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Charles Lloyd
- "Musik ist nicht korrumpierbar"

Es wohnten schon immer verschiedene Seelen in der Brust des Saxophonisten und Flötisten Charles Lloyd. Jazz wie Rock, Blues und Folk waren bereits Ingredienzen seines frühen, stilistisch noch an John Coltrane orientierten Sounds; die Verbindung dieser unterschiedlichen musikalischen Welten faszinierte Lloyd. Mitte der 60er Jahre verband er folgerichtig erstmalig die improvisatorischen Aspekte der Jazzmusik mit der Rhythmik des Rock. Lloyd war darin in seiner Zeit ein Wegbereiter, kam sogar dem hierfür bekannteren Miles Davis zuvor.

Charles Lloyd (F: Dorothy Darr)

Nach den großen Erfolgen der sechziger und siebziger Jahre blieb der Musiker zwei Jahrzehnte der Öffentlichkeit fern, widmete sich philosophischen Studien und vertiefte sich in die Lehren der indischen Musik. Er wurde Schüler des Maharishi Mahesh Yogi und selbst Lehrer der transzendentalen Meditation. Die Intensität und Selbstreflexion dieser Jahre fließen in seine seit 1989 wieder in regelmäßigen Abständen aufgenommenen Alben ebenso mit ein, wie in seine Lebenseinstellung und spirituelle Ausstrahlung.

Lloyd, der mit seinem neuen Werk "Sangam" (ECM, 2006) aufs Neue seinen einmaligen Ton am Saxophon dokumentiert und in seinem Quartett intensive Kommunikation und Interaktion pflegt, ist Humanist, Weltverbesserer und gläubiger Mensch zugleich. Nie verschloss er sich den großen Fragen der Menschheit, nie verzichtete er auf das politische Statement zum Geschehen auf dieser Erde. Auch sein Konzert beim Jazzfest Berlin eröffnete Charles Lloyd exemplarisch – mit dem Martin-Luther-King-Zitat "If you see yourself in others, how can you do them any harm?"

Carina Prange sprach mit Charles Lloyd beim Jazzfest Berlin

Carina: In Ihrem Werk neigen Sie immer zur Grenzüberschreitung was Genredefinitionen betrifft, aber durch die Einbeziehung vielfältiger weltmusikalischer Einflüsse.

Charles Lloyd: (lacht) Ich liebe die Musik, so einfach ist das. Und wenn man Musik wirklich liebt, dann liebt man viele Arten von Musik. Und Grenzen? Ich ziehe nirgends eine Demarkationslinie; was mich bewegt, ist immer die musikalische Qualität. Höre ich etwas und es berührt mich, dann ist es mir gleich, ob es Blues ist oder Wagner. Daher sage ich einfach, dass ich "die Musik" liebe.

Charles Lloyd (F: Dorothy Darr)

Carina: Ziehen Sie ihre Inspiration aus ihrem gesamten Umfeld, aus der Welt, dem Universum an sich?

Charles Lloyd: Diese Welt, auf der wir leben, ist eigentlich sehr klein. Vor jeder Tournee, die ich mache, kommt mir der Gedanke: Auch ich selbst bin ja nur ein Geistwesen, bin in Menschengestalt auf der menschlichen Reise. Wir sind alle Kinder der Unendlichkeit, unseren Teil der Göttlichkeit tragen wir per Geburtsrecht in uns.

Wir müssen unseren Weg durch das uns auferlegte Labyrinth finden, den Weg, der uns, wenn wir Glück haben, ans Licht führt. Als Abglanz dieses Lichts betrachte ich die verschiedenen Kulturen, die uns umgeben – ein immer gleiches Lied, nur in verschiedenen Sprachen und auf unterschiedliche Weise gesungen. Ich fühle mich geehrt und gesegnet, dass ich in diesem Leben ein Musikschaffender sein darf. Ich schreite voran, inspiriert durch die Musik. Meine persönliche Welt wird dadurch reicher und genau das will ich auch an andere weitergeben.

Charles Lloyd (F: Paul Wellmann)

Carina: Die Musik, Einfühlungs- und Empfindungsvermögen, Echtheit und Schaffenskraft – wie das alles Ihrer Meinung nach miteinander verbunden?

Charles Lloyd: (lacht) Empfindsame Seelen sind wir alle. Lediglich… wie sag' ich das… die Art und Weise, wie sich das im Ausdruck manifestiert, hängt von der Person ab, von ihrer Erfahrung und ihrer Sicht auf das Leben. Echtheit oder Authentizität, das ist wieder etwas anderes. Ich denke in Kategorien von Klang und Stille. Am Anfang steht der Klang. Es muss ein guter Klang sein. Mir geht es immer um den Klang.

Insgesamt bin ich der Meinung, wenn man zu sich ehrlich ist, ernsthaft arbeitet und in der Spur bleibt, dann findet man seinen Weg. Jeder findet seinen eigenen, das ist nicht für alle gleich. Aber am Anfang, wenn man irgendwohin will, muss der Klang stehen. Das haben mir seinerzeit schon die Alten gesagt, ein guter oder ein großer Klang sei das Allerwichtigste. Denn, egal wieviele Töne du spielst, wenn dein Klang nicht dich selbst und den Hörer anrührt, dann bedeutet es nichts. Es ist also eine Vorbedingung, sich auf den Klang zu konzentrieren – man kann das üben, aber es ist schwer.

Was Authentizität angeht – ich habe bereits ein Problem bei der Definition des Begriffes. Mit Worten ist das so eine Sache. Wenn ich "Klang" sage, dann steht für mich dahinter ein ganzes Universum. Wenn ich Klang höre, dann kann mich das anrühren, unabhängig beispielsweise von Sprache. Ein Sänger kann mich erreichen, auch wenn ich die Sprache, in der er singt, nicht verstehe. Er kann mich sogar in einem Ausmaß anrühren, dass ich das nicht beschreiben kann. Worte dagegen bedeuten immer etwas anderes, auch das Wort "Authentizität". Sprache ist korrumpierbar. Ich verlasse mich daher nicht sonderlich auf Worte. Die Musik dagegen drückt Zustände aus, Seelenzustände. Man kann alle möglichen Leute in einem Raum zusammenbringen und ihnen Musik aus aller Herren Länder vorspielen – und alle werden auf die gleiche Weise berührt. Das ist meine Erfahrung. Darauf kann man immer zurückkommen.

Charles Lloyd - "Sangam"

Carina: Wie steht das in Verbindung zur Kreativität?

Charles Lloyd: Kreativität – nun, die ist eigentlich jedem gegeben. Dem einen mehr als dem anderen; mancher hat davon einfach mehr abbekommen. Das mag für ihn ein Segen sein, vielleicht aber auch nicht. Aber nochmals: wenn du Musik liebst und machst, dann kannst du es nur auf deine eigene Weise tun.

Ich wuchs in einer Kultur auf, wo ich schon als Jugendlicher mit dieser uramerikanischen Kunstform namens "Jazz" in Berührung kam. Es waren viele große Musiker in meiner Nachbarschaft. Ich war nicht immer glücklich damit, dort im Süden geboren zu sein, aber diese großen kreativen Meister haben mich stets darüber hinweg getröstet. Dass ich zu meinen Lebzeiten solch ein "goldenes Zeitalter" habe mitmachen dürfen, ist ein Segen: den ganz Großen zuhören dürfen, ihre Musik spüren und viele von ihnen persönlich zu kennen… Und auch das bedeutet "Authentizität": auf den Schultern der Vorgänger zu stehen und dadurch auf ihnen aufzubauen. Das wichtigste aber – sehen Sie, ich komme von allein zum Thema zurück! – ist, das man Musik macht, weil man sie liebt, und aus keinem anderen Grund. Dass man sich einhüllen lässt von ihrem Wesen und Wirken – dann beschützt sie einen auch.

Ich liebe das Transzendente. Das Unmögliche versuchen. Männer, die sich Flügel wünschen und dann tatsächlich fliegen. Das ist groß! Charlie Parker – für mich ist er ein Inbegriff von Modernität, von Invention, vom Wissen über die Dinge und von Brillanz des Geistes. Als ich Johann Sebastian Bach hörte, bemerkte ich Ähnlichkeiten; beide waren auf ihre Weise große Klangarchitekten, befanden sich auf einer göttlichen Ebene. Wer weiß, vielleicht ist ein reinkarnierter J. S. Bach als Charlie Parker zurückgekommen… – nein, ich glaube das nicht wirklich, ich rede nur! (lacht) Bremsen Sie mich bitte, wenn ich unverständlich werde!

Carina: Nein, nein, fahren Sie fort!

Charles Lloyd: Was die Dinge insgesamt angeht, fühle ich oft Beklemmung. Mein Bild der Welt besagt, dass wir hier sind, um Gott zu erkennen. Für die Gesellschaft steht gerade das nicht im Vordergrund; sie gründet, wie man sieht, hauptsächlich auf Sexualität und Materialismus. Das Universum ist natürlich ebenfalls Materie und hierarchisch aufgebaut. Das impliziert auch einiges in bezug auf Gesellschaften – wer wen unterjocht, was die Dinge bewegt. Wer herrscht, kann kein Heiliger sein, zugegeben – deshalb gebt meinetwegen dem Kaiser, was des Kaisers ist. Aber bitte gebt auch Gott, was Gottes ist. Schon als ich ein junger Mann war, hat mich die Unmenschlichkeit des Menschen dem Menschen gegenüber verstört. Das tut sie noch immer.

Charles Lloyd (F: Paul Wellmann)

Wie es da überhaupt einen Fortschritt geben kann, frage ich mich manchmal. Aber gleichzeitig ist es an mir, dafür zu sorgen, und an jedem einzelnen von uns! Jedes Individuum soll nach vorwärts streben. Aber so wie die Welt ist, leben gerade die Empfindsamen gefährlich, müssen sich einen Panzer zulegen. Das geht wiederum auf Kosten der Empfindsamkeit. Der Panzer kann aber ebenso in einer erhöhten Aufmerksamkeit bestehen, in einem Grad von verstärkter Wachheit. Sich nicht einlullen lassen, nicht verführt werden. Denn, sage ich immer, das Leben ist eine Schule, durch die wir gehen. – Was das mit Musik zu tun hätte, fragen Sie jetzt sicher, nehme ich an?

Carina: Richtig, was hat das mit Musik zu tun?

Charles Lloyd: Mich hat sie geleitet: Hier entlang ... nicht dort entlang! Als junger Mann war noch wild, lebte auf der Überholspur, genoss den Rausch des Nachtlebens und der Drogen. Das Suchende in mir, zu meinem Glück, war stärker als der Abgrund. Und Exzess bedeutet meist nichts anderes als Schmerz. Man sieht Schmerz. Man fühlt Schmerz.

Vor einer Weile spielte ich auf einem Festival in Frankreich, welche Stadt genau, habe ich vergessen – etwa eine Stunde von Paris entfernt. Es war kurz nachdem Ray Charles gestorben war. Ich ging die Hauptstraße entlang und man hörte Ray aus jedem Lautsprecher. Ich ging einen Block weit und hörte immer noch Ray Charles. Diesen ganzen Boulevard hinab erklang seine Musik aus den öffentlichen Lautsprechern! Ich dachte bei mir, oh wow, der Mann kommt doch von dort drüben: Aus dem Süden, genau wie ich! Klar, jeder kennt Ray – vielleicht nicht wirklich jeder, doch eine Ikone ist er auf jeden Fall. Aber nicht einmal in seiner Heimat wurde er derart gefeiert!

Charles Lloyd (F: Paul Wellmann)

Du weißt nie, wo wirklich deine Familie ist. Das empfand ich in diesem Augenblick ganz stark, und bis heute verwirrt mich diese Erkenntnis. Vielleicht ist das der Grund, warum es mir jetzt gerade einfiel. Als junger Musiker reiste ich viel herum, von Stadt zu Stadt, um zu spielen. Und ein Kreis von Leuten pflegte sich zu versammeln, einfach um die Musik zu hören. Genau wie ich es getan hatte, wenn ein wichtiger Musiker in meine Stadt kam. Wir waren ausgehungert und geradezu gierig danach.

Später muss irgendetwas passiert sein, was eine Verflachung bewirkt hat – vielleicht liegt es einfach in der Natur von Vermarktung und all dem. Es begann schon, als ich jung war; ich erinnere mich genau, dass ich als Teenager nachts aufblieb, um einen bestimmten Radiosender aus New Orleans zu hören. Es gab da einen starken, weitreichenden Sender, der nach Mitternacht Billie Holiday spielte und Charlie Parker, Lester Young, Duke Ellington. All die Musik, die ich liebte. Tagsüber kam nichts davon. Das ist also nicht Neues. Und auch hier wird man nicht Wagners Ringzyklus im Radio hören, oder etwa?

Ich weiß nicht, wie das Schulsystem hier zu Lande funktioniert, aber in den Staaten ist es derzeit so, dass Musik, und die Erziehung zur Liebe zu Musik in den Schulen weitestgehend nicht mehr stattfindet. Es gibt auch keine Instrumente mehr für die Kinder. Aber ich bin ein Träumer, ich träume von einer besseren Welt. Andererseits bin ich nunmal im Bewusstsein groß geworden, dass ich Musik machen müsse. Ich bin bei diesem Thema also befangen. Gäbe es hier etwas wie eine Gedankenpolizei, oder was für eine Institution auch immer, die die Menschen im Dämmerzustand halten will, dann ginge es mir darum, alles aufzuwecken. Mich selbst und alle anderen. Das scheint aber nicht opportun zu sein, man hat es lieber mit Schafherden zu tun, vermute ich. Aber eine solche Art von Welt will ich nicht.

Carina: Was kann man als Musiker tun?

Charles Lloyd: Ich habe, wie gesagt, viel Schmerz gesehen, viel Leid. Zuviel davon. Ich habe schließlich begriffen, dass wir am Vorhandensein von Leid in der Welt nichts ändern können, dass wir aber lernen müssen, uns darüber zu erheben. Wir müssen aus eigener Kraft, aus uns selbst heraus, dahin kommen, dem Bösen abzuschwören.

Hier kommt wieder die Musik ins Spiel. Musik hilft, den Charakter zu entwickeln, zu verändern. Zu fokussieren. Diese Läuterung, wie man das nennen könnte, diese Konzentration auf das Wesentliche, auf die kommt es mir an. So geläutert, neigt der Mensch nicht mehr dazu, willentlich Unheil zu vollbringen. Er fügt anderen nichts zu, was er selbst nicht erleiden möchte. Und tatsächlich, als geläuterter Mensch machst du auch wiederum bessere Musik! Es kommt mehr Glanz hinein. Ein göttlicher Hauch füllt deine Segel. Dieser göttliche Hauch ist allgegenwärtig. Aber die Segel muss jeder selbst setzen.

Charles Lloyd (F: Paul Wellmann)

Carina: Ihr Sound auf dem Saxophon ist unter Hunderten herauszukennen. In einem Interview erklärten Sie einmal, sie seien "noch immer dabei zur Essenz des Klangs vorzudringen…" Sind Sie dieser Essenz inzwischen nahe gekommen?

Charles Lloyd: Man erhält "Fingerzeige", würde ich sagen. Man kommt immer wieder ein Stück dichter heran. Das ist wie ein Emporstreben zum Licht. Wir Musikschaffende sind in der Hinsicht auch Dienende, Gesandte. Um auf die Frage zurückzukommen: Ja, ich arbeite noch immer daran. Und ich habe auch gesagt, wenn ich dieses Ziel erreichen sollte, werde ich das Instrument aus der Hand legen.

Dass man sagt, mein Klang habe einen Wiedererkennungsfaktor, das bedeutet mir viel. – Eigentlich arbeiten wohl alle wahren Künstler an etwas in dieser Richtung. Aber es ist wie eine Reise ohne Ende. Es bedeutet, nie endgültig befriedigt zu sein, immer ein Defizit zu verspüren, immer auf der Suche zu sein. Immer ein Verlangen zu spüren.

Carina: Was für ein Verlangen ist das?

Charles Lloyd: Wie ich dieses Verlangen interpretiere, verhält es sich damit folgendermaßen: Im Zentrum deiner Suche, im Zentrum dieser Sehnsucht, steht Gott. Gewissermaßen als dein bester Freund. Dorthin führt der Weg. Hat man das erst verstanden, dann strebt man nicht mehr so sehr nach weltlicher Zerstreuung. Für mich war das eine wundervolle Erkenntnis, weil ich deshalb mehr in die Musik einbringen kann. Aber nicht jeder ist bereit dafür.

Unser aller Aufgabe ist es, die Augen zu öffnen und uns darüber klar zu werden, warum wir auf dieser Welt sind. Was tun wir hier? Wer sind wir? Das sind die entscheidenden Fragen. Ich fühle mich eigentlich nicht kompetent, darüber zu reden. Man kann zerstören und man kann heilen. Ich weiß, das es die bessere Wahl ist, zu heilen. Und bei diesem Prozess des Heilens gesellen sich einem Helfer zu, freundlich gesinnte Götter.

Carina Prange

CD: Charles Lloyd - "Sangam" (ECM Records ECM 1976)

ECM Records im Internet: www.ecmrecords.com

Fotos: Pressefotos (Paul Wellmann, Dorothy Darr)

© jazzdimensions 2006
erschienen: 28.4.2006
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