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Ludovico Einaudi - "Weglassen, um zur Essenz vorzudringen"

Für Ludovico Einaudi ist Musik wie ein guter Wein - und ein guter Wein wie Musik. Der italienische Komponist, der für viele Orchester- und Bühnenwerke verantwortlich zeichnet, spielt selbst das Piano und tritt damit in den Konzertsälen Europas auf.

Ludovico Einaudi

Wichtig ist ihm eine grundsätzliche Einfachheit im Spiel, frei nach dem Motto ‚Weniger ist mehr': "Ich hatte oft den Eindruck, dass die Komplexität, wie man sie in der zeitgenössischen Musik der 60er und 70er Jahre findet, Ideen verschleiert, sie versteckt. Für eine klare Aussage ist sie zu verwoben, zu kompliziert. Dahinter mag die Angst stecken, direkt auf den Punkt zu kommen. Ich persönlich kenne diese Angst nicht. Ich drücke die Dinge auf sehr konkrete Weise aus, sodass sie von jedem verstanden werden können. In meiner Arbeit geht es mir eher darum, Dinge wegzulassen, um zur Essenz von dem zu gelangen, wonach ich suchte."

Einaudis Umgang mit Musik ist durch eine Vielzahl von Einflüssen geprägt. Einige Jahre lang, als auch in Italien der Gitarrenpop im Radio dominierte, spielte er selbst hauptsächlich die Gitarre. Aber immer wieder führte ihn sein Weg zurück zum Piano: "Sobald ich anfing, mich an der Schule mit Musik zu beschäftigen, begann das Klavier wieder mein Hauptinstrument zu werden. Ich hatte auch gar keine Zeit mehr, nebenbei noch Gitarre zu spielen. Das Klavier wurde das Instrument zum Komponieren. - Gerade vor kurzem habe ich, als ich ein paar Gitarrenmelodien für ein Stück benötigte, wieder zur Gitarre gegriffen. Es gibt für mich so etwas wie einen Austausch, eine Liebe zu beiden Instrumenten. Ich meine, dass in meinem Klavierspiel die Erinnerung an Gitarrenmusik hörbar ist. Ich verwende gelegentlich Resonanzen, benutze Arpeggios, die gitarrenähnlich klingen."

Ludovico Einaudi

Hatte Einaudi sich jahrelang allein aufs Komponieren konzentriert, so spielt inzwischen das Klavierspiel, das Auftreten vor Publikum und das Einspielen von Alben mit eigener Musik eine gleichrangige Rolle: "Ich sehe mich heute irgendwo dazwischen, wenn es darum geht, ob ich mich als Komponist oder Musiker definiere. An einem bestimmten Punkt in meinem Leben merkte ich, dass mich das Komponieren allein nicht ausfüllt. Ich wollte selbst auf einer Bühne stehen, das Publikum spüren, unterwegs sein. Ich bin ein Mensch, der, wenn er zulange im Studio verweilt, sich eingesperrt fühlt. Inzwischen habe ich eine gute Balance zwischen Live-Auftritten und der Zurückgezogenheit des Komponierens gefunden." - Gleich im Doppelpack erschienen 2003 bei BMG das Live-Album "La Scala: Concert 03 03 03" und dessen Studiopendant "I Giorni". Für den Nachfolger - Einaudi wechselte nebenbei zu Decca/Universal -, ließ er sich mehr Zeit: "Una Mattina" heisst das im April 2005 veröffentliche Werk.

Ludovico Einaudi - "Divenire"

Stets bezieht sich Einaudi, wenn es um seine Herangehensweise an Musik, aber auch um seine Lebenseinstellung geht, auf seinen Lehrer und Mentor Luciano Berio, der neben Azio Corghi prägend war. "Im Grunde war, was Berio mir vermittelte, ein ganzheitlicher, humanistischer Ansatz," erläutert Einaudi. "Wir haben selbstverständlich viel über Musik geredet, aber das Ganze war mehr eine philosophische Idee denn exakte Wissenschaft. Zu der Zeit, als ich studierte, wurde mir sozusagen eine allgemeine Lehre mit auf den Weg gegeben. Wir sprachen über Themen wie Literatur, oder Kochen und Angeln, es war einfach eine einzigartige Beziehung zwischen Maestro und Schüler. Ich habe phantastische Erinnerungen an diese Zeit. Und Berio gab mir die Möglichkeit, meine ersten Kompositionen mit Ensembles und Orchestern umzusetzen. Und seine Musikstücke waren es, bei denen ich mein Können als Dirigent zuerst erprobt habe."

Ludovico Einaudi

Auch die Liebe zu den unterschiedlichsten Musikrichtungen und Kulturen geht zum Teil auf Berio zurück. "Berio liebte alle Arten von Musik, traditionelle Musik ebenso wie Volksmusik. Wenn meine Herangehensweise auch eine ganz andere ist, so habe ich doch dieses Interesse für andere Kulturen von ihm übernommen. Meine Reisen haben mich später nach Afrika, Armenien, Russland gebracht und ich habe mich dann stets mit traditioneller Musik dieser Länder beschäftigt."

Etwas unerwartet mag bei einem Musiker wie Einaudi, der in der Simplizität eine wichtige Komponente seiner Musik sieht, seine Auseinandersetzung mit dem Werk Karlheinz Stockhausens erscheinen: "Stockhausen, das war für mich ein sehr intellektueller Ansatz, mit Musik umzugehen. Mich hat sein theoretisches Nachdenken über Musik fasziniert. Damals, als ich ihn traf," erinnert sich Einaudi, "begann er gerade mit seiner Arbeit mit dem Zyklus ‚Licht'. Er war mit dieser Idee beschäftigt, wie Musik aus einem formalen Ansatz heraus entwickelt werden könnte - ausgehend von einer Mikroform und diese zur größeren Form hochzurechnen. Damals wollte ich so viele unterschiedliche Ansätze der Musik kennenlernen, wie möglich - Hauptsache, es waren nicht die traditionellen Formen. Stockhausen war, wenn es um den theoretischen Aspekt geht, einer der genialen Köpfe jener Zeit."

Ludovico Einaudi - "The Collection"

Für Einaudi kommt das Piano seiner Wahl eindeutig aus dem Hause Steinway: "Ich spiele vorwiegend deren Instrumente. In Konzerten bevorzuge ich das Concert Grand, Modell D, zuhause, aber auch gern im Studio, das Music Room Grand, Modell B. Prinzipiell bin ich der Ansicht, jener B-Flügel sei das ideale Piano für mich, aber ab und zu spiele ich auf einem so gut klingenden D-Flügel, dass ich versucht bin, meine Meinung zu ändern. Aber in der Regel erscheint mir der D-Flügel zu aggressiv, im Klang des B-Modells finde ich für mich eher die Balance für das, was ich spiele. Wie auch immer, in diesen beiden Steinway-Modellen habe ich meine ideale musikalische Stimme gefunden."

Dabei hat er Präferenzen, was ihm für einen guten Sound wichtig ist: "Wenn ich nicht ein Instrument zur Verfügung habe, das meinen Klangvorstellungen entspricht, leide ich richtig. Gerade für Aufnahmen spielt das eine große Rolle. Die Pianos von Steinway bieten mir eine große Weichheit des Klangs, für mich vergleichbar mit der künstlerischen Präzision von Schwarz-Weiß-Fotografien, die alle erdenklichen Übergänge von Licht bis Schatten aufweisen: Diese hochfeinen Nuancen des Steinway-Klangs, von der ganz sanften, nahezu unhörbaren Tönung über eine unglaubliche breite Skala von Ebenen bis hin zu plastischen, komplizierten Texturen von Noten - alles ist machbar. Ebenso wichtig ist, dass das Instrument sehr präzise im Anschlag ist, wenn es um den melodischen Aspekt geht. Der Sound muss reich und angenehm klingen."

Ludovico Einaudi

Vom Klang zurück zum Wein. Einaudis Familie ist im Besitz von Weingütern in der Umgebung von Piemont. Dolcetto und Barolo heißen die Reben, deren Erzeugnisse auch immer mehr Deutsche vor Ort genießen. Einaudi beschreibt, was einen solchen Tropfen ausmacht - und zieht wiederum eine Parallele zur Musik: "Der Wein ist abhängig von der Region, aus der er kommt, vom Boden, auf dem er angebaut wird. Sein Geschmack," fährt er schmunzelnd fort, "ist ein Ausdruck der Kultur dieser Gegend, er ist wie ein Musikstück für sich. In dem Weinglas befindet sich eine eigene Welt, die Farben, kulturelle Aspekte, Arbeit und Seele dieser Menschen wiedergibt, die den Wein angebaut haben. Wenn du das alles hören, fühlen, schmecken kannst, wenn du diese Welt, die sich in deinem Weinglas befindet, erspüren kannst, dann ist es ein guter Wein. Das ist wie bei guter Musik."

Carina Prange

CD: Ludovico Einaudi - "Una Mattina" (Decca 475 629-2 / Universal)

CD: Ludovico Einaudi - "The Collection" Ricordi (Sony BMG)

Ludovico Einaudi im Internet: www.ludovicoeinaudi.com

Mehr bei Jazzdimensions:
Ludovico Einaudi - "Divenire" - Review (erschienen: 27.2.2007)
Ludovico Einaudi - "LaScala: Concert 03 03 03" - Review (erschienen: 2.6.2004)

© jazzdimensions 2007
erschienen: 12.7.2007
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