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Joo Kraus - "Erfolg ist Ergebnis, nicht Ziel!"

Fällt der Name Joo Kraus, denken viele spontan an das Pop Duo "Tab Two" oder gar an sein zwischenzeitliches Engagement bei der Fusion-Krautrockband "Kraan". Gedanklich hat Joo Kraus diese prägenden Projekte jedoch längst hinter sich gelassen, musikalisch greift er sogar auf die Zeit davor zurück: auf seine persönlichen Anfänge, sein ureigenes Interesse für den Jazz und was man damit alles noch in Verbindung bringen kann.

Joo Kraus

Sein aktuelles Album "Public Jazz Lounge", eingespielt mit der SWR-Bigband, kommt folgerichtig einer Verjüngungskur für den deutschen Bigband-Jazz gleich: Joo Kraus dehnt dessen Soundspektrum aus in Richtung Pop, Rap und weiter, ohne der Bigbandmusik an sich untreu zu werden. Neben diesem Projekt treibt er aber auch noch in einem anderen musikalischen Crossovergefilde sein Unwesen: "ACF" nennt er dieses – lang ausformuliert: "Advanced Combo Funk".

Carina Prange sprach in Stuttgart mit Joo Kraus

Carina: Mit ACF hast du gemeinsam Funk mit HipHop und Rap gemischt, Jazz und Jungle mit einfließen lassen. Gibt es das Projekt noch, und wie ist da die weitere Planung?

Joo: ACF gibt es durchaus noch! Das Projekt musste jedoch einige Zeit ruhen, da ich vor einem guten Jahr mit der Bigband-Produktion "Public Jazz Lounge" begonnen habe. Das ACF Album ist fast fertig aufgenommen – alles eigene Stücke von Libor Sima, der Altsax und Fagott spielt, und mir; drei Stücke sind bereits fertig gemischt.

Aufgenommen wurde es wie früher – alle sieben Musiker haben zusammen eingespielt, nahezu ohne Overdubs. Das Album wird sich sehr intim und auch ein wenig "rough" anhören. Nach Veröffentlichung der CD werden wir eine kleine Clubtour und Festivals spielen.

Joo Kraus

Carina: Dein neues Album, die "Public Jazz Lounge" ist wiederum eine Einspielung mit Bigband. Inwiefern erweitert der Bigbandsound das Repertoire und was macht er möglich, was in anderen Formationen nicht umsetzbar war? Wie kam diese Zusammenarbeit überhaupt zustande?

Joo: Die Zusammenarbeit kam durch einen Anruf seitens der SWR Bigband zustande; nach einem Konzert mit den "Swinglegenden" - Max Greger, Paul Kuhn, Hugo Strasser - keimte innerhalb der Band der Wunsch auf, etwas "jüngeres" zu machen – die Bigband-Musiker selber sind zum großen Teil auch sehr jung. Nach ein paar Gesprächen mit der Geschäftsführung und dem Management legten der Arrangeur Ralf Schmid und ich los: wir begannen mit den Coverversionen von "Red Clay" und "Scarborough Fair".

Ich merkte sehr schnell, dass mit einer Bigband wie der vom SWR, die ja immerhin schon zwei Grammy-Nominierungen erhalten hatte, eben nicht nur der "klassische" Bigband-Sound möglich ist. Sondern auch die eher weicheren Farben eines solchen Ensembles. Es reizte mich die Verbindung dieses Sounds mit der Ästhetik der 70er Jahre – wie die WahWah Gitarre, das E-Piano in "Strassen von San Francisco", und mit der der 90er, wie bei Björk. Es war ein Glücksfall für mich, meine musikalischen Vorlieben – quasi meine "Vor-Tab-Two"-Roots – auf diesem Album verwirklichen zu können. Großen Respekt muss ich dabei Ralf Schmid zollen, er war sozusagen die Schnittstelle zwischen der Bigband und mir.

Carina: Auf deinem Album finden sich englischsprachige und deutschsprachige Texte- wonach richtet sich die Wahl der Sprache?

Joo: Normalerweise texte ich auf englisch – es ist schön, wenn man die Lyrics nicht nur bei uns versteht; außerdem klingt für mich Deutsch oft sehr hackig. Die Fantastischen Vier gehören zu den wenigen, die gut damit umgehen können. Ich denke, ich versuche mich demnächst aber auch mal an deutschen Texten.

Zu "Gib mir die Nacht" gibt es folgende Geschichte: Ralf Schmid und ich, beide haben wir die Nummer in den 80ern gehört und geliebt - so wie das auch bei vielen Nummern auf diesem Album war. Irgendwann sagte ich dann, so aus Spaß: – Ey Ralf, da machen wir "Gib mir die Nacht" draus! – Genau, meinte Ralf dann, aber ganz im Ernst! Und so war es dann. Ich denke, dieses deutschsprachige Stück ist auch gleichzeitig das poppigste.

Joo Kraus - "Public Jazz Lounge"

Carina: Du trittst gelegentlich auch als Sänger in Erscheinung – in erster Linie ist dein Metier Rap oder Sprechgesang. Wie kam diese Entwicklung zustande, warum singst du nicht im "herkömmlichen" Sinne? Und: Inwieweit wirkt sich das Arbeiten mit der Stimme auf dein Trompetenspiel aus - oder umgekehrt?

Joo: Also "richtig" gesungen habe ich ja noch nie. Mir hat es immer Spaß gemacht, rhythmisch zu sprechen, zur Musik. Und mir kam es auch immer mehr auf die Musik an als auf die Texte – wobei das nicht heisst, dass mir deren Inhalte egal wären: Die meiner eigenen Songs haben richtig Tiefgang; haben auch vor allem mit meiner Biographie ungefähr der letzten 10 Jahre zu tun.

Auf mein Trompetenspiel wirkt sich das, glaube ich, nicht aus – Gut, live muss ich durch den schnellen Wechsel vom Mikrofon zum Instrument oft sehr schnell einatmen: Nicht so toll! Allerdings glaube ich, dass das Trompetenspiel – die Zungenfertigkeit, die man hierbei entwickelt – wiederum meinen Sprechgesang durchaus beeinflusst, auch was die Atmung angeht.

Carina: Immer wieder bist du auch in klassische Projekte involviert. So beispielsweise das 40-jährige Jubiläum der UKM (Ulmer Knaben Musik) oder das Trompetenkonzert von Arutjunjan, wo du als Solist aufgetreten bist. Welchen Stellenwert hat das Spiel klassischer Musik in deinem Schaffen als Trompeter?

Joo: Für klassische Sachen habe ich im Moment fast keine Zeit mehr. Kürzlich immerhin gab ich ein Konzert mit dem Saxophonquartett Saxofourte; wir spielten Kompositionen von Piazolla, Mike Mower, Zappa, Michael Nyman. Mein klassisches Studium kommt mir allerdings doch oft zugute, was das Blattlesen und auch meinen Ton betrifft. So ein Solokonzert, wie Arutjunjan beispielsweise ist für mich eine ganz andere Herausforderung als ein Jazz-Gig, ich bin um einiges nervöser!

Joo Kraus

Carina: Mit Kraan und Tab Two hast du dich auch im Bereich von Fusion, Rock und Pop getummelt. Inwiefern ist Vielseitigkeit eine Voraussetzung für das Überleben im Musikbusiness? Bist du, wie über dich gesagt wird, ein Trompeter, der alles spielen kann?

Joo: Wahrscheinlich bin ich einer, der "ziemlich vieles" spielen kann. Nur - manches eben besser, manches nicht so gut. Ich bin in den Augen der Jazzpuristen sicherlich ein Poptrompeter, für Rock´n´Roller dagegen ein Jazzer. Tatsächlich ist es so, dass mir binäre Grooves mehr liegen als Swing. Aber ob es für das Überleben wichtig ist vielseitig zu sein? Nicht zwingend – manche machen ja bis zum Abwinken wirklich nur ein Ding; ziehen das jahrelang durch, ohne sich groß zu verändern.

Hat dann natürlich den Vorteil, dass die Leute sagen, der "hat seinen Stil gefunden." Wenn man vielseitig ist, besteht die Gefahr, sich zu verzetteln. Sicher - man sollte nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Aber immer nur auf der gleichen zu tanzen, hab ich gemerkt, ist mir zu wenig. Es gibt so viele Dinge zu entdecken und zu tun – musikalisch und im Leben überhaupt. Ich versuche meine Energie über einen gewissen Zeitraum immer auf ein Hauptprojekt zu lenken, um dann aber wieder etwas anderes zu machen. - Abschließend würde ich zu dieser Frage sagen, man sollte nicht erst gucken, was in diesem – reichlich komischen – Musikbusiness Erfolg hat, sondern wohin es einen musikalisch drängt: Der Erfolg ist das Ergebnis, nicht das Ziel.

Carina: Hat das Austesten verschiedener Genres Auswirkungen auf deinen Sound? Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Joo: Auf jeden Fall wirkt sich das Experimentieren auf den Sound aus - sofern man zuhört, was die anderen um einen herum spielen, wie sie phrasieren. Man kann wirklich von jedem etwas lernen. Und wenn es nur ist, dass man "so wie der" echt nicht klingen will, oder nicht soviele Noten spielen will. – Meinen Sound beschreiben ... na ja, der verändert sich im Moment etwas. Ich spiele auf "Public Jazz Lounge" ein bisschen offensiver, denke ich. Ich habe meinen ersten Trompeten-Hero Freddie Hubbard wieder entdeckt, oder auch Tom Browne. Nach wie vor stehe ich weniger auf schrille als auf volle, weiche und auch leise-gesangliche Trompetentöne.

Joo Kraus

Carina: Die Trompete ist ja eines der ältesten Instrumente überhaupt. Hast du dich mal mit Alter Musik oder mit trompetenähnlichen Instrumenten anderer Kulturen beschäftigt und die Handhabung dieser Instrumente probiert?

Joo: Nicht wirklich. Ich spiele ein bisschen Didgeridoo, was gut für die Beweglichkeit der Zunge ist. Früher hab ich viel dieses ‚EVI' von AKAI gespielt, jene "Miditrompete". Aber im Moment beschäftige ich mich gerne mit Trompete und Flügelhorn. Ach ja, und mit einer Slidetrumpet.

Carina: Du bist ja auch als Keyboardspieler in Erscheinung getreten und hattest in jungen Jahren Klavierunterricht. Inwieweit hilft dir das heute beim Komponieren?

Joo: Mir hilft es sehr, zumindest ein wenig Klavier zu spielen. Ich habe es vor einigen Jahren wiederentdeckt. Vor allem harmonisch ist am Klavier soviel ersichtlich. Denn – an der Trompete siehst du in der Beziehung ja eigentlich gar nicht, was du machst! So oder so ist es gut, andere Instrumente zu spielen, um zu wissen, wie du für sie schreiben kannst. Ich spiele deshalb zur Zeit gerade viel Schlagzeug und Bass, da tun einem wenigstens nur die Finger weh!

Carina: Zukunftspläne - was kommt nach der "Public Jazz Lounge"?

Joo: Erstmal spielen wir dieses Jahr live mit der SWR Bigband das "Public Jazz Lounge"-Programm. Dann will ich ja meine ACF-Platte fertigmachen. Im Frühjahr bin ich mit Nana Mouskouri in Europa unterwegs. Vielleicht mache ich danach mal ein Album, bei dem ich alles selber spiele. Also – richtig spiele, ohne programmieren und so. Oder ein Solo-Liveprogramm. Wenn ich dazu komme.

Meist kommen nämlich übers Jahr immer so viele schöne Sachen, die ich nicht absagen kann, auf mich zu, dass sich meine Pläne verschieben. Und außerdem habe ich herausgefunden, dass es schön ist in Urlaub zu gehen. Auch mal nicht Musik zu machen!

Carina Prange

CD: Joo Kraus - "Public Jazz Lounge" (Skip Records - SKP 9040-2)

Joo Kraus in Internet: www.jookraus.de

Skip Records im Internet: www.skiprecords.com

Fotos: Skip Records / Steven Haberland

© jazzdimensions2005
erschienen: 1.6.2005
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