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Eldar Djangirov - "Musik ist für mich … Musik"

Jung ist er - und erfolgreich: Als Pianist im Alter von nur neunzehn Jahren bei Sony Music unter Mitwirkung von Größen wie dem Bassisten John Patitucci ein Album für den internationalen Markt zu veröffentlichen, ist wahrlich nicht jedermann gegeben. Doch auch Eldar Djangirov, im Jahr 1987 in Kirgisistan geboren, wurde nicht alles in die Wiege gelegt.

Eldar Djangirov

Das Talent hatte er allerdings. "Eldar", wie er sich mit auf den Vornamen verkürzten Künstlernamen nennt, wurde von seiner ebenfalls Piano spielenden Mutter und seinem musikbegeisterten Vater schon früh gefördert, begann bereits mit drei Jahren, Klavier zu spielen und erhielt ab dem fünften Jahr Unterricht. Endgültig gestellt wurden die Weichen zu einer professionellen Karriere für ihn mit neun Jahren, als er bei einem Jazzfestival im russischen Novosibirsk den Jazzförderer Charles McWhorter von seinem Talent überzeugt. Es folgte ein Stipendiumsaufenthalt zum Sommerkurs am "Interlochen Center for the Arts" in Michigan. Dies blieb nicht ganz folgenlos - im Jahr 1998 schließlich übersiedelte die gesamte Familie Djangirov nach Kansas City in die USA. Die nun folgende, harte Arbeit zahlte sich aus: Drei Jahre später gewann Eldar den Wettbewerb beim "Lionel Hampton Jazz Festival" und den "Peter Nero Piano Contest".

Die Wahlheimat Kansas City sollte für einige Zeit Eldars musikalisches Zentrum bleiben - dort spielte er mit seiner, von der Besetzung über Jahre konstanten, Working Band - Marco Panascia am Bass und Todd Strait am Schlagzeug - zwei Trio-Alben ein, dort feilte er an seiner Technik und erlangte vielfältige Einblicke in die Jazzmusik. Einiges hat sich in der Zwischenzeit, vielleicht auch aufgrund des Major-Erfolgs seines Sony-Debüts "Eldar", geändert - so zog es Djangirov aus dem Mittelwesten nach Los Angeles. Seine altgediente Band jedoch nahm er mit: In bewährter Besetzung - das Intermezzo mit Patitucci mag als verzeihlicher Tribut an den Kommerz gewertet werden -, ist als Nachfolger von "Eldar" bereits ein Livealbum eingespielt worden, das noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll.

Carina Prange sprach mit Eldar Djangirov vor dessen Konzert im Berliner A-Trane.

Carina: Eldar, deine ersten musikalischen Vorbilder und Einflüsse waren dein Vater und deine Mutter. Was haben dir deine Eltern für deine Laufbahn mit auf den Weg gegeben?

Eldar: Ich habe phantastische Eltern, was man immer als großes Glück betrachten kann. Meine Mutter gab Klavierunterricht, auch mein Vater war stets sehr an Musik interessiert. Er hatte Alben von Bigbands, von Blasinstrumentalisten … aber insbesondere liebte er Klaviertrios: Oscar Peterson, Herbie Hancock, Chick Corea, die liefen bei uns zuhause ständig.

Als ich fünf Jahre alt war, gab meine Mutter mir meine ersten Klavierstunden. Sie war Professorin am Konservatorium und von daher war es klar, dass wir mit klassischer Musik anfingen, mit einem sehr klassischen Ansatz. Zunächst also ging es um die Grundlagen, um Technik, um Fingerfertigkeit. Und um Disziplin: "Halt deinen Anschlag durch!" (lacht) All diese Sachen, die ich nach und nach durchlaufen musste, fügten sich zu einem Ganzen. So gab mir meine Mutter eine wirklich ausgezeichnete Grundlage mit - sie war für mich einfach die bestmögliche Lehrerin.

Und es war toll, dass zusätzlich mein Vater da war, der mich mit dem Jazz in all seinen Dimensionen vertraut machte. Musik stellte für mich jedoch von Anfang an eine Einheit dar - für mich zerfällt sie nicht in Jazz oder Klassik: Ich sehe sie generell als "Musik". Schon in ganz jungen Jahren wurde die Musik zu meiner großen Liebe, sie zog mich magisch an, sie war Teil der heimischen Atmosphäre - kurz: mein Kontakt zu ihr war höchst intensiv.

Eldar Djangirov

Carina: Klassisches Training und Technik waren, wie du bereits sagtest, unter den Dingen, die gleich zu Anfang kamen. Wann hast du mit dem Lesen von Noten begonnen?

Eldar: Oh, auch gleich von Anfang an, also mit fünf! Von da an habe ich durchweg etwa zehn Jahre lang tagtäglich klassische Musik gespielt und geübt. Das fand ich ganz normal - Noten zu lesen und dazu diesen klassischen Hintergrund zu haben - es war eben die Art und Weise, wie ich unter dem Einfluss meiner Mutter aufwuchs. Gleichzeitig habe ich aber auch immer Jazz gespielt. Das schaffte für mich einen sehr guten Ausgleich - hier Klassik, dort Jazz.

Carina: Erwies sich das klassische Training als gute Voraussetzung für den Jazz?

Eldar: Es bietet mir Freiheit. Meine klassische Grundlage bietet mir alle Möglichkeiten beim Spielen, ich kann jederzeit auf die erarbeitete Geläufigkeit auf der Tastatur zurückgreifen. Definitiv hat das auf mich als Musiker einen großen Einfluss.

Meine Mutter hat mich zu einer klaren Geisteshaltung der Musik gegenüber erzogen, zu einer Aufmerksamkeit gegenüber den kleinen und großen Dingen, die das Klavierspiel ausmachen. Das prägt noch heute meine Haltung zum Spiel, wie ich an das Klavier insgesamt herangehe. Gerade wo es um Einfühlungsvermögen auf der einen und Disziplin auf der anderen Seite geht - darüber wollte ich alles lernen. Mir leuchtete die Ähnlichkeit der Konzepte ein, die hinter der praktischen Anwendung beider Aspekte stehen.

Carina: Wann und warum hast du dich dazu entschieden, mehr in Richtung Jazz zu gehen?

Eldar: Hab' ich eigentlich gar nicht! (lacht) Wie ich schon sagte, Musik ist für mich … Musik! Ich mache in erster Linie leidenschaftlich gern Musik, es geht mir nicht eine bestimmte Richtung. Zugegeben, der Jazz zog mich stets an, weil es bei diesem Stil um Freiheit geht, darum, im "Hier und Jetzt" zu sein.

Jazz ist die Musik des persönlichen Ausdrucks. Ich, als Individuum, setze im Moment um, was ich empfinde. Ich kann ausdrücken, was ich im Herzen fühle, in der Seele. Das gefällt mir am Jazz - man kann tatsächlich "sein Ding" machen, muss nicht jemand anderes interpretieren. Es ist großartig, in der Musik man selbst zu sein - eine wunderbare Chance!

Eldar Djangirov

Carina: Beim "Im-Moment-Sein", tritt da das technisches Wissen hinter den improvisatorischen Fähigkeiten zurück?

Eldar: Das macht diese unglaubliche Spontaneität aus, die mich am Jazz in erster Linie angesprochen hat: Dieses "Sein im Moment" ist es, worum es vorrangig geht. Als ich zum ersten Mal Oscar Peterson hörte, übrigens der erste Pianist, den ich bewusst wahrnahm, da war mein Eindruck, wow … das ist einfach der Hammer: Peterson ließ sich in den Augenblick des Spielens richtiggehend hineinfallen. Auch bei allen anderen großen Jazzmusikern, die ich danach hörte, fiel mir das auf - und das ist ja auch das Grundkonzept um das es beim Jazz geht - das zu spielen, was der Augenblick verlangt.

Ich betrachte die Dinge, die ich gelernt habe, als eine Art Gerüst, auf das ich zurückgreife, um es für den gegenwärtigen Moment einzusetzen. Im Triospiel konzentriere ich mich auf diese beiden Dinge: den Augenblick und das Gerüst. Beides bildet den Rahmen, mich dahin zu bringen, wo ich hinwill und so meine Botschaft zu vermitteln.

Carina: Geht es nicht auch ein bisschen darum, zu beeindrucken - mit rasant schnellem Spiel beispielsweise …

Eldar: Wirkt das so? (lacht)

Carina: … oder ergibt sich das einfach, wenn du in ein Stück vertieft bist?

Eldar: Ich konzentriere mich nie wirklich darauf, schnell zu spielen … Wonach ich im Gegensatz immer strebe, sind klare Konzepte, Intensität und Drive. Ich verwende sozusagen Hilfsmittel, um das zu erreichen. Geschwindigkeit, oder was auch immer - ich setze ein, was passt.

Eldar Djangirov

Carina: Wie würdest du den Ansatz deines Spiels mit eigenen Worten beschreiben?

Eldar: Du meinst, meinen Stil? Es geht dabei um einen bandorientierten Ansatz. Ich will das Trio als Basis verwenden, für die Richtung, in die ich mich musikalisch bewege. Mein Ziel ist, die mit dem Trio fassbare Dimension der Musik zu erkunden.

Carina: Wie wird das nächste Album aussehen? Kannst du dir ein reines Soloalbum vorstellen?

Eldar: Nein, noch kein Soloalbum, weil (lacht) … wir haben das nächste Album nämlich bereits aufgenommen! Es wird noch dieses Jahr weltweit erscheinen, in Japan, Europa und so weiter. Es ist ein Album mit meiner Working Band und wird "Daily Living - Live at the Blue Note" heißen. Es ist, wie der Titel schon sagt, ein Livealbum, aufgenommen bei einem Konzert im Blue Note in New York.

Für mich entscheidend ist, dass diese CD in erster Linie die Band präsentiert - meine Band. "Daily Living" zeigt jene Seite von uns, wo man so richtig die Live-Energie spürt, wo man merkt, dass vor uns ein Publikum sitzt und aktiv zuhört. Und wie das bei Livealben so ist -es ist eben "live", man kann hinterher nichts an den Details ändern. Aber genau das verleiht dem Sound so eine unnachahmliche Lebendigkeit.

Eldar- "Live at the Blue Note"

Carina: Du spielst seit dem dritten Lebensjahr Klavier, hast früh das Leben eines Profimusikers aufgenommen. Später warst du auch den Forderungen der Musikindustrie ausgesetzt - hattest du je das Gefühl, zu viel von deiner Kindheit und Jugend geopfert zu haben?

Eldar: Eigentlich … ähem, nein, ich glaube nicht. Denn ich denke, jedes Kind wird die Art seines Aufwachsens für "normal" halten. Und was wir für normal halten, ist normal. Und in meinem Fall: Ich bin immer zur Schule gegangen, später zur Highschool. Ich habe während der Schulzeit nie Konzerte gegeben. Ich habe stets sehr strenge Schulen besucht.

Sicher war es so, dass Musik immer einen großen Teil meines Lebens ausgemacht hat, aber ich hatte trotzdem die Chance, eine Jugend zu haben. Und das tat meiner Entwicklung zu einer Persönlichkeit gut! Es war sicher auch für mich als Musiker gut, aber insbesondere eben für die Persönlichkeitsbildung, gewisse Routinen zu durchleben: zur Schule zu gehen und dabei gleichzeitig Musik zu lernen.

Carina Prange

CD: Eldar Djangirov - "Live at the Blue Note"
(Sony Classical SK674745)

Eldar Djangirov im Internet: www.eldarjazz.com

Sony Music im Internet: www.sonymusicstore.com

Fotos: Bill Phelps

© jazzdimensions 2007
erschienen: 16.2.2007
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