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Rolf Kühn - "Die lebenslange Liebe zur Klarinette"

An der Entwicklung des Jazz in Deutschland ist dieser Musiker nicht gerade unbeteiligt gewesen: Rolf Kühn, der Klarinettist, prägte die Szene bereits unmittelbar in der Nachkriegszeit – unter anderem im Berliner RIAS-Orchester. In den 60ern katapultierte Kühn sich und seine Auffassung von Musik auch nach Amerika, wo er Erfahrungen in den Bands von Benny Goodman und Tommy Dorsey sammelte, die er später in den hier gespielten Jazz einbringen sollte.

Rolf Kühn

Bis heute ist er ein Musiker geblieben, dessen Beweglichkeit auf der Klarinette ihresgleichen sucht: Zwischen klassischen Jazz und Free Jazz pflegt Rolf Kühn eine Lanze für sein Instrument zu brechen, ungeachtet dessen, im Laufe der Jahrzehnte wechselnden, Ansehens im Jazz. Vor etwa zwei Jahren veröffentlichte er, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Joachim, dem Pianisten, das Duoalbum "Love Songs" mit ausgesuchten Standards, letzten Herbst sein aktuelles Album "Bouncing with Bud". Im September 2004 feierte Rolf Kühn seinen 75. Geburtstag und blickt zurück auf ein ereignisreiches Leben – und eine wahrhaftig lebenslange Liebe zur Klarinette.

Carina Prange sprach mit Rolf Kühn in Berlin

Carina: Sie gingen 1956 nach New York und sind dann sechs Jahre in den USA geblieben. Dort spielten Sie mit vielen Stars der damaligen amerikanischen Jazzszene zusammen. Wie kam es, dass Sie sich entschieden haben, in die USA zu gehen?

Rolf Kühn: Der Entschluss, nach Amerika auszuwandern – damals nannte man das ja "Auswandern" und das war auch so gemeint – entstand dadurch, dass ich das Gefühl hatte, in Deutschland würde alles musikalisch enger und enger und enger. Für meine persönliche Weiterentwicklung hielt ich es zu diesem Zeitpunkt daher für richtig, auszuwandern. .

Ich habe es auch nie bereut: Ich ging dann also nach New York - losgereist bin ich wirklich auf blauen Dunst, ohne irgendwelche Verbindungen zu haben, ohne alles. Das war ein verdammt schwerer Anfang, vor allem die ersten sechs Monate – man darf ja ohne Gewerkschaftskarte dort drüben das erste halbe Jahr überhaupt nicht spielen. Das lief dann etwa folgendermaßen: Man trat so zu privaten Sessions auf, wo ich die Musiker, die sich in gängigen Lokalen herumtrieben, kennenlernte. Da hat man gespielt, man kannte sich daraufhin und wurde empfohlen. Und nach sechs Monaten bekam ich meine Gewerkschaftskarte und durfte auch gleich arbeiten.

Rolf Kühn

Carina: Und wieso sind sie 1962 nach Deutschland zurückgekehrt? Sie sagten ja schon, eigentlich war es ja als Auswandern gedacht …

Rolf Kühn: Das ist eine lange Geschichte. Wie gesagt, ich habe in der Zeit viel gelernt und hatte teilweise auch hervorragende Jobs. Der erste war zum Beispiel im Duo mit Caterina Valente. Dann hörte mich der Manager von Benny Goodman, und empfahl mich an ihn. Friedrich Gulda, der Pianist, hat mir dabei zusätzlich sehr geholfen, denn er hat mich beim Probespiel begleitet. Und folglich war ich zwei Jahre im Goodman Orchester. Da spielte ich eine Menge Soli – insbesondere natürlich dann, wenn Goodman nicht da war. Aber selbst wenn er da war, hat er mir in der ersten halben Stunde regelmäßig etliche Soli zugeschanzt.

Rolf Kühn - "Bouncing with Bud"

Nun, wenn man aber in New York bleiben will … und die einzigen Städte, die in Amerika zählen, sind Los Angeles und New York: da auf die Dauer zu überleben, ist ein ständiger Kampf. Man muss schon auf Tournee gehen, einfach um Geld zu verdienen. Ich habe das sechs Jahre lang gemacht, habe in New York natürlich auch in Clubs gespielt: im Birdland, im Blue Note, oder im Small's Paradise, diesem berühmtesten "colored Jazzclub" oben in Harlem.

Aber das ergibt dann insgesamt vierzehn Tage oder vier Wochen; aufs ganze Jahr umgeschichtet also einfach zu wenig. Und außerdem, die Anspannung in dieser Stadt, insbesondere wenn man das Recordinggeschäft betrachtet, war und ist sehr groß. Für mich, glaube ich, war es nach sechs Jahren richtig zu sagen: Okay, ich habe eine Menge gelernt und komme auch immer wieder gern her – aber möchte nicht mehr auf Dauer da leben.

Rolf Kühn

Carina: Zuerst war wohl das Saxophon Ihr Schwerpunktinstrument, die Klarinette folgte nach. Wie kam es, dass die Klarinette Ihre erste Wahl wurde - was gab dafür den Ausschlag?

Rolf Kühn: Also, gefühlsmäßig stand das Saxophon nie an erster Stelle. Eigentlich war schon als ganz junger Mann, als ich siebzehn, achtzehn war und im Mitteldeutschen Rundfunk gearbeitet habe, die Klarinette für mich der springende Punkt. Artie Shaw und Benny Goodman, die gefielen mir – nicht zu vergessen noch Woody Herman. Und das waren Leute, die man damals als junger Mensch imitierte, derem Spiel man versuchte, gleichzukommen!

Saxophon wiederum musste man einfach spielen – es gibt schließlich keine Bigband ohne Saxophon! Anders ist es nur, wenn man selbst der Leader ist: dann kann man ausschließlich Klarinette spielen. (lacht) Mich am Saxophon einzubringen, hat mir zwar trotz und alledem auch sehr viel Spaß gemacht, aber Klarinette war immer das Wichtigste.

Joachim & Rolf Kühn - "Love Stories"

Carina: Was macht für Sie die Faszination dieses Instrumentes aus?

Rolf Kühn: Das Faszinierende an der Klarinette ist, dass man sich fortwährend bemühen, dass man ständig trainieren muss. Wie ein Sportler eigentlich. Es ist ein heikles Instrument – man spürt es bereits, wenn man zwei, drei Tage nicht geübt hat. Vielleicht nicht der Zuhörer, aber man selbst! Und dieser ständige Kampf ist für mich bis heute reizvoll geblieben.

Carina: Ihr Instrument ist im Vergleich zum Saxophon im Jazz das eher weniger beachtete Instrument. Obendrein kamen Sie, wie Leonard Feather einst über Sie schrieb, zu einer Zeit zum Jazz, in der "die Klarinette unwiderruflich an Bedeutung verlor. Hätte [Rolf Kühn] dieses Pech nicht gehabt, zählte er heute wohl zu den ganz großen Namen des Jazz…" – Haben Sie aus diesen oder ähnlichen Gründen Ihre Instrumentenwahl jemals bereut?

Rolf Kühn: Nein, niemals – denn: die Klarinette kann ja nun nichts dafür (lacht). Es gibt wenige Leute, die dieses Instrument wirklich hervorragend beherrschen. An erster Stelle standen damals Buddy DeFranco und Eddie Daniels. Mit denen war ich auch hier in Deutschland auf Tournee und wir haben unter anderem eine Platte mit der Bigband des Hessischen Rundfunks aufgenommen. Das sind zwei Spitzenspieler, die in Amerika bis heute noch an führender Stelle sind.

Wenn man die Jazzpolls im Downbeat verfolgt, schüttelt man manchmal ein bisschen den Kopf, wer da so gewinnt: Bei meinen Telefonaten mit Buddy und Eddie löst es bei uns immer einen Lachkrampf aus, wenn wir darüber sprechen, wer nun gerade vorn ist! Tja, das hat leider an Bedeutung verloren. Früher war Buddy DeFranco der ständige Gewinner der Downbeat Jazz Polls: Zwanzig Jahre lang, und verdientermaßen. Er war und ist also ein Spitzenmann. Und was mich selbst angeht – ich muss sagen, ich liebe die Klarinette, mein Instrument, wie am ersten Tag. Wie in einer guten Ehe, so würde ich das nennen.

Carina: Ihr Bruder Joachim bescheinigt Ihnen, Sie würden – im Gegensatz zu anderen Spielern – "unablässig an Ihrem warmen, runden, angenehmen Ton arbeiten." Was sind die Voraussetzungen für einen solchen Ton? Und wieviel Zeit verbringen Sie noch heutzutage mit Üben?

Rolf Kühn: Die Persönlichkeit oder "Personality" eines Menschen drückt sich im Klang aus. Zum Beispiel – egal wie sehr man versuchen wollte, denselben Sound wie Goodman oder Artie Shaw zu haben … es gibt Leute, die ähnlich klingen, aber nie genau so. Es geht um den persönlichen Aspekt, den man dem Instrument gibt.

Was den "großen" Sound angeht, den warmen Sound, ist eine ganz leichte Übung, die ich noch täglich mache, Töne auszuhalten. Es ist, zugegeben, furchtbar langweilig, entsetzlich langweilig, wenn man jeden Tag – sagen wir mal zwanzig Minuten – bevor man überhaupt anfängt zu üben, nur lange Töne spielt. In jeder Lage. Aber da trainiert man den Ton, man trainiert die Muskeln – ohne Töne aushalten geht es nicht. Genau das bringt diese enorme Kontrolle: Lippenkraft, Tonkontrolle, Fülle des Tons – um's "edel zu machen," sozusagen.

Carina: Die obligatorische Frage nach dem Instrument: Welche Klarinette spielen Sie und hat sich das, oder vielleicht auch die Wahl des Mundstücks oder der verwendeten Blätter, über die Jahre geändert?

Rolf Kühn: Letzteres hat sich relativ oft geändert bei mir: Ich bin der ewige Mundstück-Sucher. Ein heikles Thema. Jetzt bin ich trotzdem – vorübergehend? – bei einem hängengeblieben, eigentlich schon seit vielen, vielen Jahren. Und das ist ein Van Doren, das offenste, was die haben. Ich belasse es aber nicht im Originalzustand, sondern ändere einige Sachen: An der Spitze des Mundstücks, an der Bahn. Und damit komme ich wunderbar zurecht. Es gibt mir die Freiheit, den Jazz zu spielen, wie ich ihn empfinde. Auch die Instrumente wechseln bei mir gelegentlich: hauptsächlich spiele ich Klarinetten von Buffet, aber auch manchmal von Leblanc.

Rolf Kühn

Carina: Neben Ihrer Tätigkeit als Jazzmusiker waren sie als Dirigent bei Musicals aktiv, als musikalischer Leiter von Theatern und als Komponist für Film und Fernsehen. Wie kamen Sie zum Dirigieren? Sie haben das ja ab 1962 gründlich im Dirigentenstudium bei Sir Charles Mackerras erlernt …

Rolf Kühn: Ich habe mich damals neben dem Jazz für die Oper interessiert. Bei dem von Ihnen genannten Ersten Kapellmeister der Hamburgischen Staatsoper hatte ich zwei Jahre Unterricht und habe das Dirigieren studiert. Mackerras hat hierfür Klavierauszüge der Opern gespielt – und ich musste ihn dirigieren. Er war ein wunderbarer Lehrer, weil er mir klargemacht hat, wenn ich jetzt das oder jenes mache, dann reagiert das Orchester so oder so. Er hat mich auf diese Art ausgezeichnet vorbereitet. Und ohne entsprechende Kenntnisse kann man auch Musicals schlecht machen!

Ansonsten ist es ein Studium wie jedes andere auch, genau wie Musiktheorie, Orchestration, Komposition oder was auch immer. Auf diese Weise habe ich mich ernsthaft damit beschäftigt und es macht mir nach wie vor großen Spaß.

Carina: Noch während des Zweiten Weltkriegs begannen Sie bei dem Klarinettisten des Leipziger Gewandhauses, Hans Berninger, mit dem Studium der Klarinette. Inwieweit haben diese besonderen Zeitumstände Ihren Zugang zur Musik, Ihr Verständnis von Musik als Ausdrucksform geprägt?

Rolf Kühn: Wir reden jetzt von der Endkriegszeit. – Oh, das hatte bei uns in der Familie noch mit anderen Dingen zu tun! Meine Mutter war Jüdin und wir hatten somit damals sehr große Schwierigkeiten. Und auch die Musikstunden, die ich hatte … dieser Klarinettist vom Gewandhaus, Hans Berninger, hätte mich gar nicht unterrichten dürfen! Mag sein, er hat wohl ein "bisschen Talent gerochen." Jedenfalls hat er mich heimlich unterrichtet. Genauso wie es mein Klavierlehrer tat, der für mich gleichzeitig Lehrer für Musikgeschichte, Musiktheorie, Kompositionslehre und mehr war.

Rolf Kühn

Ich wünschte nur, ich wäre damals ein bisschen fleißiger gewesen. Auf der Klarinette habe ich nämlich nur einmal die Woche geübt, eine Stunde, bevor ich zum Unterricht gegangen bin. Das hat selbstverständlich nicht genügt. Mein Lehrer, der schlaue Fuchs, hat das natürlich sofort gemerkt und oft mit mir geschimpft. Das half für ein paar Tage. Aber der eigentliche Drang des Übens und das Einsehen der Wichtigkeit des Übens, das kam später: Als ich schon im Orchester war, im Tanzorchester Leipzig, bei Kurt Henkels, da habe ich dann meine sechs, sieben Stunden pro Tag geübt – mit kaputten Lippen, mit allem drum und dran.

Nun, der, nennen wir es mal "Druck", der damals bestand - besonders für unsere Familie - hat natürlich im Unterbewusstsein auch das Gefühl erweckt, du musst es irgendwie schaffen. Es ging dann ja auch gleich nach dem Krieg los; ich spielte in einem Lokal in Leipzig, dem einzigen Lokal, in dem Livemusik stattfand. Ein paar Monate später kam der eben erwähnte Kurt Henkels, der nämlich gerade für den Mitteldeutschen Rundfunk ein Orchester zusammenstellte: das Tanzorchester des MDR. Henkels hörte und engagierte mich. Aber witzigerweise nicht, weil ich Klarinette spielte oder Saxophon – sondern er wollte einen guten Akkordeonisten haben!

Und ich war damals zur gleichen Zeit Akkordeon-Spieler. Ich spielte also in dieser Tanzband z.B. bei Tangos das Akkordeon, was durch meine Klavierkenntnisse recht gut ging. Deshalb wurde ich engagiert. Ich merkte aber an, dass ich eigentlich Klarinette spielen wolle: "Na ja, kannste ja auch … manchmal," entgegnete Henkels mir. So hat sich das entwickelt. Das mit dem Akkordeon wurde immer weniger, dafür dann Klarinette immer mehr.

Carina: Für das aktuelle gemeinsame Geburtstagsalbum mit Ihrem Bruder Joachim fiel die Wahl auf Standards, genauer auf "Lovesongs". Wie kam die Auswahl der Stücke zustande, wer hat welche Rolle im Entscheidungsprozess für dieses Album gespielt? Und inwieweit kann man "Free Love" als eine Art Quintessenz der Platte sehen – die einzige Eigenkomposition?

Rolf Kühn: Wir hatten schon lange vor, so ein Album aufzunehmen. Und es hat sich im Tonstudio Trelde, unserem Leib- und Magenstudio ergeben, dass wir beide da zu tun hatten und anfingen, zu improvisieren. Ich sagte, Joachim, was hältst du davon, wir bleiben noch ein, zwei Tage da und spielen einfach?! – Und genau das haben wir gemacht. Meist übrigens liegen zwischen den Gelegenheiten, zu denen wir zwei miteinander Musik machen, große Abstände. Dass es stets wieder so gut klappt, hat damit zu tun, dass wir uns gut kennen; es funktioniert immer auf Anhieb.

Rolf Kühn

Und ich denke mal, diesen Standards, die man schon so oft gehört hat, den eigenen Stempel aufzudrücken, das ist sicherlich der Sinn einer solchen Produktion. Man fragt sich, wie soll man die jetzt interpretieren … oder fragt sich, wie würde Buddy DeFranco das vielleicht interpretieren? Zusammen mit, na, etwa Chick Corea. Das hat enorm viel Spaß gemacht. Nebenbei haben wir, glaube ich, einige der anspruchsvolleren Standards ausgewählt – und das macht natürlich eine ganz besonders große Freude.

Unser eigenes Stück "Free Love" ist eigentlich mitten in der Nacht entstanden; so um drei oder vier Uhr früh. Wir waren eigentlich fertig – wir hätten auch so genug Titel gehabt – aber wir sagten, okay, jetzt improvisieren wir vollkommen frei! Wir wussten nicht, was wir genau tun sollten und haben einfach gespielt. Ich denke, dabei ist eine ganz interessante Mischung entstanden, die man auch nicht wiederholen kann. Und das ist für mich genauso reizvoll, als wenn man den Rahmen der Standards hat: sie auseinandernimmt und wieder zurückfindet …

Carina Prange

CD: Rolf Kühn - "Bouncing With Bud" (In+OutRecords 77061-2)

Rolf Kühn im Internet: www.rolf-kuehn.de

In+OutRecords im Internet: www.inandout-records.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2006
erschienen: 19.2.2006
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