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Mikis Theodorakis - "Die Musik des Widerstands"

Im Juli vergangenen Jahres feierte Mikis Theodorakis seinen 80. Geburtstag. In seinem Heimatland ist der griechische Sänger und Komponist eine Ikone und hat im Rahmen eines beeindruckend umfangreichen Lebenswerks die griechische Musik mit einer Vielzahl von Kompositionen, darunter viele Lieder, aber auch Orchesterwerke, Sinfonien und Opern, bereichert. Im Ausland am bekanntesten mag Theodorakis allerdings durch seine Filmmusiken sein, mit denen Klassiker wie "Alexis Sorbas" untermalt sind.

Mikis Theodorakis

Eine große Anzahl seiner, ebenfalls weltbekannten, Lieder wurden in nahezu sämtliche Sprachen übersetzt. Interpretiert wurden und werden sie von Künstlern überall auf der Welt – so veröffentlichte beispielsweise die in Berlin lebende Sängerin Jocelyn B.Smith mit "Margarita" (Blondell Prod./edel, 2000) ein Album mit Theodorakis-Songs – für einen darunter gewann sie Theodorakis selbst als Duettpartner.

Immer erscheint der Mensch Theodorakis auch als politische Figur; Politik und Privates, sagt er, seien für ihn untrennbar verbunden. Schon als junger Mann war er Teil des griechischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung von 1941 bis 1944 und lehnte sich folgerichtig Ende der 60er Jahre wiederum auch aktiv gegen die griechische Militärdiktatur auf. Mehrfach war er Gefangenschaft und Folter ausgesetzt, an deren Folgen er noch Jahre später litt.

Stets für Völkerverständigung kämpfend, geriet Theodorakis lediglich einmal negativ ins Rampenlicht, als ein aus dem Kontext gerissenes Zitat in der rechtsgerichteten griechischen Zeitung "Apogevmatini" ihm antisemitische Tendenzen unterschob. Dies fiel nicht sonderlich schwer: Ein Mann der klaren Worte ist Theodorakis immer gewesen; jemand, der nie mit ausdrucksstarken, ja krass deutlichen Formulierungen geizte. Herangezogen wurde eine Aussage Theodorakis' in einer Pressekonferenz anlässlich einer Buchvorstellung, wo er zwar Ariel Sharon kritisierte, nicht aber, wie geschickt unterstellt, das gesamte israelische Volk.

Auch die Liedsammlung auf Theodorakis' aktuell erschienenem Album hat politischen Touch. Die CD nennt sich, so programmatisch wie biographisch rückwärts gewandt, "Resistance" (Widerstand). Auf ihr enthalten sind historische Aufnahmen, die Theodorakis selbst von 1967 bis 1974 in seiner Verbannung während der Militärherrschaft aufgezeichnet hatte: Eine weitere Facette im Werk eines Mannes, der sich stets den Kampf für eine bessere Gesellschaft auf die Fahne geschrieben hat – ein Kampf, der vielleicht nicht gewonnen werden kann, aber der, laut Theodorakis, auch niemals aufgegeben werden darf.

Carina Prange sprach mit Mikis Theodorakis

Carina: Viele von den Liedern, die jetzt auf der CD "Resistance" erschienen sind, haben Sie in jener Zeit, als Sie unter Hausarrest standen, auf Tonband aufgenommen. Wie fühlen Sie sich heute, wenn Sie diese Aufnahmen hören? Waren in jenen schweren Tagen der Gesang und das Vortragen der Lieder für Sie auch eine seelische Stütze?

Mikis: Lassen Sie mich das kurz chronologisch zusammenfassen. Die ersten "Lieder des Widerstands" hatte ich in den Anfangstagen der Diktatur komponiert, als ich mich in der Illegalität bei Freunden versteckt hielt; das war Mai 1967. Das Werk "Belagerungszustand" entstand dann im Sommer des darauffolgenden Jahres in meinem Landhaus in Vrachati, wo ich unter Hausarrest stand. Ein weiteres Jahr später, als ich schließlich in Zatouna, auf den Bergen von Arkadien, in der Verbannung war, entstand das Werk "Marsch des Geistes".

Sie wollen wissen, wie ich mich heute fühle, wenn ich die Aufnahmen höre? Wenn ich an diese Zeit denke, mich frage, wie ich jene Momente überleben konnte? Mir wird geradezu schwindlig … Und wie viele und was für Ereignisse danach noch folgen sollten!

Sicher, in jener Zeit habe ich auch andere Arten von Musik geschrieben; ich habe immer das Bedürfnis, zu komponieren, unabhängig von den Umständen unter denen ich gerade zu leben gezwungen bin. Damals natürlich auch aus dem Motiv heraus, dass ich überzeugt war, die beste Antwort auf die Tyrannei sei die geistige und künstlerische Kreativität. Daraus schöpfte ich selbst meine Kraft. Und so, hoffe ich, gab ich die Kraft gleichzeitig auch meinen Landsleuten.

Mikis Theodorakis

Carina: Ihr Werk umfasst Musik in all ihren Aspekten – sowohl sinfonische Musik als auch Film- und Theatermusik – und natürlich, nicht zu vergessen: griechische traditionelle Musik. In diesem Zusammenhang fand das Konzept der "Metasinfonik" Eingang in Ihr Werk. Was steckt dahinter, wie würden Sie diese Idee beschreiben oder definieren?

Mikis: Ich möchte vorausschicken, dass die Musik meiner Ansicht nach in zwei Sphären zerfällt. Der ersten Sphäre gehört die Musik an, die Sie "Folklore" nennen, worunter man eigentlich eine traditionelle, lokale, ethnische Musik aus alter Zeit versteht. Diese Definition trifft, vor allem in ihrem letzten Teil, für Griechenland nicht zu. Unsere so genannten "Volkslieder" sind nicht überliefert, sondern sind lebendige Lieder, geschrieben von bekannten Komponisten. Sie sind auch überhaupt nicht verwandt mit aktuellen leichtgewichtigen Liedern zur Zerstreuung, zum Tanz - jenen gewöhnlichen "Eintagsliedern", deren Daseinsgrund heute lediglich darin besteht, die weltweite Unterhaltungsindustrie zu erhalten. Weil sie nur dazu dienen, die Sorgen des Alltags zu überspielen, pflege ich, sie die "Lieder des Vergessens" zu nennen. Die griechischen Volkslieder sind dagegen "Lieder der Erinnerung"; sie sind, genau wie das deutsche Kunstlied, Schöpfungen bedeutender Dichter.

Mit anderen Worten: Griechenland besitzt eine lebendige Musiktradition auf einem hohen ästhetischen Niveau. Nur, dass die Form dieser Musik das Lied ist: Das Lied lebt noch heute im griechischen Volk. Wenn es der Zweck der Musik ist, tiefe menschliche Empfindungen auszudrücken, uns zu Höhepunkten des ästhetischen Genusses zu führen, dann hat es das griechische Lied in den letzten sechzig Jahren geschafft, unser Land in einen imaginären Konzertsaal zu verwandeln, in dem einige Hundert melodischer Kunstwerke ein ganzes Volk als Auditorium haben: Auch dort, wo Sie es nicht erwarten, werden Sie hier Leute treffen, die poetische Texte von großen zeitgenössischen Dichtern hören und singen! Und, nicht zu vergessen, zwei von diesen Dichtern sind mit dem Nobelpreis geehrt worden.

Diese musikalische Realität muss für diejenigen unverständlich bleiben, die meinen, die einzig gültige Musik sei jene verfeinerte Form, die in den Konzertsälen vor auserwähltem Publikum gespielt würde. Aber hier, in dieser Verfeinerung - um zu den zwei Sphären zurückkommen – beginnt für mich der zweite Bereich der Musik. Weil aber der erste Bereich, die zeitgenössische volkstümliche Musik, in Griechenland als Einziges die Liedform kennt, müssen wir, um in den zweiten Bereich zu gelangen, ohne diese lebendige Musik inhaltlich zu verlassen, die Suche nach ihr entsprechenden neuen Formen aufnehmen.

Ich für mich habe daher vorwiegend die Form des Oratoriums und der Kantate gewählt. Grundlage ist stets ein Chorgesang, der mit symphonischen Instrumenten und solchen aus der Volksmusik begleitet wird. Ich tat dies aus zwei Gründen: Erstens natürlich, weil die Hinzunahme der menschlichen Stimme die Freunde meiner Lieder nicht irritieren würde, zweitens aber, weil ich in der Übergangsphase von der einfachen Form des Liedes zur komplexeren Form, wie der des Oratoriums, die Anwesenheit des Wortes für notwendig halte. Das genau ist das Konzept meiner "metasinfonischen" Musik – eine neue Synthese von Form und Inhalt, aufbauend auf der sinfonischen Musik der - im wesentlichen - europäischen Komponisten.

Mikis Theodorakis

Carina: Gehen wir wieder etwas weg von der Musik. Sie haben sich verschiedentlich für die internationale Verständigung engagiert, z. B. zwischen Griechenland und der Türkei oder zwischen Israel und Palästina. Was ist Ihre Meinung zum Beitritt der Türkei in die Europäische Union?

Mikis: Erstens: Ich halte Frieden für das höchste Gut. Wären der Krieg und die Angst vor dem Krieg nicht, wäre die Menschheit heute eine andere. Dieses gilt umso mehr für einander benachbarte Völker. Für uns Griechen wäre es ein großer Gewinn, wenn die Türkei ein wirklich europäisches Land wird, also ein Land mit Demokratie, das die Menschenrechte achtet. Und vor allem ein Land, das von gewählten Volksvertretern und nicht von Militärs regiert wird! Eine demokratische und wirtschaftlich entwickelte Türkei wäre für uns ein Gottesgeschenk angesichts der Milliarden von Euro, die wir für unsere Verteidigung vergeuden. Zum Ende dieser wirtschaftliche Ausblutung, die uns derzeit noch in die Knie zwingt, käme noch das Faktum, dass wir dann ein freundlich gesinntes Land an unserer Seite hätten! Und das Ägäische Meer würde uns vereinen, anstatt uns zu trennen.

Was wäre zu tun? Ich glaube, der erste Schritt der Türkei in Richtung der Europäischen Union müsste die Anerkennung der Demokratie von Zypern sein, das schon Mitglied der EU ist, und die Entfernung der türkischen Besatzungsarmee aus Zypern, das europäischer Boden ist…

Mikis Theodorakis - "Resistance"

Carina: Wie eng ist in Ihren Augen die künstlerische Tätigkeit mit dem politischen Engagement verbunden?

Mikis: Ich sage das immer so: Politik im breiten Sinne betrifft jede menschliche Tätigkeit. Jeder handelt daher politisch, auch wenn es ihm nicht bewusst ist. Als Beruf ist Politik im großen und ganzen eher für Leute denkbar, die glauben, dafür begabt zu sein: Politiker eben. Diese Trennung zwischen einer "Politik der Bürger" und einer "Politik der Politiker" funktioniert jedoch nur unter – nennen wir es netterweise so – "normalen" Bedingungen.

Wenn, aus welchem Grund auch immer, eine Gesellschaft oder ein Land plötzlich in den Malstrom gerät, jenen Turbulenzen ausgesetzt ist, welche grundlegende gesellschaftliche und nationale Prinzipien wie Demokratie und Freiheit beeinträchtigen, dann reicht die Politik der Politiker nicht mehr aus: Die aktive Intervention und Präsenz der Politik der Bürger selbst wird notwendig. Dann werde auch ich "politisch", wie Tausende andere einfache Bürger. Das ist mein "politisches Engagement" – immer um höchste Ideale zu verteidigen: Friede, Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, die Interessen des Landes und des Volkes.

Mikis Theodorakis

Carina: In der regelmäßigen Rubrik "Ich habe einen Traum" der deutschen Zeitung ‚Die Zeit' erklärten Sie: "In meinem Leben gab es nichts wichtigeres als Musik. Eigentliches Ziel und Zweck war, wie ein kleiner Gott eine eigene musikalische Welt zu erschaffen - unabhängig davon, ob sie Bedeutung hätte oder nicht…"

Mikis: Die Musik ist in meinen Augen diejenige Kunstform, die die Quintessenz der menschlichen Existenz am vollständigsten widerspiegelt. Zu Recht wird sie deshalb die "Grundnahrung der menschlichen Seele" genannt. Die Tatsache, mir sehr früh bewusst geworden zu sein, dass die Musik der wichtigste Grund meines Daseins ist, gab mir Glück und Erfüllung – ich fand gewissermaßen zum Zweck meiner Existenz. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich mich psychisch und intellektuell mit der "planetarischen Harmonie" um mich und in mir identifiziert habe. Und dass ich mein ganzes Leben lang versucht habe, mit meinen Werken und meinem Tun ein organischer Teil dieser Harmonie zu werden.

Überlegungen im Hinblick auf diese Harmonie haben mich schließlich auch in die Mitte des gesellschaftlichen Kampfes geführt. Mein Ziel war und ist die Errichtung einer idealen Gesellschaft, die die harmonischen Gesetze widerspiegelt, welche die Essenz des Lebens bestimmen. Das war auch bestimmend bei der Komposition meiner Werke. Leider ist offensichtlich, dass mein erstes Ziel bisher unverwirklicht ist. Es bleibt noch das zweite Ziel, nämlich, was ich in der Musik erreicht habe.

Ich hatte in der Tat vor, mir etwas wie ein eigenes musikalisches Universum zu schaffen. Deshalb achte ich immer auf eine Beziehung meiner Werke untereinander - kein Werk soll dort "verwaist" allein stehen, sondern alle organisch miteinander verbunden sein. Genau so, wie es bei den Himmelskörpern der Fall ist: alle gehören zu Sternensystemen, die auch ihrerseits Teil anderer "Systemen" sind - wie z. B. das Sonnensystem innerhalb der Galaxis - und die alle zusammen das Universum bilden. Hinter diesen Zusammenhängen steht wiederum das "Große Gesetz", die eben erwähnte Essenz der Harmonie, die das Verhalten und die Beziehungen der Himmelskörper regelt. Und die auch im Mikrokosmos gilt - bis hinunter zu den kleinsten Formen, wie dem Atom.

Carina: Ist die Musik behilflich beim Heilen von Wunden aus dem Alltagsleben? Bietet sie – wenigstens hin und wieder –, eine legitime Fluchtmöglichkeit aus der Realität?

Mikis: Ich sehe es so, dass meine lebenslangen Bemühungen nicht nur keine Flucht aus der Realität waren, sondern selbst die "wirkliche Wirklichkeit" darstellen. Deshalb tut es mir Leid, wenn andere Menschen diese Möglichkeit nicht zur Kenntnis nehmen. Schlimmer noch – wenn sie sie nicht einmal erahnen können!

Mikis Theodorakis

Carina: Wenn Sie argumentieren, geschieht dies oft auf eine sehr emotionale und impulsive Weise, wenn es darum geht, Ihrer Meinung auszudrücken. Wie stark stützt sich Ihre Argumentation auf Intuition und Gefühl? Würden Sie zustimmen, dass Menschen mit einem persönlichen Hintergrund und Erfahrungsschatz vergleichbar dem Ihren, nie zurückscheuen werden, aufzubegehren und dies öffentlich zu machen?

Mikis: Was ich bislang gesagt habe, sollte bereits deutlich gemacht haben, dass ich keine Angst davor habe, meine Ansicht offen zu äußern. Auch dann nicht, wenn sie jemandem "weh" tut. Auch, dass meine Emotionalität und meine Spontaneität mich nicht daran hindern, die Realität mit klarer Logik zu beurteilen.

Sicher, bei einer Biographie wie der meinen wäre es verheerend gelaufen, wenn dem nicht so wäre: Mein ganzes Leben war ja eine Kette von Infragestellungen, Hindernissen und Problemen. Allein durch Gefühlsbetontheit und Spontaneität hätte man darauf keine konstruktive und fortschrittliche Antwort geben können. Oder wollen Sie in Ihrer Frage unterstreichen, dass ich ein Mensch bin, der den Mut hat, ohne Rücksicht auf Folgen und Risiken die eigene Ansicht zu äußern? Das dann vielleicht, weil ich mich nur als ein winzig kleines Rädchen im Getriebe der universalen Harmonie begreife!

Carina Prange

CD: Mikis Theodorakis - "Resistance" (Intuition INT 33782)

Mikis Theodorakis im Internet: www.mikis-theodorakis.net

Intuition Music im Internet: www.intuition-music.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2006
erschienen: 10.11.2006
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