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Uli Soyka - "Schlagzeuger und Soundpoet"

Wenn man den Schlagzeuger Uli Soyka zum ersten Mal hört, dann fällt einem neben seiner unglaublich flexiblen Art zu spielen vor allem auf, dass er ungeheuer starke musikalische Spannungsbögen aufbaut. Die sind bei der Länge seiner Kompositionen auch angebracht, die fast immer um die 8-10 Minuten liegen. Und wenn er mit seiner Ende der 90er Jahre gegründeten Kreativplattform "Pan Tau-X" frei improvisiert, kommen auch schon mal Längen von 25 Minuten heraus...

Uli Soyka

Dabei ist das Spiel des Schlagzeugers Uli Soyka nie vordergründig, noch laut oder gar einfallslos. Der Mann aus Österreichs Hauptstadt, aus Wien, ist komplex und vielschichtig in seiner Spielweise, wie auch in seinem künstlerischen Denken und Leben. Schade nur, dass er über die eigenen Landesgrenzen hinaus fast noch ein Unbekannter ist...

Hermann Mennenga traf Uli Soyka Anfang des Jahres in Bremen aus Anlass der ersten deutschen Jazzmesse „jazzahead“ und führte das folgende Gespräch:

Hermann: Du hast ja recht spät mit dem „schlagzeugen“ begonnen, nämlich erst mit 18 Jahren. Hast du vorher irgend ein Instrument gespielt oder eine musikalische Ausbildung genossen? Eine kreative Ader muss ja vorhanden gewesen sein, denn auch in deinem erlernten Beruf ist diese unabdingbar.

Uli: Ich habe Blockflöte als Sechsjähriger begonnen und mit vierzehn Jahren aufgehört zu lernen. Daraufhin wurde das Instrument begraben, nachdem ich all die Jahre täglich eine Stunde mit der Uhr üben mußte. Ich konnte natürlich ganz gut spielen, aber war auch sehr verdrossen über das "Muss"!

Viele Jahre später – fast klassisch – entdeckte ich die Flöte wieder, mit ungefähr 23 Jahren, und seit damals ist sie meine ständige Begleiterin. Ich kann noch erklären, dass ich niemals eine richtige klassische Harmonielehreausbildung erhalten habe – ich hab immer nur einfach gespielt und Noten gelesen, aber z.B. die Unterschiedlichkeit von C- oder F-Flöten nie im richtigen Leseschlüssel erlernt.

So spiele ich auch jetzt noch alles wie in C, und muss mir, wenn ich im Ensemble Alt- Flöte spiele, die Noten vorher im Computer transponieren! Ein bisserl umständlich vielleicht, aber ich bin mit der Technik sooo viel weiter als mit dem theoretischen Hintergrund, und somit versuche ich mit diesen Hilfsmitteln das Defizit zu mindern. Spielen macht einfach unheimlich viel Spaß – und am meisten mit Musikern, die es ebenfalls verstehen, in einer verwandten Art zu kommunizieren und dabei abzuheben.

Uli Soyka - "Colour Circle"

Sich im Klang aufzulösen und nur mehr in der Musik verschwinden oder, besser gesagt, selbst zur Musik zu werden! Je stärker die menschliche Persönlichkeit sich mit der musikalischen Aussagekraft verbinden lässt, desto feinsinniger wird die Kommunikation! Dieses Rezept springt eigentlich immer auch auf das Publikum über und kann auch dieses sehr verzücken! Ich denke, meine kreative Ader ist in meinem Leben sehr tief verwurzelt. Kreativ musste ich in vielen Lebenslagen sein, und die künstlerische Richtung dann freizusetzen war sicherlich ein grosses Glück für mich, aber auch unbewusst sehr direkt gewählt.

Uli Soyka

Hermann: Du sprichst in deiner Biografie von „gravierenden Lebensveränderungen“. Kannst du mir diese erläutern?

Uli: Ich war ziemlich heimatlos entwurzelt. Ich hatte schon als Kleinstkind Asthma bronchiale und Neurodermitis – und verbrachte schon im ersten halben Lebensjahr mehr als einen Monat im Krankenhaus. Bis ich dreiundzwanzig Jahre alt war, hatte ich achtzehn verschiedene Wohnsitze in Österreich und habe neun mal die Schule gewechselt und bin vier Jahre lang im Kinderheim aufgewachsen. Also sehr unruhig und unstet.

Die ewige Sehnsucht nach Geborgenheit ließ sehr lange mit der Erfüllung auf sich warten. Ich habe sehr spät erst Selbständigkeit im Sinne der persönlichen Eigenständigkeit und -findung, sowie Erfüllung meiner eigenen Bedürfnisse und deren Notwendigkeit erlernt. Ich bin Vater von drei Buben. Einer davon ist mittlerweile schon 21 Jahre alt, einer 11 und einer im Juli ein Jahr alt.

Auch in diesem Bereich habe ich viel unrunde Lebenserfahrungen sammeln müssen/dürfen! Ich denke, die riesengroße Erlebnisfülle und das breite Spektrum an verschiedensten Eindrücken, ließen mich mittlerweile doch zu einem Menschen reifen, der ganz gut weiß, was ihm gut oder nicht gut tut. Und doch ist jeder Tag aufs Neue sehr spannend und ich bin auch sehr neugierig!

Uli Soyka

Hermann: In deiner Musik pendelst du – jedenfalls nach dem was ich bis jetzt hören konnte – zwischen freier Improvisation und einer moderat modernen Interpretation des traditionellen Jazz hin und her. Das macht deine Musik sehr leicht, fließend. Woher kommt diese Art des Spielens?

Uli: Meine Art des Spielens entstand ganz einfach durchs Ausprobieren! Ich bin Autodidakt und war zur Zeit des Schlagzeugspiel-beginnens mit achtzehn Jahren gerade in Steyr (Oberösterreich) im Internat einer berufsbildenden, mittleren Schule in einer 4-jährigen Ausbildung zum Gürtler/Stahlschneider und Graveur, daran anschließend hängte ich noch zwei Jahre Ausbildung zum Gürtler und Gold- und Silberschmied an.

Diese Ausbildung war in der Theorie gemeinsam, und so musste ich nur noch die praktischen Fächer machen und hatte dann beide Ausbildungen fertig. Noch während der Schulzeit wurde mein erster Sohn geboren. Das bedeutete auch sehr viel Reisen an den Wochenenden, da die Eltern meiner damaligen Frau nicht im gleichen Bundesland wohnten, aber unseren Sohn bis Ausbildungsschluss während der Woche übernahmen. Alles sehr kompliziert und nicht gerade nachahmenswert!

Schon im Anfang meiner schlagzeugtechnischen Gehversuche waren viele der Musiker der damaligen Zeit ziemlich überfordert mit meinem sehr beweglichen Spiel. Oft wollten die Leute nicht mit mir spielen, weil sie sich in meinem rhythmischen Dschungel nicht zurechtfanden. Für mich war es schon immer ein wichtiger Punkt, meinen sehr persönlicher Ausdruck und meine Art des Hörens in mein Spiel einfließen zu lassen und mich als richtiges Instrument und nicht als Rhythmusmachine zu fühlen, und mich auch nicht als solche einsetzen zu lassen.

Für mich war immer schon die Eigenständigkeit jedes einzelnen miteinander musizierenden Akteurs von großer Bedeutung. Nicht einer kann sich auf Grund eigener Mängel auf andere verlassen, und Vertrauen in Geschmack und Unabhängigkeit finde ich von großer Bedeutung! Im professionellen Leben einerseits eh klar, aber doch nicht sehr üblich. Oder man muss erst die Ebenen erreichen, in denen man einfach als geschätzter Mitmusiker und Spezialist sowie als Persönlichkeit wahrgenommen wird!

Shades of Light Trio - "same"

Hermann: Und wer sind deine Vorbilder?

Uli: Vorbilder ... hmm, ... ich höre sehr gerne viel verschiedene Musik. Ich habe ungefähr 4000 CDs zu Hause – und noch mehr eigene, die auf den Verkauf warten!

Es gibt einige CDs oder Schallplatten, die bei meinem Einstieg in den Jazz oder überhaupt ins musikalische Leben von Bedeutung waren. Ein damaliger Schulkollege schenkte mir in Steyr eine LP von Steps ahead mit Eliane Elias, Michael Brecker, Eddie Gomez, Mike Manieri, Peter Erskine. Für mich nach wie vor eine Jahrhundertplatte. Weiters geliebt und hunderte Male gehört: Chet Baker/Gerry Mulligan „Live at Carnegie Hall“. Eine Jahrhundertplatte: John Scofield „Time on my hands“.

Ich höre sehr viel; altes und neues, habe aber nie etwas ausgecheckt, wie die meisten Studenten das so machen. Einfach zugehört und im Laufe der Zeit hat sich mein Inneres damit auseinandergesetzt und viel Gehörtes einfließen lassen. Aber nie mit dem Anspruch, irgend etwas zu kopieren. Das will ich nicht, und kann ich auch nicht!

Uli Soyka

Besonders gerne höre ich als Schlagzeuger Jack de Johnette zu! Der ist eine Ideenbombe ohne Ende und hat so unglaublich lange und reichlich Erfahrungen auf höchstem Musikerniveau sammeln dürfen! Oft bin ich a bisserl traurig, dass mir das bis jetzt noch nicht vergönnt ist, so in der Internationalität zu touren. Ich könnt es, glaub ich, ganz gut erfüllen, aber ich bin auch ganz gerne in Österreich und habe mit meinen Kindern und meiner Freundin auch schöne Aufgaben.

Und zerreißen will ich mich nicht! Auch gesundheitlich habe ich schon bittere Erfahrungen, zu viel Stress und zuviel zu lange wenig geschlafen und Konzerte versucht zu buchen und CDs produziert usw... Es gibt immer wieder neue Anläufe mit neuen Motivationen – das finde ich wunderschön! Und wenn's einmal Hilfe von außen gibt, wird es eigentlich schon wunderbar!

Hermann: Der Faktor Zeit spielt in deinen Werken eine bedeutende Rolle: viele deiner Eigenkompositionen sind extrem lang, ohne langweilig zu wirken oder an Kraft zu verlieren. Wie schaffst du es, solch starke Spannungsbögen aufrecht zu erhalten?

Uli: Die Spannungsbögen ergeben sich durch gemeinsame Geschmäcker der Musiker und gelernt diese zu bauen und zu halten hat mich warscheinlich das LEBEN!

Hermann: Du hast mit berühmten Jazzern wie Marc Copland, Dieter Ilg oder Dave Liebman zusammengespielt, bist aber selbst über die Grenzen deiner Heimat hinaus nicht so bekannt. Woran liegt das?

Uli: Die Musiker, mit denen ich musizieren will, suche ich sehr gewissenhaft längere Zeit aus und versuche die Kontakte herzustellen – und bis dann Finanzierungen für die Realisation möglich werden, vergehen meistens nochmals Ewigkeiten! Es klingt immer schön, wenn was geglückt ist – der Weg dorthin – den wünscht` ich mir mit der Zeit etwas einfacher! Vielleicht kommt einmal jemand mit den notwendigen Möglichkeiten und Verbindungen auf die Idee, auch mir zu helfen – wäre schön!

Hermann: War die Gründung des Labels Pan Tau-X zwangsläufig, weil man als Musiker irgendwann keine Lust mehr hat, immer auf die Kompromisse der Plattenfirmen eingehen zu müssen?

Uli: Die Gründung des Labels war eigentlich schon 1998, als meine innere Stimme mir sagte, mach dich nicht abhängig von Firmen, die, wenn du nicht ein Superstar bist, dich eigentlich binnen kurzer Zeit wieder fallen lassen müssen. So entstand die Idee und mit der ersten Produktion wurde sie auch geboren und umgesetzt!

Uli Soyka

Hermann: Gibt es das "Shades of light"-Trio mit Jose Maria Saluzzi (Gitarre) und Juan Garcia-Herreros (Bass) noch? Wenn man die CD hört, kann man kaum glauben, dass es sich um ein kurzlebiges Projekt handeln könnte...

Uli: Das "Shades of Light"-Trio gibt es nicht aktuell, aber mit Anlass auf jeden Fall wieder. Jose wohnt in Buenos Aires, Juan in Wien, aber er ist oft in den Staaten auf Tour. Das war ein sehr schönes Projekt, und zur Zeit der Aufnahmen waren alle drei in Wien.

Hermann: Gibt es einen Vertrieb, speziell auch für Deutschland, für deine Alben?

Uli: Einen Vertrieb habe ich noch überhaupt keinen funktionierenden. Ich kann projektweise CDs nach Japan verkaufen, ansonsten fehlen mir da noch wirklich seriöse und gute Partner!

Hermann: Eine letzte Frage: Du hast schon auf Grönland gespielt. Kann man das überhaupt?

Uli: Grönland und das Gebiet der Innuit im Norden von Kanada durfte ich einmal bereisen im Rahmen einer Tournee durch die arktische Staatengemeinschaft: eine Minimalmusik-oper von John Luther Adams mit Schlagzeugquartett, Streichquartett, zwei Performern und zwei Stimmen! Ein super und verrücktes Programm!

Hermann Mennenga

Uli Soyka im Internet: www.ulisoyka.com

Pan Tau-X Records im Internet: www.pantau-x-records.com

Fotos: n.n.

© jazzdimensions 2006
erschienen: 10.8.2006
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