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Jan Garbarek - "Das Saxophon ist mein Hobby!"

Es war der Sound von John Coltrane, der dem jungen Jan Garbarek als Vorbild diente. Inzwischen, einige Jahrzehnte später, ist der norwegische Saxophonist in dieser Beziehung längst selbst wegweisend für Generationen ihm nachstrebender Instrumentalisten geworden.

Jan Garbarek

Den Klang seines Saxophons kennt man unter allen anderen heraus: Ein kräftiger und dennoch filigraner, ein durchdringender und dennoch poetischer Ton, der, wie mit Pinsel und kräftiger Palette gemalt, inzwischen ein Eigenleben führt. Wohl hört man noch seine Jazzursprünge, doch der Schauplatz ist insgesamt weiter geworden: Gerade im weltmusikalischen Kontext – von Skandinavien über Amerika, Afrika und Asien – brilliert Garbareks Sopransax in müheloser Verbindung mit auch noch dem exotischsten Instrumentarium. Unlängst hat er sein neues Album „In Praise of Dreams“ veröffentlicht.

Carina Prange sprach in Berlin mit Jan Garbarek

Carina: Bereits seit Anfang 2005 bist du wieder mit deiner Tourband unterwegs, die seit vielen Jahren mit Marilyn Mazur (perc), Eberhard Weber (bass) und Rainer Brüninghaus (keys), konstant besetzt ist. Dient die gleichbleibende Bandkonstellation dem Sound, der Bühnenpräsenz und eventuell auch als Vorbedingung für einen gelungenen kollektiven musikalischen Ausdruck?

Jan: Von Bedeutung ist es im Grunde für all die genannten Dinge. Andererseits jedoch ist es auch vollkommen unwichtig: Es hängt einfach davon ab, ob, oder ob nicht, sich eine musikalische Veränderung anbahnt. Ist ein tatsächlicher, qualitativer Richtungswechsel nötig, dann vielleicht brauchst du andere Mitspieler! Solange du aber zufrieden bist und überzeugt, dass bestimmte Musiker deiner Vorstellung förderlich sind, solltest du bei ihnen bleiben. Mir begegnen immer wieder eine Menge Künstler, die sehr kurzlebig agieren: Schwupp, schon sind sie mit neuer Besetzung wieder auf dem Weg zum nächsten Projekt. Trotzdem spielen sie immer die gleiche Musik, betreiben also Veränderung der Veränderung willen. Das macht in meinen Augen wenig Sinn.

Hat man Musiker mit solch vielseitigen Klangspektren, wie jene, die mit mir unterwegs sind, so ist es wunderbar, was man alles umsetzen kann. Von daher sah ich nie eine Notwendigkeit, anderswo nach Leuten zu suchen. – Für das gerade eingespielte Album und Alben davor habe ich andere Besetzungen gewählt. Die sind aber nicht auf die Bühne ausgerichtet, es handelt sich um konzeptionell sehr anders gelagerte Projekte.

Für ein Konzert benötigst du einen bestimmten Grad an Virtuosität und eine Menge Dynamik, eine Menge „Highs“ und „Lows“ sozusagen. Ein Album, dem man eher zuhause zuhört, ganz für sich, kann in dynamischer Hinsicht mehr auf einheitlichem Niveau sein: Nimm beispielsweise „Coltrane Ballads“ oder „Bill Evans live at the Village Vanguard“ – da gibt es schnelle und langsame Stücke. Aber das Temperament der Songs an sich ist gleichmäßig. Man kann sich so etwas gut im Ganzen anhören. – Ebenso gibt es andere Alben, die ich mit meiner Tourband aufgenommen habe, die mehr der Live-Situation entsprechen: zunächst ein langsames, dann ein schnelles Stück, danach ein kräftiges Stück, dann ein softeres. In dieser Hinsicht ist mehr Dynamik vorhanden.

Jan Garbarek

Carina: Du spielst verschiedene Saxophone, vorwiegend aber das Sopran- und das Tenorsax. Bestimmt die Stimmung eines Stückes die Wahl des Instrumentes oder ist es auch andersherum – kommt manchmal also zuerst die Instrumentenwahl und dann das Stück?

Jan: Ein klares „sowohl als auch“ – je nachdem! (lacht) Aber, in erster Linie ist es das akustische Timbre,die Klangfarbe, eines Stückes, die entscheidend ist – und welche weiteren Instrumente noch mit dabei sind. Ich habe beispielsweise ein paar Alben mit dem „Hillard Ensemble“ eingespielt, jener britischen Gesangsgruppe. Das sind drei Tenöre und ein Counter-Tenor. Würde ich dann das Tenor-Sax spielen, wird es in diesem Register einfach zu überladen. Daher verwende ich in dieser Konstellation zu 95% das Soprano – es gibt mir sehr viel Freiheit, höher zu gehen, sozusagen über den Sängern meine Saxophonklänge schweben zu lassen. Das schafft letztendlich mehr Raum!

Eine ganz andere Sache ist es, wenn ich mit dem tunesischen Oudspieler Anour Brahem aufnehme. Die Oud ist tiefer als sonst gestimmt, aber ansonsten das gleiche Instrument: Es erzeugt keinen stehenden Klang, sondern kurze, gezupfte Einzeltöne. Hier finde ich, in diesen Kontext passt das Tenor viel besser. Es gibt dem Ganzen eine gewisse Transparenz. Aber wir müssen beide mehr im selben Register bleiben.

Auf mein neues Album bezogen: die Bratsche hat einen enormen Tonumfang. Meiner Ansicht nach klingt auch in diesem Kontext das Tenor am besten. Manchmal aber geht es einem ja nicht um den Zusammenklang, sondern um den Gegensatz, den Kontrast. Dann wähle ich zur Bratsche das Sopransax. Wie gesagt, das hängt aber alles von der Klangtextur ab, die man erreichen möchte.

Jan Garbarek

Carina: Ohne auf diesem Punkt zu sehr herumreiten zu wollen – könntest du ein paar Worte zu den Instrumenten sagen, die du derzeit spielst?

Jan: Aber gerne! (lacht) Tatsächlich ist es so, dass ich ungefähr 35 Jahre lang die selben Instrumente, die selben Mundstücke, die selben Blätter und so weiter verwendet habe. Und ich habe auch nicht im geringsten darüber nachgedacht! Letztendlich war mir das Saxophon lediglich ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck – wie ein Hammer oder so. Man spielt es und dann ist gut.

Aber vor ein paar Jahren habe ich mir einen Internetanschluss legen lassen. Und eines Abends tippte ich – ich hatte gerade nichts besseres zu tun – die Begriffe „Saxophon“ und „Mundstück“ in die Suchmaschine und klickte auf „Go“. Und plötzlich öffnete sich vor meinen Augen eine ganze Welt, voll mit allen erdenklichen Informationen. Das war höchst interessant und aufschlußreich! Ich habe mich also ins Thema eingelesen … und Mundstücke geordert: ich habe mir sogar gleich nach eigenen Vorlieben und Vorgaben ein paar individuelle Teile anfertigen lassen.

Nach einer Weile stellte ich fest, dass es da jemand gibt, der für mich die besseren Stücke anfertigt; er verstand offensichtlich genau, was ich meinte. Ich bin schließlich in die Staaten geflogen um ihn zu treffen, und wir haben ein paar Sachen ausprobiert. Zur Zeit spiele ich im Wesentlichen von ihm gefertigte Mundstücke – mindestens eines ist komplett von ihm hergestellt worden, das für das Tenorsaxophon. Das Soprano-Mundstück ist von ihm modifiziert worden. Und jetzt verrate ich auch, wie der Typ heißt: sein Name ist Theo Wanne. Er lebt in Philadelphia und ist noch ziemlich jung.

Durch ihn gelang es mir auch, zwei sehr gute, ältere Saxophone zu erstehen. Ich spiele sie inzwischen seit zwei Jahren. Eines ist ein Selmer „Mark 6“ Tenorsax – die Sorte, die wir alle vorwiegend spielen. Mein Exemplar ist ein sehr gutes, wohl etwa aus dem Jahre 1959 oder so. Das Sopransax ist ein altes Buescher „True Tone“ – wir schätzen von 1930; zumindest gab es in dieser Aera ein solches. Theo gibt also für eine ganze Menge Dinge den Anstoß.

Parallel dazu beschäftige ich mich über das Internet gerade intensiv mit Vintage Saxophonen und Mundstücken. Man kann wirklich sagen, dass ich zu einem Sammler von Saxophonen und Zubehör geworden bin. Ich habe mir eine ganze Reihe von Instrumenten zugelegt, auch alte Mundstücke, wie sie meine Vorbilder verwendet haben: Ich möchte einfach ausprobieren, was sie mit Hilfe dieser Mundstücke umsetzen konnten, auf welche Weise es ihrem Spiel mehr Gestalt verliehen hat. Und was ich mit dem jeweiligen Mundstück anfangen kann – das finde ich ziemlich spannend! In den letzten zwei Jahren ist das Saxophon also tatsächlich zu meinem Hobby geworden. (lacht) Vorher war es das nie, das alles war mir total unwichtig.

Jan Garbarek - "In Praise of Dreams“

Carina: Vom Jazz kommend hast du zahlreiche Richtungen ethnischer Musik für dich entdeckt, die du in deine unterschiedlichen Klanglandschaften miteinbeziehst. Inwieweit ist der Jazzhintergrund das Fundament dafür, mit der Essenz anderer musikalischer Philosophien in Kontakt zu kommen?

Jan: Jazz bildet einen wirklich hervorragenden Hintergrund! Zunächst einmal lernst du als Jazzmusiker – in technischer Hinsicht – Musik auf einem sehr hohen Niveau kennen. Dynamik, Rhythmus, Skalen ... mit sowas kennst du dich dann eben aus! Und du machst dich vertraut mit dem Konzept des Improvisierens. Du kannst, über den gewöhnlichen Tellerrand hinaus, mit Leuten spielen, die eine vollkommen andere Herangehensweise an das Musikmachen haben. Und du erfährst eine ganze Menge darüber, wie sie das tun! Außerdem wirst du als improvisierender Musiker immer einen Weg finden, über dein Instrument auf diese unbekannte Spielweise zu antworten.

Meiner Ansicht nach also ist der Jazz-Background in vielerlei Hinsicht entscheidend. Es kommt vor, dass ich mit Musikern zusammen spiele, die, nur als Beispiel, aus Indien kommen. Die sind hochbewandert in ihrer eigenen musikalischen Tradition, manchmal aber etwas unflexibel: Bei einigen von ihnen kommt schnell das Gefühl auf, dass ich, wenn ich mit ihnen spiele, schlichtweg „falsch“ spiele: beispielsweise eine Note, die nach traditioneller indischer Musiklehre dort nicht hingehört.

Das macht es für sie schwer, mit mir Musik zu machen. Für mich hingegen entsteht da kein Problem; ich arbeite ja nicht mit ihnen zusammen, um allein auf technischen Aspekten beruhende Musik zu machen. Mir geht es eher um die emotionale Seite und generelle musikalische Erfahrungen.

Carina: Komponierst du eher mit der Betonung auf die Melodielinien – im Gegensatz zu Rhythmus und Harmonie?

Jan: Das variiert tatsächlich von Stück zu Stück. Bei der einen Gelegenheit klimpere ich vielleicht nur auf dem Klavier rum – spiele ein paar Akkorde, entdecke eine schöne Verbindung zwischen zweien davon – und das kann der Nukleus für ein Stück werden. Oder ich übe gerade auf meinem Saxophon und habe plötzlich einen Geistesblitz … zack! (schnippt mit den Fingern) „Oh, das ist eine nette kleine Phrase – mit der kann ich was anfangen!“

Für mein jüngstes Album „In Praise Of Dreams“ fing alles mit den Rhythmen an. Jedes Stück hatte dort seinen Ausgangspunkt. Zuerst habe ich Gruppen von Tempi mit gleichen Abständen gebildet – so im Bereich zwischen 60 und 120 Schlägen. Darauf basierende Rhythmuspattern lassen sich dann leichter verbinden, überlagern und so fort. Diese Pattern musste ich dann nur noch ausschmücken und auskleiden, um sozusagen aus den „Rohbauten“ wirkliche Räume zu erschaffen.

Es können also ganz unterschiedliche Dinge zugrunde liegen, die als eine Art Katalysator fungieren. Man kann bewusst auf der Basis des Rhythmus arbeiten, eine Akkordgeschichte zugrundelegen oder aber einfach das Timbre des Saxophons oder eine Melodielinie, um ein Stück darauf aufzubauen.

Jan Garbarek

Carina: Gibt es eine Verbindung zwischen dem eben erwähnten ungewöhnlichen Kompositionsansatz deines neuen Albums und der ebensowenig landläufigen Besetzung? Es spielen ja Manu Katché am Schlagzeug und Kim Kashkashian an der Bratsche mit …

Jan: Ungewöhnlich? So habe ich das noch gar nicht betrachtet, wirklich. Manu Katché erwies sich als der geeignete Schlagzeuger, weil auch er vom Ansatz patternorientiert spielt, also passend zu den Kompositionen. Marilyn Mazur, mit der ich sonst spiele hat wiederum andere Qualitäten, sie spielt sehr frei und beweglich, bei ihr fließt alles. Ich wollte aber ein strukturierteres Ergebnis, und Manu hat in dieser Beziehung den Stücken eine neue Dimension hinzugefügt.

Ich hatte nun also diese Klangtexturen, die in gewisser Weise an eine vorbereitete Bühne erinnern: Bereit für den Auftritt der Melodie. Also arbeitete ich in dieser Richtung weiter, und Kim Kashkashian, die ja eigentlich von der Klassik kommt, fügte mit ihrer Bratsche noch eine weitere ausdrucksvolle Dimensions hinzu. Sie ist ja eine hervorragende Musikerin – alles was sie spielt, beginnt zu leben.

Nun blieb nur noch das Saxophon. Daheim habe ich ein brauchbares Mikrophon und ein wenig Harddisk-Recording-Equipment … nun, so habe ich die ganzen Saxophon-Parts darüberimprovisiert. Wenn also etwas an dieser Platte Jazz ist, im Sinne der Improvisation, dann ist es das Saxophon. Anders betrachtet, ist natürlich alles, was ein Komponist macht, auf einer bestimmten Ebene genauso improvisiert.

Was ich damit sagen will – wenn man eine Idee hat, dann ist das eine Improvisation, eine Eingebung, die es einzufangen gilt. Danach ist die Eingebung Geschichte, genauso, wenn du sie auf Band aufzeichnest. Wenn du dir eine CD mit John Coltrane anhörst – sicher, es gab immer einen Moment, wo das improvisiert war – auf der CD ist es fixiert … und wird damit zur Komposition. Das Medium führt sogar dazu, das diese in viel stärkerem Maße fixiert ist, als wenn du sie aufnotieren würdest. Wenn du etwas Aufnotiertes spielst, kannst du es immer ein wenig abwandeln, und zwar ohne wirklich zu betrügen. Eine Aufnahme setzt dagegen einen gnadenloseren Maßstab.

Jan Garbarek

Carina: Zum Abschluß – hast du etwas wie eine Lebensphilosophie, oder würde das hier zu einer komplizierten Erörterung führen?

Josh: Nein, das ist gar nicht so kompliziert – im Grunde sogar ganz einfach: Improvisiere! So würde ich meine Philosophie umreißen. So viel Wissen und Erfahrung sammeln, wie möglich. Anschließend versuchen, das alles wieder zu vergessen. Aber so hat man das Rüstzeug, um im entscheidenden Moment instinktiv richtig zu handeln: Eben improvisieren. Je nachdem, wo das Leben einen hinträgt. Man kommt so an ganz andere Orte, man kommt viel weiter. Das jedenfalls ist die Philosophie, die ich lebe! (lacht)

Carina Prange

CD: Jan Garbarek - „In Praise of Dreams“ (ECM / Universal 981 1068)

ECM im Internet: www.ecmrecords.com

Fotos: Pressefotos (Dank an Universal Records)

© jazzdimensions2005
erschienen: 31.10.2005
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