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Philipp Weiss - "Als Sänger muss man sich auf den Sound legen!"

Mark Murphy sagt über Philipp Weiss, dieser sei ein Sänger, der aus dem Herzen heraus sänge. Nicht grundlos gilt Murphy als der wichtigste Mentor des aus München stammenden Sängers, der nun beginnt, international von sich Reden zu machen. Zum Gesang kam Philipp Weiss über´s Schlagzeug- und Klavierspiel – als Sänger hat er nun seine Mission gefunden: die Menschen mit seiner Stimme zu erreichen, sie direkt anzusprechen.

Philipp Weiss

"You must believe in spring" heißt sein Emarcy-Debut-Album; Steve Kuhn und sein Trio konnte er zur Einspielung gewinnen. Dass ein deutscher Jazzsänger in den Jazzolymp aufsteigt, ist ganz und gar nicht selbstverständlich – Philipp Weiss könnte es schaffen.

Carina Prange sprach in Berlin mit Philipp Weiss

Carina: Al Jarreau und Mark Murphy sind augenscheinlich Vorbilder für dich, was den sogenannten männlichen Jazzgesang betrifft. Siehst du Mark Murphy, der dich ja in die New Yorker Szene eingeführt hat, als eine Art Mentor?

Philipp: Ja, unter dem Begriff Mentor verstehe ich ihn auf jeden Fall! Allein deswegen, weil er Dinge einfach, aus Überzeugung und aus leidenschaftlichen Gründen getan hat. Er sieht, dass ich einer wie er bin, der den Weg als Sänger weitergeht. Und so hat er sich wohl aus sich heraus als Mentor verpflichtet gefühlt. Er ist nicht der einzige Mentor, den ich habe, aber er ist sicherlich in New York mein Mentor!

Carina: Es gibt also auch andere Vorbilder im Jazzbereich?

Philipp: Ja, in diesem Album merkt man natürlich, dass es sich nicht um Al Jarreau handeln kann und auch nicht ihm ähnliche Sänger wie Bobby McFerrin. Sondern es war definitiv ... Tony Bennett! Er hat mich mit dem Duoalbum, welches er mit Bill Evans zusammen gemacht hat, grundlegend inspiriert... Nicht in der Hinsicht, wie ich mein Album gestaltet habe, aber die Idee dieser Kommunikation war es – und deswegen bin ich vermutlich auch, völlig ungeplant, mit Steve Kuhn in Kontakt geraten.

Die Idee war da und dann kam interessanterweise auch relativ schnell die Begegnung: Plötzlich wusste ich, was ich wollte... weil ich eben dieses Album kannte! Ich hatte es witzigerweise schon viele Jahre vorher gehört, aber, wie es immer so ist, da war irgendwas in mir noch nicht da, was zu dem späteren Zeitpunkt auftauchte. Und auf einmal wusste ich: jetzt will ich´s machen.

Die beiden – auch den Bill Evans würde ich mit reinnehmen –, sind eigentlich meine Inspiratoren. Ich habe nicht auf einen vertrauten Klang oder eine gewisse Eingespieltheit Wert gelegt, sondern einen ganz bestimmten Sound gesucht. Und den habe ich im Steve Kuhn Trio – ihm und seinem Trio wohlgemerkt! – gefunden. Aber die Idee stammt letztendlich von Bill Evans. Wenn man Steve Kuhn kennt, kennt man die Verbindung. Das war, würde ich sagen, eine Schicksalsfügung. Ich habe nur zugegriffen! (lacht)

Philipp Weiss

Carina: Du warst, wie gerade erwähnt, begeistert vom Sound des Steve Kuhn Trios. Wieso fiel die Entscheidung gegen deine Mitmusiker in Deutschland zugunsten einer amerikanischen Triobesetzung?

Philipp: Genau deswegen, weil es keine Planung war: es war nicht so, dass ich nach Amerika gegangen wäre, um mit denen aufzunehmen. Ich bin wirklich durch Zufall auf Kuhn gestossen, weil ich mit Mark Murphy auf einem Konzert war, wo er mir Ian Shaw – es sind ja immer zwei Konzerte pro Abend! – zeigen wollte, mit dessen Begleitleuten. Und danach war dann seine alte Freundin Sheela Jordan auf der Bühne. Und eben Steve Kuhn; von dem ich nicht wusste, dass er sie an dem Abend begleiten würde. Er begann solo und spielte dann mit seinem Trio. Das war einfach eine Begegnung! Ich hab es gehört und dachte: Ehrlich gesagt ... ist das der Sound, den ich suche!

Für diese Art von Album – nicht unbedingt für alle Zukunft –, aber für diese Idee von Ballade. Und für diese von Tony Bennet/Bill Evans inspirierten Idee. Weiter suchen? Aber eigentlich war ja Steve Kuhn derjenige, den ich suche... – frag ich ihn doch mal, dachte ich mir. Also, ehrlich, das war eine ganz spontane Entscheidung. (lacht).

Philipp Weiss - "You must believe in spring"

Carina: Dir gefallen Alben nicht so sehr, sagst du, "wo immer nur einer singt." Demnach ist der Sänger dir als Teil eines Bandkontexts wichtig. Siehst du den Sänger als einen Instrumentalisten, dessen Instrument eben die Stimme ist?

Philipp: Ich greife jetzt mal einen von den Aspekten raus. Ich habe ganz klar als Musiker begonnen – ich habe ja Musik gemacht, bevor ich gesungen habe. Der Gesang ist eine Art Resultat daraus. Das ist im Grunde witzig, dass sich so ein Dreieck ergibt: Ich bin erst Schlagzeuger gewesen, dann Pianist. Diese beiden Dinge ergeben rechts und links ... und obendrauf das Dach ist der Sänger. Das bedeutet wiederum, sich von beiden Dingen ein wenig abzulösen.

Als ich mit Singen anfing, war ich sozusagen ein singender Musiker – deswegen war auch Al Jarreau mein Einstieg: Weil er natürlich die beste Brücke darstellte; man konnte direkt als Schlagzeuger einsteigen. Das war "sing it, swing it". Irgendwann habe ich durch das Sänger-Sein gemerkt, du musst dich ein Stück weit von dem rein instrumentalen Denken verabschieden, sonst wirst du dieser Position, vorne zu stehen, nicht gerecht.

Tony Bennett war in diesem Zusammenhang wichtig, weil Bennett sicherlich nicht "der Jazzsänger" ist. Es wird ihm von Jazzsängern ein bisschen vorgehalten, dass er – eigentlich! – nicht wirklich einer ist. Mir gefällt seine Überzeugung, seine Ehrlichkeit und seine Wahrhaftigkeit im Gesang – abgesehen von der Schönheit wie er interpretiert. Die Tiefe, die in seiner Interpretation liegt, die hat mich schon immer beeindruckt.

Er hat mir einen Schwerpunkt gezeigt, den man als Sänger, wenn man Sänger sein möchte, auch erkennen muss. Dass man sich als Sänger nach vorne auf den Sound legen muss! Solange man "im" Sound ist, kann man das nicht tun. Man muss ein Stück weit die Musik für sich lassen, dann sich als Sänger draufsetzen und vertrauen, dass es zusammen funktioniert.

Aber das ist eine andere Position, ganz klar! Ich habe das oft gesehen, dass der Sänger sehr viel mit dem Publikum zu tun hat und die Band eher hinter dem Sänger steht. Das sind so Prozesse, die sich auch zwischendurch wieder ändern. Im Jazz ändert sich das eben durch Improvisation; da ist man dann plötzlich wieder "in" der Band, rückt aber, wenn man wieder Lead singt, eher zum Publikum und entertaint.

Überhaupt ist der Jazz der einzige Bereich, wo es das gibt, diese Dualität: Sozusagen Instrument sein ... und gleichzeitig Leadsänger, was eine große Herausforderung ist. Beides steht immer wieder in Wechselbeziehung. Von daher ist es, wenn ich ehrlich bin, eigentlich beides. Aber auf dem Album ist es nur eins: da habe ich den Scat-Gesang weggelassen.

Philipp Weiss

Carina: Mark Murphy sagt über dich, dass du "from your heart" singst, mit Herz und Gefühl...

Philipp: (wirft ein) Ja, mein Freund Marky ...

Carina: ... Gefühl und Verstand, welche Rolle spielen sie im Zusammenhang mit deinem Gesang? Wenn du einen Standard singst, was passiert dann während des Singens, denkst du dabei überhaupt nach oder geschieht das auf einer unbewussten Ebene?

Philipp: Im Grunde ist das eine Arbeit, die, wenn man Sänger wird, sehr stark vorher passiert. Das ist etwas, das ich früher, lange früher, durch mein Studium aufgenommen, aber nie im Jazz angewandt hatte. Erst als ich Sänger war, kam es dazu – oder, besser gesagt: als ich das Gefühl hatte, in der Sängerposition angekommen zu sein.

Die Vorarbeit hat auch damit zu tun, dass du "währenddessen" nicht denken musst, sondern dich nur noch auf die Inspiration einlässt. Deswegen muss es soviel Vorarbeit geben. Es macht Sinn, dass Leute wie Miles Davis – um nur einen zu nennen! – Songs nach 50 Jahren immer noch gespielt haben. Weil dann tatsächlich eine Art von Verinnerlichung da ist, dass du vom jetzigen Standpunkt her, aus der jetzigen Situation heraus handelst: Du und der Augenblick – dadurch kannst du das ganz neu bringen. Weil du dich nicht an einem Korsett festhältst, sondern dich nur noch im Song bewegst. Aber in diesem Augenblick.

Vermutlich kann man das lediglich "erleben" – das kann man gar nicht mit Worten beschreiben! Es ist auch etwas, das ich durch dieses Album nochmals ganz neu entdeckt habe; durch den Respekt vor der Arbeit. – Ich hatte zwei riesige Vorbilder, die ich gerade nannte. Ich hatte einen sehr großen Ring von Musikern, mit dem ich nicht mal die Chance hatte, zu proben. Ich wusste also, ich muss sattelfest sein – und zwar nach allen Seiten! Ich habe mir diese Standards wie noch nie von allen Seiten ausgeleuchtet. Wenn man von normal "auswendig" spricht, dann war das diesmal wirklich wie das Englische "by heart": Ich wusste sie wirklich vom Herzen her.

Philipp Weiss

Es gibt ja diesen alten Spruch, der heißt: "lerne nicht auswendig, sondern inwendig". Und das hat ein alter deutscher Komponist mal gesagt: dieses inwendige Lernen macht diese inspirierte Ausdrucksform erst möglich. Sonst hängst du immer noch zu sehr am Korsett und versuchst dich zu erinnern. Das habe ich versucht zu schaffen, mich nicht erinnern zu müssen, sondern es eigentlich nur noch rauszulassen. Und das, muss ich zugeben, war eine ziemlich neue Erfahrung!

Carina: Du hast zunächst mit dem Klavierspiel angefangen, über viele Jahre stundenlang geübt. Wieso hast du eine Karriere als Sänger eingeschlagen und nicht als Konzertpianist oder Jazzpianist? Was gab den Ausschlag?

Philipp: Ja, das ist richtig, ich hatte das sicher vor! Also ... der "Beginn meiner musikalischen Karriere" – der Gedanke war sicher überhaupt noch nicht da, und der ist auch jetzt noch ein bisschen fremd. Ich wollte selbstverständlich Schlagzeuger werden, das war das Naheliegenste. Das Leichteste und Einfachste, um dem, was ich in mir gespürt habe, Audruck zu verleihen. Also es kam aus der puren Freude heraus!

Das Klavier war als Herausforderung schon ein Stück weiter, da war schon mehr zu lernen, um ein gewisses Niveau zu erreichen: Damit es einem selbst reichte, dass man sich selber damit zufrieden gegeben hat. Das Interessante war, dass der Gesang für mich die Freiheit des Schlagzeugs – also die ganz direkte Verbindung zu deiner eigenen Idee –, mit den harmonischen Möglichkeiten eines Instruments verbindet. So würde ich es im Nachhinein versuchen, zu erklären. Die "Geschichte" kommt ja immer nach dem Ereignis ...

Philipp Weiss

Carina: Nach diesem Album mit Standards und einer Eigenkomposition, wirst du deine Fühler mehr in Richtung eigener Songs ausstrecken, oder wie sehen deine Pläne aus?

Philipp: Drüber nachgedacht habe ich, ja – ich bin schon sehr streng mit meinen eigenen Sachen, was natürlich klar wird, aus der Haltung, die ich vorher beschrieben habe. Das heißt ... ich werf' jetzt nicht mal gleich schnell was auf den Markt. Aber ein persönliches Verlangen ist es natürlich, meiner eigenen Stimme auch im Schreiben mehr Gehör zu verschaffen. Aber ich forciere das nicht; ich würde nicht sagen, dass es das Hauptziel ist, um jetzt ganz schnell an die eigenen Songs zu kommen. Aber wenn die eigenen Songs da sind, werde ich nicht zögern, sie zu veröffentlichen!

Carina Prange

CD: Philipp Weiss - "You must believe in spring"
(Emarcy/Universal)

Emarcy Records im Internet: www.jazzecho.de

Fotos: Emarcy/Universal

© jazzdimensions2005
erschienen: 15.6.2005
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