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Johannes Enders - "Heimischer Herd..."

Große Metropolen bereisen, dort möglichst lange verweilen, oder dort gar den Rest seines Lebens zu verbringen, sagt er, sei seine Sache nicht. Saxophonist Johannes Enders macht es genau andersrum: nur kurze Zwischenstops und kleine Tourneen – und das endgültige Ziel stets der heimische Herd, das vertraute Städtchen Weilheim. Doch im Gepäck, heimgerettet von seinen Ausflügen rund um den Globus: die Botanisiertrommel – prall von musikalischer und kultureller Inspiration, ihr Inhalt im Heimstudio und mit Musikerfreunden zerlegt, umgebaut und verwertet.

Johannes Enders

Dies manifestiert sich im inzwischen zweiten Album des "Akustik-Elektronik-Jazz"-Projekts Enders Room, betitelt: "Human Radio". Musik, bei der, trotz allem Technikeinsatz, stets auch der Mensch Enders durchschimmert.

Carina Prange sprach in Berlin mit Johannes Enders

Carina: "Human Radio" ist nach "Monolith" dein zweites Album mit Enders Room. Du verbindest auf deinen Alben Akustisches mit Elektronischem, reale Instrumente und Stimmen mit im Studio virtuell Ertüfteltem – verbindest sozusagen Authentisches mit Künstlichem. Wieso reizt dich gerade das Spannungsfeld dieser Gegensätze?

Johannes: Mich fasziniert immer die Möglichkeit, der Elektronik durch die Akustik eine dritte Dimension zu geben. Ist Musik ausschließlich elektronisch, dann habe ich stets das Gefühl, dass die Kälte Überhand gewinnt. Da wir nunmal in einer Zeit leben, in der Maschinen und Computer omnipräsent sind, finde ich es einfach wünschenswert, der elektronischen Musik durch akustische Sounds diese Kälte zu nehmen.

Es war außerdem der Versuch, sich von Vorbildern zu lösen; den amerikanischen Jazz auch mal so "ein bisserl" hinter sich zu lassen. Und die Elektronik ist einfach eine Strömung, die von Deutschland herrührt – ja auch gerade aus Weilheim kommt. Das genau hat mich fasziniert! Und im Grunde hat sich alles weitere daraus ergeben.

Carina: Du wirst als eine der "großen europäischen Stimmen des Jazz auf dem Tenorsaxophon" bezeichnet. Wie siehst du dich selbst?

Johannes: Mit Superlativen muss man vorsichtig sein, die werden heutzutage immer sehr schnell herangezogen. Gut, ich denke schon, dass ich es geschafft habe, einen eigenen Sound zu kreieren. Das würde mir sogar selbst zugestehen – und das war ja auch, was ich angestrebt hatte! Sehr sogar: Es gab eine Zeit, in der ich ganz aufhörte zu spielen – da war das Gefühl, ich hätte keinen wirklich "eigenen" Sound. So mit 28 konnte ich meinen Sound überhaupt nicht mehr hören, dachte immer, ich klänge wie jemand anders: mal wie Coltrane, dann wie Wayne Shorter. Und das hat mich angeödet.

So habe ich eineinhalb Jahre nicht gespielt. Gar nicht. Um meinen eigenen Audruck zu finden; deswegen macht es mir wieder Spaß, Saxophon zu spielen. Es ist elementar wichtig, sich irgendwann von seinen Vorbildern zu lösen.

Carina: Spielen Preise und die Lorbeeren der Branche für dich eine wichtige Rolle, oder sind Familie, Privatleben und gute Musik wichtiger?

Johannes: Ich ziehe da immer folgenden Vergleich heran: Zum Leben brauche ich das Wasser genau wie die Luft. Hier würde ich meine Familie als das "Wasser" bezeichnen und die Musik als die "Luft". Man kann nicht sagen, das eine sei wichtiger als das andere.

Enders Room - "Human Radio"

Carina: Abgesehen vom Saxophon spielst du auch die Keyboards, vom Fender Rhodes bis zum Synthesizer. Verstehst du dich inzwischen als Könner an den Tasten? Oder setzt du andere Maßstäbe an als beim Saxophon?

Johannes: In dem Bereich bezeichne ich mich mal vorsichtig als ... nicht gerade als "Dilettant", aber ich genieße einfach diese … Reduziertheit! Dadurch, dass ich das technische Können am Klavier tatsächlich nicht habe, eröffnen sich wieder viele Möglichkeiten. Das ist ähnlich wie bei den Rockbands, die dann einfach versuchen, mit weniger zu arbeiten.

Es hat seinen Reiz; betrachte beispielsweise Radiohead oder vergleichbare Bands. Das ist ein Aspekt, der für mich wichtig ist. Ich bin sicher … (lacht) kein guter Pianist: aber, mit der Elektronik zu arbeiten, hat einen ganz neuen Raum eröffnet. Ich habe das Gefühl, dass das erst am Anfang steht. Es macht mir total Spaß, in die Zukunft zu blicken. Weil ich weiß, der Weg ist weit offen!

Enders vor Weilheimer Kulisse

Carina: Du bist ein Protagonist der zeitweise sehr gehypten Weilheimer Szene. Was gefällt dir an Weilheim, verglichen mit New York oder Berlin, die du ja auch gut kennst?

Johannes: Das Gute an Weilheim ist, dass sich dort nie etwas ändert. Die Stadt ist eine konstante Größe, man kann das, was man macht, dran messen. Das ist das Faszinierende. Und für mich ist es gut, weil ich viel unterwegs bin, also auch in den großen Städten. "Human Radio" bedeutet, dass der Mensch so was wie ein Empfänger ist. Wenn ich in Berlin bin oder Paris, dann fange ich Inspirationen auf, komme zurück nach Weilheim und verarbeite die dort.

Ich hab zwar in New York gelebt eine ganze Zeit, aber je älter ich werde, desto sensibler werde ich auf Eindrücke, und für mich ist es total angenehm in Weilheim. Wenn ich nur in dort leben würde, das würde wohl nicht funktionieren – dieses Hin und Her aber total. Eindrücke sammeln, zurückkommen, sortieren und das in die Musik einfließen lassen: Ich hab auch angefangen, mir ein kleines Studio zuzulegen, was ja heute anhand des Computers nicht mehr ganz so teuer ist, und das finde ich sehr inspirierend.

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Johannes: Ich glaube, was ich gelernt habe, ist, sich selbst nicht immer ganz so ernst zu nehmen und einfach zu versuchen, mit anderen was gemeinsam zu machen. Dass das Individuum oft überschätzt wird, das ist vielleicht meine Philosophie. Auch in der Musik. Und vielleicht auch so im Zusammenleben. Je stärker das Ego ist, desto schwieriger wird es, friedlich miteinander zu leben.

Carina Prange

CD: Enders Room - "Human Radio" (Enja/Soulfood NIN-1901)

Johannes Enders im Internet: www.johannes-enders.de

Fotos: Tibor Bozi

© jazzdimensions2005
erschienen: 7.3.2005
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