisten fertigen Stücke schon zukommen lassen. Und sie klingen verdammt gut, wenn man bedenkt, dass er ja noch einiges über Gesangstechnik hatte lernen müssen: Als erstes zeige ich den Schülern immer, wie man richtig atmet – sobald sie anfangen, zu improvisieren, wird es heftig; in dem Moment neigen die meisten dazu, alles, was sie über Gesangstechnik gelernt haben, zu vergessen.

Ich ertappe mich dann immer, wie ich sie anschreie: Atme, verdammt noch mal, atme! (lacht) Einige tun es, andere nicht. Aber ich sag´s dir – es kommt im Leben auf die richtige Atmung an. Was mir das alles hier ermöglicht, ist das Atmen: "Breathe right, and you´ll sing tight!"

Mark Murphy - "Once to Every Heart"

Carina: Wie eng sind denn deiner Meinung nach Jazz- und Bluesgesang wirklich miteinander verbunden?

Mark: Also, ich bin zwar kein Bluessänger, aber ich habe ein Album in Erinnerung an Joe Williams aufgenommen. Mich hatte die Geschichte berührt, wie er gestorben ist: Er hatte noch versucht, nach Hause zu kommen, weil er lieber dort sterben wollte. Aber irgendwie hat er es, vermute ich, nicht geschafft, anzurufen, damit ihn jemand holt. Traurige Geschichte! Ich mochte ihn sehr gern … Williams war das, was man einen "Bluessänger der Stadt" nennt, so wie Ernie Andrews an der Westküste. Er sang nicht im Bajou- oder Outback-Stil, sondern hatte, weil er ein Stadtmensch war, eine sehr klare Aussprache. Man kennt ja seine wundervollen Hits mit Count Basie...

Wenn du Peggy Lee im Vergleich hörst, merkst du, dass auch sie manchmal Blues singt. Aber es ist mehr oder weniger "weißer" Blues, so sagt man wohl. Ich erinnere mich, als ich mein Bluesalbum in Schweden veröffentlichte – übrigens kurz vor Woodstock und bevor die Beatles den Laden übernahmen! – da waren alle noch erstaunt, dass "ein Weißer überhaupt Blues singen" könne. Hab´ ich schon damals nicht verstanden; die Hautfarbe und so weiter gibt doch niemand einen Alleinanspruch auf ein bestimmtes Feeling! Aber so dachte man in der Zeit.

Ich denke, seinen Durchbruch hatte der Blues mit den leiseren Songs – nimm Bessie Smith beispielsweise. Das hat auch mit der Entwicklung der Aufnahmetechnik zu tun, damit änderte sich alles. Anfangs standen alle um einen Trichter herum und schrien hinein. Sobald die Aufnahmetechnik es erlaubte, sanfter zu intonieren, traten andere Gefühle zu Tage. Und der leisere Klagegesang, das "Moaning", löste das laute Geplärre ab: Das war im Grunde der Anfang des Jazzgesang.

Das Faszinierende ist, dass die Instrumentalisten, sagen wir vor dem ersten Weltkrieg, sich an den Sängern orientierten und versuchten, genauso zu klingen. Heutzutage heißt es zum Sänger: Du klingst ja wie ein Horn-Player… Und damit sind wir einmal rum um den Kreis, bis dahin, wo alles anfing!

Von daher, um auf die Ausgangsfrage bezüglich Jazz und Blues zurückzukommen – ja, es gibt eine Verbindung, vielleicht etwas wie eine "kulturelle Form der Osmose" ... Ich glaube allerdings, dass die wenigsten Jazzsänger gleichzeitig auch Bluessänger sind. Am ehesten vielleicht noch Andy Bey

Mark Murphy

Carina: Was mir gerade noch einfällt: du hast immer wieder viel Humor in deine Musik mit eingebracht. Humor, der von Herzen kommt - ist er ein wichtiger Teil deiner Musik und deines Lebens?

Mark: Ja, auf alle Fälle! Machmal lese ich den Leuten einfach kleine Geschichten vor. Ich mache das natürlich eher vor englischsprachigem Publikum, weil das dann besser verstanden wird. Oder manchmal kriege ich auch was in dieser Richtung per E-Mail geschickt, das wirklich zum Kaputtlachen ist. Und das lese ich dann vor. Oder ich finde etwas bei Jack Kerouac.

Ich hab da was ganz Interessantes entdeckt: Die Stadtbibliothek von New York hat einen ganzen Schwung von Kerouacs Original-Notizbüchern gebunkert. Die werden in einem Kämmerchen in einem bestimmten Abteilung eines gewissen Winkels (lacht) … der Bibliothek aufbewahrt. Es ist ein staubdichter Raum, die Bücher sind in Filzfutteralen.

Stell dir vor, du schlägst sie auf … und da sind sie: Jack Kerouacs Bleistift-Notizen in eigener Hand. Das ist emotional total bewegend, das anzuschauen, zu lesen … weil es irgendwie so privat ist, man fühlt sich wie ein Eindringling. Diese Notizbücher habe ich schließlich als Faksimiledruck aufgetrieben.

Und da kam mir die Idee… Ich weiß ja nicht, wie dieser Vertrag mit Universal weitergeht, oder ob Till daran interessiert wäre. Aber vielleicht können wir eines Tages daraus etwas machen: ein neues Abenteuer mit Kerouac… Ja, man könnte es dann wirklich so nennen: "Another Kerouac Adventure". Das hängt von Till ab, was er vor hat … hmm, ja, vielleicht machen wir das wirklich!

Carina Prange

CD: Mark Murphy - "Love is what stays" (Verve/Universal 06025 1714489)

Mark Murphy im Internet: www.markmurphy.com

Verve Music Group im Internet: www.vervemusicgroup.com

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Mark Murphy - "Primärer Jazzsänger seiner Generation" - Interview (erschienen: 27.1.2000)
Mark Murphy - "Lucky to be me" - Review (erschienen: 3.3.2003)
Mark Murphy - "The Latin Porter" - Rreview (erschienen: 16.2.2001)

© jazzdimensions 2007
erschienen: 22.1.2007
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