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Lars Danielsson - "Bassist mit Cellovergangenheit"

Hat dieser Kontrabassist schon vielen anderen Musikern seinen Sound, seine Kompositionen und seine Ideen geliefert und auch so manches gemeinsames Projekt gestemmt: So wurde es für Lars Danielsson endlich Zeit, vom Image des "Sideman par excellence" wegzukommen, den Befreiungsschlag mit einem eigenen Album zu wagen. Dieses heißt dann – einem Titel von Gabriel Fouré entlehnt – so passend wie programmatisch: "Libera me".

Lars Danielsson

Wenn schon ein eigenes Album, könnte man hier spekulieren, dann wenigstens mit gewaltigem Sound und großer Besetzung: Kernmannschaft für "Libera Me" ist nichts weniger als ein Septett – darunter Nils Petter Molvaer, David Liebman und Cæcilie Norby –, hier und da noch verstärkt um das Danish Radio Concert Orchestra. Danielsson zeichnet gleichermaßen verantwortlich für Komposition, Arrangement, Orchestration und Produktion. Das Ergebnis ist ein fließendes, warmes, getragenes Soundgemälde – passend zu seinem klassisch inspirierten Jazz-Bass-Spiel.

Carina Prange sprach in Berlin mit Lars Danielsson.

Carina: Du hast zunächst klassisches Cello gespielt und bist dann zum Kontrabass, zum elektrischen Bass und elektrischen Cello übergewechselt. Eine ungewöhnliche Kombination. Was veranlasste deinen Wechsel von der klassischen Musik zur Jazzwelt?

Lars: Hier muss ich anmerken, dass ich ursprünglich sogar eher Rockmusik gehört habe: Jimi Hendrix, Cream und Santana standen auf dem Programm. Und zur gleichen Zeit studierte ich klassisches Cello am Konservatorium. Die Musik, die in meinem Studium den Schwerpunkt darstellte, hörte ich mir zuhause eigentlich nie an, sondern spielte sie lediglich.

Dann, ich erinnere mich noch genau, sah ich im Fernsehen ein großartiges Jazzkonzert mit Oscar Peterson. Was bei mir einen starken Eindruck hinterließ: Niels-Henning Ørsted Pedersen, der dänische Bassist, war dabei. Und dies war der Beginn meiner Wandlung; ich begann Bass zu spielen. Nach und nach wurde es mit dem Cello immer weniger. So fing das an …

Lars Danielsson

Carina: Auf deinem neuen Album spielst du neben dem Bass auch Cello, Gitarre, Klavier und Marimba. Betrachtest du dich in erster Linie als Bassisten? Und auf welchem Instrument komponierst du vorwiegend?

Lars: Zur ersten Frage: Für mich ist das eindeutig – ich sehe mich absolut als akustischen Bassisten, das ist mein Hauptinstrument. Aber weil ich als Kind sehr viel Klavier gespielt habe, ist dies folglich auch das Instrument, auf dem ich die Kompositionen schreibe. Ganz selten komponiere ich auf dem Bass.

Carina: Bei deinen vielen Projekten füllst du verschiedenste Rollen aus: als Instrumentalist, Komponist, Dirigent, Produzent, Arrangeur, als "Artist in Residence" …

Lars: Haha, gut – du sagst es! Ich bin sozusagen der Typ, der in enorm unterschiedlichen Kontexten tätig ist – in allen drei Hauptbereichen: als Arrangeur, als Produzent und als Musiker. Dadurch hatte ich Gelegenheit, mit Musikern sehr unterschiedlicher Herkunft und Richtung zu arbeiten, habe beispielsweise mit Trilok Gurtu indische Musik gemacht. In Schweden war es auch mal Popmusik. Und mit großartigen Jazzmusikern habe ich gespielt – wie Dave Liebman beispielsweise, oder mehrmals, als dieser noch lebte, mit Joe Henderson.

Lars Danielsson

Carina: Auf "Libera Me" jedenfalls bist du zur Klassik als Quelle zurückgekehrt und hast sie mit Jazz, Folk und anderen Musikstilen verbunden. Wie groß ist heutzutage der Einfluss der Klassik auf deine Musikwelt? Und, du hast als herausragenden Komponisten einst Bach erwähnt. Gibt es andere klassische Komponisten, die für dich vergleichbare Wichtigkeit besitzen?

Lars: Das ist richtig, ich habe eine Menge klassische Musik gehört. Und ich bin, insbesondere in den letzten Jahren, wenn es um improvisierte Musik geht, sogar verstärkt von der Klassik beeinflusst. Wenn ich beispielsweise ein Jazzstück spiele und improvisiere, so hört man vielleicht meine Beschäftigung mit Bachs Cello-Suiten: Meine Improvisation schuldet diesen sehr viel, sowohl in harmonischer als auch in melodischer Hinsicht. Neben Bach ist – was ja auch aus dem Titel der neuen CD hervorgeht – Gabriel Fauré ein weiterer großartiger Komponist, den ich viel höre. Und von den neuen, moderneren Komponisten schätze ich besonders das Werk von Arvo Pärt, dem litauischen Komponisten.

Carina: Verglichen mit Musik, die in kleineren Besetzungen gespielt wird, tendieren orchestrale Werke dazu, sanfter, möglicherweise auch geschmeidiger zu klingen. Würdest du dieser Beobachtung zustimmen?

Lars: Das hat mit der Zahl der Stimmen zu tun. Wenn ich beispielsweise für ein Streichquartett schreibe, bekommt jedes einzelne Instrumente mehr zu spielen – was nicht unbedingt aggressiver klingen muss; ich brauche einfach pro Stimme mehr Noten. Habe ich hingegen ein großes Orchester, dann kann ich wirklich lange Noten schreiben, ohne dass es dünn klingt – damit auch softere Musik. Aber es hängt zum Teil auch vom Können als Arrangeur ab, was man für welche Situation umsetzen kann.

Lars Danielsson

Carina: Ist die klassische Ausbildung eine gute Grundlage auch für das Spielen anderer Musikstile auf Bass und Cello?

Lars: Für mich war das sehr wichtig, schon allein wegen der Spieltechnik. Ich habe von meinem Cellolehrer sehr viel gelernt, was genauso für den Bass gültig ist. Und tatsächlich verwende ich das damals Gelernte noch heute in meinem Spiel – so elementar ist es! Auch die klassische Art der Melodieführung ist von ähnlicher Bedeutung für mich.

Neben der Klassik stellt die traditionelle schwedische Kirchenmusik einen weiteren Einfluss dar, aber auch nordische Volksweisen. Hieran orientiere ich mich oft, wenn ich schreibe und arrangiere.

Carina: Der Saxophonist Dave Liebman ist einer der Musiker, mit dem du seit vielen Jahren regelmäßig zusammenarbeitest. Was zeichnet eure musikalische Beziehung aus und wann hat sie begonnen?

Lars: Da muss ich erstmal überlegen! Nun, ernsthaft zusammengearbeitet haben Dave und ich das erste Mal 1985, als ich das Album "New Hands" einspielte. Kurz vorher aber hatte ich auch schon mit ihm gearbeitet – bei einer schwedischen Formation, der "Tolvan Big Band".

Aus dem Grund fragte ich Dave ja später auch, ob er bei dem Album mitmachen möchte: Es war eine Besetzung mit Jon Christensen am Schlagzeug und Bobo Stenson am Piano. Wir haben dann gemeinsam die Platte aufgenommen und anschließend in gleicher Konstellation als Band weiter zusammengespielt – obwohl das zu Beginn so nicht geplant war.

Wie dem auch sei, wir haben das fortgesetzt. Gelegentlich – wenn wir in Schweden spielten, trat die Band unter meinem Namen auf. Wenn wir in Deutschland auf Tour waren, lief die Band dagegen unter Daves Namen, einfach weil er dort den größeren Bekanntheitsgrad hat; trotzdem bestand die Gruppe immer aus denselben vier Leuten.

Was übrigens den Drummer Jon Christensen betrifft, der ja auch auf "Libera Me" wieder dabei ist: er ist für mich, meine Art zu improvisieren, außerordentlich wichtig. Er ist sozusagen mein Leib-und-Magen-Schlagzeuger; er setzt mit seinem Spiel immer eine enorme Menge Kreativität frei!

Lars Danielsson - "Libera Me"

Carina: Auf deinem neuen Album gibt es ein Stück, das "Bird Through The Wall" heißt, eine, wie du es nennst, "Regenwald-Meditation" …

Lars: Also, zu Beginn war das gar nicht eigentlich ein "Stück", sondern alles fing mit einer freien Improvisation an, die sich mehr und mehr erst zu einem Song entwickelte. Ich nahm zunächst ein paar Spuren Celesta, Marimba, Percussion und Klavier auf. Und dann war mein Eindruck, das klänge … eben, als ob man sich im Regenwald befände!

Ich bin natürlich nie wirklich dort gewesen, lediglich dieser Gedanke kam mir in den Sinn. Von daher kann ich nicht sagen, ob das wirklich fundiert ist, der Titel spiegelt nur mein damaliges Gefühl – was natürlich nicht bedeutet, dass jeder beim Hören auch so empfinden soll! (lacht)

Lars Danielsson

Carina: Musik, musikalische Inspiration – die persönliche Gefühlswelt und das Privatleben eines Musikers – wie stark sind die Querverbindungen dazwischen?

Lars: Für mich ist das alles sehr eng miteinander verknüpft. Denn das Privatleben ist der Mittelpunkt von dem, was wir fühlen. Und wie du dich fühlst, damit hängt zusammen, wie du in der Lage bist, Musik entstehen zu lassen. Das ist sehr wichtig. – Später, wenn du als ausführender Künstler auf die Bühne gehst, wirst du wahrscheinlich gar nicht darüber nachdenken. Im Hintergrund spielt das hingegen eine große Rolle. Das ist eine interessante Frage, denn Musik lässt einen oft alles um einen herum vergessen. Trotzdem, wenn du nicht inspiriert bist, spielst du anders, deine Aufführung verändert sich.

Ich habe vier Kinder und ich möchte ihnen gerne beibringen, wie man sich mit sich selbst klar kommt, mit sich zufrieden ist. Wenn du da ansetzt, das den Kindern beizubringen, dann kannst du in dieser Hinsicht auch anderen Leuten etwas geben. Denn das ist es, was alle sich wünschen – in der Lage zu sein, so etwas wie Frieden im Herzen zu spüren und sich gut zu fühlen. Das kann man als Musiker vermitteln!

CD: Lars Danielsson - "Libera Me" (ACT-SACD 9800-2)

ACT Music im Internet: www.actmusic.com

Fotos: Rolf Ohlson/ ACT, Jan Söderström / ACT

© jazzdimensions2005
erschienen: 3.2.2005
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