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Jörg Seidel - "Nomen ist nicht immer Omen"

Seit mehr als drei Jahren präsentiert Jörg Seidel sein "Jörg Seidel Swing Trio" mit dem Programm "The Music of Nat King Cole" und wandelt damit auf den Spuren eines der bedeutendsten Swing-Trios der Jazzgeschichte. In der klassischen schlagzeuglosen Triobesetzung mit Gitarre, Piano und Kontrabaß interpretieren Jörg Seidel und seine kongenialen Kollegen, Joe Dinkelbach (p) und Gerold Donker (b), die swingenden Hits des Vorbild-Trios.

Jörg Seidel

Wenn einer zeitgleich zwei Alben auf den Markt bringt, wird man schon mal aufmerksam. Wenn dieser Musiker dann fast noch um die Ecke wohnt, was im Norden der Republik ja nicht gerade eine Selbstverständlichkeit ist, dann greift man einfach mal zum Telefon und plaudert ein bisschen. Wenn der Musiker einem dann noch ganz neue Dinge offenbart, dann wird man neugierig und überrascht, wie gleich die erste Frage zeigt...

Hermann Mennenga sprach für Jazzdimensions mit Jörg Seidel.

Hermann: Jörg, was sind Sie eigentlich lieber: Gitarrist oder Sänger?

Jörg: Oh, das ist schwer zu beantworten... Eigentlich, ja eigentlich – Sänger.

Hermann: Tatsächlich?

Jörg: Tatsächlich Sänger, ja.

Hermann: Also da hab ich jetzt ganz anders getippt, da Sie ja in erster Linie mit dem Gitarre spielen angefangen haben...

Jörg: Das stimmt, wenn man Gitarre spielen im Sinne von "Unterricht nehmen und üben" sieht. Gesungen habe ich aber auch immer schon, nur nicht wirklich konzentriert als Sänger gearbeitet. Das mache ich in der Tat erst seit ein paar Jahren, weil ich als Sänger einfach beides abdecken kann: ich kann Melodien singen, aber ich kann auch improvisieren, und es ist somit einfach unmittelbarer. Also bin ich eigentlich doch lieber Sänger.

Jörg Seidel

Hermann: Für mich also gleich eine überraschende Erkenntnis zum Beginn dieses Gesprächs. Kommen wir jetzt zu Ihrer neuen CD "Boulevard of broken dreams". Das Stück "Bye, bye blackbird" scheint für Sie dabei ja eine ganz besondere Bedeutung zu besitzen, zumal Sie es nicht zum ersten Mal für eine CD aufgenommen haben.

Jörg: (lacht) Das ist seit ungefähr 63 Jahren unsere Zugabe... Es ist ganz kurios, denn ich mache ja viele Konzerte mit Gästen, und da ist es einfach ganz oft so, wenn wir eine Zugabe brauchen, dann sagen auch die Kollegen häufig: Komm, lass uns "Bye, bye blackbird" spielen. Es ist einfach ein schönes Lied. Ich singe es gerne und improvisiere auch gerne darüber.

Hermann: Was fasziniert Sie so an diesem Titel? Ist es der Text, der doch eher die Schattenseiten des Musikerlebens wiedergibt?

Jörg: Ja, es ist in der Tat kein fröhlicher Text. Und es ist im Grunde so eine Anspielung auf das, was uns Jazzmusiker ausmacht, die eher finsteren Seiten des Berufes kommen hier zum Tragen. Das ist das eine, und zum anderen finde ich die Harmonien dieses Stückes sehr gelungen. Es macht unheimlich viel Spaß, über diese Harmoniefolge zu scatten. Man kann sehr gut darüber spielen. Komischerweise wird es mir dabei auch nicht langweilig – ich improvisiere ja schon seit Jahrhunderten über die gleichen Titel, aber es macht mir immer noch Spaß!

Jörg Seidel & Band

Hermann: Der Titel der neuen CD Ist auch nicht positiv...

Jörg: Der ist auch nicht positiv, aber ich bin ja großer Nat King Cole Fan, und habe diesen Titel das erste Mal auch von ihm gehört, obwohl ja auch Diana Krall und John Pizzarelli – die ich beide sehr verehre – sehr gelungene Versionen davon aufgenommen haben.

Aber die Nat King Cole Version avancierte gleich zu einem meiner Lieblingslieder überhaupt, und somit spielen wir das Stück eigentlich auch in jedem Konzert.

Hermann: Es ist also nicht so, dass Sie in einer Krise stecken? In einer schöpferischen oder irgendwie anderen, persönlichen Depression?

Jörg: (lacht) Nein, ganz und gar nicht! Ich stecke eigentlich voller Ideen und bin jetzt schon dabei, neue Projekte für das nächste Jahr zu formulieren. Nomen ist also nicht immer gleich Omen sozusagen! Nein, es sind einfach wunderschöne Lieder, und ich habe, auch wenn ich nicht in einer Krise stecke, ein großes Faible für melancholische Texte.

Hermann: Also ist das eher so ein musikalischer Grundzug bei Ihnen?

Jörg: Ja, das kann man so sehen. Aber das hat vielleicht auch damit zu tun, dass häufig die besseren Texte dann gefunden werden, wenn es um etwas schwierigere Themen geht.

Hermann: Sie sind tiefgründiger...

Jörg: Sie sind tiefgründiger, genau, und da wird einfach auch ein bisschen mehr Wert gelegt auf Sinn und Zweckmässigkeit von Texten, auf die richtigen Silben und das alles gut passt. Ich mag einfach diese melancholischen Titel unheimlich gerne. Übrigens auch auf deutsch...

Hermann: Aber deutsch gesungen haben Sie, glaube ich, noch nicht, oder?

Jörg: Erst jetzt, neuerdings. Ich habe ein neues Programm, das heisst "Deutsch swingt". Aber eigentlich ist das Programm gar nicht neu, denn ich habe vor Jahren bei mehreren Kreuzfahrten, bei denen ich als Sänger gebucht war, auch schon deutsche Programme gesungen, und das habe ich in den letzten Jahren ausgebaut.

Ich bin letztes Jahr nochmal auf die Suche gegangen nach guten Titeln und bin dann so stehengeblieben bei – man glaubt es kaum – bei Leuten wie Rudi Schuricke, Horst Winter, Sissi Waldmüller, Lilian Harvey und solchen Kollegen, die in den 30er und 40er Jahren große Erfolge gefeiert haben.

Hermann: Eigentlich auch in einer sehr dunklen Zeit...

Jörg: In einer sehr dunklen Zeit, ja. Wiewohl die Musik ja überwiegend von jüdischen Komponisten stammt – also die guten Sachen! Die sind von einer außerordentlichen Qualität, das muss man einfach so sagen. Die sind sowohl textlich als auch harmonisch so gut, da sind viele Perlen dabei, die völlig in Vergessenheit geraten sind. Daraus haben wir gerade ein Programm zusammengestellt, und Anfang Juli werden wir damit eine Platte aufnehmen.

Hermann: Da bin ich mal gespannt, wie sich das dann anhört...

Jörg: Es wird aber eine Schlagerplatte, das muss ich gleich vorweg sagen. Da wird der Jazzanteil zwar zu hören sein, weil die Rhythmusgruppe – Joe Dinkelbach und Gerald Donker an Piano und Bass, und mit mir an der Gitarre – natürlich immer swingverwandt bleibt, klar. Aber es wird eine Schlagerplatte.

Hermann: Zurück zum aktuellen Geschehen: Sie haben ja nicht nur die CD „Boulevard of broken dreams“ herausgebracht, sondern fast zeitgleich auch die CD „Teach me tonight“ mit der Wiener Sängerin Ines Reiger. Wie ist es denn zu dieser deutsch-österreichischen Koporoduktion gekommen?

Jörg: Das ist eine ganz schöne Geschichte. Ich bin ja "a halber Kärntner", wie man so sagt, denn mein Großvater war von dort. Ich pflege seit vielen Jahren freundschaftliche und auch verwandtschaftliche Beziehungen nach Klagenfurt, und somit bin ich in der dortigen Szene eine feste Größe. Es hat mich auch sehr geehrt, denn zum 20jährigen Jubiläum des Klagenfurter Jazzclubs hat man mich eingeladen, das Programm zusammenzustellen. Ich bin dort also total integriert.

Und vor fünf Jahren, das war auch eine große Ehre für mich, bin ich eingeladen worden von Professor Erich Kleinschuster, der großen österreichischen Jazzeminenz, der mich als Sänger und Gitarrist in sein Quintett geholt hat, und da waren dann auch Musiker dabei, die eben mit Ines Reiger in einer Besetzung spielten. Die haben mich dann sozusagen an Ines weitervermittelt, und Ines hat mich blind gebucht für einen Workshop, nur aufgrund dieser Empfehlungen.

Da haben wir uns dann kennengelernt, woraus eine ganz herzliche und wunderbare Freundschaft erwuchs. Gleichzeitig ist daraus ein Netzwerk entstanden, denn Ines hat mich mehrfach als Dozent für Workshops gebucht und auch in ihr Wiener Quintett eingeladen. Im Gegenzug habe ich Ines dann mehrfach nach Deutschland eingeladen, und ich habe dann auch Workshops für sie organisiert und Konzerte mit ihr gespielt.

Vor zwei Jahren waren wir dann beim Jazzfestival in Salzburg, und hatten Ines als Sängerin dabei. Das war ein Riesenerfolg, die Leute sind völlig Kopf gestanden! Es war auch ein bisschen ungewöhnlich für Ines; sie ist ja eigentlich bekannt für etwas modernere Jazzrichtungen. Wir sind dann aber "back to the roots" mit einem Swingprogramm, und nach diesem Erfolg haben wir gesagt, wir müssen unbedingt eine Platte machen.

Im letzten August waren wir dann wiederum in Österreich auf Workshoptour, und haben hierbei die Gelegenheit genutzt, und sind für zwei Nachmittage ins Studio gegangen.

Jörg Seidel

Hermann: Das nach Ihnen benannte Swing Trio ist aber nur eine Seite Ihres musikalischen Schaffens. Ihr anderes großes Projekt ist das European Swing Trio. Was unterscheidet denn beide Formationen voneinander?

Jörg: Die Besetzung in erster Linie. Während ich mit dem Swing Trio ja immer eine Reminizenz an das Nat King Cole Trio anbiete, ist das European Swing Trio mit einem der phantastischsten Jazz-Geiger besetzt, mit Hajo Hoffmann, einem ganz wunderbaren Musiker aus Hannover. Und am Kontrabass ist der großartige Jean-Louis Rassinfosse aus Brüssel.

Und das ist ein bisschen eine Besetzung, die Assoziationen weckt zu Django Reinhardt und Stephane Grappelli. Was auch nicht so ganz unbeabsichtigt war, schließlich ist ja Django meine allertiefste Wurzel...

Hermann: Das hört man auch raus, diesen Ansatz an Django Reinhardt in Ihrem Spiel...

Jörg: ... ja, Django war mein erster Einfluss, ich bin sozusagen mit ihm groß geworden. Ich habe meine erste Django-Platte mit zehn Jahren bekommen, und die habe ich ausgelutscht bis zum geht-nicht-mehr. Aber wir wollten das musikalische Umfeld etwas freier gestalten und musizieren also nicht in der Tradition der Sinti.

Unsere musikalische Bandbreite ist da ein bisschen weiter gefächert, mit funky Elementen, Bossa-Nova-Geschichten und mit mittlerweile sehr viel eigenen Kompositionen. Es geht eigentlich schon fast in Richtung Weltmusik, so im Verbund der verschiedenen Stile. Es macht uns viel Spaß und ist auch sehr erfolgreich, das muss man auch einmal dazu sagen. Es hat den Vorteil, dass es die Stärken aller drei gut transportiert.

Hermann: Aber ich unterstelle Ihnen an dieser Stelle einfach mal, dass Sie keine Schlagzeuger mögen!?

Jörg: Jein! ... Oh, das ist eine ganz gemeine Frage!

Ich spiele schon häufiger mit Schlagzeugern. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich von meinem Spielidiom ein Swingmusiker bin, und ich habe eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie eine Band klingen soll, wenn sie mit Schlagzeug spielt.

Es gibt hervorragende Schlagzeuger, aber nur ganz wenige erfüllen diese Soundvorstellungen, die ich im Kopf habe. Es gibt einige, mit denen ich dann sehr gerne spiele, wie Joost van Falk aus Holland, den ich häufiger im Trio von Martin Sasse erleben konnte, und jetzt habe ich gerade mit einem Berliner Schlagzeuger gespielt, mit Sebastian Merk, der auch genau weiß, wie diese alten Klänge sein müssen.

Jörg Seidel

Hermann: Sie sind ja darüber hinaus auch noch als Produzent und Chef Ihres eigenen Labels "Swingland" tätig. Warum ist eigentlich das eigene Label für so unglaublich viele Jazzer zu einem bedeutenden Muss geworden?

Jörg: Es liegt, glaube ich, einfach daran, dass die Wege kürzer sind, und ich selbst habe ja auch vorher bei anderen Labels produzieren lassen, aber im Grunde genommen folgt irgendwann die Erkenntnis, dass die entscheidenden Dinge nur von einem selber passieren können, bveispielsweise Werbung zu machen. Ich habe ja viel mit anderen Musikern gesprochen – und im Grunde genommen, sagen sie übereinstimmend, passiert über die Label ganz ganz wenig!

Und es kommt hinzu: man muss nämlich den Labels seine eigenen Platten abkaufen, und das erspare ich mir jetzt einfach. Ich kann selber viel günstiger produzieren und ich gehöre auch zu den Musikern, die nicht unbedingt angewiesen sind auf einen Vertrieb. Ich habe zwar neuerdings einen, aber ich bin auch jahrelang ohne Vertrieb sehr gut zurecht gekommen und habe die CDs nur bei Konzerten verkauft, was dann aber natürlich voraussetzt, dass man viel spielt.

Man wird von CD-Verkäufen allerdings nicht reich, dieses Klischee muss man hier mal ausräumen. Im Grunde genommen handelt es sich um einen Werbungsposten, und man ist froh, wenn man seine Kosten nach einer bestimmten Anzahl verkaufter CDs amortisiert hat. Es ist nicht so, dass man damit große Gewinne erwirtschaftet.

Hermann: Sie wohnen und arbeiten von Bremerhaven aus – nicht gerade der Nabel der Jazzwelt. Aber Sie sind dort auch als Konzertveranstalter tätig...

Jörg: Nur noch sporadisch. Ich habe das 20 Jahre sehr exzessiv betrieben. Ich habe Workshops organisiert – übrigens die einzigen, die überhaupt jemals in Bremerhaven gelaufen sind – aber das ist schon eine Weile her. Zwischen 1990 und 1994 habe ich so einen festen Dozentenstamm hier gehabt mit Michael Sagmeister oder Thomas Heidepriem zum Beispiel.

Aber da war dann irgendwann der finanzielle Spielraum erschöpft, und ich habe es dann gelassen und nur noch Konzerte organisiert. Das mache ich nur noch ganz selten, da ich selbst so viele eigene Konzerte spiele, dass dafür keine Zeit bleibt. Aber ich bekomme immer noch hin und wieder Anfragen von Leuten. Aber wie gesagt, dass ist nur noch sehr sehr selten der Fall.

Hermann: Gut, dann habe ich noch eine letzte Frage: Was macht Jörg Seidel heute abend?

Jörg: Ich werde jetzt gleich, denn ich spiel ja selber Fußball...

Hermann: ... auch noch...

Jörg: ... ja, mit Musikerkollegen vom städtischen Orchester jeden Mittwoch Mittag, mein heiliger Termin! Aber jetzt werde ich mich ganz entgegen meiner Gepflogenheiten, denn ich bin kein großer Fussball-Fan, das Spiel Deutschland gegen Polen angucken und parallel dazu noch die Kinder ins Bett bringen.

Später greife ich dann noch einmal zur Gitarre und übe ein bisschen. Meistens ist es dann schon spät in der Nacht.

Hermann Mennenga

Jörg Seidel im Internet: www.joerg-seidel.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2007
erschienen: 5.1.2007
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