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Rigmor Gustafsson -
"Ich singe im Grunde Gitarrenlinien"

[English version]

So wie die Nordischen Länder verstärkt in den letzten Jahren mit guten und experimentierfreudigen Instrumentalisten aufwarten, so kommen von hier auch immer wieder herausragende Sängerinnen. Der neue aufsteigende Stern am schwedischen Firmament heißt Rigmor Gustafsson, und hatte in der Festivalsaison Sommer 2002 vielgelobte Auftritte, unter anderem auf dem JazzBaltica Festival und auf dem Jazzfest Berlin - letzteres unter der künstlerischen Leitung von Nils Landgren. Im September letzten Jahres erschien ihr neues Album "I will wait for you".

Rigmor Gustafsson

Stand früher für Rigmor Gustafsson in erster Linie der Gruppensound im Vordergrund, so liegt jetzt das Gewicht auf ihrer klaren, präsenten Stimme und dem passenden, darum gewobenen Klangteppich. Als Produzent, Mitmusiker und -sänger zeichnet der Posaunist Nils Landgren für das neue Album verantwortlich, auf dem Rigmors ausdrucksstarker Gesang brillieren kann.

Wann kam die Idee auf, mit Nils Landgren zusammenzuarbeiten und was ist das Besondere an dieser Verbindung?

Rigmor: Ich habe mit meiner Band auf dem Jazzfest Berlin gespielt, das ja Nils organisiert hat. Wir kennen uns natürlich auch aus Schweden, aber das Jazzfest war der Moment, an dem wir eine engere Verbindung geknüpft haben - damals fand auch die Kontaktaufnahme zu Sigi Loch statt. Nils hat mich dann gebeten, auf seinem "Sentimental Journey"-Album zu singen, und damit kam bei Sigi Loch die Idee auf. Ich habe angefragt, ob Nils denn der Produzent sein könne, wenn es ein Album für ACT geben würde. Es kam eigentlich alles ganz von alleine...

Carina: "Rigmor Gustafsson live" war dein letztes Album mit deinem eigenen Quintett. Bisher wurden deine drei eigenen Alben auf Prophone Records herausgebracht. Bist du nun "mit Haut und Haaren" ein ACT-Künstler?

Rigmor: Klar bin ich jetzt ACT-Künstlerin - definitiv! Ich habe einen Vertrag mit ihnen unterschrieben, also bin ich's. Und mal sehen, was die Zukunft bringt. Ich meine, man soll einen Schritt nach dem anderen machen. Jetzt ist erstmal dieses Album angesagt, das im Herbst erscheint - mit dem Titel "I will wait for you". Die Musik ist aufgenommen, alles ist bereit. Wenn das da ist, wird es bestimmt etwas dauern, bis ich wieder eine neue CD einspiele. Mal abwarten. Ich habe noch keinen festen Plan.

Vorher habe ich ja drei Alben mit meinem Quintett eingespielt, eine ganz andere, sehr intensive Musik mit mehr Eigenkompositionen. Vielleicht komme ich später auf sowas zurück - ich kann's noch nicht sagen. Aber genau jetzt finde ich es einfach total herrlich, mit etwas ganz anderem weiterzumachen.

Carina: Wie wichtig ist dir ein Gruppengefühl in deiner Band? Sollte die Band als Backing für den Sänger fungieren, wenn es sich um einen gesangsorientierten Kontext handelt?

Rigmor: Eine sehr interessante Frage, und wirklich drollig, dass du das fragst. Lass mich kurz erklären: Mit meinem Quintett habe ich zuvor immer propagiert, dass ich lediglich eine unter fünf beteiligten Personen bin. Unter fünf gleichberechtigten Individuen. Ich habe es nie so gesehen, dass sie mich "begleiten". Wir haben uns soviel Raum genommen wie wir wollten - jeder von uns. Aber nach einer Weile - nach drei Alben genauer gesagt -, hatte ich das Bedürfnis, als Sängerin einfach mal mehr Raum zu bekommen. Das ging nicht nur mir so - gegen Ende der Quintett-Zeit hatte ich das Gefühl, dass jeder immer mehr und mehr Raum fordert.

Und das machte es mir schwer, als Sängerin, mir meinen Raum zu erkämpfen. Von daher war es der perfekte Moment für mich, diese CD zu machen. Die Band pusht mich einfach total, was ein großartiges Gefühl ist - wirklich sehr schön. Vielleicht habe ich irgendwann wieder Lust, den anderen Raum frei zu machen. Vielleicht möchte auch selber wieder mehr wie ein Instrument mit meiner Stimme agieren, mit dem Rest der Instrumentalisten kommunizieren. Aber momentan bin ich zufrieden mit dem, wie es ist. Eine Band, die mir eine perfekte Plattform bietet, und eine Menge Vocals auf der Platte: Traumhaft!

Rigmor Gustafsson

Carina: Herausragend unter deinen Lehrern war Sheila Jordan - hat sie dir etwas Spezielles für dein eigenes Singen und Unterrichten mit auf den Weg gegeben?

Rigmor: Sie ist eine phantastische Persönlichkeit. Hauptsächlich hat sie mich durch die Art beeinflußt wie sie ist. Sie ist total inspirierend, gleichzeitig sehr fürsorglich - und einfach eine großartige Frau mit einer Menge Erfahrung. Eine Eigenschaft an ihr besonders hervorzuheben fiele mir schwer - es ist ihr ganzes Sein, das anregend ist. Und ich wünsche mir, dem in irgendeiner Form nahe zu kommen - dass sie mich hoffentlich dahingehend beeinflußt hat!

Carina: Du wechselst beim Gesang oft zwischen Text und Lautmalerei. Dann fügst du dich quasi als Instrument in die Gruppe der Mitmusiker ein. Wie wurde das zu einem deiner Hauptschwerpunkte?

Rigmor: Du meinst, wie das entstanden ist? Schwer zu sagen - ich vermute, das liegt schlicht daran, dass ich als Instrumentalistin angefangen habe. Jahrelang war die Gitarre mein Hauptinstrument - ich wollte unbedingt Gitarristin werden. Aber dann merkte ich, dass es Spaß macht, auch genauso zu singen - dass also diese kleinen Linien, wie ich sie auf der Gitarre spiele, auch wirklich singbar sind. Es fühlte sich ganz natürlich an, Gitarrensolos wie Scat-Solos zu singen, ohne Worte und zusammen mit den Bläsern.

Und ich vermute, auf diesem Weg ist das alles entstanden. Ich habe ja Jazz studiert, und Improvisation, und verschiedene Stilistiken auf der Gitarre. Aber ich stellte fest, dass es für mich viel einfacher ist, zu singen. Und Singen bedeutete für mich nie: Ich singe, und eine Band unterstützt mich dabei - und ich singe nur Lyrics...

Rigmor Gustafsson - "I will wait for you"

Carina: Du warst für drei Jahre in den Vereinigten Staaten und hast dort u.a. als Lehrer am "Mannes College of Music" gearbeitet, wo du auch selbst studiert hast. Warum bist du 1996 nach Schweden zurückgekehrt?

Rigmor: Das hatte einen sehr konkreten Hintergrund - ich hatte in New York studiert, anschließend eineinhalb Jahre gearbeitet, ein wenig unterrichtet und versucht, als Freelancer klar zu kommen. Und dann hatte ich Probleme mit meinem Visum. Ich mußte mir ein neues besorgen, nachdem ich erfuhr, das ich für meinen weiteren Aufenthalt eins brauchte. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem ich entschieden hatte, mir irgendwie Geld beschaffen, um das Visum zu bezahlen, erhielt ich einen Anruf von der Royal Academy of Music. Das ist die Hochschule in Stockholm. Sie teilten mir mit, dass eine Stelle im Bereich des Jazzvocalunterrichts vakant sei, und baten um meine Bewerbung.

Ich entgegnete, dass ich eigentlich ja in New York bleiben wollte - gleichzeitig wusste ich aber genau, dass eben das ziemlich schwierig werden würde, wegen dem Visum, an das ich irgendwie herankommen müsste. Und ich wollte ja auch nicht weiter studieren oder etwas in der Richtung. Illegal da bleiben kam für mich auch nicht in Frage, obwohl eine Reihe meiner Freunde und Bekannten so etwas gemacht haben, als ihre Visa ausliefen. In die Lage wollte ich mich aber nicht begeben, denn ich wollte weiter in der Welt umherreisen können... Also habe ich letztendes zugestimmt, dass ich mich bewerben würde. Ich ging heim und stellte meine Unterlagen für den Job zusammen - und bekam ihn tatsächlich!

Gut, dachte ich bei mir, vielleicht ist es ohnehin an der Zeit, wieder nach Hause zu gehen. Immerhin war ich etwa dreieinhalb Jahre in New York gewesen, und dieses gute Jobangebot aus Schweden konnte man als Wink vom Himmel ansehen. Und es war am Ende die richtige Entscheidung; ich bin sehr froh darüber, dass ich es wirklich gewagt habe. Es war so etwas wie ein neuer Anfang, und dann habe ich auch noch die Verträge mit Prophone und schließlich mit ACT bekommen. Wer könnte sich da schon beschweren?

Nils Landgren - Rigmor Gustafsson

Carina: Außer dass du unterrichtest, schreibst und arrangierst du noch für verschiedene Gesangsgruppen, für Jazzensembles und Big-Bands. Deine eigenen Projekte wären natürlich auch noch zu nennen. Wo steckst du deine Energie hin - und was macht dir am meisten Spaß?

Rigmor: Wenn du so fragst, das, was ich wirklich am liebsten mache, ist komponieren. Einfach nur für mich selbst. Genauer gesagt, während ich komponiere, denke ich nicht darüber nach, ob es für eine Big Band oder so sein wird - ich schreibe einfach den Song. Das ist mal so, mal so - aber meistens fängt es damit an, dass eine Ahnung von einer Melodie oder eine harmonische Wendung im Raum steht.

Manchmal ist es auch eine Textzeile. Nach einer Weile wächst es und wird zu einer konkreten Idee. Um die auf eine Grundlage zu stellen, muss ich sie natürlich irgendwie instrumentieren. Normalerweise denke ich dabei nicht daran, mit welcher Gruppe ich es aufführen werde, sondern konzentriere mich auf die Musik.

Carina Prange

Aktuelles Album: Rigmor Gustafsson - "I will wait for you"
(ACT 9518-2)

ACT-Music: www.actmusic.com

Das vollständige Interview erschien im Jazz Podium 9/2003

Photos: ACT Music

© jazzdimensions2004
erschienen: 9.2.2004
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