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Dieter Ilg - "Kontrabassist mit Hofladen"

Zu den profiliertesten deutschen Jazzbassisten gehört Dieter Ilg auf jeden Fall. Zum Einen als etablierter, mit allen Jazz-Wassern gewaschener Sideman, dann als Leiter seines eigenen Trios und – dies in letzter Zeit vor allen Dingen – im Duo mit Saxophon-Urgestein Charlie Mariano. Leser der Zeitschrift "Jazzthing" kennen Ilg darüberhinaus durch seine dortige Kolumne "Jazz Cooks", wo der Wahl-Freiburger beweist, dass er sehr wohl über den eigenen Kochtopfrand zu schauen pflegt.

Dieter Ilg

Anlässlich der neuen Doppel-CD „Due“ des Duos Ilg/Mariano, zu der Hermann Mennenga ein paar Fragen an den Bassisten stellte, entwickelte sich im Verlauf ein kleines Interview, welches dank der modernen Zeiten per eMail geführt wurde. Thema war natürlich die Musik, aber auch über Nahrung und Nahrungsmittelaufnahme, sowie über Fußball wurde gesprochen ...

Hermann: Dieter, du sprichst von deinem Label "FullFat" immer als einen "Hofladen". Wie sieht dein Hofladen denn eigentlich aus?

Dieter: Der "Hofladen" ist so klein, dass er es sich nicht leisten kann, in Werbung zu investieren, somit auch keine Artikel über meine Arbeit in "einschlägigen" Jazzmagazinen wie Jazzthing oder Jazzthetik auftauchen. Die Wahrscheinlichkeit im "slow food"-Magazin Beachtung zu finden, scheint reeller zu sein...

Hermann: Besteht dein "Hofladen" denn nur aus dem Vertrieb oder hast du ein eigenes Studio?

Dieter: Mein "Hofladen" besteht nur aus dem Vertrieb der eigenen Produkte, der Jagd auf Konzerte insbesondere und momentan im Duo mit Charlie Mariano, sowie der Zubereitung feiner Hörspeisen mit allem was dazu gehört.

Dieter Ilg

Hermann: Wie kam es zum Duo mit Charlie Mariano?

Dieter: Irgendjemand wollte zwei Duokonzerte mit Eberhard Weber und Charlie Mariano organisieren. Mit Eberhard Weber hat es aus mir nicht bekannten Gründen nicht geklappt, und Charlie rief mich an. Daraufhin spielten wir die besagten Konzerte im Herbst 2000 in Hamburg und Münster, woraufhin wir entschieden, dass wir im Duo weitermachen. Und ich nahm die Organisation etc. in die Hand. Wieder ein Grund länger am Bürotisch gefesselt zu werden...

Eine vernünftige Agentur hat sich noch nicht ergeben, da meine Arbeit nur unzureichend von mir an mich bezahlt werden kann, eine Agentur für das Duo sich also nicht finanzieren lässt, ich selbst ein passabler Booker bin, und vor allem eine große Agentur mit Namen und dementsprechenden Verbindungen nur dann aufhorcht und sich anbietet, wenn eine größere CD-Firma im Hintergrund der Musiker steht, die viel Geld in Werbung und Vermarktung investiert. Der berühmte Teufelskreis... ich werbe nicht, ich bin...

Dieter Ilg & Charlie Mariano "Due" (2005)

Hermann: Wäre es aber dann nicht einfacher, sich auf eine Plattenfirma einzulassen, die einem diese Arbeit (Booking, Promotion etc.) abnimmt?

Dieter: Eine CD-Firma übernimmt natürlich Vertrieb und Werbung, allerdings nicht das Buchen einer Gruppe. Es sei denn es handelt sich zum Beispiel um Siggi Loch, den Eigner von ACT. Der hat hervorragende Kontakte zu entscheidenden Männern und Frauen der Musikbranche und kann seine Künstler dementsprechend beispielsweise auf Festivals platzieren. Das ist einer kleinen CD-Firma mit weniger "Vitamin B" nicht so möglich. Und Siggi Loch, denke ich, fürchtet meine "Eigenständigkeit", oder auch Wehrhaftigkeit, auf deutsch: ich scheine nicht pflegeleicht. Meines Erachtens trügt der Schein gelegentlich...

Aber was ich empfinde, kann ich diesbezüglich nach außen vielleicht noch nicht adäquat genug vermitteln. Nun gut. Nur, was nicht ist, kann ja noch werden... Mein damaliges Volksliedprojekt hätte Siggi nur dann unter Vertrag genommen, wenn ich Bill Frisell und Joey Baron engagiert hätte. An Wolfgang Muthspiel und Steve Argüelles hatte er kein Interesse. Für mich kommt nur eine Firma in Betracht, die viel in Werbung investieren kann. Alles andere führt mich wieder zurück zu meinem "Hofladen", zumindest seit einiger Zeit und im Augenblick.

Dieter Ilg

Hermann: Ein größeres Label bedeutet also fast zwangsläufig, sich verbiegen zu müssen, nicht das Projekt oder die Musiker, die einem selbst bedeutsam erscheinen, einbringen zu können?

Dieter: Bei einem größeren Label zu sein, heißt nicht unbedingt, dass man sich verbiegen muss. Die Wahrscheinlichkeit allerdings ist höher, bezüglich des Repertoires mit dem Produzenten Kompromisse eingehen zu müssen. Das ist sicher auch abhängig vom Stellenwert eines Künstlers beim jeweiligen Produzenten.

Da ich selbst keine Erfahrungen habe, wie es ist, ein Künstler bei einem ökonomisch schwergewichtigeren Label zu sein, kann ich nur aus Beobachtungen und von Erzählungen her Rückschlüsse ziehen. Außerdem ist es immer auch in der Persönlichkeit des Künstlers liegend, wie er auf Forderungen von außen reagiert.

Hermann: Es ist aber ja tatsächlich im Moment so, dass die interessantesten Einspielungen auf kleinen bzw. musikereigenen Labels gemacht werden – die Großen fördern meiner Meinung nach nur noch den Mainstream, also "Popjazz".
Wie denkst du über die momentane Situation, wo allerorten Gesangstalente gefeatured werden, die eigentlich zum großen Teil im Jazz nichts zu suchen haben (siehe Norah Jones und Co.)? Ist es schwerer geworden an gute Gigs zu kommen? Und hat man als deutscher oder europäischer Künstler überhaupt Chancen bei einem Festival zu spielen?

Dieter: Um als deutscher Musiker ins Ausland zu gelangen, braucht man eine internationale Tonträgerfirma um sich bemerkbar zu machen, oder andere Protegeure. Zudem ist auch die Thematik der CD von Bedeutung. Deutsche Volkslieder erinnern doch wohl zu stark an die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und mit Deutschland brachte man bisher, beispielsweise in England, Jazz und Improvisation nicht so sehr in Verbindung.

Ein Jazzfestival in Frankreich, das sich vorwiegend deutschen Jazzmusikern annimmt, käme nicht in Frage, sondern würde unter Umständen Befremden und Empörung verursachen, schlimmstenfalls die Maginot-Linie wieder in Erwägung ziehen lassen... – Umgekehrt sind bei uns Festivals an der Tagesordnung, die tschechischen, französischen oder englischen Themenschwerpunkten gewidmet sind. Einbahnstraße eben!

Dieter Ilg

Hilfreich im Geschäft sind die Medien. Das heißt, falls es einmal in Großbritannien oder Frankreich "hip" sein sollte, Deutscher zu sein, könnte man mit Hilfe der Medien dort durchaus viele deutsche Musiker etablieren... Das sehe ich allerdings in naher Zukunft nicht.

Die Medien generell sind das Ausschlaggebende. Ganz einfach zu sehen an den Titelseiten der deutschsprachigen Jazzmagazine: Schalten die etablierten Label teure Anzeigen, so bekommen sie die Titelseite. Und das große Künstlerinterview. Gemäß der existentiellen Logik des "money makes the world go round” ...

Und wenn man hübsch und verwertbar aussieht wie Till Brönner, dazu clever ist und auch noch prima Trompete bläst, oder wenn, wie u.a. bei der neuesten CD von Rebekka Bakken, der "Sex sells", umso besser. Momentan sind singende, gutaussehende Frauen hervorragend vermarktbar, insbesondere mit romantisch-poppigen Musikfarben. Und die Medien haben sich dazu noch seit Jahren auf die skandinavische Musikszene versteift ... – Oh, interessantes Wortspiel zum Thema "gutaussehende Frauen"!

Demgemäss und ob der sinkenden Subvention im klassischeren, puristischeren Jazzfeld sind die Auftrittsmöglichkeiten geschrumpft. Hinzu kommen die "Musikerschwemme" der in Universitäten, Hochschulen und Seminaren ausgebildeten Musiker, die sich alle den Kuchen teilen müssen, sowie die Vereinfachung und indirekte Subventionierung des Reisens, was es praktikabel macht, Musiker aus aller Herren Länder nach Deutschland einzuladen.

Das ist ja klasse, so viele unterschiedliche Leute hier zu hören ... doch anders herum ist es viel schwieriger! Ich fand es immer bedauerlich, dass es mir bisher nicht gelungen ist, mit eigener Gruppe – z.B. meinem "Volksliedtrio" oder dem Duo mit Charlie Mariano, auf den Berliner Jazztagen, bei Jazzbaltica, dem Pfingstfest in Moers, den Burghauser Jazztagen oder dem deutschen Jazzfestival Frankfurt auftreten zu können, um ein paar Beispiele zu nennen.

Ohne große Tonträgerfirma ist es außerordentlich schwer, ernst genommen bzw. wahrgenommen zu werden. Und "ohne" gibt es selten auch eine große Agentur, die mit ihren guten Verbindungen wiederum dafür sorgt, auf den großen Festivals aufzutreten, oder ins Ausland zu gelangen. Denn: Ohne Werbung keine Öffentlichkeit und ohne Öffentlichkeit nur geringe Möglichkeiten für die Agentur, mit einer noch unbekannten Gruppe Geld zu verdienen. Mechanismen des Alltags.

Dieter Ilg

Hermann: Höre ich da so ein bisschen Frust aus deinen Worten? Ich meine, du hast Recht, der Jazz führt nun mal ein Schattendasein im Kulturbusiness (das merke ich jedes Jahr aufs neue, wenn es um die Verteilung von Sendezeiten bei uns im Radio geht – da muss ich jedes Mal mit harten Bandagen kämpfen...).

Dieter: Sicher gehe ich manchmal in verbittert schmeckende Ausdrucksweisen hinein. Folgenden Satz konnte ich mir oft vor Augen gehalten sehen:
"Wenn eine Gesellschaft den Eindruck vermittelt, dass für das Weiterkommen die eigenen Anstrengungen keine Rolle mehr spielen, sondern nur die Frage, ob man zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle ist, dann wird sich auch Neid nicht mäßigen können, sondern schlägt in Wut um. Dann wachsen natürlich Aggressionen."
Und ich glaube, dass wir das auch beobachten können. Da hilft nur abwarten und Tee trinken, denn der einzige Glaube, der Berge versetzen kann, ist der Glaube an sich selbst...

Hermann: Interessanter Ausspruch, der aufgrund seines Wahrheitsgehaltes ziemlich nachdenklich stimmt ... und sich auf alle Gesellschaftsbereiche mühelos ausdehnen lässt.
Wechseln wir kurz das Thema und kommen zu deiner zweiten großen Leidenschaft: dem Essen. Die Nahrungsaufnahme scheint eine große Rolle in deinem Leben zu spielen. Bist du auch dort "Selbstversorger"?

Dieter: Nahrungsmittelaufnahme, und vor allem die gemeinsame, ist ein essentieller sozialer Faktor für mein Sein. Ich selbst koche sehr gerne – siehe meine feste Kolumne im Jazzthing – und bin Mitglied bei "slow food". Natürlich geht es mir auch um die Abwehr der irrsinnigen Nahrungsmittelherstellung auf Kosten von Mensch, Natur und Umwelt in jeder Hinsicht, um die Regionalisierung der Lebensmittelproduktion, die ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft und mehr. Das ist ein allumfassendes, nahezu endloses Thema.

Charlie Mariano & Dieter Ilg "A La Carte" (2001)

Hermann: Die Frage kam nicht ohne Grund – wenn ich mir das Cover der CD "À la carte" so ansehe, scheint Charlie Mariano deine Leidenschaft für gutes Essen zu teilen. Wenn man über Jahre so intensiv miteinander kommuniziert, erfolgt dort eine Annäherung oder Freundschaft über die Musik hinaus?

Dieter: Wenn man so lange schon zusammen auftritt, auf Reisen ist – und isst – wie Charlie Mariano und ich z.B. im Duo, lernt man sich natürlich immer besser kennen. Wir unterhalten uns bei und über Musik wie bei und über Essen und Trinken. So wissen wir immer mehr, was der eine mag und was er nicht mag.

Hermann: Was ist eigentlich mit deinem Volksliedprojekt: wird es dort eine Fortsetzung geben?

Dieter: Momentan verbringe ich meine meiste Zeit damit, dem Duo zu Aufmerksamkeit und zu Arbeit, also Konzerten, zu verhelfen – ganz prosaisch ausgedrückt. Zu anderen musikalischen Exzessen habe ich nicht mehr genug Zeit und Energie übrig. Das muss warten.

Wie und wann ich die Thematik "Volkslieder" wieder verstärkt angehen werde, steht in den Sternen. Seit Mai 2001 gibt es mein Trio mit Wolfgang Muthspiel und Steve Argüelles nicht mehr. Allerdings gibt es ein „Revival“ meiner ersten Volkslied-Trioformation mit Benoit Delbecq und Steve Argüelles am 10.9. in der Philharmonie in Essen. Das wiederum steht in Verbindung mit der Verleihung des "Jazzpot 2005" an mich. Mal sehen, was da und dann passiert!

Dieter Ilg

Hermann: Wie siehst du in diesem Kontext zwischen Ernüchterung auf der einen und Spielfreude auf der anderen Seite deine eigene Zukunft? In erster Linie sicher als Musiker, aber vielleicht später mal als Restaurantbesitzer in einem ökologisch-biologisch geführten Haus ... vielleicht mit einem Podium für Live-Jazz?

Dieter: Ich sehe mich eher als Präsident des SC Freiburg, fußballinfiziert wie ich nun mal bin! Ich hab mir doch tatsächlich nach meinem einstündigen Fahrradtrip durch den Wald gestern Abend einen feingeschnittenen Wurstsalat aus Kalbslyoner vom lokalen Biometzger zubereitet und dazu "Brägele" (hiesige Bezeichnung für Bratkartoffeln aus dünn gescheibelten, gekochten Kartoffeln – vom Bioland Vertragsbauern! – in Rapsöl gebraten – kbA-Qualität aus regionaler Ölmühle!) und das Confederation-Cup-Spiel Deutschland-Australien angeschaut. So sehe ich meine Zukunft ...

Was Konzerte in meinem Kontrabassbereich angeht, habe ich nicht die leiseste Ahnung, wie lange das noch machbar sein wird. Ein eigenes Restaurant wäre Träumerei. Auf jeden Fall definitiv keine Livemusik-Bühne. Wenn ich selbst keine Musik mache, bevorzuge ich die Ruhe!!! Es sei denn eine klappernde Mühle am rauschenden Bach ...

Hermann Mennenga

CD: Dieter Ilg/Charlie Mariano - "Due" (fullfat 2005)

Dieter Ilg im Internet: www.dieterilg.de

FullFat im Internet: www.fullfat.de

Fotos: www.dieterilg.de

Mehr bei Jazzdimensions:
Dieter Ilg & Charlie Mariano - "Eisenhans" - Review (erschienen: 30.4.2003)
Charlie Mariano & Dieter Ilg - "A La Carte" - Review (erschienen: 12.2.2002)

© jazzdimensions2005
erschienen: 23.7.2005
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