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Niels-Henning Ørsted Pedersen -
"More space for the bass" *

Für viele ist der Kontrabassist Niels-Henning Ørsted Pedersen der 'Musicians Musician' oder der 'Bassist in der Band von Oscar Peterson'. Ein Bassist wird nur allzu gerne über seine Rolle als Sideman definiert. Doch seit vielen Jahren leitet Ørsted Pedersen Formationen unter seinem eigenen Namen, bevorzugt in erster Linie eine Triobesetzung ohne Klavier: Denn sobald ein Pianist auftaucht, "sei es doch ein Klaviertrio, oder?"

Niels-Henning Ørsted Pedersen

In Berlin zu hören war der Däne Niels-Henning Ørsted Pedersen, Kürzel: NHØP, mit Ulf Wakenius an der Gitarre und Jonas Johansen am Schlagzeug. In diesem Fall eine nordische Besetzung: sehr passend, verbindet doch Ørsted Pedersen gerne mal dänische Volkslieder mit amerikanischem Jazz ...

Carina Prange sprach in Berlin mit Niels-Henning Ørsted Pedersen.

Carina: Du bist oft mit deinem Trio unterwegs. Es war, denke ich, Sonny Rollins, der dich in früheren Jahren mit seinem Bandkonzept eines Trios ohne Klavier inspiriert hat. Worin bestehen die Chancen und Risiken so einer Trio-Formation aus lediglich zwei Saiteninstrumentalisten und einem Drummer, also ohne Pianisten?

Niels-Henning: Nun, Risiken bestehen in meinen Augen eigentlich nicht. Wenn ich auch mit Sonny Rollins in so einer Formation gespielt habe - das muss so 1965 gewesen sein –, so sehe ich dort nicht eigentlich den Grund. Das war eher das Trio, das ich in den 70ern hatte – mit Billy Heart und Philip Catherine. Diese Vorliebe hat damit zu tun, dass zusammen mit der Gitarre einfach mehr Entfaltungsmöglichkeit für das Baßspiel bleibt. – Selbstverständlich gibt es Dinge, die in so einer Besetzung nicht zu verwirklichen sind. Wichtiger aber ist mir, dass sich diejenigen, die dann möglich sind, sehr stark von dem unterscheiden, wie es mit Klavier sein würde. Aber o.k., in der Hauptsache mache ich's, weil es mir mehr Raum für den Baß gibt! (lacht)

Niels-Henning Ørsted Pedersen

Carina: Du hast bist als Sideman auf ungefähr 200 Alben vertreten und hast als Leader weitere 20 Platten aufgenommen. Bei deinen eigenen Projekten scheinen Jazzstandards und nordische Folk-Songs sich ungefähr die Waage zu halten. Wie stark ist deine Verbindung zur Volksmusik, inwieweit haben Dänemark und das "dänische Erbe" einen Einfluß auf deine Musik?

Niels-Henning: Also, wenn du 57 Jahre lang in einem Land gelebt hast, dann hat das natürlich einen Einfluss auf dich! Das war auch bei mir unvermeidlich der Fall. Dazu ist es überhaupt nicht notwendig, dass ich mich ausgesprochen mit den Überlieferungen beschäftige. Im Grunde sehe ich es gewissermaßen als mein kleines Aufbegehren gegen diese allgemeine Gleichmacherei: Je kleiner die Welt, je enger der gemeinsame Markt, je dominanter Supermächte wie die USA zu werden drohen – auch und gerade in kultureller Hinsicht –, desto mehr Wert sollte nach meinem Gefühl auf die Tatsache gelegt werden, dass wir nunmal verschieden sind und unterschiedliches Erbe besitzen. Und, wie ich bereits sagte: zufällig bin ich eben Däne. Aber ich hätte auch anderswo auf die Welt kommen können.

Es gibt Momente, da erscheint einem diese Welt erdrückend – alles gleicht sich tendenziell an, wird identisch; wir essen allesamt Burger, trinken Coca-Cola, schauen CNN. Ich jedenfalls brauche einen Gegenpol, für mich müssen die Dinge ein bisschen komplexer sein. Weil ich einfach nicht glaube, dass das Leben so einfach ist, wie uns da vorgegaukelt wird!

Carina: Seit den 70ern warst du mit Oscar Peterson auf Tourneen unterwegs. Beide seid ihr berühmt dafür, äußerst schnell und ebenso präzise zu spielen. Besteht darin eine euch verbindende musikalische Herangehensweise? Oder, anders gefragt, wie wichtig sind für dich generell Geschwindigkeit und Technik?

Niels-Henning: Das einzige, was in diesem Zusammenhang zählt, ist, dass es hier um Ausdrucksmöglichkeiten geht. Wenn du das Vokabular nicht beherrscht, begrenzt dies, was du zu sagen in der Lage bist. Nicht die Geschwindigkeit oder Technik ist mir wichtig, sondern dass mir ermöglicht ist, mich gut ausdrücken zu können. Du steigst ja auch nicht auf ein Podium und hältst eine Rede, wenn du nicht weißt, wie das geht – wäre doch sinnlos, oder?

Und das gleiche gilt für das Spielen. Dabei aber auch, dass sich unterschiedliche Leute auch unterschiedlich ausdrücken: Es gibt keinen 'besseren', sondern nur verschiedene Wege. Aber, was mich betrifft, so ist schnell zu spielen Teil meiner Natur; ich vermute, ich bin einfach ein bisschen 'speedy'! (lacht)

Niels-Henning Ørsted Pedersen

Carina: Du hast dein erstes Album bereits mit vierzehn Jahren eingespielt und mit unzähligen Größen der Jazzszene gespielt. Wie hat sich die Rolle des Bassisten über die Jahre verändert? Ist der Bassist als Solist, als die Melodie tragender Instrumentalist, heutzutage mehr akzeptiert als früher?

Niels-Henning: Akzeptiert? Nicht notwendigerweise; ich denke, die "Jazzwelt", oder wie auch immer man das nennt, kann sehr konservativ sein. Spiele ich beispielsweise mit einem Pianisten zusammen, so nennen die Leute das ein "Klaviertrio". Es würde ihnen gar nicht in den Sinn kommen, dass es in Wirklichkeit ein Bass-Trio mit einem Pianisten ist! Sie werden das immer so bezeichnen, weil es in der Geschichte des Jazz stets so war. Anfangs hat mich das ziemlich irritiert. Ich war es, der die Initiative ergriff und mit vielen unterschiedlichen Leuten gespielt habe – aber sobald ein Pianist dabei war, war es dann nicht mehr "mein" Trio: Das konnte es ja nicht sein, denn – logischerweise – muss dann der Pianist der Leader sein!

Sei's drum. Schon vor vielen Jahren habe ich aufgegeben, mir darüber Gedanken zu machen. Ich mache einfach das, was ich gerne möchte. Ob du die Melodie spielst, oder die Begleitung, das ist im Grunde vollkommen egal, solange die Musik, für die du verantwortlich zeichnest, etwas ist, das dir am Herzen liegt.

NHØP - "This is all I ask"

Carina: Was für klassisches Material übst du auf dem Bass - beispielsweise Bottesini? Klassische Musik, speziell Kammermusik, was hast du für einen Bezug zu ihr?

Niels-Henning: Verbunden fühle ich mich der Musik im Allgemeinen. Bottesini ist ja speziell für den Bass geschrieben. Insofern deckt das nur einen Aspekt von vielen ab; ich habe sowas nie viel Zeit gewidmet. Als ich siebzehn war ... tja, das liegt jetzt vier Jahrzehnte zurück ... da hatte ich einen Lehrer, der brachte mir Johann Sebastian Bach nahe. Was ich sehr gerne spiele, sind Bachs Cello-Suiten: original im Cello-Register, auf dem Bass also in hoher Lage. Für den Kontrabass ist das eine hervorragende Übung – hieraus werde ich heute übrigens ein kleines Stück auf der Bühne präsentieren.

Und dann natürlich viele andere Sachen: die Violinstudien von Kaiser, oder auch Paganinis 'Moto Perpetuo'. Ich habe eine Menge solcher Sachen geübt; nicht unbedingt mit der Absicht, sie dann tatsächlich live zu spielen. Denk mal darüber nach, wieviele Stunden du manchmal mit Üben verbringst, dann ist es einfach wichtig, dass das, was du spielst, von gewissem musikalischen Belang ist. Wenn du nur dumpf Etüden paukst, verlierst du – oder besser: ich jedenfalls – sofort das Interesse!

Niels-Henning Ørsted Pedersen

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Niels-Henning: Ja, ich habe eine Philosophie – im Grunde genommen sogar viele. Eine davon ist (auch wenn das jetzt klingt, als ob ich Buddhist sei; bin ich aber nicht): "Wherever you are is wherever you are!" – auf Deutsch: Angenommen, ich bin wie jetzt in Berlin, will aber beispielsweise eigentlich in Kopenhagen sein. Natürlich geht das nicht, denn ich kann ja nur an einem Ort sein. Reagiere ich jetzt bereits negativ darüber, hier zu sein, weil ich woanders sein möchte, dann ziehe ich damit insgesamt alles ins Negative. Deswegen lautet mein Wahlspruch: "Wo immer du bist, sei im Hier und Jetzt!"

Das hat natürlich auch eine tiefergehende Bedeutung – in Bezug auf die Leute mit denen du dich umgibst. Wenn ich gerade mit Ulf und Jonas spiele, dann sind es bewusst Ulf und Jonas, mit denen ich spiele. Bei einigen Jazzbands kannst du förmlich die schlechte Stimmung spüren, die da herrscht – schon beim Zuhören: der Gitarrist mag beispielsweise den Drummer nicht und wünscht sich jemand anderes an seine Stelle. Dadurch entstehen nun zwar ziemliche Verstimmungen und eine nahezu unerträgliche Atmosphäre, aber ändern tut es nichts. – Von daher gehe ich an das Leben frei nach dem Motto heran: "Wo immer du gerade bist, mach' das Beste daraus." Und wenn dir etwas nicht gefällt, ändere es sobald es geht, aber in der Zwischenzeit arrangiere dich mit den Dingen, wie sie sind!

Carina Prange

* Der große dänische Bassist ist am 20.4. 2005 plötzlich und unerwartet verstorben. Er hinterlässt eine riesige Lücke in der europäischen Jazz-Szene.

Aktuelle CD: NHØP - "This is all I ask" (Verve/Universal 539 695-2)

Fotos: Universal

© jazzdimensions2004
erschienen: 12.10.2004
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