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Matthew Shipp - "Innovator und Radikalindividualist"

Wer Matthew Shipp anspricht auf die Einordnung in die sogenannte junge Garde der experimentellen Pianisten, zu denen er selbst, wie auch Brad Mehldau, Jason Moran oder Ethan Iverson (The Bad Plus) gezählt werden, tritt damit bereits in das erste Fettnäpfchen. Wenn auch alle Genannten gleichermaßen die Jazzmusik mit individuellen Ingredienzen bereichern und kreatives Neuland betreten, so beansprucht Shipp doch für sich, selbst seine eigene, autarke Welt zu gestalten.

Matthew Shipp

„Ich erfinde mein eigenes Universum, allein aus meiner persönlichen Vorstellungskraft und Weltsicht heraus – unbeeinflusst durch andere Jazzmusiker,“ lautet seine musikalische Unabhängigkeitserklärung. Shipps nicht nur verbal propagiertes, sondern als einer der kreativen Köpfe der New Yorker Avantgardeszene auch musikalisch bewiesenes, Potential trägt ihm inzwischen ein weiteres Arbeitsfeld ein: Von Peter Gordon (Thirsty Ear-Records) wurde er mit der künstlerischen Leitung einer eigenen CD-Serie betraut.

Die als „Blue Series“ bezeichnete Edition zog Kreise und wird inzwischen in Form der „Blue Series Continuum“ ergänzt und weitergeführt. Mit einer einzigen Konstante – nämlich der persönlichen Mitwirkung von Shipp selbst – wird hier immer auf neue Weise der Jazz mit HipHop und Elektronik verbunden, findet die Free- und Avantgarde-Jazz Community New Yorks gleichzeitig ein Forum und einen Wirkungsraum.

Dieses Interview entstand im Rahmen des Berliner Jazzfestes 2003.

Carina: Auf dem Berliner Jazzfest 2003 trat dein Trio – William Parker am Bass und Guillermo E. Brown an den Drums – gemeinsam mit DJ Spooky auf. Inwiefern unterscheiden sich die Live-Konzerte von der Einspielung des zweiten DJ Spooky-Albums, “Optometry”, auf Thirsty Ear-Records?

Matthew: Von den Aufnahmen zu „Optometry“ unterscheidet sich das Live-Konzept mit DJ Spooky sogar in vielerlei Hinsicht. Für das Album haben wir Spooky einfach allerhand an vorliegendem Materal zur Verfügung gestellt. Er konnte und sollte es so gestalten, wie er es als adäquat betrachtete. Bei der Live-Performance wird der Fluß der Musik wiederum durch das Trio kontrolliert und Spooky befindet sich eher in der Funktion des vierten Bandmitgliedes eines Jazzquartetts.

Matthew Shipp

Carina: Du verbindest Jazz und Elektronische Musik – oder, mit anderen Worten – die “Hardcore Essenz” des Free Jazz mit der “Hardcore Essenz” des HipHop. Worin besteht deiner Meinung nach jeweils diese Essenz?

Matthew: Was genau die „Hardcore Essenz“ von Free Jazz und HipHop ist? Das wäre rein mit Worten sehr schwer zu umreißen. Diese Essenz kommt aber sofort klar zu Tage, wenn du der Musik zuhörst. Ich würde sagen, es hat eine Menge mit dem zu tun, was man im HipHop mit „keeping it real“ bezeichnet; es handelt sich hierbei, anderes gesagt, um ein bestimmtes, erforderliches Maß von Authentizität.


"Das selbsternannte Establishment des Jazz lebt in einer Scheinwelt aus Pseudo-Ideen davon, was Musik sei!"

Carina: Was würdest du sagen, gibt dieser Verschmelzung einen neuen Spirit, Unbefangenheit und eine futuristische Ausrichtung?

Matthew: Wenn jemand es erfolgreich schafft, organische Jazzimprovisation mit gesampelten Beats zu verschmelzen, ist er schon auf dem besten Weg, eine wirklich frische, futuristische Musik zu entwickeln. Und vieles von den frühen Acid Jazz Sachen bestand ja bereits aus Blues Licks, die über einfache Beats gelegt wurden – aber hier geht es darum, eine wirklich neue Musik zu entwickeln!

Sie soll es einem Jazzmusiker erlauben, seine Freiheit aufrechtzuerhalten während er mit den Maschinen kommuniziert. Zusammen mit einer erweiterten Auffassung des Begriffs „Beat“ könnte eine echte Verschmelzung von Mensch und Maschine stattfinden. Da wäre man dann wirklich mal einer interessanten Sache auf der Spur!

Carina: Was haben denn also Freiheit und Musik, die universelle Soundvorstellung und Philosophie gemeinsam?

Matthew: Wenn mit Musik gewissermaßen ein fassbares, neues Universum erschaffen werden soll, ist das Entscheidende die Art, wie man die frei fließende, universelle Energie zu einer Syntax verdichtet und ihr eine eigene Bedeutung gibt. Musik gleicht in höchster Form immer einer Meditation – man meditiert eigentlich darüber, wie man ein Universum aufzubauen hätte. Oder wenigstens eine Sprache, die dieses Universum beschreibt.

Matthew Shipp

Carina: Konservatismus und Jazz-Purimus scheinen das genaue Gegenteil deiner musikalischen Herangehensweise zu sein. Welche Bedeutung haben die Geschichte des Jazz, die Jazz-Community und die Kritiker für dich? Bilden sie eine Notwendigkeit, um gegen das etablierte System der “Jazz-Nomenklatur” zu rebellieren?

Matthew: Das selbsternannte Establishment des Jazz lebt in einer Scheinwelt aus Pseudo-Ideen davon, was Musik sei und wie sie angeblich in der Welt funktioniert. Daraus resultiert eine fiktive, verquere Art die Dinge zu betrachten, die in meinen Augen total unsinnig ist. Für mich existiert es eigentlich nur als Anreiz, dagegen anzukämpfen.

Und was die Jazzgeschichte betrifft, so stimme ich mit Napoleon überein, der sagte: „Die Geschichte ist jene Lüge, auf die man sich geeinigt hat!“


"Wenn du in der Jazzwelt vorhersagbar wirst, bist du am Ende!"

Carina: Du bist bekannt für deinen gleichermaßen „wilden wie nachhaltigen Springquell“ an Ideen. Was inspiriert dich für deine Musik?

Matthew: Oh, mich beeinflussen und inspirieren ungeheuer viele Dinge – da wären: der Mystizismus, abstrakte expressionistische Bilder, selbstverständlich der Jazz selbst... Auch: Transzendentalismus, die Philosophie, und so weiter und so fort!

Carina: Stimmt es, dass dein Schwerpunkt eher Melodie und Rhythmus ist, als Struktur und Harmonie?

Matthew: Zuerst mal betrachte ich den Klang als ein „Ding an sich“ – ein Klang hat, im philosophischen Sinne, „Gestalt“ (im Orig. deutsch, d. Red). Eine Harmonie, eine Melodie, ein Rhythmus folgen auf holistischer, ganzheitlicher Basis aus dem Wesen eines Klangs. Gesteuert wird alles durch das ursprüngliche, darunterliegende fundamentale Konzept des Klanges, den du erschaffen hast.

Carina: Siehst du konstanten Wandel als Voraussetzung an für Kreativität? Du variierst ja regelmäßig deine Bandbesetzungen und die dahinterstehenden Konzepte.

Matthew: Jeder Wandel kann stimulierend wirken, weil der Musiker dadurch Situationen aufbauen kann, die neue Problemstellungen produzieren: Die dann wiederum zu lösen sind! Es ist aber auch möglich, ohne Paradigmawechsel im selben Universum zu bleiben und dennoch zu wachsen.

Zwei Beispiele für Musiker, die solche Wechsel in sehr schnellem Tempo vollzogen haben, sind Miles und Coltrane. Musiker wie Monk und Bird arbeiteten dagegen ihre ganze Karriere über überwiegend in demselben „Basis-Universum“. Also hängt es wohl vom individuellen Temperament des Musikers ab, welcher Grad an Veränderung notwendig ist, um ihn voran zu treiben, in die Zukunft.

Carina: Ist es wichtig, in der Musikwelt in irgendeiner Form unvorhersagbar zu sein – so dass immer ein Rest von Unerklärlichkeit verbleibt, um Neugier zu erwecken?

Matthew: Wenn du in der Jazzwelt vorhersagbar wirst, bist du am Ende! Die einzige Möglichkeit, Stillstand zu vermeiden und weiterzukommen, ist es, sicherzustellen, dass deinen nächsten Schritt niemand vorhersagen kann. Wenn du als Jazzmusiker erst einmal abgestempelt bist, bleibst du das, bis du tot bist.

Matthew Shipp

Carina: Vom Ansatz her erscheint dein Album “Equilibrium” sanfter als die meisten deiner vorhergehenden Veröffentlichungen. Ist das lediglich eine vorübergehende Phase oder hat es etwas mit Reife, Sanftmut oder vielleicht nachlassendem revolutionären Drang zu tun?

Matthew: Ich würde sagen, „Equilibrium“ ist mein Versuch, das musikalische Nirwana zu erlangen. Mit anderen Worten, ich habe viele Jahre gebraucht, um mein Equilibrium, mein Gleichgewicht, zu erreichen – in vielerlei Hinsicht. Aus dieser inneren Harmonie und aus der Natur des Projekts an sich ergibt sich der zugänglichere, versöhnlichere Klang möglicherweise von selbst.

Carina: John Coltrane, dessen Biographie „Chasin‘ The Trane“ du gelesen hast, als du 13 Jahre alt warst, Sun Ra und Cecil Taylor – würdest du sagen, sie haben einen Einfluß auf deine gegenwärtige Musik?

Matthew: Als Antwort meine Devise: Alles an Musik, in jeder Form und Gestalt, tritt ein in die Werkstatt des Bewusstseins. Und alles dient möglicherweise später als Quelle und Grundlage für musikalische Ideen.

Carina Prange

Matthew Shipp im Internet: www.matthewshipp.com

Thirsty Ear Records im Internet: www.thirstyear.com

Fotos: Lorna Lentini

Das Interview erschien in vollständigen Umfang bereits im Jazz Podium

© jazzdimensions2004
erschienen: 13.9.2004
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