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Michel Godard - "Den Ton erschaffen wie beim Gesang"

Sein sichtbarstes Markenzeichen sind ungewöhnliche Instrumente an ungewöhnlichen Orten – Michel Godard ist bekannt dafür, wahrlich exotische Locations für CD-Aufnahmen zu entdecken. Wie beispielsweise das Castel del Monte, eine alte mittelalterliche Festung in der sonnendurchglühten italienischen Provinz Apulien: Hier findet er den adäquaten Rahmen für die Klänge des Serpents, eines archaischen Blasinstruments, das Godard sich auserkoren hat, und das in etwa Klang und Tonumfang einer Tuba besitzt.

Michel Godard

Doch der Serpent stellt nur einen folgerichtigen Teilaspekt im Schaffen des vielseitigen Künstlers dar, das sich gleichermaßen der Alten Musik wie ansonsten dem Jazz und der zeitgenössischen freien Improvisation zuneigt. Michel Godards eigentliches Hauptinstrument nämlich ist die Tuba, die er mit ungewöhnlicher Virtuosität zu bedienen weiß, und für deren Spiel sein Name in bestimmten Kreisen fast schon als Synonym gilt.

Carina: Derzeit sind deine aktuellen Projekte das "Castel del Monte" und – zusammen mit Dave Bargeron – "Tuba Tuba". Wie sehen die zugrundeliegenden Konzepte aus?

Michel: Wir geben mit dem Programm durchaus Konzerte. Für die Auftritte versuchen wir aber das besondere Feeling, das vom Kastell, seiner Stimmung und seinen Klangverhältnissen herrührt, zu bewahren. Wir treten deshalb mit diesem Projekt nur in Kirchen oder anderen außergewöhnlichen Orten mit entsprechend guter Akustik auf, um vollkommen unverstärkt spielen zu können.

Carina: Du bist als Sideman auf Tourneen und für Studioaufnahmen bei zahlreichen Projekten beschäftigt. Ein Beispiel ist deine langjährige Mitwirkung in der Band von Rabih Abou-Khalil. Welchen Einfluß üben Rabihs musikalische Konzepte und seine Philosophie auf deine Musik aus?

Michel: Ich habe beim Spielen mit Rabih Abou-Khalil sehr viel gelernt. Es war zunächst eine großer Herausforderung, die Tuba anstelle eines Basses einzusetzen und diese ganzen Baßlinien in ungeraden Metren zu spielen. Und dann auch noch einen Weg zu finden, den Sound der Tuba an den der Oud anzupassen – was ja schließlich keine landläufige Kombination ist! – Was ich am Jazz oder in der Improvisierten Musik so phantastisch finde, ist, dass man so viele Gelegenheiten hat, andere Musiker kennenzulernen. Und dann ist die Musik einfach wichtiger als das Instrument, das du spielst. Und, na klar! – Rabihs Musik hat auch meine Art zu komponieren beeinflußt. Das ist wie das Erlernen einer neuen Sprache; was du dabei erfährst, wirkt sich auf dein Denken aus.

Michel Godard - "Castel del Monte II"

Carina: Nachdem du einige Jahre Trompete gespielt hast, fiel deine Wahl auf die Tuba als Hauptinstrument. Wieso hast du dich für dieses Instrument entschieden?

Michel: Ich habe ja, wie du vielleicht weißt, am Konservatorium von Besançon studiert; zunächst allerdings die Trompete. Eines Tages lernte ich den dortigen Posaunen- und Tubalehrer kennen, was sich im Nachhinein als Glücksfall für mich herausstellte. Er ließ mich nämlich eine Tuba antesten, die er in seinem Klassenraum hatte: Ich mochte das Gefühl beim Spielen dieses Instrumentes sofort so sehr, dass ich die Trompete von da ab links liegen ließ und hart arbeitete, um mein Studium mit der Tuba auf demselben hohen Level wie vorher fortzusetzen.

Carina: Wie schaffst du es, dieses klobige, unhandlich wirkende Instrument so leichtfüßig klingen zu lassen?

Michel: Ich war schon immer daran interessiert, die Tuba als Soloinstrument zu spielen. Und, als jemand, der von der Trompete herkommt, höre ich aufmerksam der menschlichen Stimme zu, orientiere mich am Klang des Gesangs, um an meinem Instrument zu arbeiten. Du musst auf dem Instrument jeden Ton neu erschaffen, wie beim Gesang.

Carina: Du hast vorhin den Klang der Tuba mit dem der menschlichen Stimme verglichen. Ist das Tubaspielen für dich wie singen?

Michel: In der Zeit der Renaissance wurden alle Instrumente mit der Intention gebaut, die menschliche Stimme zu imitieren. Als bester Spieler galt derjenige, der dem besten Sänger am nächsten kam. Ich finde diese Vorstellung einfach bestechend. Und den Serpent zu spielen, bedeutet für mich einen zusätzlichen Weg, mich dieser Denkweise anzunähern.

Michel Godard

Carina: Du hast sozusagen von der Klassik zu improvisierter Musik und zum Jazz übergewechselt. Was ist für dich der Reiz der Improvisation? Wie eng stoßen Interpretation und Improvisation in der klassischen Musik aneinander – insbesondere in der Alten Musik?

Michel: Ich bin in die improvisierte Musik eigentlich deshalb eingetaucht, weil ich das Glück hatte, einige phantastische Musiker aus eben diesem Genre zu treffen. Solche, die nicht lange fragten, was sie mit so einem Instrument wie meinem wohl anfangen könnten, sondern die einfach Lust haben, etwas Neues zu probieren. Und genau das war es, was ich hinwollte: Neue Musik austesten, ohne sich durch eine bestimmte Komposition gängeln zu lassen. – Es ist auch heute noch immer ein tolles Gefühl, auf die Bühne zu kommen, ohne genau zu wissen, was während dem Konzert so passieren wird. – Die Improvisation war auch stets ein wichtiges Element in der Alten Musik. Ich würde sogar sagen, dass ein heutiger Jazzmusiker in dieser Beziehung einem Musiker aus dem 17. Jahrhundert ziemlich nahe steht!

Carina: Die Intonation auf dem Serpent soll sehr schwierig sein. Wie gehst du damit um? Ist ein absolutes Gehör faktisch Voraussetzung für dieses Instrument?

Michel: Beim Spielen des Serpent spielt die Intonation überhaupt die größte Rolle. Ich besitze nicht das absolute Gehör. Und das ist auch gut so, weil du mit dem Serpent die Intonation immer anpassen musst – der Musik entsprechend, die du gerade spielen willst. Wenn du Musik des 16. oder 17. Jahrhunderts, also in nicht-temperierter Stimmung, spielen willst, dann mußt du alles über das absolute Gehör total vergessen. Die hauptsächliche Schwierigkeit beim Umgang mit dem Serpent – aber auch seine wesentliche Qualität – , liegt gerade in seiner Flexibilität der Intonation.

Carina: Tuba und Serpent haben einen vergleichbaren Tonumfang – aber sie sind sicher nicht austauschbar. Verwendest du den Serpent außerhalb des Kontexts der Alten Musik?

Michel: Sie sind in der Tat ziemlich verschieden. Auf dem Serpent Passagen mit Halbtonschritten zu spielen, ist ziemlich schwer. Dafür besitzt er aber einen viel weicheren Klang. Aus diesem Grund klingt er auch in einer Kirche, oder in vergleichbarer Akustik, besser als die Tuba. Ich improvisiere sehr viel auf dem Serpent – das kann man auf den beiden Alben vom "Castel del Monte" gut hören.

Michel Godard

Carina: An der Hochschule gibst du auch Unterricht auf dem Serpent. Wie groß ist das Interesse der Studenten dafür? Was für Leute sind das, die sich für ein Instrument entscheiden, das überwiegend im Bereich der Alten Musik Verwendung findet?

Michel: Meine Studenten am Pariser Konservatorium spielen in erster Linie Tuba und Euphonium. Sie haben aber die Möglichkeit, den Serpent als Wahlfach zu belegen. Inzwischen spielen immer mehr Orchester und Ensembles mit Originalinstrumenten. Der Serpent wurde seit Berlioz und Wagner sogar recht häufig verwendet. Beispielsweise gibt es einen Serpent-Part in "Rienzi". Da sehe ich in Zukunft für diese Studenten eine Menge Gelegenheiten, um als professionelle Musiker zu arbeiten.

Carina: Traditionelle und Alte Musik haben einen stark religiösen Hintergrund. Welche Rolle spielen Glaube und Religion für dich?

Michel: Musik IST eine Religion. In diesem Sinne glaube ich an die Musik, versuche, mir Möglichkeiten zu erschließen, um immer tiefer in ihre Welt vorzudringen.

Carina: Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Genauer gesagt: Du hast eine neue, kürzlich erschienene CD mit "Tuba Tuba" eingespielt. Ist schon ein weiteres, neues Projekt in Sicht?

Michel: "Tuba Tuba II" wird auf Enja Records in Kürze veröffentlicht. Wir haben auch eine Europatournee zu dieser Platte gemacht. – Momentan bin ich gerade damit beschäftigt, für Swiss TV die Aufnahmen zu einem neuen Projekt einzuspielen. Es heißt "Die schwarze Madonna" und ist eine Art Fortsetzung des "Castel del Monte"-Projektes. Dieses Mal ist es ein Werk, das auf dem Codex 121 basiert, dem sogenannten "Kodex von Einsiedln", einer aus dem 10. Jahrhundert überlieferten Handschrift der Stiftsbibliothek des Benediktinerklosters Einsiedln. Das Erscheinen ist für das Jahr 2004 geplant.

Carina Prange

Aktuelle CD: Michel Godard - "Castel del Monte II"
(Enja-Records 9431 2)

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Vollständiges Interview erschien im Magazin Sonic (Ausgabe 1/04)

Fotos: Enja Records

© jazzdimensions2004
erschienen: 06.08.2004
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