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Eivind Aarset
- "Ich brauche eine Deadline!"

Noch werden wir nahezu überrollt mit Musik aus den skandinavischen Ländern – speziell Norwegen ist ein starker "Zulieferer", wenn es um kreative, oft auch elektronische oder zeitgenössisch experimentelle Musik geht. Aus dem Umfeld der Bugge Wesseltoft/Nils Petter Molvaer-Liga stammt der Gitarrist Eivind Aarset. Lange Jahre mit letzterem auf Tour gewesen, legt er jetzt nach drei Jahren Pause sein drittes Album unter eigenem Namen vor: "Connected".

Eivind Aarset (Foto: Promo)

Dem zarten Blonden aus dem hohen Norden, wie man ihn gut nennen könnte, geht es nach wie vor um die gekonnte Mischung aus elektronischen Sounds und handfestem Jazz-Fusion. Diesmal allerdings hat er sich zur Verwirklichung seiner Soundvorstellungen eine größere Anzahl von Mitmusikern ins Boot geholt, erlaubte seiner Musik in der Zusammenarbeit mit anderen zu wachsen.

Carina Prange sprach auf Schloss Elmau mit Eivind Aarset

Carina: An deinem neuen Album "Connected" sind viel mehr Musiker beteiligt, als an deinen ersten beiden CDs. Gab es einen Masterplan, etwas wie eine Roadmap, anhand derer du die Leute zusammengesucht hast?

Eivind: Nein, das kam eher zufällig. Für diese Platte ergab sich eine für mich neue, weitergehende Zusammenarbeit, in der Form, dass ich andere ins Schreiben der Stücke und die Produktion einbezogen habe. Nun gut, bei einigen, nicht bei allen Stücken. Bei meinen ersten beiden Platten habe ich ausnahmslos alles unter Kontrolle haben wollen. Ich fand es jetzt sehr anregend, in dieser Hinsicht offener zu agieren. Ich habe dabei auch viel dazugelernt, dadurch, dass ich Leuten erlaubte, meine Musik in andere Richtungen zu lenken. Das will ich auf jeden Fall beibehalten und der kreativen Kraft mit anderen zusammen noch mehr Freiraum geben.

Eivind Aarset

Carina: Warum hat es drei Jahre gedauert mit deinem neuen Album? Eine Phase der Neuorientierung? Oder Perfektionismus?

Eivind: Keine Ahnung (lacht). Weißt du, höchstwahrscheinlich war es … – ich war einfach zu viel auf Tour! Ich kann dabei nicht gut gleichzeitig schreiben. Als ich noch mit Nils-Petter Molvaer spielte, waren wir fast ständig auf Achse. Mir blieben nur die kurzen Phasen daheim, um mich auf neues Material zu konzentrieren. Die ersten Sessions für das Album fanden bereits 2002 statt.

Es hat nur eine Weile gedauert es fertigzustellen. Gut – da gab es auch ein paar technische Probleme. Es hätte vor eineinhalb Jahren fertig sein sollen. War es eigentlich auch, aber immer klemmte es irgendwo. Das blieb so bis kurz vor Schluss. Ich brauche wohl nur ausreichend Druck; das zwingt mich zum effektiven Arbeiten. Ein Schild, auf dem steht: Deadline! So ähnlich jedenfalls.

Eivind Aarset - "Connected"

Carina: Laut "All Music Guide" bist du ein Künstler, der neue Standards für die Fusion-Musik setzt. Dein Einbeziehen von Elektronik und von Soundexperimenten ins Gitarrenspiel wird als revolutionär und als Erneuerung beschrieben. Wie stehst du selbst zu solchen Aussagen?

Eivind: Das ist … (lacht erstmal ausgiebig) … ein bisschen viel der Ehre! Ich sehe mich definitiv eher in einer Tradition. Wenn auch in einer Tradition der Nicht-Traditionalisten, von Leuten, die mit der herkömmlichen Soundvorstellung der E-Gitarre brachen, die andere Klänge wollten als elektrisch verstärkte Saiten.

Da wäre natürlich in erster Linie Jimi Hendrix zu nennen. Für mich gehört auch Terje Rypdal dazu, oder Bill Frisell und David Torn. Mit denen fühle ich mich seelenverwandt. Vielleicht mache ich ja auch etwas, dass sie noch nicht gemacht haben. Aber mich gleich als den großen Innovator hinzustellen finde ich übertrieben.

Carina: Hast du etwas wie ein gedankliche Vorstellung deiner Musik vor Augen, eine Vision, wenn du ein Stück entwirfst? Oder ist es auch harte Arbeit am Reißbrett?

Eivind: Ja nun - ich würde es schon so umschreiben, dass da etwas existiert, das ich versuche einzufangen. Eine Art von mentalem Bild, dem ich folge, das auf der Gefühlsebene liegt, abseits von Akkordfolgen und Melodien. Es ist wichtig, dass so etwas da ist – auch wenn dann natürlich noch eine ganze Menge Technik ins Spiel kommt, bis man den vorgestellten Sound tatsächlich umsetzen kann.

Damit etwas passiert, sitzt man also schon am Reißbrett. Und experimentiert. Man braucht Erfahrung, um zu merken, wann sich etwas anbahnt und wann nicht. Die Bereitschaft, etwas wegzuwerfen, muss da sein – oft fange ich mit einer Sache an, und am Ende kommt was völlig anderes raus. Vielleicht war ja die Vision zu schwach … jedenfalls wollte der Song woanders hin. Und das lass' ich ihn eben dahin gehen.

Eivind Aarset

Carina: Die Freiheit in der Musik, die Möglichkeit der Improvisation, würdest du das für dich, allgemein gesagt, als das zentrale Element bezeichnen?

Eivind: Nein – das wichtigste ist, das etwas die richtige Stimmung vermittelt, viel mehr als ob es nun "improvisiert" ist oder nicht. Wenn ich Musik höre, denke ich ja auch nicht über so etwas nach. Wenn wir live spielen, hat es sich für uns als bester Weg herausgestellt, wenn wir - nennen wir es mal so – ein abgestecktes Ziel haben. Der Weg dahin ist freigestellt. Ich hätte ein Problem festzulegen, dass wir irgendwas immer auf die gleiche Art machen sollten. Das funktioniert nicht. Die Improvisation hat einen großen Anteil, das stimmt, aber es ist nicht der Kern der Dinge. Falls ich zufällig heute etwas spiele, was ich gestern schon so ähnlich gemacht habe, denke ich also nicht gleich: "Das war aber ein Mistkonzert!" So nun auch nicht.

Carina: Der Bandkontext und der Bandsound allgemein – ist dir das wichtiger als Solos zu spielen und im Rampenlicht zu stehen?

Eivind: Ganz klar! Mehr noch, eigentlich interessiert es mich sogar überhaupt nicht, ein Stück zu spielen, nur als Vorwand für ein Solo: Im Off auf der Lauer liegen, nur um … hey, da kommt mein Solo! Nein, im Ernst, ich höre mir durchaus Musik an, die genau so läuft, und habe da auch gar nichts dagegen einzuwenden. Aber "meins" ist das nicht.

Eivind Aarset

Carina: Wie wichtig für deine Musik ist die Zusammenarbeit mit Leuten wie Bugge Wesseltoft oder Ketil Björnstad?

Eivind: Bugge ist für mich aus ganz offensichtlichen Gründen wichtig: Erstens, weil er mich gefragt hat, ob ich meine Sachen denn nicht auf seinem Label veröffentlichen möchte. Hätte er mir das nicht angeboten, ich hätte in der Richtung wohl nie etwas unternommen, fürchte ich. Also, allein deshalb ist er schon sehr wichtig.

Die andere wesentliche Sache, die ich ihm verdanke, beruht auf einer Bemerkung, die er zu mir machte, als ich '96 in seiner Band anfing. Das war zwar nur für ein halbes Jahr oder so, jedenfalls kein ganzes. Nun jedenfalls – er nahm mich beiseite und wies mich etwa folgendermaßen ein: "O.k., ich will hier keine Solos und ich will hier keine Rhythmusgitarren, damit das klar ist!" Äh, wie jetzt … – ich hatte mein Lebtag nichts anderes außer Solos oder Rhythmusgitarre gespielt! Das brachte mich echt ins Schwitzen, zwang mich, mir irgendetwas ausdenken. Und so legte ich mir im Endeffekt ein ganz neues Vokabular auf der Gitarre zu.

Ja und Ketil, mit ihm habe ich in der Tat auf einigen Alben zusammengespielt. Die Arbeit mit ihm ist sehr angenehm; er schreibt wunderschöne Stücke und ist ein großherziger Mensch, der immer ein offenes Ohr hat. Das macht es leicht, in seine Songs auch eigene Sachen einzubringen. Ich arbeite wirklich gern mit ihm.

Carina: In unserem Interview im vorletzten Jahr erklärtest du, dass die Geräte, ohne die du nicht sein möchtest, dein Wah-Wah-Pedal, dein Volumepedal und das Digital-Delay wären. Hat sich durch die Weiterentwicklung der Digitaltechnik, beispielsweise in bezug auf Soundmodelling, etwas in deinen Vorlieben geändert?

Eivind: Nein (lacht), so gehe ich an die Sachen auch nicht ran – es hat sich zwar computermäßig eine Menge getan, aber, was die Gitarre betrifft, ist seit vielen Jahren aus meiner Sicht nichts wesentliches passiert. Also sind die genannten Geräte auch immer noch meine Hauptwerkzeuge, aber ich benutze sie anders und finde auch immer wieder neue Wege, sie einzusetzen.

Carina Prange

CD: Eivind Aarset - "Connected"
(Jazzland / Universal 06024 9866378)

Jazzland Records im Internet: www.jazzlandrec.com

Fotos: Promo (Foto 1), C. Prange, F. Bongers

© jazzdimensions2005
erschienen: 25.8.2005
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