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Stefan Gwildis - "Blau kann doch jeder!"

Natürlich gibt es eine Vorgeschichte: Stefan Gwildis, dieser Tage mit seinen Soulklassikern in deutscher Sprache auf ausgedehnter Deutschlandtournee, bekam schon früh eine Gitarre geschenkt. Im Alleingang, im Austausch mit Freunden und Gleichgesinnten, lernte er allerhand schöne Songs spielen – Bob Dylan, die Beatles oder Simon und Garfunkel hießen seine Stars dieser frühen Jahre.

Stefan Gwildis (Foto: Sylivia Trilck)

Von der Knef bis zum Blues, über Jazz zur Klassik fand Gwildis musikalisches Material, das ihn inspirierte – die Rockmusik hingegen, sagt er, sei weniger sein Ding gewesen. Das Songschreiben jedoch blieb stets sein Steckenpferd – neben diversen Jobs zum Geldverdienen. Jetzt, in seinen Vierzigern angekommen, steppt und fetzt Stefan Gwildis durch die Weltgeschichte und singt und spielt den Soul – und sein Temperament, sein oft nahezu kindliches Staunen über die Massen, die zu seinen Konzerten kommen, wirken ansteckend!

Carina Prange sprach mit Stefan Gwildis in Berlin

Carina: Ja, da sind wir gleich beim Thema – Soulmusik hat dich ja, wie Chansons, von jeher fasziniert. Heinz Canibol, der Chef von "105 music", hatte die Idee, dich ein ganzes Album solcher Songs aufnehmen zu lassen. Fandest du die Idee von Anfang an klasse, oder kam es dir zunächst irgendwie abstrus vor?

Stefan: Also, mich musste man da nicht großartig bitten, die Soulmusik ist ja das Sammelbecken für ganz viele verschiedene Stile! Man sagt ja, im Soul träfen sich eigentlich Klassik und Spiritual, Gospel und Blues. Da sind meine wahren Götter, die das alles miteinander verbanden und für immer noch verbinden. Und das in einer sehr rhythmischen und tollen Form.

Bill Withers beispielsweise war einer meiner ganz großen Helden, zumal er mir vom Lebenslauf ähnlich ist. Auch von der Stimme her, da muss ich für mich keine Tonart rauf oder runter ändern. Sondern es passt stimmlich immer ganz genau, wie der Arsch auf 'n Pot.

Stefan Gwildis - "Nur wegen dir"

Carina: Deine Backgroundsängerin Regy Clasen, die ich auch interviewt habe, singt ihre eigenen Songs ebenfalls in deutscher Sprache. Wieso war es für dich selbstverständlich, auf Deutsch zu singen? Und: war die Zeit jetzt einfach reif für deine deutschsprachigen Soulsongs, wo es aktuell so viele deutschsprachig singende Bands gibt?

Stefan: Ich finde, die Zeit ist immer reif für jeden, in der jeweiligen Sprache zu singen, die er von der Mutter beigebracht bekommen hat. Ich habe das gemerkt als wir als junge Straßenband diese englischen Sachen gesungen und gespielt hatten. Das war nur bis zu einem bestimmten Grade machbar und erträglich und interpretierbar. Ich konnte das nicht richtig dosieren – in bestimmten Bereichen wusste ich nicht, wo bin ich da noch zuhause, kann ich mich da noch richtig ausdrücken, finde ich den richtigen Ton ... ich konnt´s nich sagen! Insofern entschied ich mich schon sehr früh, in der eigenen Sprache zu singen: "In der Sprache, die Mutti mir beigebracht hat." Und das ist nunmal Deutsch.


Frag mal Van Morrison, warum er Englisch singt. Ich glaube, das Interview könnte unter Umständen sehr schnell beendet sein!

Abgesehen davon ist es natürlich eine berechtigte Frage, zumal man gegen einen riesen-englischssprachigen Kulturbereich anzukämpfen hat. Man ist ja in vielen Medien der Meinung, dass Kultur nur auf Englisch stattfände. Das finde ich überhaupt nicht! Es hat so viele tolle Sachen gegeben – in deutscher Sprache, in den 20er Jahren, mit Tucholsky, Morgenstern und Kästner und Brecht. Und auch eine sehr, sehr reiche, melodische Streitkultur hat es gegeben. Und ich finde, wir knüpfen da jetzt wieder an. Aber es hat immer große Liebhaber dafür gegeben, auch im Deutschland der Nachkriegszeit. Nur in vielen Medien war es eben einfach "out".

Aber die Sprache, warum in der Sprache, das frag mal einen Ami, warum der Englisch spricht! Der wird dich angucken wie ein U-Boot ...

Stefan Gwildis (Foto: Sylivia Trilck)

Carina: Ja, das wär' mal 'nen Test wert!

Stefan: Frag mal Van Morrison, warum er Englisch singt. Ich glaube, das Interview könnte unter Umständen sehr schnell beendet sein. (lacht) So absurd wie es klingt – und wir lachen drüber –, aber es ist schon erstaunlich, weshalb man so viele Jahre so ignorant mit dieser Sprache umging. Um so mehr darf es einen erfreuen, dass man sich wieder dazu hinwendet, und sagt, ey – da gibt es einen großen Reichtum! Ich zieh den Hut vor denen, die den Mut haben zu sagen, lass uns mehr von dem berichten, was tatsächlich stattfindet, mehr von den Bands, die hier deutschsprachig unterwegs sind.

Auf einer dieser Quotendiskussionen, die erfrischend dazu beitragen, dass mehr Deutschsprachiges gespielt wird, sagte Reinhard Mey neulich so toll: "Es ist doch auch interessant, mitzubekommen, was junge Deutsch-Türken oder Deutsch-Russen sagen, oder junge Irakerinnen, die hier sind." Und was das beispielsweise für Themen seien, die die interessieren...

Hier finde ich, sollte man im Fromm'schen Sinne schon um eine Demokratisierung der Medien anhalten: "Hey, Leute, zeigt wirklich etwas von der Vielfalt, die es gibt. Sprecht nicht nur von der 'größten Vielfalt aus drei Jahrzehnten', sondern bildet das ab, was da ist!"

Stefan Gwildis (Foto: C. Anthonyo)

Carina: "Wunderschönes Grau", dein Grand-Prix-Lied, ist sicher der Song, auf den du zur Zeit am meisten angesprochen wirst. Ich komme selbst ursprünglich aus Lübeck und das Hamburger Schmuddelwetter, der ständig verhangene Himmel ist mir sehr vertraut. Wie kam es, dass du einen Song darüber geschrieben hast? Fühlst du so etwas wie Geborgenheit unter der Glocke des grauen Himmels, oder ist das überzogen?

Stefan: (lacht) Also, das Schönste, was einem passieren kann, ist einfach unter dieser heimischen Glocke zu sein! Ich meine, Berlin geizt heute auch nicht damit, zeigt sich in seinem allerschönsten Grau. Brandenburg hat das ebenfalls drauf; wir kennen das im Norden natürlich ganz besonders: einen verhangenen Himmel.

Wenn man überlegt, was heißt denn überhaupt "verhangen"? Was ist das, was dahinter verborgen wird? Ein großer Anreiz für die Phantasie! Sich vorzustellen, was hinter diesem Vorhang ist, das sich ewig Drehende, sich ewig erneuernde, das Kosmische. Die ewig kosmische Wahrheit, die sich hinter diesem Vorhang auftun mag. Das nicht ständig zu sehen, sondern sich vorzustellen, das finde ich ungeheuer wichtig!

Demzufolge ist es ja auch nur verständlich, dass uns viele Leute, speziell die aus dem Süden, die nur das Blau kennen, uns darum beneiden. Sie kommen in Sonderzügen und Reisebussen her, um sich das Spektakel hier anzusehen: "Azzurro" hat Adriano Celentano gesungen. Und ich fand, es war längst an der Zeit, auch mal eine Hymne über diesen wunderbaren nordischen Himmel zu machen.

Es ist ja im malerischen Bereich schon geschehen, mit in den Bildern Emil Noldes, der sich sehr um die wunderschönen Himmel des Nordens gekümmert hat. Ich wollte einfach mal eine längst überfällige Ode an unser wunderschönes Grau schreiben. Auch mit der Einstellung: "Blau kann jeder, aber bei Grau noch gute Laune zu behalten ist schon eine Lebenseinstellung!"

Carina: Zurück zu den Übertragungen der Soultexte in deutscher Sprache: Wie schaffst du es, singbare, gut formulierte, in sich schlüssige Texte zusammenzustellen? Sicher harte Arbeit einerseits, aber woher stammen die Ideen andererseits?

Stefan: Es gibt da ja mittlerweise mehrere Schallplatten. Das ist nicht allein auf meinem Mist gewachsen, sondern hat auch viel damit zu tun, dass es einen wunderbaren Menschen gibt, der Michy Reincke heißt. Mit dem bin ich schon zusammen zur Schule gegangen und er hat auch eine ganze Menge Texte geschrieben.

Mit all den Sachen, die ich entwickle, ist er mein erstes Gegenüber, dem ich die Dinger vorlege. Dann diskutieren wir ganz heiß, er haut es mir um die Ohren, ich kontere wieder zurück ... Und so artet es meistens aus in wilden Prügeleien um Worte, um Inhalte, um den Ausdruck – wir sind schon Geisteskinder der guten Literaturvorbilder aus den 20er und 30er Jahren, die uns sehr geprägt haben!

Demzufolge gibt es immer eine Messlatte, die mit der Inhaltlichkeit zu tun hat: Was gibt es im Original? Wie können wir da rangehen? Was für Ideen ergeben sich vom Phonetischen her, was gibt es im Original? Und was bedeutet das inhaltlich? Mit welchem Gegenüber hat es zu tun? Wie wird das bearbeitet? Kann das auch in unserem Kulturkreis stattfinden, und welche Wertigkeit oder Wichtigkeit hat das? Das sind die Fragen, die uns interessieren. Und das ist auch unsere Herangehensweise.

Stefan Gwildis (Foto: C. Anthonyo)

Carina: Wie muss also ein Song beschaffen sein, damit er in dein Repertoire gelangt – geht es dabei um die Melodie, das Gefühl, welches bei dir als Hörer ankommt, oder worum?

Stefan: Natürlich sind es erstmal schon jene Songs, die uns selbst am ehesten gefallen, für uns eine große Rolle gespielt haben, starke eigene Bilder im Kopf aufgeworfen haben. Und die eben auch einen starken Eigenbezug haben. Deshalb ist es gar keine Frage, erstmal wird geguckt, wo sind wir am ehesten zuhause. Klar sind das Leute wie Bill Withers oder Marvin Gaye, die all das verbinden – sagen wir mal vom Zwischenmenschlichen, über das gesprochen wird, von Liebesdingen, von Zuständen des Herzens bis zu allgemeinen Seelenzuständen.

Das setzt sich ja nicht mal eben nur aus den kleinen Nuancen oder Mosaiksteinchen zusammen, die mit unseren Herzensangelegenheiten zu tun haben, sondern auch aus dem, was wir sonst noch so wahrnehmen: aus dem sozialen oder politischen Bereich. Gerade im Soul ist es ja so, dass speziell Marvin Gaye ja immer ganz andere Einflüsse da mitschwingen ließ. Zu erwähnen sind da die Momente der Rassentrennung in Amerika und natürlich auch, ein politisches Statement abzugeben.

Carina: Kann man die Aussage mitübersetzen oder – gewissermaßen –, transponieren?

Stefan: Also bezogen auf die Gegenwart geht es auch darum, ein klares Statement abzugeben, was man beispielsweise von den außenpolitischen Machenschaften – speziell der Amerikaner – zu halten hat. Dazu auch echt zu sagen: "Was geht hier ab? – What´s going on?" so nach Marvin Gaye – und wir haben das ja dann den Song "Wem bringt das was?" genannt.

Wichtig ist, das man mal genauer dahinterguckt, dass man dazu was sagt. Ich mein', wenn man sich das heute so anguckt: George W. Bush kommt nach Deutschland, es werden Gullideckel zugeschweißt, es wird eine Stadt evakuiert, damit dieser Mann... Es werden Millionen, Milliarden ausgegeben, wo man sich sagt: "Ey, Leute, lasst den doch im Hochsicherheitstrakt in Ramstein ne Rede halten, vor seinen ausgesuchten Amerikanern, oder den Leuten, die ihm da zujubeln wollen – und gebt das Geld anderen Leuten in die Hände. Gebt es den Kindergärten."

Stefan Gwildis (Foto: Sylivia Trilck)

Carina: Du bist mit deinem musikalischen Erfolg ja sozusagen ein "Spätzünder" – wie kam es, dass dir niemals in den Sinn kam, die Musik in all den Jahren aufzugeben? Was hat dir über die Durststrecken hinweggeholfen? Und wieso hast du deinen Humor nicht verlernt? Drei Fragen in einer.

Stefan: Oh ja, das hat schon ganz viel mit Musik zu tun. Egal, ob es jetzt einen, sagen wir mal, finanziellen Erfolg hätte. Ich fand es immer wichtig, mit Musik was zu tun zu haben. Das ist eines meiner erklärten Ziele: ich wollte immer was mit Musik zu tun haben! Eine Gitarre in die Hand nehmen und das, was mich selber an Schwingungen bewegt über dieses Instrument abzuleiten, ist für mich das Größte, was es überhaupt gibt. Eines der tollsten Ventile – wohl dem, der sowas für sich gefunden hat.

Ich glaube darüberhinaus, dass Erfolg auch nicht an einem Kontostand abzulesen ist, sondern eher daran, ob das, was man sich vorstellt, verstanden wird. Ob die Dinge, die man sich vornimmt mitzuteilen, auch tatsächlich so ankommen bei den Leuten. Diese Art, sagen wir mal, kleinerer oder größerer Erfolge, hab ich ja immer gehabt. Habe auch meine Niederlagen einstecken müssen – aber eine Straßenshow vorzubereiten, die unter Umständen nur vor 30 oder 50 Leuten und die ein schöner Abend wird, das ist auch was.

Das Spiel, was ja jeden Abend von neuem losgeht, mag ich. Und die Chemie, die es gilt abzuklopfen, wenn man vor Leute tritt und die versucht zu unterhalten. Das ist schon etwas ganz, ganz Entscheidendes und das wird immer neu sein. Auf diese Art von Herausforderung und Erfolg bin ich gespannt! Auch mit der Einstellung, Menschen zu unterhalten...

Carina: Wieweit schöpfst du bei deinen Songtexten aus deinem eigenen Erfahrungsschatz?

Stefan: Also, alle haben was direkt oder indirekt mit mir zu tun. Das sind schon meine Geschichten oder die Geschichten, die mich ganz direkt umgeben. Und ich glaube, das ist auch nicht anders möglich. Etwas anderes zu erzählen, in Songs Inhalte zu verbraten, die nichts mit mir zu tun haben, würde nicht bestehen können. Und das würde auch, glaube ich, jeder merken, wenn es von irgendwem geschriebene Texte oder Geschichten wären – das wär nix für´n alten Gwildis!!!

Carina: Kannst du bei dem ganzen Erfolg noch in Ruhe abends in Hamburg um die Häuser ziehen?

Stefan: Um die Häuser bin ich nie viel gezogen. Ich war nie ein Mensch, der sich viel in Kneipen aufgehalten hat, weil mir zu schnell der Blues kam (grinst). Das habe ich dann sehr schnell bleiben lassen. Hab ja auch sehr früh mit Familie zu tun gehabt. Ich bin auch jetzt wieder sehr froh, mit meiner Süßen und unserem Sohn zusammen zu sein. Meine Wurzeln – das, woraus ich Kraft ziehe – ist meine Familie, meine Süße und mein Sohn. Und meine Kinder, die ich in erster Ehe mit großgezogen hab. Das finde ich gut und wichtig, das macht einen großen Reichtum aus.

Stefan Gwildis (Foto: C. Anthonyo)

Carina: Du bist ja jetzt gezwungen, sehr viel durch die Gegend zu reisen. Geht das nicht auf´s Familienleben?

Stefan: Ganz bestimmt! Jetzt gilt es für mich, das einfach gut zu organisieren. Auch die Zeiten, wo ich merke, aha, das ist jetzt so ein Tag, wo ich zu arbeiten habe. Andere Leute müssen auch zur Arbeit gehen, so mach ich eben auch meinen Kram, meine Konzerte und die Gespräche mit Leuten. Aber ich muss mir das besser einteilen, eben auch dem Privaten per Terminkalender einen Platz einräumen.

Das klingt in erster Linie komisch – aber früher hat das ganz automatisch und natürlich funktioniert, dadurch, dass ich weniger, zum Teil ja auch gar nichts zu tun hatte. Wo ich mir dachte: "Boahr, wär doch geil, wenn das irgendwie Gehör finden würde!" Tja, die Gebete wurden erhört. Jetzt habe ich eher mit der Situation zu kämpfen, dass ich sagen möchte: "O.k., aber heute abend fahr ich nach Hause und das Wochenende habe ich frei. Und dann könnt ihr mir alle mal am Arsch lecken!"

Carina Prange

CD: Stefan Gwildis - "Nur wegen dir" (105 music 105 519547 2)

Stefan Gwildis im Internet: www.stefangwildis.de

105 music im Internet: www.105music.com

Fotos: Silvia Trilck, Carlos Anthonyo

Mehr bei Jazzdimensions:
Stefan Gwildis - "Nur wegen dir" - Review (erschienen: 10.2.2005)
Stefan Gwildis - "Neues Spiel" - Review (erschienen: 18.7.2003)
Regy Clasen - "Tiefe Wasser" - Interview (erschienen: 28.4.2004)

© jazzdimensions2005
erschienen: 20.4.2005
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