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Nils Wülker
- "Jetzt bestimme ich die Spielregeln!"

Für den Trompeter Nils Wülker war es nur ein winziger Schritt: weg vom Major-Label-Vertrag bei Sony hin zur eigenen Plattenfirma "Ear Treat" Records und einem neuen Album. "My Game" heißt denn auch passenderweise die neue CD des 28-jährigen, inzwischen in Hamburg lebenden Musikers, der nun die Dinge selbst in die Hand nimmt.

Nils Wülker

Und, wie der Name des Labels bereits andeutet, die Musik schmeichelt tatsächlich den Ohren – ein Streichquartett und die sinnliche Stimme der Gastsängerin Torun Eriksen erweitern das Klangspektrum des alteingespielten Nils Wülker Quintetts aufs Passendste...

Carina Prange sprach mit Nils Wülker in Berlin

Carina: Es liegt jetzt zwar schon eine Weile zurück, aber dennoch will ich an dieser Stelle nachfragen: Wie kamst du zu dem Spacenight-Projekt und wie haben sich dieses Projekt und die damit zusammenhängenden Konzerte auf deinen Bekanntheitsgrad und dein musikalisches Selbstbewusstsein ausgewirkt?

Nils: Die "Spacenight" war ja stets ein rein elektronisches Projekt gewesen; die Musik bestand aus Compilations, es gab nichts eigens Geschriebenes. Zum zehnjährigen Jubiläum wollten die Macher der Spacenight aber etwas gänzlich anderes haben. Es sollte etwas extra für die Sendung Komponiertes und Produziertes sein. Die Idee kam auf, etwas mit Jazz zu machen und man tat sich in Deutschland um, schaute, wer dafür in Frage käme. Auf Grund meiner ersten Platte, der "High Spirits" haben sie sich nach ein paar Treffen für mich entschieden.

Und um das wirklich richtig abzugrenzen, war meine Idee, das Ganze komplett akustisch zu machen; ich wollte beweisen, dass es so auch funktioniert – viel naheliegender wäre ja ein elektronisches Projekt gewesen! Und dann sind wir richtig viel getourt, das war für die Livepräsenz eine gute Sache. Die Platte ist ja auch sehr, sehr gut angenommen und besprochen worden. Ob sich das aufs Selbstbewusstsein ausgewirkt hat, kann ich gar nicht sagen…

Nils Wülker

Carina: Dein Jazz ist immer am Rande des Pop, bewegt sich oft auf sehr soften Pfaden. Wo siehst du dich da selbst, bist du inzwischen eher ein Jazzmusiker, der auch vom Pop inspiriert wurde oder ein Popmusiker, der Jazz spielt?

Nils: Nee, nee, ich sehe mich schon wirklich als im Jazz verwurzelter Musiker! Was manchen wohl an Pop erinnert, sind die sehr eingängigen Melodien. Die sind mir äußerst wichtig – dabei meine ich nicht deren Eingängigkeit, sondern dass es große, tragfähige Melodien sind. Ebenfalls poporientiert ist des weiteren die Geschlossenheit der Themen. Und dass alles stark arrangiert ist; wir arbeiten verstärkt an den kleinen Details und das ist bei gutem Pop ja ebenfalls der Fall. Dort wird häufiger über jeden Ton nachgedacht: dient der jetzt der Melodie, bringt es das nach vorne oder nicht?

Und für mich ist das ein Ansatz, den ich an solcher Musik mag – im Jazz ist es ja manchmal doch immer noch so, dass Kompositionen eher Vehikel für Improvisationen sind. Diese Detailarbeit ist es, denke ich, die uns mit dem Pop verbindet – und teilweise auch ein paar Grooves. Andererseits, und was keinesfalls Pop ist: in den Harmonien ist alles besser ausgeklügelt; vermutlich habe ich inzwischen eine eigenständige Art zu schreiben. Die ist harmonisch aber eher von beispielsweise Maria Schneider beeinflusst als von Popmusik.

Was das Softe, das Lyrische angeht, würde ich sagen, das liegt mir einfach. Ich habe früher viel mehr wie Woody Shaw oder Freddie Hubbard gespielt; ich dachte immer, irgendwann klinge ich genauso wie die! Aber je weniger ich mir einen Kopf darüber machte, wie ich klingen möchte und einfach nur das spielte, was ich im Moment wollte, um so mehr kam ich zum Lyrischen. Das liegt mir sehr – gerne verbunden mit spielerisch modernen Harmonien, aber im Vordergrund steht die Entwicklung und Fortführung melodischer Ideen!

Nils Wülker

Carina: Wer sind heute deine Heros, deine musikalischen Helden?

Nils: Ja …, die richtige Größe ist für mich nach wie vor Miles Davis – und er ist inzwischen von den Trompetern der einzige, den ich mir noch oft anhöre. Ich habe früher beim Hören von Musik sehr auf Trompeter geachtet, was ja wohl normal ist! Inzwischen bin ich nicht mehr so trompetenfixiert, nicht einmal unbedingt jazzfixiert. Und wenn ich mir irgendwo aus der Musik von Jazzern etwas herziehe, dann eher von Nicht-Trompetern.

Am Anfang ist es sicher richtig, viel Trompetenjazz zu hören, aber irgendwann läuft man Gefahr, leider sehr "trompetentypisch" Trompete zu spielen. Man kommt dann mit etwas Pech schnell in Klischees rein: da kannst du mir ein aufnotiertes derartiges Solo zeigen und ich bräuchte nur die Noten anschauen und wüsste, klare Sache, das hat ein Trompeter gespielt. Von daher ist es für einen Trompeter gut, sich mal mit Pianisten oder Saxophonisten auseinanderzusetzen – oder mit Sängern, wenn es um die Phrasierung von Themen geht.

Miles ist also einer meiner "ewigen Helden", aber ich höre auch eine Menge Pop. Ein paar Namen tauchen dabei immer wieder auf, Erykah Badu beispielsweise. Die ganzen Soul- und Nu-Soul-Geschichten interessieren mich, auch Gitarrenkram oder Klassik: Strawinsky, Bartok, sowas höre ich immer gerne. Und im Jazzbereich ist nach wie vor Kenny Wheeler dabei…

Nils Wülker - "My Game"

Carina: Dein neues Album hast du ganz im Alleingang eingespielt, obendrein erscheint es auf deinem eigenen Label. Wie kam es zur Idee, ein eigenes Label zu gründen? Warum gerade der Name "Ear Treat"-Records? Und bei der CD: "My Game" – steckt dahinter auch mehr als nur ein Titel?

Nils: Ich war ja vorher bei Sony unter Vertrag … nun, Sony hätte die neue Platte eigentlich auch noch machen wollen, aber in letzter Zeit ist von der Promoseite her doch einiges nur halbherzig umgesetzt worden. Das war wohl nicht nur bei mir der Fall, sondern insgesamt bei Sony Jazz. Und ich habe einfach Bauchschmerzen bekommen, hatte das Gefühl, ich stecke da soviel Energie und Herzblut in eine Sache, bei der nicht viel passieren wird. Und dafür ist mir die Musik zu schade!

Nun stand es also an, zu überlegen, was sich für Alternativen bieten. Ich stellte fest, dass ich alles selbst machen kann – bis auf Promotion und Vertrieb. Also, dachte ich, hole ich mir doch für diese beiden Bereiche Leute, mit denen ich gerne zusammenarbeiten möchte und kann mir meine Partner auch noch selbst aussuchen. Was den Labelnamen "Ear Treat" angeht – das englische Wort "Treat" bedeutet ja einen Leckerbissen, ein Appetithäppchen, was auch immer. Also eine "Leckerei fürs Ohr" – na, hoffentlich jedenfalls! (lacht)

Nils Wülker

Der CD-Titel "My Game" hat zwei Bedeutungen. Einmal, dass die Platte musikalisch eben "mein Ding" ist. Sicher, das war meine Musik vorher auch, aber ich bin immer mehr dahin gekommen zu sagen, ich habe meinen Sound gefunden – und meine Mitmusiker bestätigen mir das regelmäßig. Mein Wunsch war es schon lange, meine Musik mit Gesang zu verbinden … und ich wollte immer mal etwas mit Streichern machen! Und da ich bei dem Projekt alle Regeln selbst aufstellen konnte, habe ich das einfach getan. Auch für das Drumherum habe ich, mit dem eigenen Label, ebenfalls die Spielregeln selbst bestimmt - deswegen eben, von vorn bis hinten: "My Game".

Carina: …wo du gerade davon sprichst: Warum schien dir der Einsatz eines Streichquartetts passend und wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Sängerin Torun Eriksen?

Nils: Streicher sind eine unglaublich tolle Farbe, es macht großen Spaß mit Streichern zu spielen. Man hat nahezu das Gefühl, man müsse selber gar nichts mehr spielen, das trägt einen total. Als die Besetzung der Streicher zur Debatte stand, war klar, dass ein Streichquartett logistisch einfacher zu meistern wäre als ein ganzes Orchester. Und ein Quartett kann kraftvoll klingen und trotzdem intim, das erschien mir als die perfekte Ergänzung zur Band. Außerdem macht es Spaß, für Streicher zu schreiben; man hat immer diese vier Stimmen und kann viel mit Bewegungen innerhalb der Streicher arbeiten … die Arrangements sind ja alle von mir.

Und was Torun Eriksen betrifft: etwas mit Gesang zu machen, wollte ich immer ausprobieren. Ich habe öfter mit Sängern gearbeitet, aber nie in meiner Band und mit meiner Musik. Torun singt bei zwei Songs: "Ask me" ist etwas poppiger, "That's how I know" entspricht harmonisch eher einem Instrumental mit Gesang – bei letzterem hat mich gereizt, auszuprobieren, wie das mit Stimme funktioniert.

Der Haken bisher war, dass ich keine Leute gefunden habe, von denen ich das Gefühl hatte, das ist es! … ich bin wohl ziemlich pingelig, was Sänger angeht; mich muss das berühren und ich muss jemandem glauben, was er singt. Obendrein ist es eine Klangfarbengeschichte, ich wollte, weil sich das besser mit der Musik verzahnen würde, eher einen männlichen Sänger oder eine Frau mit einer tieferen Stimme. Und das habe ich in Torun alles gehört. Jens, unser Schlagzeuger, hatte mir die Platte empfohlen als wir darüber sprachen: "Musst du dir unbedingt anhören, die Platte!", sagte er. Tat ich also. Bingo, das war es!

Nils Wülker

Carina: In deinen zusätzlichen Funktionen als Labelchef, Produzent, Komponist und so weiter musst du, quasi im Multitasking, vielfältige Aufgaben bewältigen. Schon als Musiker hast du dich stets als "Mann der Praxis" bezeichnet, als jemanden, der viel spielt - setzt du analog so nun auch die organisatorischen Belange um?

Nils: Also, ich bin kein Kontrollfreak, ich ziehe das nicht alles an mich! Aber natürlich habe ich mir damit jetzt eine Menge mehr Arbeit am Hals. So etwas hat mich aber noch nie abgeschreckt. Booking mache ich Gott sei Dank nicht selbst, dafür habe ich eine Agentur – darauf könnte man sonst durchaus viel Zeit verwenden. Was Koordinationsarbeit angeht, habe ich wirklich eine Menge zu tun, aber andererseits macht es auch Spaß, weil ich weiß, wofür ich es tue.

Der Begriff "Multitasking" trifft es auf alle Fälle – der Aufmerksamkeitsschwerpunkt verändert sich jeweils: bei der Vorarbeit zur Platte war ich hauptsächlich Komponist und Produzent, im Studio dann Trompeter und Produzent, danach bin ich halt Labelchef. Ansonsten kriege ich aber sehr viel zusätzliche Unterstützung – von Freunden und Leuten, denen die Platte gefällt und die ganz aktiv sind.

Carina: Flügelhorn und Trompete sind nach wie vor deine Instrumente. Hat sich spieltechnisch in den letzten Jahren etwas verändert? Wohin legst du in dieser Hinsicht derzeitig deinen Schwerpunkt?

Nils: Ein Schwerpunkt ist, dass ich relativ viel Übungen mit Bezug zur Spieltechnik mache - ich habe hierfür ein bestimmtes, kontinuierliches Procedere, das ich regelmäßig durchziehe. Das Ziel muss jedoch sein, in dem Moment, wo man Musik macht, all dies komplett zu vergessen. Viel zu üben ist gut, aber man muss das Ganze völlig verinnerlicht haben, sonst steht es einem im Weg. Ansonsten, was das Üben betrifft, wenn man einen gewissen Level erreicht hat, was ich von mir behaupte, dann geht es eher darum, sich selbst kritisch zuzuhören.

Ich habe immer Phasen, in denen ich viel übe und dann wieder solche, in denen ich merke, dass mir Üben nicht viel weiterhilft. Dann muss ich mehr spielen und versuche, auch zuhause für mich, nur Musik zu machen. Teilweise lege ich irgendwelche Platten auf und spiele dazu - und zwar zu ganz unterschiedlicher Musik. Mir ist dann egal, ob ich zu einer Klassik- oder einer Popscheibe spiele.

Da ich auf der Trompete weit gefächerte Ausdrucksmöglichkeiten besitze, geht es bei mir eher darum festzustellen, wo Schwachpunkte liegen. Hier sind wir wieder beim "sich selbst kritisch Zuhören": Ich nenne das für mich "Projektarbeit", nehme mir Einzelaspekte vor, von denen aus ich versuche zu arbeiten.

Es ist wichtig, irgendwann sein eigener Lehrer zu werden! Du musst dich selbst unter die Lupe nehmen, wie ein Lehrer seinen Schüler. Bei mir ist es ohnehin so, ich bin ziemlich schnell genervt von dem, was ich spiele. Bekomme ich das Gefühl, oh Mist, ich wiederhole mich auf den Phrasen rhythmisch dauernd – wobei man da natürlich eine übersteigerte Wahrnehmung entwickelt! – dann nehme ich mir vor, sowas jetzt nur noch übungshalber zu spielen. Oder eine Weile lang überhaupt nicht mehr.

Wenn ich den Eindruck habe, die eine Sache verinnerlicht zu haben, nehme ich mir eine andere vor. Beispielsweise stellte ich irgendwann fest, ich spiele viel zu viele Verzierungen: Ich bin das Thema angegangen, habe mich selber gezwungen, Phrasen zu spielen, die darauf ganz und gar verzichten.

Nun, inzwischen verwende ich wieder mehr Verzierungen. Man pendelt da immer zwischen zwei Polen. Aber sich selber ab und zu von außen zu betrachten, ist äußerst wichtig! Sobald du allerdings auf der Bühne oder im Studio stehst, musst du diesen Teil wieder außen vor lassen, dann geht es darum, sich in die Musik einzustimmen.

Nils Wülker

Carina: Es war bei dir immer so, dass sich der Einsatz von Trompete und Flügelhorn ziemlich die Waage gehalten haben. Ist das weiterhin so geblieben?

Nils: Ja, das ist immer noch so ungefähr "fifty-fifty". Nach wie vor bin ich nicht der Typ, der das Flügelhorn nur für die Balladensoli rausholen würde, nach dem Motto "weil die Leute da einen wärmeren Sound haben wollen". Ich versuche, auf beiden Instrumenten variabel zu sein, gehe sie aber spielerisch verschieden an.

Das Flügelhorn spiele ich ein wenig linearer; die Trompete vielleicht mit etwas größeren Intervallen und eher kürzeren Phrasen. Außerdem mache ich auf der Trompete mehr Tonebending und -shaping: Töne ziehen, mal mehr, mal weniger. Ab und zu wechsle ich zwar auch innerhalb von Stücken, aber irgendwie ist es letztendlich eine Bauchgeschichte. Wenn ich ein Stück vor mir habe, "fühle" ich sozusagen: hier gehört jetzt Trompete drauf … oder dort Flügelhorn!

Carina Prange

CD: Nils Wülker - "My Game" (Ear Treat Music ETM201)

Nils Wülker im Internet: www.nilswuelker.com

Fotos: Steven Haberland

Mehr bei Jazzdimensions:
Nils Wülker - "Aufsteiger mit Bodenhaftung" - Interview (erschienen 25.6.2003)
Nils Wülker Space Night - "Vol. 10 Jazz" - Review (erschienen 23.10.2003)

© jazzdimensions 2006
erschienen: 9.4.2006
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